Und jetzk erblickte nttoit durch das Fernrohr einen dunklen Punkt, einen zweiten und dritten, die sich von der Hellen Masse der Lager lösten und eilig landeinwärts glitten: die englischen Autos, die allabendlich in der Kampfpause das Gefechtsfeld befahren, um ihre Toten einzuholen.

Die drei Offiziere blickten lange durch das Glas. Keiner: sprach ein Wort. Tann wandten sie sich stumm ab und schritten, lwch immer schweigend, nach rückwärts der Hütte zu, die ihnen als Nachtlager diente.

Das bescheidene Essen war verzehrt. In dein! Dunkel des Hüttenraumes, das durch eine Lkmp'e zu erhellen der Befehl des Kommandanten strenge untersagte, glommen die Pfeifen, Und mit dem scharfen Tabakrauch stiegen rote Funken zur nie­deren Decke. Die drei Offiziere saßen in der Hütte, rauchend und schweigend, ein Hauptmann und zwei Leutnants. Ter Hauptmann war groß und breit, mit sehnigen, muskulösen Schul­tern, einem grauen Bart und grauem Haar an den Schläfen. Er hatte sich in mehreren Feldzügen geschlagen, zicketzt im Balkan- krieg, und trug drei Ehrenzeichen auf denr fleckigen, pulver­geschwärzten Waffenrock. Der Leutnant neben ihm, jung, knaben­haft, schien kaum mehr als zwanzig Jahre zu zählen. In seinen vorübergehend von oer Pfeifenglut gestreiften Augen schwamm feucht die Hitze der Kriegserrogung. Er war blutjung, barm­herziger Gott, wie jung war er doch, dieser Knabe, in allen seinen Ben-egungen, im Klang seiner Stimme, im Blitzen seines Blickes war das Brennen der Jugend, die just erst die Feuer­taufe erhalten hat. Er war der Jüngste der Batterie, urrdi darum nannte man ihndas Kind". Ter Hauptmann und dasKind" waren Türken: beide aus der Konstantinopeler Bri-. gade. Ter andere Leutnant, der dritte Mann in der Htitte, war ein Deutscher. Ein zäher Bursche aus .Haut und Knochen, ein schweigsamer Mann mit stählernen Nerven und stählerner Stirn. Er hatte der Schutztruppe in Teutsch-Ostafrika angehört Und dort die Kämpfe gegen die Uebermacht der englischen Ko­lonialstreitkräfte mitgemacht. Und als die Kolonie der Seinen in Ehren fiel, war ex als Einziger der Gefangennahme entgangen. Wie er sich durchschlug, wie er durchkant . . . das ist eine andere Geschichte, die ein andermal berichtet werden soll. Uebrignes! sprach er selbst nur selten darüber, und wenn er es tat, so faßte er das ganze Menteuer in drei Sätze. Er war, beim! Teufel, nicht mehr gesprächig, der deutsche Leutnant aus Afrika. Zerfetzt, einen Araberburnus auf denr hageren Schädel, mit aus­gepumpten Lungen und einer bösen Wunde an der Schrrlter so war er irr Konstantinopel angekommen. Drei Wochen lag er in dem deutschen Lazarett anr goldenerr Horn und fluchte so höllisch in feinen Fieberphantasien, daß selbst dem guten alten deutschen Qazarettpfarrer angst und bange wurde. Mer der ciserrre Körper des Leuttrants bielt durch. Uird als er kaum wieder das Pflaster treten konnte, das Pflaster von Konstantinopel, zog er eine türkische Uniform an und meldete sich bei denr Kommandanten der Dardanellenforts zum Dienst.

Rauchend saßen die drei Offiziere in der niederen Hütte, während der Gluthauch des Windes durch die Bretterwände ein- strömte und den dünnen Flugsand irr die Ritzen der Pfosten fegte.

Und der gekräuselte Rauch und das friedliche Feuer ihrer Pfeifen begann .die beiden Türken gesprächig zu machen. In halblauten, anspruchslosen Sätzen erzählten sie von den Aben­teuern des Krieges, durch die ihr Leben gegangen ivar. Und der Leutnant aus Afrika hörte schweigend zu.

Ter Hauptmann sprach Von den Balkankriegen, von Tagen, die der Pulverdampf der Geschütze verdunkelt hatte, und von Nächten, die hell aufgeloht waren vom Widerschein brennender Ortschaften. Er sprach von der Seuche, die daurals die serbische Bevölkeruug scharenweise hingerafft hatte, von Typhus und Cho­lera, und er senkte umvillkürlich die Stimme, als er vlon de!mi grauenhaften Gespenst der Pest erzählte.

Und da geschah etwas Merkwürdiges : als der Hauptmann das WortPest" ausgesprochen hatte, richtete der schweigsame Leut­nant sich mit einem jähen Ruck aus seiner versunkenen Stellung auf und brach in lautes Lachen aus Es war ein seltsames Lachen, Unbeherrscht, hart und sinnlos, ein trockenes, anhaltendes Lachen, das die kleine Hütte mit den Tönen unerklärlichen Grauens! erfüllte.

Ter Hauptmäun brach mitten int Satz ab, und dasKind" beugte sich neugierig und scheu zugleich über seinen qualmendem Pfeifenkopf.

Eine quälende Pause entstand. Der Leutnant hatte zu lachen aufgehört. Er räusperte sich nur noch mehrmals, als müßte er einen Reiz im Halse hinunterwürgen, zündete sich eine Zigarette, an und begann in der Art eines Mannes, der sich, bewußt ist, eine Erklärung schuldig zu sein:

Tie Pest... jawohl... eine eigenartige Waffe, wie? Ein Geschütz der Hölle, gegen das es keine Mw ehr und keine Deckung gibt. Die Pest ist schuld daran, daß ich vielleicht für Lebens­dauer den gesunden Schlaf verloren habe. Daß ich Nacht für Nacht auffahre im Fieber, Schweiß und Atemnot. Der Pest ver­danke ich, daß ich die blödsinnigste Nacht erlebt habe, die ein Mensch überhaupt durchleben kann..."

Er hielt einen Augenblick inne. und blies den Rauch seiner Zigarette in dichten Wolken vor sich hin. Dann fuhr er fort:

Es war in Afrika, in der Zeit, da ich vergeblich gejagt wurde. Ich strich bei Nacht durch Gebüsch und Pflanzungen, jeden Augen­blick gewärtig, einer englischen Patrouille in die Gewehre zu laufen. Bei Tag verbarg ich mich in verlassenen Gehöften oder! im Buschwerk. Zwei Wvchen war ich bereits umhcrgeirrt, meine Füße waren aufgesprungen und verschwollen, meine Hände ent­zündet, mein Kopf brannte wie zischendes Eisen. Na ja, mit einem Wort, ich war auf dem Punkt angelangt, wo einem alles voll­kommen gleichgültig wird. Ich wünschte fast ein Ende herbei, so oder so. Wahrhaftig, es war eine interessante Zeit...

An jenem Tage 'hatte ich mich in einer kleinen Eingeborenen­siedlung verborgen gehalten. Und dort hörte ich zum ersten Male das WortPest". In des Wortes wahrster Bedeutung ... bei Gott. Ich erfuhr also, daß in der Gegend mehrere Pestfälle vorge-' kommen waren, unter den Eingeborenen, und die Art. in der die Krankheitsfälle mir geschildert wurden, ließ nichts an Ausführlich­keit zu wünschen übrig. Als ich mich bei Einbruch der Nacht davon­machte, tönte mir noch die Warnung in den Ohren, kein verlassenes Gehöft zu betreten, weil die Pest darin hausen könnte.

Ich habe kein Talent zum Erzählen. Nur soviel: die Nacht, in die ich hinausritt, war fürchterlich in jeder Beziehung. Ein Orkan peitschte das 'Buschwerk mit strömenden Regen. Es nurr so finster, daß ich 'die Hand vor den Augen nicht zu erblicken ver­mochte. Dabei raschelte, 'zischte und rumorte es überall in der verrückt gewordenen Wildnis.' Als seien die bösen Geister sämtlicher Schauergeschichten lebendig geworden.'

Ich mochte mich so drei Stunden vorwärts gekämpft haben, als ich Geräusche vernahm, die mich nicht im Zweifel darüber ließen, daß diese Höllennacht'mir zu allem Ueberflnß eine englische Streif- truppe entgegenspie. Und bald sah ich den Schein von Fackeln, und ich erkannte, wo ich< mich befand. Ich hotte eine Lichtung erreicht. Der Boden war nicht zu sehen, denn er schwamm von schmutzigem Reg nwnsser. Knapp vor mir stand e ne kl ine Blockhütte, mit windschiefem, vornüberhängendem Dach. Unwillkürlich machte ich einen Schritt auf die Brettertüre zu, als die Erinnerung der Pestgefahr mich durchzuckte, von der die Eingeborenen gesprochen hatten. Mer in diesem Augenblick drangen die euglischen Soldaten, es mochten fünfunzwanzig Mann sein, durch das Strauchwerk auf die Lichtung. Es 'blieb mir keine Wahl. Ich trat dnrch oie ange­lehnte Türe, die 'ich sorgfältig hinter mir zuschloß.

Das Blockhaus bestand aus einem einzigen Raum. Wenigstens glaubte ich dies feststellen zu können, als ich in der Dunkelheit die Wände entlang tappte. Es zog und wehte fürchterlich durch das schadhafte Dach. Ich bewegte mich vorsichtig weiter und stieß an etwas Hartes, das ich bald als ein Feldbett erkannte. Ohne Ueber- legung sank ich auf das Lager nteder. Ich hörte draußen die, Stinimeu der Engländer, abgerissen durch den Sturm. Jeden Augenblick war ich darauf gefaßt, daß die Türe sich öffnen und die vor- dem Unwetter schutzsuchenden Tommies geradenwegs zn mir hereinlassen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Die Englcütder blieben vor dem Hause, unter dem breit überhängendcm Dachstück. Wahrscheinlich hielt die Angst, das Blockhaus verseucht zu finden, mir die Fünfundzwanzig vom Leibe. Und ich mußte, innerlich darüber lachen, während tun der Schlaf mit dumpfer Lähmung das Bewußtsein nahm ..... Ich weiß nicht, wie es kaut, wahrscheinlich hatte ich den Gedanken an die Pest in den Schlaf hinübergenonlmen. Ich weiß nur, daß ich von schwarzen Gesichtern und aufgedunsenen Lippen träumte und schließlich schweiß­gebadet auffuhr. Und da, während ich mich noch halb bewußtlos aufrichtete, stieß 'ich den Körper eines Menschen. Und . . v und . . . dieser Körper war regungslos, tot! . . .

Ich sagte schon, daß ich fein Erzähler bin, und lvenn ich das Folgende aufschreiben sollte, würde ich wohl kein geeignetes Wort dafür finden. Ich weiß nur, daß ich mit einem Satz aufsprang, von Kopf zu Fuß ein einziger Gedanke: die Pest! Der Mensch, der tot ans dem Feldbett lag, mußte ein Opstr der furchtbaren Krankheit sein!

Ich stürzte zur Türe, im Begriff, den Riegel zuriickzustoßen, da hörte tch die Stimmen der Engländer, die vor dem Hause lager­ten. Ich war eingeschlossen, wie eine Ratte in der Falle. Ich suchte meine Gedanken zn sammeln, und sagte mir, daß der Mann auf Idem Feldbett ja auch eines anderen Todes gestorben sein könne. Ich bewegte mich vorsichtig zu dem Lagler zurück und griff nach der letzten Streichholzschachtel, die ich in der Tasche hatte. Aber der Sturm, der durch die Balken fegte, löschte jedes Licht aus, bevor es noch richtig entflammt war. Schließlich als ich/ das letzte Streichholz in ben Fingern hielt, erwartete ich eine Pause zwischen den Wind­stößen. Und dann flackerte das Holz auf,' nur eine Sekunde, bamt erlosch es.

Aber was ich gesehen hatte, ge,rügte, um mich zurücktaunreln zn lassen. Auf dern Feldbett lag ein Mann, den Körper bis znM Halse durch eine Pferdedecke verborgen. Aber der Kopf war frei, und das Gesicht ... In dem kurzen Flackern des-Streichholzes hatte ich dieses Gesicht gesehen: schwarz, vollkommen schwarz, mit auf­gedunsenen Lippen. Das war die Pest, die Pest in leibhaftiger Gestalt! ... '

Tie Stunden, die nun folgten, die Stunden bis zum Morgen, vermag ich airch nicht andeutungsweise zu schildern. Ich entsinne mich nur, daß ich mich an die Türe lehnte, drinnen hinter mir den