Ausgabe 
22.1.1916
 
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Verehrung galt. Noch keinem war sie je so weit entgegengekommen, wie gerade ihm, aber noch immer sprachen nur seine Angen aus, was sie so gern in Worten von ihm zu hören wünschte. Und in drei Tagen lief sein Urlaub ab, er mußte zurück zu seinem Regi- Zn^ent, nach Deutschland.-

Den Tag zuvor war eine Dame, die sich zu weit ins Meer hinausgewagt, beinahe ertrunken, aber von einem Herrn noch im letzten Augenblick gerettet worden. Daran anknüpsend, fragte jetzt Agni mit kindlich herausforderndem Lächeln:

Soll ich das auch einmal machen, damit Sie mich retten können, Herr von Seeken?"

Nein, machen Sie das lieber nicht," erwiderte er.

Warum nicht?"

Weil ich Sie nie in einer Gefahr sehen möchte, die Leben für Leben forbert!"

Warum nicht?" fragte sie noch einmal und blickte mit ihren dunkelblauen, von seidigen Wimpern umschleierten Augen schelmisch zu ihm auf. Da wurde sein dunkelgebräuntes Gesicht um noch einen Schein dunkler. In seinen grauen Augen flammte es auf, und endlich kam, was sie so lange ersehnt.

Weil ich Sie liebe, Agni!" sagte er leise, und sie triumphierte. Ruhig hörte sie zu, als er weitersprach und sie bat, die Seine zu! werden. Ja, das wollte sie von ganzem Herzen gern, aber in jugendlichem Uebermut beschloß sie, ihm den Sieg nicht zu leicht zu machen, auch ein bißchen strafen wollte sie ihn für sein langes Zaudern, und so fragte sie neckend:

Wissen Sie denn, daß Papa geschworen hat, mir keinen Heller Mitgift zu geben, damit ich nur ja nicht einem Mitgiftjäger in die Hände falle?"

Das wußte ich nicht," gestand er errötend,aber das ist auch einerlei, denn ich . ..."

Sie pfeifen auf die Mitgift ja?" unterbrach sie ihn lachend, aber er blieb ernst.

Jedenfalls lege ich keinen Wert darauf, denn zum Glück bin ich in der Lage ..."

Ihrer zukünftigen Frau eine bescheidene Existenz an Ihrer Seite zu bieten, nicht wahr?" unterbrach ihn abermals Agni und lachte, wie über einen guten Witz.

Wie meinen Sie das?" fragte er tonlos, und der Teufel trieb das verwöhnte Kind an, ihn noch ein bißchen mehr zu verletzen'., Agni wollte nachher alles wieder gutmachen.

O, ich meine," erwiderte sie heiter,das wäre nichts für mich, denn ich habe immer entsetzlich kostspielige Wünsche, und Papa sagt, ich dürfte nur einen Mann heiraten, der mindestens ebenso reich sei, als er selbst es ist."

Seeken erhob sich, stand nun in seiner ganzen Größe vor ihr. Sein Gesicht war blaß geworden, und seine Augen blickten so ernst auf sie herab, daß es Agni ganz bange ums Herz wurde.

So reich bin ich allerdings nicht," sagte er kalt, doch mit Wärme fügte er hinzu:Nicht Millionen, aber ein Herz voll treuer und tiefer Liebe biete ich Ihnen, Agni!"

Und wie hoch taxieren Sie das?" fragte sie keck.

Ta schoß das Blut gleich einer Flamme über sein Gesicht, und seine Augen blitzten sie voll zorniger Verachtung an, als er rasch erwiderte:

Jedenfalls hat es keinen Heller Wert für Sie, wie ich sehe! Verzeihen Sie, daß ich es überhaupt erwähnte!"

Eine kurze Verbeuglmg, und ehe Agni van der Braacht sich von ihrer Verblüffung erholt, war er gegangen. Sie sah ihn auch nicht wieder, denn noch am gleichen Tage verließ er, ohne Abschied von ihr zu nehmen, Scheveningen.

*

Es war im Kriegsjahr 1915. Im Speisewagen des von Osten nach Berlin eilenden Zuges war es voll von Offizieren, die von der Front kamen, diun kam der kleine Ulanenleutnant Branden sporen- ttirrend herein und nahm an dem Tischchen Platz, an dem sein Regimentskamerad Rittmeister von Seeken soeben ein saftiges Len- denstück mit Bratkartoffeln verzehrte. Sie waren beide seit Kriegs- beginn zum erster Male ans dem Wege zu kurzem Heimaturlaub. Branden trug das schrvarzweiße Ehrenband im Knopfloch, Seekens .Brust aber schmückte auch das schlichte Efferne Kreuz Erster Klasse.

Tu, Seeken, in meinein Mteil sitzt eine Spionin!" sagte Branden mit wichtiger Miene, denn auf ihn hatte der rote Anschlag im Wagengang, mit der Warnung vor Spionen tiefen Eindruck gemacht.

Ist sie wenigstens hübsch?" fragte Seeken und schenkte sich gleichmütig Bier ein.

Reizend! Darum um so gefährlicher!"

Na, verlieb dich nur nicht, mein lieber Junge!"

I wo! Allerdings, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie eine Spionin ist, dann . .

Also überzeugt hat sie dich schon davon?"

,,Na wie die mich cucsgefragt hat! Erst wollte sie wissen, welchem Ulanen-Regiment ich angehörte, und wo ich überall ge­kämpft hätte, dann interessierte fie sich plötzlich rasend für die Deter Ulanen."

Mein altes Regiment!"

fragte, ob viele Offiziere dieses Regiments schon ge- sallen wären, wo es zurzeit kämpfte, welchem Armeekorps, welck)er AXvftion und Brigade es angehöre. Na nun wurde mir die

Fragerei verdächtig, und ich sagte, daß ich leider nicht in der Lage wäre, ihr darüber Auskunft zu geben."

Und dann?"

Ja, daraufhin bat sie mich ganz naiv, ich sollte nrich doch bei meinen im Zuge anwesenden Kameraden: erkundigen und ihr dann die gewünschte Auskunft geben."

Spricht sie denn Deutsch wie eine Deutsche?"

Nicht ganz, wenn auch fließend, aber ich weiß nicht, welcher Nationalität sie angehören könnte. Jedenfalls ist sie weder Eng­länderin, noch Französin."

Vielleicht Belgierin oder Holländerin?"

Nach 'ner Holländerin sieht sie mir nicht gerade aus. Sie hat jedenfalls ganz wundervolle, dunkelblaue Augen nnt pracht­vollen Wimpern, die von Zeit zu Zeit wie Schleier herabsinken."

Jetzt rief ein älterer Offizier, der eben heremgekommen war- Branden an. und dieser ging zu ihm, ihn zu begrüßen. Kurze Zeit blieb Seeken an seinem Tisch allein, trank langsam seine Tasse Kaffee aus und steckte sich nachdenklich noch eine Ziga­rette an.

Wundervolle dunkelblaue Augen mit prachtvollen Wimpern, die wie Schleier herabsinken! Solche Augen hatte er einmal ge­kannt, und was er darin zu lesen geglaubt, war Mge gewesen. Als herzlose kleine Kokette hatte er sie erkannt, diese süße­kleine Agni van der Braacht, und doch konnte er sie nicht vergessen. Noch immer nicht! ---

Branden kam zurück.

Du, Seeken, komm doch mal mit, sieh dir meine Spionin! an!"

Mechanisch erhob sich Seeken und folgte dem jüngeren Kame­raden zu dem Halbabteil, in dem die Gefährliche sich befand. Branden öffnete die Türe, und hinter ihm stand, ihn überragend, Seeken. Da erfolgte ein zweifacher Ruf der Ueberraschung, und verblüfft wendete Branden sich zu dem Fremden herum:

Wie du kennst sie?"

Aber Seeken antwortete nicht, denn schon stand die junge Dame in der Tür, streckte ihm eine zitternde Hand entgegen- und rasch übersah Branden die Situation, zog sich diskret zurück.

Rüdiger von Seeken stand in dem kleinen Halbabteil Agni van der Bracht gegenüber.

Sie in Deutschland, Fräulein van der Braacht?" ftagte er, nur um etwas zu sagen.

Ja, endlich!" erwiderte sie.Sie wissen gar nicht, wie schwer das zu machen war! Papa ließ mich nicht fort, und ich mußte mir heimlich alle nötigen Papiere verschaffen, mußte heim­lich nach Deutschland entfliehen!"

Aber warum das?"

,^Jch mußte Sie suchen!"

Mich-?"

Ach, Herr von Seeken, Sie wiffen ja nicht! Seit der Krieg begann und das große, entsetzliche Sterben, machte mich der Gedanke fast wahnsinnig. Sie könnten getötet werden, ehe Sie mir vergaben! Ja« ja!" fuhr sie hastig fort und faltete die Hände.Und jetzt, wo ich Sie endlich gefunden habe, jetzt sagen Sie mir: Können Sie vergeben, was damals ein eitles, übermütiges Kind sprach, das settdem längst erkannte, was es damals noch nicht gewußt hat?"

Sie schwankte, und unwillkürlich erfaßte er ihren Arm, sie zu stützen, sah ihr dabei in die flehenden blauen Augen.

Was haben Sie erkannt, was?" ftagte er.

Daß keine Millionen der Walt es aufwiegen können, das Herz voll treuer und tiefer Liebe!" rief sie, dann sank sie auf den Sitz nieder und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Nur einen Moment noch zögerte er, dann setzte er sich neben sie, umfaßte sie, zog sie an sich.

Agni!" sagte er weich, und sie sah durch Tränen, aber mit einem Anflug ihres alten schelmischen Lächelns zu ihm auf.

Kann ich es noch haben?" ftagte sie zitternd, und er küßte sie auf die ftagenden Lippen.

Mein Herz wohl, Agni, aber die anderen kostspieligen Wünsche, die . .

Sttll!" unterbrach sie ihn und schlang ihre Arme fest um! seinen Hals.Ich habe ja nur noch einen Wunsch! Dich Rw, diger!"

*

Vier Wochen später war der kleine Leutnant Branden Zeuge der Kriegstrauung zwischen seinem Freunde, dem Rittmeister* diger von Seeken, und Agni van der Braacht, der reizenden .-=» Spionin! _

Der Nelkenstrauß.

Von Paul Alexander Schettler.

Am Tage nach ihrer Hochzeit trennte sie der Krieg, der wahllos in die verschwiegensten Nester griff, die sich das Glück gebaut hatte. Mit einem Kuß, in dem noch die bräutliche Scheu glühte, nahm sie von ihm Abschi^>, mit einem Lächeln um den Mund, in das die Augenwimpern salzigen Tau tröpfeln ließen.

Als sie vom Bahnhof heimkam, stand ein frischer Nelkenstrauß auf ihrem Tische. Sre erschrak. Plötzlich entsann sie sich. Er hatte ja noch in den letzten Tagen sie nach ihren Lieblingsblumen ge-