Donnerstag, den 25. November
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Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grabein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wieder einmal hatte der Streit die Gemüter entbrannt im Lande. Ein letztes M-al noch, aber mit verzweifelter Kraft. Galt es diesmal doch auch einen Kampf, wie ihn der Rauhe Grund selbst in den schlimmsten Kriegsnöten ferner Vergangenheit nicht erlebt hatte. Das ganze Dors Nödrg und zahlreiche Einzelsiedlungen sollten einfach vom Grd- boden vertilgt werden, um der Talsperre willen.
Ein einziger Schrei der Entrüstung brandete auf, viel- tausendstimmig, als die unerhörte Kunde zum erstenmal durchs Land flog. Und wie in alten Zeiten war's, wo der Feind über die Berge einbrach und die Sturmglocken heulten. Zum Ratsplatz kamen die Männer gelaufen in Hellen Haufen, sich zur Abwehr einmütig zusammenzuscharen. Und wie damals, auch diesmal wieder an ihrer Spitze der vom Adligen Hause und der Mann im Priesterrock — sw beide die Führer ihrer Stammesgenossen von altersher. Ging's auch diesmal nicht mehr mit Spieß und Schwert, nicht minder hell lohte die Kampswut in all den Protestversammlungen, Eingaben und Audienzen bei der Regierung. Die vom Rauhen Grund kämpften um ihr Heiligstes — die Scholle ihrer Väter. Aber wie sie auch rangen, sie vermochten sich den gebieterischen Anforderungen einer neuen Zeit auf die Dauer nicht entgegenzustemmen. Die brauste über sie hinweg, wie es in wenigen Jahren die Fluten tun würden über ihrer Väter Häuser. Zorn und Gram in sich hinein-- fressend, konnten es sich eines Tages die vom Rauhen Grund nicht länger verhehlen: Es war vorbei — der Kampf verloren. , _ .
Da lagerte sich nach dem Toben des Streits lastendes Schweigen über das Land. Zähneknirschendes oder stumpfes Ergeben in das Unabweisliche. Nur düsterglühende Blicke folgten den fremden Männern, die nun durch die Feldflur zogen mit Meßstangen und Karten. Mit einem Judaslohn sollte ihnen die verratene Scholle abgekauft werden. Ungezählte, heißgrimmige Verwünschungen flogen in diesen Tagen hinauf nach Christiansglück zu dem erneu, der schuld war an allem. Hatte es nicht angefangen mrt demselben Tage, wo der Bertsch-Gerhard hier wieder ins Land gekommen war?
Nur einige wenige hatten sich abseits gehalten von dem verzweifelten Widerstand und dafür im Stillen ihr Wesen getrieben. Zu denen gehörte der Mannes Reusch. So viel er sich bei Lebzeiten seines Vaters über diesen erhoben hatte, so sehr zeigte es sich, wie er doch sein Sohn war; wenigstens, was das kühne und unruhevolle Wagen anging.
Wenige Wochen schon, nachdem der Reusch-Hannes in die Erde gebettet war, kam der „Hirsch" in fremde Hände. Um ein schwer Stück Geld. Nur bis zu Neujahr noch waren
den Reuschs die Privaträume Vorbehalten, dann mußten auch sie aus dem alten Hause ziehen, das an hundertfünfzig Jahre im Besitz der Familie gewesen war.
Mit seinem Erbteil, das so in die Hunderttausende ging, fing der Mannes Reusch ein verwegenes Spekulieren an. Er kaufte ein Grundstück nach dem andern, droben im Oberdorf, wie unterhalb der Sperrmauer. Hatte man erst die Talfper^, die ungeheure Kraftauelle, so würde auch die Industrie nicht lange mehr ausbleiben. Da konnte, wer sich beizeiten Mit Bauterrains eindeckte, Millionen verdienen. Freilich, es war ein Zukunstsgeschäst, aber bombensicher. ,
Und so kaufte und kaufte der Reusch-Mannes. Sem eigen Erbe legte er so fest und das seiner Schwester, der er goldene Berge versprach, schon in fünf, sechs Jahren. Aber selbst daran hatte er noch nicht genug. Noch andere. Fremde, wußte er anzustecken mit seinem Spekulationsfieber. Er wußte es ihnen ja so schön klar zu machen, wie man im Handumdrehen ein schwerreicher Mann werden konnte. Tausende von fremden Arbeitern und Werkbeamten würden hier ins Land kommen, war es erst einmal so weit. Mit ihren Familien tausende! Die Orte würden zu Städten werden über Nacht. Genau so wie drüben in Amerika. Da mußte man Vorsorgen, gründen, bauen — ein Warenhaus, Läden, ein Hotel, Wohnhäuser, aber auch Stätten des Vergnügens — ein Kino- theater. Modern würde hier oben alles werden — nur zugepackt, schnell und entschlossen! Ehe die Unternehmer von auswärts kamen mit seiner Spürnase. Im Lande mußte das Geld bleiben. . , „
Das schlug ein, und das Kapital, das der Reusch- Mannes den Leuten unlängst gezahlt für ihren alten Besitz, den sie ihm verkauft, wanderte wieder zu ihm zuruck. Em« große Baugenossenschaft wurde damit begründet, und der Mannes ihr Direktor. Schnell sprach sich's im ganzen Rauhen Grund herum, und es ging wie mit den Motten am Licht. Sobald nur die erste hineingetaumelt war, kam bald eine nach der andern. Selbst ruhige, besonnene Leute wurden angesteckt von dem Goldfieber. Wer wollte auch nicht mühelos reich werden? So trug selbst manch schlichter Bergmann seine sauer in der Grube verdienten Groschen dem Mannes hin, als Anteil an der neuen Baugenossenschaft, deren prunkendes Firmenschild bald an einem der neuen Häuser droben im Rödig prangte.
Nur einer war im ganzen Rauhen Grund, der warnte. Laut und vernehmlich, selbst von der Kanzel herab. Vor dem Gründungsschwindel, mit dem es ein Ende voller Schrecken nehmen würde. Aber wenn ein Zaghafter dem Reusch- Mannes damit kam, dann lehnte sich der in seinem eleganten Privatkontor nur überlegen in den Klubsessel zurück, hob nachlässig die wohlgepflegte Hand mit dem funkelnden schweren Brillantring und lächelte mitleidig den Besorgten an:
„Der gute Burgmann wird allmählich doch zu alt. Werl er selber nicht mehr mit kann, zetert er über jeden andern. Mer wenn Sie Bedenken haben, mein Lieber — in Gottes Namen! Bleiben Sie davon. Wir brauchen Ihr Geld ja nicht.


