Ausgabe 
22.12.1915
 
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schaffe gemacht haW. Un 's Christkindche yoert seufzend alles mit an un macht' debei Umschläg uff sein geschwollene Mund, an dem mer noch deutlich die Schneeballspurn erkenne könnt. Schee, gelle?

Tann gabs e jgwß Beratung, 's gut Christkindche lvar bloß frr t paar Dag Dunkelarrest, awwer diesmal galt Stimme- meyrhert, un die Kläger bei der himmlische Gerichtssitzung warn srr bedeutend hehere Strafe. All warn se sir's Verdresche. De Petrus piff schon uff em Himmelsschlissel, den er 'm iwwerztehe wollt, de Nikolaus tunkt sei Weiderute schon in frisch Wasser, daß se besser Lege, die Frau Holle hielt Sticker zwelf steiharte Schneebäll bereit, me se dem Engelche all in die Ank schmeiße wollt, un de Bappa Osterhas halt' extra weiche Eier gekocht, die er am Engclche seim Kopp kaput zu werfe gedacht'. Ta erschien aach noch im letzte Aage- blrck de Owerengel un sacht, des Engelche mißt unbedingt enaus- geschnnsse werde, das war iwwerhaupt kei Engelche, das lvar en Deiwelsbrate, un wie das sich in de Himmel verirrt hätt, das lag ihm zu hoch. Seit gestern trieb's sei Wese noch ärjer, als vorher, heut hätt's sämtliche Gäul Kameelsk'pp uffgesetzt un de Lämmercher die Elefantezäb an ihr Schafsmäuler geklebt. Schee, gelle? Das war wirklich zu viel. Das sah selbst des Christkindche ei, un nach ere Stmrd weiterer Beratung wurd's Engelche ebeigerufe un bekam sei Urteil zu heern. Als en recht verstockter Sinder hoert's zu un zeigt leider kei bische Reue iwwer sei viele begangene Missedahte. De Nikolaus hielt's Protogoll in de Hand: E Engelche bist de uit, im dich in die Hell zu de! Deiwelcher zu schicken, dazu is 's Christkilidche zu gut, obgleich de dich dort gewiß schirell eigewehnt hältst. Jedenfalls sollst de jetzt erscht emal uff e Zwisch^station, nämlich uff die Erd. Un eh's Engelche richtig reisefertig war, zog .er emi e paar feste iwwer, un druime war'sch. So vor Sticker sechs siwwe Jahr soll's hier unne aagekomme sei, rui Kathrinche heißt's."

Grad wie ich," rief fröhlich das Kathrinchen,awwer ich bm s net, ich bm in metnt 1 Lewe noch net im Himniel gewese."

No, wer'sch waaß, wird's wisse, meinte die Base, awer 's letzte Wort nmßt de doch immer behaale, annersch geht's doch net." Ja," ließ sich das Kathrinchen noch einmal vernebmen, o nf ^ an?toc F auch laug net in de Strickschul gewese. Schee, lle? Awtver, wie ging's denn dem Engelskathrinche nachher uff

Base un staun uff,erzähl ich euch uff e anner Mal. Jetzt geht heim, sonst wird euch de Kaffee kalt."

Martha.F roh wein-Bttchner.

Dar Weihnachtspaket.

Bon Martin P roskauer.

Am Paketschalter des Postamts drängten sich die Frauen und Mädchen, Boten aus Geschäften und Kinder, standen geduldig in langer ordentlickier Reihe, deren Einhaltung eifersüchtig überwacht wurde, Und warteten, bis die Postbeamten die Pakete abnahmen. Eben war der Stapel von Pappschachteln, den ein Fabrikbursche ab- gelrefert hatte, verschwunden, und eine alte dicke Frau, die nun an der Reihe war, hob ächzend zwei flache Kisten auf den blech- belegten Tisch. Der Postmann griff danach mit einer mechanischen Bewegung, legte sie auf die Wage und tauchte den Pinsel in den Leimtopf, als er innehtelt und sagte:

Sie, Frauchen. Sie haben ja die Adressen vergessen!"

_. j% e a ^ e i^au sah ihn hilflos und blinzelnd an. Er schob ihr die beiden Pakete wieder zu.

Hier da sind ja keine Adressen drauf wo soll's denn hm gehn'n?"

Jetzt verstand erst die Lllte rmd machte ein ganz entsetztes Gesicht: ,

Ach Gott ach Gott," rief sie mit ihrer gemütlichen Alt- frauensttmme, ,chie Hab' ich ja zuhaus auf dem Tism liegen lassen was mach ich denn mm?"

Die Reihe hinter ihr wurde ungeduldig.

.Ja, da müssen Sw wohl nach Hause gehen und sie holen," drängte der Postbeamte.

Tie Wie senkte den Kopf und sagte traurig:

Ten weiten Weg lieber Herr, dann komm' ich heilte nicht Mehr zurück. Und die Pakete ntüssen noch fort."

Sie sah den Beamten bittend an. Der bückte sich und reichte !lhr zivei weiße und zwei yelbe Zettel hin.

Hier haben Sie die Mressen, mm schreiben Sie's schnell hier dort hinten ist ein Schreibpult."

. Die Alte nahm ihre Pakete und schleppte sie in die Ecke, wo em Stehpult ausgestellt lvar. Nun sing sie an, umständlich frt rhrcr Tasche und tm Beutel zu suchen, dann kam sie zaghaft wieder an den Blechtisch, auf dem schon wieder die Pakete hin- und herflogen.

Was gibt'S schon wieder?" rief der Beamte.

Hab' meine Brille nicht bei mir," gestand sieund nun Dann ich mchts sehen."

Ein paar Bolenjungen lachten, aber ein großes starkes Mädchen Mit nnem Umschlagtuch warf ihnen einen Blick zu. daß sie sich twrstchtig hmter der Reihe der Wartenden versteckten, dmm sagte sie zu der alten Frau: ' J

M 'Ich werd' Ihnen helfen, ich komm" zu Ihnen, sowie ich mein« Pakete los bin." -

Die alte Frau trippelte in die Ecke zurück und wartete geduldig, bis das große Mädchen zu ihr trat. Sie beugte sich über das Pult, griff nach der Feder mrd sagte:

So, jetzt werden wir das gleich haben. Wo soll's denn hin?"

Die Alte sah sie dankbar an:

Das ist zu nett von Ihnen Fräuleinchen. Also das hier soll an Frau Käte Renke, Stettin. Bahnhofstraße 97."

Und wahrend das Mädchen sorgfältig die Buchstaben auf der Adresse malte und sich sichtlich bemühte, die ungeleiike Hand zu lchonen Schrtftzügen zu zwingen, plauderte die alte Dame, glück, seleg und von dem Kummer ihrer Vergeßlichkeit erlöst:

<>, ,. "^ns ist nämlich meine Schwiegertochter, müssen Sie wissen, Fräuleinchen. Da ist nämlich vor zwei Monaten ein Junge ange- kommen. Der Vater was mein Sohn ist ist int Westen tm Felde denken Sie nial, Fräuteincheit, der hat seinen Jungen noch garntcht gesehen."

. " unterbrach das Mädchen die andere,und nun dis andere Adresse!"

Und mit Untständlichkeit diktierte die Alte:'

i Hbrrn Ol^rjäger Renke, 87. Infanterie-Division, Jäger- batatllon 120, 1 . Kompagnie."

Und tvährend vorn am Sck^alter die Stimmen der Wartetrden Und das Poltern der Pakete durcheinandertönten, während das hilfsbereite Mädchen die Adressen auf die Klebezettel übertrug, plauderte die 'Alte weiter: >

.Ja, das ist nämlich mein Sohn, das ist nun schon das zweite Weihnachten, Fräuleinchen. Mcht, das ist doch schrecklich? Na, wenn er nur weiter gesund bleibt, Fräuleinchen, rncyt wahr, dann tst man schon zufrieden?"

Endlich rvaren die Pakete fertig, und die alte Frau stellte sich nun an den Schluß der Reihe, genau dort, wo sie schon vor zwei Stttnden wartend angefangen hatte.

*

Im schneebedeckten Unterstand in den Abhängett der Vogesen saßen die Mannschaften der 1 . Kompagnie vom 'Jäaerbataillon 120, das hier in ermüdender langer anstrengender «Wacht die Bergstraße gegett überraschende Vorstöße der Franzosen sichern sollte.

Na, Kinder," sagte ein Oberjäger,diesmal wird's wohl mtt unserer Weihnachtspost nichts sein. Ich traf heute beim Pa- ttonillengang einen von den Dreißigern, die da drübett lieget!; die haben ihre Pakete schon seit Montag da!"

Die gehören ja auch zu einer andern Division," warf ein atrderer ein,wer !veiß, wo unsere Sachen in Schnee und Dreck feststecken!"

Was nützt das ganze Reden?" sagte ein großer breitschultri- ger Oberiäger,vielleicht kommt's doch noch. Ich sitze auch schon und warte auf Briefe von meiner Frau, man möchte doch mal wissen, tvie's zu Hause geht."

Ach ja, Du bist ja auch'Papa geworden," rief der erste Ober­jäger, ..bist Du denn nicht um Urlaub eingekommen, Renke?"

Nein," sagte Renke tmd schüttelte den Kopf,der Hauptmann hat gesagt, es gehl nicht >er braucht jeden einzelnen Mann na, da Hab' ich's erst gar nicht versucht."

Die Soldaten hörten auf zu reden und rückten sich in den Ecken des Unterstandes znnt Schlafen zurecht. Draußen leuch­tete die lüeifje Winternacht mrd ab und zu stapfte eine abgelöste Patrouille im Schncehemd den schmalen eingeschnittenen Gang zum Unterstand herein. Da rüttelte die Wache den Oberjäger Renke:

Telefon, Herr Oberjäger!" Renke fuhr auf, !var in der Gewohnheit der steten Bereitschaft sofort wach und lief an den Brettcrkasten, in dein das Telefon stand.'

Hier Oberjäger Renke!"Hier Bataillon Leutnant von Martens," klang es zurück.Hörcrt Sie mal Renke, hier hinter unserer Stellung liegt ein Yeldpoftwagen -von der Division, der einzige, der durchgetz>mmen ist, aber auch mit zerbrochenen.' Rädern! Es find ein paar Sachen -für Jhrett Zug dabei, können Sie sie holen lassen?"

,Zu Befehl wann?"Na, am besten gleich! Jetzt ist'S halb zehn in vier Stunden können Sie hier fein, dann sind Sie rmmer ,wch zeitig gemrg zurück!"Zu Befehl!"

Also schicken Sie vier Mann tmd eine Charge aber Schneehemden überziehen Sie tvissen, die Franzosen können ein Stück Lcurdstraße emsehen. Kommen Sic ins Bataillonszimmer, ich gebe Ihnen eine Ordonnanz mit!"

Der Oberjäger hängte den Hörer an, und ging in den Unter­stand unter dem Berghang zurück und weckte vier Leute, die bald darauf mit ihm in langen federnden Schritten die Hügelstraße ent­lang marschierten.

Schweigend gingen sie Stunde um Stunde im gleichen Schratt der Soldaten durch den Schnee, bis das Dörfchen, in dem daS Bataillon lag, vor ihnen auftauchte. Hier holte sich der Oberjäger die Ordonnanz, und gleich hinter dem Dorf trafen sie einen zu- ammen gebrochenen Feldpostwagen, um dessen grauen Kasten sich eine Menge Soldaten drängte.

Der Oberjäger Renke ries den Feldpostfahrer an, der ihn zu einem kleinen Haufen Pakete im Schnee führte. Eute Taschen- lampe blinkte aus, und bei ihrem Schein unterschrieb Renke in dem vorgehaltenen Postbuch, während seine Leute die Pakete nach­zählten: