Rückblicke aus dar Weltkriegrjahr \ 9 \ 5 .
VI.
Herbst- und Winterkämpfe in Nutzland.
Vorn Falle Wilnas (18. September) b:3 zum Jahresschluß.
Tie TruPPen-EntLeuduugen vout ruisischen Kriegsschauplatz er, teilweise-nach dem Westen, teilweise nach dem Balkan, ferner as Eintreffen wenn auch schlecht ausgebildeter und schlecht ausgerüsteter, so doch zahlreicher Reserven bei den Russen brachte diesen immerhin einige Erleichterung. Sowohl in Ostgalizien, an der Jkwa. wie auch m Wolhynien gingen sie zur Gegenoffensive Über. Alle drei Versuche wurden, zuletzt derjenige in Wolhynien am 26. September, unter erheblichen Verlusten für die Russen abgewiesen.
~ Tie drei nördlichen Heeresgruppen hingegen (Hindenburg> Prinz Leopold von Bayern, wie auch in minderem Grade diejenige des Generals v. Linsingen) blieben noch im Vorrücken, wenngleich dieses im Vergleich mit dem bUherijgen Maßstabe sehr erheblich verlangsamt wuroe.
iAm 20. September erreicht der rechte Flügel der Eichhornschen lArmee Lida und Neu-Grodek, während Teile der Heeresgruppe des Prinzen Leopold von Bayern den Uebergang übr den Molczadz erkämpfen.
>Mm 23. September bricht die Heeresgruppe des Generalfeld- Znarschalls Prinz Leopold von Bayern auf der ganzen Front den russischen Widerstand und erreicht Mit der Verfolgung den Ser- wetsch-Mschnttt oberhalb von Kornlitschi und den ^chara-Llbschnttt Nördlich von Kratschin.
!Am 26. und 27. September haben wir vor Dünaburg nennenswerte Erfolge zu verzeichnen und Machen Mehrere Tausend Gefangene.
!AM 27. erzwingt die Heeresgruppe v. Linsingen unkerhalb Läzk den Uebergang Über den Sityr, worauf die Russen nördlich von Dubno überall den Rückzug antreten.
Tie Septemberbeute war immerhin noch bedeutend und betrug bei den Deutscher: 421 Offiziere, 96 000 Mann, 67 Geschütze, 204 Maschinengewehre: bei den Oesterreichern 117 Offiziere, 25 000 Mann und 23 Maschinengewehre. Hiervon entfällt naturgemäß der größere Teil auf die erste Hälfte des Monats.
Nachdem die Oefterreicher noch in den letzten September- Lagen einen nur mäßig kräftigen nächtlichen Turchbruchsversucy der Russen bei Tarnopol (Ostgalizien) abgewiesen hatten, vereitelten sie in scharfen Käinpfen
vom 6.—9. Oktober einen russischen Angriff im Raume von Tschartorysk, welcher bezweckte, das Westufer des Styr ^urück- zugewinnen; hierbei und in gleichzeitigen erfolgreichen Kämpfen! in Ostgalizien machen sie 7000 Gefangene.
IAM 8. Oktober wird vor Dunaburg Garbunowka und die russische Stellung beiderseits dieses Ortes in elfter Gesamtbreite von 4 Mtr. gestürmt; 4500 Gefangene.
>Am 13. Oktober werfen Truppen der Armee des Grasen Bothmer (Heeresgruppe v. Linsingen) die in Ostgalizien abermals Über die Stypra vorgedrungenen Russen wiederum über diese zurück.
IAsm 20. Oktober gewinnen wir nordöstlich von Mitau das Dünaufer von Borkowitz bis Bersemünde, was eine »vesentliche Besserung unserer Stellung vor Riga bedeutet; schließlich wird
am 23. Oktober Jlluxt (nordwestlich von Dünaburg) erstürmt. 3000 Gefangene, 10 Maschinengewehre und ein Minenwerfer.
lAuch der Monat Oktober brachte immerhin noch eine ansehnliche Gefangenenzahl: bei den deutschen Truppen 244 Offiziere, 29 000 Mann, 23 Geschütze und 60 Maschinengewehre, und bei den österreichisch-ungarischen 142 Offiziere, 26 000 Mann, 1 Geschütz, 44 Maschinengewehre, 3 Flugzeuge und sonstiges Kriegsmaterial. Ferner wurden immerhin noch einige zehntausend Geviertkilometer Gelände hinzugewonnen, so daß Ende Oktober die Front von Dünaburg bis zur Grenze in Ostgalizien, wo die südöstliche Ecke immer noch von dm Russen besetzt ist, fast in gerader Linie von Norden nach Süden verläuft.
Inzwischen hatten sich, etwa vom 20. Oktober ab, am mitt- ren Laufe des ^xtyr, in der Gegend Rafolka-Dschartorysk, ernstere ämpfe entsponnen, welche allmählich den Ebtarakter einer förmlichen Schlacht Annahmen. Es war der 'brttte Versuch unserer Feinde, uns zur Schwächung unserer Balkanstreitkräfte zu zwingen. Erst Ende Septencher der große französische Durchbruchsversuch, dann die dritte Jsonzo-Schlacht der Italiener (vom 18. Oktober ab) und schließlich die Schlacht in den Pripetsümpfen, annähernd zur gleichen Zeit. Der Mißerfolg war der gleiche, wie auf den beiden anderen Kriegsschauplätzen. Zwar gewinnen die Russen anfänglich etwas Boden, werden dann aber 'trotz gewaltiger Verstärkungen. etwa vom 5. Noveurber ab, wieder allenthalben zurück- geworfen. Schwerste Verluste und das nachgewiesene Unvermögen, trotz günstigster Umstände und umfangreichster Vorbereitung irgend etwas gegen uns erreichen zu können, waren das einzige Ergebnis der fast vier Wochen dauernden Kämpfe. (
S t a n d a tu Jahresschluß.
Die geringe, den Russen noch verbliebene Angriffskraft hatte sich tu der Vierwochen schlecht in beit Pripetsümpfen völlig erschöpft.
Trotzdem das Zahlenverhältnis sich zwettMvs immer mehr ziz ihren Gunsten verschob, konnten sie sich «zu keiner größeren Kampf-, Handlung mehr aufschwingen. Die neue Niederlage und die wachi sende Stärke der deutschen Stellungen zwang sie zu immer größerer Ruhe. Zu irgend einer Hilfe für Serbien waren sie Mich!' mehr' fähig. Ohnmächtig mußten sie Landstriche fast von der Größs Preußens in unserer Hand lassen. £
Die junge russische Industrie ist hoffnungslos vernichtet. Elend und Grauen herrscht in den entwickeltsten und bis dahin blühendsten Gegenden des Reiches. Mit einem Kulturrückschritt, dessen ganze Bedeirtung sich erst nach dem Kriege ermessen lassen wird hat das Land den frevelhaften Bruch der Freundschaft mit Preußen Und Deutschland bezahlt, die jahrhundertelang me Mtwickelüng des RiesenreicheS befruchtet hatte.
VII.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Etwa 3750 Geviertkilometer Landes hatte Oesterreich dem verräterischen Bundesgenossen nur für die Fortdauer seiner Neutralität angeboten und jetzt, nach! mehr wie einem' halben Jabre erbittertster Kämpfe hat es von dreser Fläche bei weitem noch nicht den zehnten Teil besetzen können. Mit diesem einziaen Satze kann man etwa den ganzen bisherigen Kriegsverlauf umschreiben. Kaum jemals im ganzen Verlaufe der Geschichte ist ein Land vor einem Kriege in einer so bevorzugten Lage gewesen, wie Italien.. Nicht nur konnte es seine Vorbereitungen auf den Krieg in aller Ruhe und Gemächlichkett durchführen, sondern auch den Kriegs- beginn nach Belieben wählen.
Trotzdem dauerte es nach Beginn der Krieges über einen vollen Monat, bis es zu ernsteren Angriffen kam. Es war vor auszusehen', daß, diese am schärfsten im Osten, an der Jsonzv-Front, stattfinden würden. Tenn ein Angriff gegen Südtirol ist nach, fachmännischem Urteil infolge der natürlichen Geländebeschaffenheit, die durch ern« fortlaufende Kette von Verschäumungen noch wesentlich verstärkt ist, kaum ausführbar, Und auch> die Grenze in Kärnten bietet wett größere Schwierigkeiten dar als die Jsonzv-Front. Hier fand daher
von Ende Juni bis 5. Juli die erste wirklich« Schlacht statt. Sie verpuffte völlig wirkungslos Unter sehr großen Verlusten für die Italiener. Gelände vermochten sie, nachdem die Oestervetcheb schon vorher einen für ihr BerteidigNngssystem entbehrlichen, durch- schnittlich etwa zehn Kilometer brerten Streifen Landes auf der 60 Kilometer langen Front abgegeben batten, nicht zu gewinnen.; Obendrein erlitten sie bald darauf auch noch empfindliche Verluste zur See; am 5. Juli wurde ihr Panzerkreuzer Amalfi und am 16. der Panzerkreuzer Giuseppe Garibaldi torpediert und versenkt. Weiter verloren sie, wie teils nachholend, teils vorgreifend bemerkt sei. bisher vier kleinere Fahrzeuge teils durch Minen, teils durch Geschützseuer, teils durch Torpedo. Ferner konnten sie mehrfache österreichische Seeangriffe auf ihre Küste nicht hindern.
18.—27. Juli. Zweite Jsonzo-Schlacht.
Verluste der Italiener mindestens 100 (XX); ebenfalls völlig erfolglos.
18. Oktober. Beginn der dritten Jsonzo-Schlacht.
Nach einwöchentlichem Kämpfe setzte eine kleine Pause ein. Am 28. wird mit frischen Truppen ein abermalige:-, bis zur chißersten Heftigkeit getriebener Sturm angesetzt. Nichts vermag die unerschütterliche Widerstandskraft der Oesterreicher zum Wanken zu bringen. Völlige Erschöpfung zwingt die Italiener, ihren Angriff von den ersten Novembertagen ab auf der: Görzer Brückenkopf zu beschränken. Ihre blutigen Verluste haben diesesmal 160 000 Mann betragen, ferner haben sie 3000 Gefangene abgegeben; für reinen Stellungskampf immerhin eine beträchtliche Zahl.
Mit Einrechnung der täglichen, auch außerhalb der eigentlicher: Schlack),ttage nie ganz fehlenden Kämpfe beträgt der Verlust der Italiener sicher eine halbe Million. U:ck> mit diesem ungeheuren Einsätze haben sie nicht nur nichts erreicht, sondern sich obendrein noch die Geringschätzung und fast das Mißtrauen ihrer eigeneft Bundesgenossen zu ge zogen. Nach einwandfreien und übereinstimmenden Berichten hat :hr Wirtschaftsleben fast mehr gelitten, wie dasjenige der andere:: kriegführende:: Mächte — Rußland und Serbien allenfalls ausgenommen —, die doch noch ganz anderer militärische Leistungen aufzulveisen haben. Der Fluch der bösen Tat ist für das treulose Land nicht ausgeblieben!
Stand am Jahresschluß.
Im Gegensatz zum französischen und russischen Kriegsschauplatz, wo im Spätherbste die Kämpfe erheblich an Heftigkeit ab- Nahmen, war auf dem ttalienischei: zur gleichen Zeit eme Verschärfung zu verzeichnen. Dreierlei mag die italienische Heeresleitung zu diesen nutzlosen Menschenopfern bewöge:: haben. Zunächst wohl eine Art militärisck)er Beschämung. Trotzdem sie den Krieg ein halbes Jahr hatte vor besten können, trotzden: Oesterreich ihnen nur einen mäßigen Teil 'seiner Heeresmacht entgegen- stelleu konnte, hatte sie nach weiterer 'halbjähriger Kriegsdauer nicht das mindeste erreicht. Zweitens, das Bestreben, seine:: Verbündeten gegenüber einen geeigneten Vorwand zu haben, jede Hilfeleistung auf andern Kriegsschauplätzen nach Möglichkeit ab- zulehnen. Dritte:^ der Wunsch, den: eigene:: Laude irgend einen greifbaren Erfolg vor Augen führen zu können.


