ebenfalls weit über das Gebäude gradlinig hinaus nach' beiden Seiten in die Nacht hinein. Hohe, beschnittene Hecken standen gleich schwarzen Mauern an den Seiten der Wege, und 'über sie her wuchsen alte, mächtige Bäume zu den grauen, schwerer:, gejagten Wolken empor, in die sie mit ihrem bewegten, im heißen Winde jeusäenden Wipfeln hinein- zugreifen schienen. Ein wildes, drohendes Rauschen war dort oben in der Höhe, und mitunter klang es, als wenn böse, fauchende Tiere miteinander kämpften.
Das ganze nächtliche, vom Windesbrausen durchklungene Bild tauchte nur immer stückweise, für Augenblicke rasch wieder verschwindend, aus der Finsternis empor, wenn der bebende Schein der Laterne darüber binglttt, um beim Weiterwandern die verlassene Stelle noch dunkler, ungewisser, geheimnisvoller zu machen als zuvor.
„Dorthin!" sagte die Baronin mit einer Stimme, die von der glühenden Luft erstickt zu werden schien, und bewegte die Hand, um rechtshin zu deuten.
Eng sich aneinanderschmiegend ging nun die Menschengruppe in erwartungsvoll-ängstlichem Schweigen auf dem Kieswege hin, der an der Terrasse und an dem rechten Vorbau des Schlosses Altlang führte. Hier hob die Baronin den Blick und sah nach oben. Dort im ersten Geschoß war das Eckzimmer hell beleuchtet, in dem sie wohnte, und grüßte mit seinen drei gelbschimmernden Fenstern herab. Eins davon lag in der Hauptfront vom Schlosse, die beiden andern, die geöffnet waren, in der seitlichen, schmäleren Wand. Bevor die schwarzen, rechts und links am Wege hin geradeaus laufenden Hecken begannen, führte hier noch ein kleiner Pfad an der Seitenfront entlang zu einer hölzernen Tür an der vorderen Ecke des Schlosses nach> dem Hofe zu. Als im darübergleitenden Laternenschein diese Tür für einen Moment sichtbar geworden war, wandte sich die Baronin ästig zum Gärtner und fragte: „Haben Sie alle Parktüren eute wie gewöhnlich verschlossen?"
„Gewiß, Frau Baronin."
„Dann gehen Sie schnell zurück und verschließen Sie auch die große Ausgangstür, durch die wir gekommen sind. Der Schlüssel steckt innen. Ziehen Sie ihn ab und bringen Sie ihn mir."
Gehorsam, wenn auch mit einer Bewegung des Unbehagens über die Entsendung in die unheimliche Dunkelheit, folgte der Gärtner ihrem Befehl. Während er fort war, blieben die übrigen stehen, und ern ruhigerer Lichtschein siel aus der Laterne;.auf eine Steinbank, die hier ganz nahe dem Schloß unter einer weißen Göttersigur in einer Nische der Hecke stand. Rasch war der Gärtner aber wieder zurück und überreichte der Baronin den geforderten Schlüssel.
„Nun rnüssen wir suchen," sagte sie und schritt selbst voran. „Von hier, gam aus der Nähe, nruß dieser Ton ekommen sein. Ich hatte beinahe geglaubt, wir würden ei dieser Bank schon etwas finden, was ihn erklärt."
Mit besonderer Sorgfalt beleuchtete der Diener noch einmal die bezeichnete Stelle,, doch zeigte sich keine Spur eines lebender: Wesens. Leer und frei dehnte sich auch der Weg in die Ferne aus. Erstaunt bewegte die Baronin den Kops. „Es ist nichts zu sehen. Wir müssen weiter hinein in den Park."
Sie hieß den Diener vorangehen, und sie traten durch eine Oeffnung in der festen Hecke hinein in die stückweise erhellte Finsternis unter den hohen Bäumen, deren stöhnendes Rauschen hier noch drohender und lauter klang. Im Innern des von den Hecken mit geraden Wänden abgegrenzten Raumes, den sie betraten, endete der französische Charakter des Gartens, der den: Versailler Stil des Schlosses entsprach. Hier herrschte freie, nur gezügelte Natur. Unregelmäßig verschlungene Wege umzogen Rasenplätze Und Baumpartien von scheinbar willkürlicher Form. Statuen erhoben sich, plötzlich weiß aufleuchtend, auch hier noch an einzelnen Stellen, doch wurden sie seltener, je weiter man sich vom Schlosse entfernte.
Fn: tiefen Schweigen der ungewissen Erwartung schritte,: die Suchenden eine Strecke weit in diesen Teil des! Parkes hinein, mitunter von einem niedrigen Gesträuch erschreckt, in dem sich erregte Phantasie eine am Boden liegende menschliche Gestalt ausmalen konnte. Aber stets erkannten sie bei näherem Hinsehen die Täuschung Und gingen weiter in vergeblichem Suchen. Auch den gerader: Hauptweg, aus dem sie gekommen waren, überschritten sie noch einmal auf Befehl der Baronin und spähten im gegen- '
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üb erliegenden Teile des Parkes in gleicher Weise sorgfältig, aber ohne jeden Erfolg umher.
Errdlich blieb sie stehe::. „Es hat keinen Zweck, daß wir noch weiter gehe::. Von so fern: her kgp" s< ;v ^ möglich gekommen sein. Ich muß mich' getauscht haben.
volleichei e den Satz nicht, sondern versank für einen Augenblick :n ein tiefes, nachdenkliches! Schweigen. Dann sich gewaltsam ausrichtend, gab sie den Befehl, nach dein Schlosse zurückzukehren.
Der Diener öffnete die Haustür mit dem Schlüssels den die Baronin ihm gab, um dann aus ihren Befehl von innen gleich abermals abzuschließen und den Schlüssel stecken ju lassen, sobald alle wieder auf dem großen, hallenden Flur versammelt waren. Sie gab diesen Auftrag, wie sie sagte, um das Entkommen einer etwa im Parke verborgenen Person durch das Haus Unmöglich zu machen. Die Baronin überlegte einen Augenblick, dann fügte sie hinzu: „Alle Türen zum Park sollen morgen früh solange verschlossen gehalten werden, bis ich Erlaubnis gebe, sie zu öffnen. Der Park muß morgen bei Tage noch einmal ourcht- sucht werden." Sie hatte sich schon bei diesen Worte:: zum Gärtner gewendet und sprach nun auch weiter zu ihm: „Jetzt haben lvir Zeit, S:e anzuhören. Sürjahn sagte mir vorhin, Sie hätten vor ein paar Wochen etwas Aehnliches gehört, wie ich selbst. Erzählen Sie mir das rasch und genau."
„Ja, Frau Baronin, etwas Aehnliches war es mtm eigentlich nicht. Was den Ton anbelangt, meine ich. Denn, einen Schrei, oder so was, das habe ich nicht gehört. Aber ganz merkwürdig war es doch, und ich habe gleich zu meiner Frau gesagt —"
„Machen Sie's kurz. War es in Jh>rer Wohnung? War es im Park?"
„Im Park natürlich. Der Heinrich Miller war dabei^ der Gärtnerbursch. Ja, rveim ich es allein gehört hatte, aber der war dabei. Vor drei Wochen ist es gewesen, aUf einen Montag, ziemlich fri'ch am Tage. Wir hattest damals doch neuen, Kies aufgeschüttet auf dem Platz mit der Steinbank an der Seite vom Schlosse —"
„Weiter, weiter!"
„Ja, ja, ich komme schon dazm Wir härkten den Kiesj nämlich glatt, Heinrich Müller und ich, und aus einmal — auf einmal — "
„Was denn? Reden Sie doch!"
„Da hörten wir auf einmaf, unfc> zwar so nahe, äls wenn es ganz unmittelbar neben uns wäre, — da hörten wir ganz deutlich, daß einer eine Sense dengelt."
„Weiter nichts?"
„Nein, weiter war es nichts. Aber daß keiner zu sehen war, der es tat, und daß wir ganz 'genau wußten, daß keiner auf unserm Gut mit der Sense draußen war, und daß wir es doch hörten, als wem: es fünf Schritte von uns! wäre, — das ist uns damals durch und durch gegangen. Und ich habe den Tag nicht mehr ans meinem Gedächtnis! gebracht. Es war ein heißer, schwüler Tag, beinahe so wie heute, wie wir sie eigentlich selten hier haben, aber wie doch in diesem Sommer schon ein paar dagewesen sind."
„Haben Sie nicht nachgesehen, ob nicht vielleicht doch jemand mit der Sense in der Nähe war?"
„Gewiß, Frau Baronin. Rurw herum haben wir gesucht im Park, aber nichts haben wir gefunden."
„Und wie kommt es, daß ich heute erst von dieser! Sache Höre?"
„Ja, Frau Baronin waren dstmals gerade verreist! l —/'
„Vor drei Wochen, ganz recht. Ich war in Stettin bei meiner Schwester."
„Und rnit dem Herrn Baron haben wir auch nicht gern davon sprechen wollen, weil wir doch nicht gewußt haben, ob' er an solche Sachen glaubt — "
7,Wieso? Woran soll er glaube::?"
-/Ich meine, ob er daran glaubt, was ein solcher Ton bedeuten kann —"
-,Was meinen Sie damit?"
(Fortsetzung folgt.)


