Mittwoch, den 2 \. November
Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul G r a b e i n.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Neben dein Hauptmann, dein Obersteiger Hannschmidt, stand der Werksdirektor. Auflodernd traf jetzt auch ihn der Bannstrahl aus den Augen des fanatischen Eiferers. Doch er stieß au? einen eiseskalten Glanz in Bertschs Blick.
„Wollt ihr das ruhig hinnehmen?"
Schneidend klang dessen Stimme Hannschmidt ans Ohr.
Finster starrte der Rotbart vor sich hin. Die Stirnader geschwollen. Aber sein Auge streifte den Priesterrock drüben. Ungewiß — unschlüssig.
„Fort mit der Fahne! Ans meine Verantwortung!"
Da zuckte es in dem verwitterten Gesicht .Hannschmidts auf.
„Fahne abbringen — kehrt, marsch!" '
Halblaut, aber scharf kam das Kommando, eine stramme Wendung, und die Abordnung der Grünen'Gilde ging lautlos von: Platze. Ihr nach die zwölf unterm Gewehr und -alles, was sonst noch die Schütz ennui form trug. Als letzter folgte Bertsch. Langsam und ruhig.
Burg mann eiferte weiter, mit wild aufbrausendem Grimm. Aber der Eindruck seines Strafgerichts war hin. Statt der Zerknirschung in jeder Brust vielfach nur stumme Schadenfreude. Der andere war der Sieger geblieben. Wieder einmal. Und selbst hier aus seinem eigensten Boden. Da schüttelte der Alte im Dakar die geballten Fäuste in zitterndem Zorn. Warum geschah ihm das, der doch nur [beit Willen des da droben erfüllen wollte, mit heißem, [inbrünstigem Herzen? Wo blieb der Gott, dein er diente, mit seinem rächenden Strahl? Sollten auch seine Altäre noch stürzen, !vie alles, was einstmals hoch und heilig war hier in diesem Lande?
*
Eberhard von Selbachs Urlaub, den -er aus Anraten seines Oheims ans §rei Monate hatte verlängern, lassen, -ging seinem Ende -entgegen. Noch ein paar Tage, dann mutzte er wieder bei seinem Regiment sein, in der ost- preutztschen Garnison. Wenn er es nicht vorzog, auf die Vorschläge einzugehen, die der Onkel ihm gemacht hatte.
Es war Abend. Die beiden Männer faßen allein in der großen Halte des Adligen .Hauses. Auf dem Altan, dem erhöhten, balkonähnlichen Sitz, der auf zwei schweren, wuchtig gewuirdenen Holzfäulen ruhte und zu dem eine Treppe mit altersdunkelm Barockgeländer vom Fußboden heran fführte. Es loar Henner von Grunds Lieblings platz. Hier, auf diesein erhöhten .Herrschaftssitz, hatten seit Jahr-
? milderten von jeher die Herren vom Mliaen Hause ge- essen init ihren Familienangehörigen, während drtrnten am langen Tisch vorm Kamin beim Licht der Kienfackeln
das Gesinde versammelt war, bei Spinnrad und Mannes- handarbeit.
Wie ein Hauch jener vergangenen Zeiten hing es noch heute hier in der Halle mit ihren geheimnisvollen Schatten in den tiefen Winkeln hinter allerlei seltsamen Mauervorsprüngen. Ein weiches Halbdunkel umhüllte alle Gegenstände. Mir aus dem mächtigen Kamin, wo armdicke Bnchenscheite brannten, kam ein roter Lichtschein. Aber seine Kraft verlor sich bald in den: weiten Raum. Ver- gebens mühte er sich, die Wände emporzndringen, deren ursprünglich- weißer Kalkbewurf vom Ranch der Jahrhunderte einen wunderbar warmen Ton bekommen hatte. Ein Braun, das sich durch alle Abstufungen bis zum tiefsten Schwarz wandelte, wie es hock droben an den ungeheuren Deckenbalken sichtbar war mit einem ölen Rußglanz. Ungewiß dämmerten dort am Gebälk auch abenteuerliche Formen aus —- riesige Speckseiten und Schinken, deren Raucher- du st sich mit dem Geruch der brennenden Holzscheite mischte und ein eigenes Behagen verbreitete. Den Hauch eines kernhast deutschen Hauswesens von uralter Bodenständigkeit.
Henner von Grund saß in dem hochgeschnitzten Armsessel und rauchte schweigend vor sich hin. Wie die mächtige Gestalt des Herrn vom Adligen Hause so in sich gesunken, ein wenig nach vorn geneigt, schwer auf den ausgestützten Ellenbogen ruhte, war etwas Müdes an ihm. Seitdem ihn damals die Hand der Vernichtung warnend gestreift, nagte es leise an seiner Lebenskraft. Wie eine seiner Eichen draußen im Walde war er: noch gewaltig anzusehen, aber niorsch im Mark.
So saß er still, tief in seine Gedanken verloren, die das Gespräch eben mit den: Neffen wachgerufen hatte. Doch jetzt wandte er diesem das Haupt zu.
„Nun — was denkst du also zu tun?"
Eberhard von Selbach sah nachdenklich zu dem Kamin drunten, wo die Holzscheite gerade laut anfknisterten und zuckende rote Lichter über die ausgetretenen Fliesen des Fußbodens rinnen ließen. Dann richtete er sich in seinem Sitz etwas auf. , . ^ „
„Ja, Onkel — ich wäre ja soweit entschlossen.
„Alber?"
"@fe! Sie kommt doch für die Entscheidung auch in Frage, als dereinstige Miterbin — wenn wir diese Dinge wirklich einmal berühren wollen."
„.Ich bin doch kein altes Weib!"
„Nun gut. Also, wer weiß, -ob sie damit einverstanden ist, daß ich mich hierhersetze und die Verivaltnng der Gnts- geschäste in die Hand nehnie?"
„Was sollte sie dagegen haben? Sie kann doch nur froh sein, wenn ein Mann da ist für diese Dinge."
„Ich weiß doch nicht — so über sie hinweg mochte [ich mich keinesfalls entscheiden." ^ . . .
Wieder ein Schweigen. Henner von Grund tat ein paar Züge aus seiner Zigarre, dann sah er zu dem Neffen hinüber. ^


