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War, so muß er notwendig im Schloß einen Helfersyelfeä gehabt haben. Mit der Baronin, und mit sonst niemandem, hat mau ihn im Gespräch betroffen. — Sie müssen mir rüge stehen, es gibt gewisse logische Notwendigkeiten, denen man sich' schwer entziehen kann."
Bassow nickte nur, ohne zu antworten. Der Ausdruck seines Gesichtes war noch ernster und gespannter geworden.
„Leider sind ja," fuhr der Staatsanwalt fort, „alle möglicherweise im Park vorhandenen Spuren durch das Unwetter der Nacht vollständig verwischt worden. Wir haben dort außer den beiden Oeffnungen im Gatter auch nicht den leisesten Anhalt gefunden. Wenn aber der Mord bald nach der Heimkehr des Barons, also bald nach elf Uhr ausgeführt worden ist, kann der Sänger der Zeit nach sehr wohl der Täter sein. Die Entfernung zur Station beträgt eine Stunde, so daß er den Zug unr zwölf Uhr vierundzwanzig recht gut noch erreichen konnte."
„Und er selbst — der Sänger — wo will er sich zwischen elf und zwölf Uhr aufgehalten haben?"
„Er behauptet, aus einer Bank an dem in der Nacht sehr einsamen Wege zur Bahn gesessen und bis zur Abfahrtszeit des Zuges dort gewartet zu haben, behauptet auch, daß ein Mann, der vom Dorfe her gekommen sei, ihn dort angesprochen und nach der Zeit gefragt habe. Das wäre für ihn entlastend, weil das um halb zwölf gewesen sein soll. Die Bank aber ist vom Schlosse zu weit entfernt, als daß er die Tat nach elf Uhr vollbracht und bis halb
e schon dorthin hätte kommen können. Der fragliche i war jedoch bisher nicht zu ermitteln."
„Und wann will denn die Baronin den fragwürdigen Schrei gehört haben?"
„Um halb elf Uhr fast genau. Die Zeit hat mit Sicherheit sestgestellt werden können."
Bassow schüttelte den Kopf; seine Stirn batte sich in scharfe Falten gelegt. „Ich meine doch, daß dieser Punkt zu ihren Gunsten spricht. Hätte sie wohl die ganze Dienerschaft alarmiert, wenn sie gewußt hätte, daß der Mörder eben auf dem Wege zu seinem Verbrechen war?"
Der Staatsanwalt lächelte ein schlaues Lächeln; er machte den Mund so spitz, als wenn er ein Stück Zucker zwischen den Lippen hätte. „Und konnte sie nicht absichtlich die Dienerschaft aus oem Schloß entfernen, weil sie wußte, daß dort ein Verbrechen verübt wurde? Könnte das nicht die gan^e, seltsame Komödie niit dem Schrei erklären?"
Bassow fuhr zurück, als wenn ihm jemand einen leichten Stoß versetzt hätte. ,,Wenn das wäre, wenn das wirklich so wäre, — aber nein, es ist unmöglich, wenigstens ungeheuer unwahrscheinlich!"
„Ich kann das nicht finden. Gewagt wäre die Geschichte freilich in mancher Hinsicht aewesen, aber mir sind noch kühnere Sachen in meiner Praxis vorgekommen."
Bassow schüttelte lebhaft den Kopf. „Nein, nein, die Zeit widerspricht. Um halb elf Uhr hat sie die Leute alarmiert, und nach elf Uhr ist ja mein Vetter erst heimgekommen. Ja, wußte sre denn überhaupt um seine Rückkehr an diesem Llbend?^
„Bewiesen ist ihr das nicht, aber sie konnte sehr wohl darum wissen. Sie hat an dem Tage ein paarmal telephoniert. Und was die Zeitdisferenz anlangt, — auch Verbrecher können sich einmal irren. Wenn der Zug des Barons um halb zehn Uhr ankarn, so war seine Heimkehr um halb elf zu erwarten. Daß er den Herrn van Breitenbach im Zuge treffen und sich dadurch verspäten würde, konnte die'Bäro- nin unmöglich vorherschen. Die Tat konnte sehr wohl auf die Zeit zwischen l .lb elf unb elf Uhr verabredet sein, und die Affäre mit dem Schrei wäre dann zu einem sehr bestimmten Zweck eben um diese Zeit in Szene gesetzt worden "
„Ich kann es nicht-glauben!" „Ma '
. r? glaubt manches nur schwer. Aber wenn die Baronin unschuldig ist, wie wollen Sie mir folgendes erklären? Als der Park vollständig abgesucht war, ist auf Anraten des alten Kutschers — merken Sie wohl, nicht auf Befehl der 5\2?rr n auc ^ Eine Durchsuchung aller Zimmer im Schlosse vorgenommen worden. Das Arbeitszimmer ihres Pr? nne fm a ^ er Öot fie unter einem Vorwand nicht öffnen lassen. Warum sollte sie dies vermieden haben, wenn sie nicht glaubte, daß der Mord bereits vollführt worden sei?"
„Hat sie das getan?"
„Das hat sie getan. Und noch mehr: sie hat selbst ausgesagt, sie sei kurz vorher in diesem Zimmer gewesen und habe bie Läden an der Tür zum Garten und an den
Fenstern fest geschlossen. Darum sei das Betreten des Raumes überflüssig. Kann dieses Abschließen der Oeffnungen zum Park nicht ebensowohl in der Absicht geschehen sein, der alarmierten Dienerschaft jeden Einblick nt das fragliche Zimmer von außen her zu verwehren? Wenn sie glaubte, daß der Mörder dort um jene Stunde am Werke sei, war die Sache nicht so übel ausgedacht, wie mir scheint."
Bassow war aufgesprungen, schon während Sieglitz noch' sprach, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. *
„Wenn ich Sie so höre, — Sie verstehen es, einen von der Schuld eines Menschen zu überzeugen. Aber trotz alledem' wird es mir schwer, in diesem Falle daran zu glarlben."
„Es handelt sich eben um eine schöne Frau," sagte der Staatsanwalt maliziös. „Bei häßlichen Menschen glauben wir leichter an ein Verbrechen."
„Das dürfte bei mir keine Rolle spielen," entgegnete Bassow mit hochmütigem Ton. „Allerdings hätte ich mich nicht nur an die juristischen Beweise, sondern auch an den Eindruck der Persönlichkeit. Und er scheint mir bei dieser Frau solch einem Verbrechen zu widerstreiten. Sie hat einen so stolzen und offenen Blick, sie hat sich gestern bei der Trauerfeier ohne jede Theatralik — obwohl sie ja beim Theater war — so taktvoll und würdig betragen —"
„Ja, sie ist eben eine sehr schöne Frau," sagte der Staatsanwalt mit maliziöserer Betonung als vorher..
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Zlucht.
Von Franz Re in hold Zenz.
Wie die Frühlingswasser des Pripjet in die Niederungen des Poljesje einbrechen und alles überschwemmen, so der rückwärts! flutende Strom des geschlagenen Russenheeres und die von ihm mitgespülte Bevölkerung.
Endlos wälzt sich der Strom. Regiment auf Regiment zieht vorbei. Kolonne auf Kolonne. Altes in Unordnung und Wirrnis,« Die Soldaten stumpf, die Führer mit hängenden Köpfen.
Zwischen ihnen her die Flüchtlinge. Panjewägelchen, hochbeladen mit Hausrat. Frauen und Kinder, bepackt wie Lasttiere. Wer nähme das Liebste nicht mit, wenn er von Heim und Hof muß? Wer kennt im Augenblicke der einen Gegenstand,
der ihn: nicht ans Herz gewachsen ist? Lieber sich tot schleppen, als ein Stück Gerümpel seitab vom Wege werfen. Und sie müssens doch!
Endlos ist das Sumpfgebiet der Poljesje. Blei stumpf lastet der Himmel. Unabsehbar dehnt sich die'.Ebene — farblos, eintönig.
Bis zum nächsten Giebeldach in unberechenbarer Entfernung zieht sich eine graugrüne Fläche. Kleine Erdwölbnngen geben ihr den Anschein eines Meeres, ans den: Eine steife Brise liegt.
Weh dem, der vom Wege abgerät! Die graugrüne Ebene ist nur ein dicker Pflanzenwnlst über zähem Schlamin. Bei jedem Schritt schwingt diese Schicht wie Gummi. Darunter schluckt und gurgelt es. Ein Schritt daneben und der gefräßige Sumpf hat sein Opfer gefaßt, saugt es mit hinterlistiger Grausamkeit unendlich langsam in sich hinab.
Da heißt es auf dem Wege bleiben, leinen: beschottertenj Knüppeldamm, der jede Schwingung weitergibt, wie eine Hängebrücke.
Ueber diesen Damm wälzt sich die Flucht zweier Heere, der geschlagenen Russen und der entwurzelten Bevölkerung.
Greise, halbtot vor Angst und Erschöpfung, -Mütter, denen durch Entbehrung die Brust versiegte, um die ein wimmernder Säugling klagt. Kinder, wie eine Herde stumpfsinniger Hümmel vorwärts getrieben. Dazwischen die Wagen mit Hausrat, obenauf die Siechen und die Kranken. Dazwischen eine magere Knh> die nach Weide brüllt.
Eine russische Kolonne jagt vorbei. Die Kuh reißt sich los und rennt in den Sumpf: Versackt mit den Vorderbeinen, reißk sich nochmals hoch, sinkt wieder. Ter Sümpf hält sie fest, zieht sie unerbittlich hinab. — Zwei Stniwen später ragt nur inehr das Gehörn seltsam aus einer Bodenwelle.
Weiter.
Eine Sotnie Kosaken stürmt auf die Flüchtlinge ein. Peitscht die Erschlafften mit der Knute vorwärts. Ein Pferd scheut, der Wagen schlägt um. Nasche Schnitte. Ein Kosak zieht das Pferd am .Halfter mit sich fort.
Der Panjewagen steckt bis über die Radachsen im Sumpst Wer soll ihn heransziehen? — Eine Familie von neun Köpfen heult auf und bejammert ihre Habe. - Sie kann nicht einmal stehen bleiben und zusehen, bis sie versunken ist.
Weiter.
Ter Führer der Sotnie hält sein Pferd. Seitab, auf eiitetrt größeren Hügel steht eine armselige Hütte, magerer Ackerboden! ringsunn Er deutet Mt der Reitgene darauf.
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