Um toten See.

Roman von NooertKohlrausch.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

An einer ganzen Reihe von kleinen Stationen hotte Der Zug seine letzte Rast gemacht, ohne daß der einsame Pa.sso.gier gestört worden wäre. Jetzt aber zeigten zusammen- sende Gleise und größere, rote, rauchgeschwärzte Bauten dre Nähe von einem betriebsreicheren Knotenpunkt an, und als der Zug ihn erreicht hatte, kam auch in diesen Wagen ern plötzliches, unruhiges Leben. Eine Gruppe von Herren, schwarz gekleidet gleich dem einzelnen Reisenden, drängte sich an der Tür seines Coupes vorüber, schaute, wählte, ver­teilte sich. Und auch er bekam nun Gesellschaft.

Mit den Worten:Na, hier kann man sich wenigstens 'ne Cichorie ins Jesicht stecken," öffnete einer von zwei Herren die Coupetür. Sein Begleiter folgte. Der gesprochen hatte, war ein behäbiger, bereits bejahrter Mann, dessen Gesicht an Formengebung und Häßlichkeit, aber nicht an Geist mit den Büsten von Sokrates wetteiferte. Haar und Vollbart waren aus Braunrot und Grau unregelmäßig ge­mischt, aus der kurzen Stumpfnase trug er eine Brille mit geschwärzten Gläsern gegen die Sommcrsonne. Der zweite der Herren war sehr hager und sehr betveglich. Eine große, blanke Glatze die Herren beförderten ihre Zylinder auch gleich in das Netz hinauf überzog beinahe seinen ganzen Kopf, aber der Kranz der übrig gebliebenen Haare war gleich dem dicken Schnurrbart unter der scharf gebogenen Nase noch von tiefem Schwarz. Beim Sprechen stieß der Herr ein wenig mit der Zunge an, doch störte das die Geschwindigkeit seines Redeflusses nicht. Er lachte bei den Worten des Ersten und sagte:Das ist ja für Sie die Vorbedingung der irdischen Glückseligkeit, Herr von Temmin. Ich glaube, Sie lassen sich noch einmal mit der Zigarre int Munde begraben. Soll ich den Wunsch vielleicht nachträglich im Testamente notieren?"

Nur nich ufsmucken, Herr Rechtsverdreher, 'ne jute Zijarre is 'n jutes Ding. Uebrigens, reden Sie mir möglichst wenig vom Bejraben. Die Sache is mir unsym­pathisch. Is mir schon unanjenehm jenug, daß ich den Klim­bim da heute mitmachen muß." Er sprach mit einem lauten, dröhnendem Baß, linb in unwillkürlichem Wetteifer ahmte sein Begleiter ihn mit geringerer Stimme, so weit als mög­lich, in der Tonstärke nach, obwohl er dabei zuweilen einen forschenden und fragenden Blick auf ihren unbekannten Reise­genossen warf.

Nun, in solchem Falle versteht sich's aber doch von selbst. Ganz abgesehen von den Geschäftsbeziehuugen, die mich mit dem Toten verbunden haben. Mir ist es auch schwer ge­worden, mich frei zu machen. Aber die Sache geht einem doch wirklich nahe."

Na ja, natürlich. Man kann froh sein, daß man in das Jrab nich selber rinjebuddelt wird und noch lebendig

dabeisteht. Wenn hier erst solche Jeschichten Mode werden, da is ja schließlich keener von uns mehr des Lebens sicher. Jrade so jut, wie den armen Kerl, den Bassow, hätte das doch ooch unsereenen treffen können."

Der Zug war noch nicht wieder in Bewegung, und keine Silbe von der Unterhaltung hatte dem einzelnen Reisenden auf seinem Eckplatz entgehen können. Als er die letzten Worte vernahm, erhob er sich ein wenig von seinem Platz und sagte mit einer halben Verbeugung:Wenn ich nicht irre, meine Herren, fahren wir den gleichen Weg. Ich trage den Namen, den Sie eben genannt haben."

Was? Bassow? Sie wären der Baron Bassow, der neue, übrigens zunächst: mein Name ist von Temmin."

Rechtsanwalt Jonasson," fügte der schwarze Herr mit der Glatze in gleichem Atem hinzu.

Mit ruhiger Würde neigte Bassow den Kopf.Ja, ich bin der Vetter des armen Verstorbenen. Zufällig auch sein einziger, männlicher Verwandter"

Und somit ifu Majoratsherr von Garchim. Ich kann Ihnen sagen, wenn Sie's nich selber schon wissen: das Majo­rat is nich von schlechten Eltern." Temmin begleitete seine Worte mit einem so dröhnenden Lachen, daß er das Geräusch des jetzt wieder im Gange befindlichen Zuges übertönte.

Die Sache hat mich kolossal überrascht. Meine Seele hat niemals daran gedacht, daß mein Vetter vor mir sterben könnte. Und nun fällt mir auf einmal dieser Besitz in den Schoß."

Na, ich würde nich böse drüber sein."

Ich bin auch ehrlich genug, Ihnen hier nicht mit sentimentalen Redensarten zu kommen. Ich habe meinen Vetter kaum gekannt, und wer »vre ich sein Leben lang auf einer kleinen, mühsam gehaltenen Klitsche in Schlesien ge­sessen hat, knrz, ich glaube^ schon, daß ich mich später einmal sehr über diesen Glückswechsel freuen lverde. Aber vorläufig, es ist so viel Trauriges und Schreckliches dabei, mein Vetter hat so plötzlich fort gemußt, er hätte gewiß auch gern noch gelebt, und für mich ist das Leben immer eine große, gewissermaßen heilige Sache ge­wesen."

Ja, das Leben" Temmin schlug bei diesen Worten eine Stechfliege, die sich auf seinen Arm gesetzt hatte, tot, das Leben, das is wirklich wa§ Jroßes. Aber wo dis Sache doch nu mal so is, wo der arme Kerl hot ins Jras beißen müssen!"

Und wie steht es mit der Untersuchung? Ich bin so iin Fluge abgereist, war nicht zu Hause, als das Tele­gramm kam, sondern in Breslau auf der landwirtschaft­lichen Ausstellung, hatte dann noch mancherlei zu ordnen, so daß ich auch nicht eher als heute kommen konnte. Dorum bin ich bisher ganz oberflächlich orientiert und weiß eigent­lich nur, was in den Zeitungen steht. Sie können mir gewiß nähere Auskunst geben."

Da müssen Sie sich hier an unfern Herrn Rechtsver­dreher wenden. Was einer wissen kann, das weiß der."