Ausgabe 
22.11.1915
 
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Es war ja ein bischen gefährlich. Aber es ging doch noch ganz gut."

-Tann redeten sie wieder von vielen Dingen und lachten zum ersten Mal.

Mitten im Gespräch wurde Jessen plötzlich still. Ihm ging etwas durch den Kopf.

Tübinger, du solltest mit mir kommen," sagte er kurz und hart.

Ter Oesterreicher sah ihn an.Was meinst du?"

La schwieg Fritz Jessen verlegen.

Was wolltest du denn?" fragte Tübinger noch einmal.

Tu solltest mit mir kommen. Auf mein Dorf. Mein Haus will ich dir zeigen und meinen Hof und meine Frau und die Kleinen," entwortete Jessen langsam. Und bei jedem Worte ging ihm ein freudiges 'Gefühl durchs Herz, das ihn leichter machte. Das ausgesprochene Wort weckte alle schönen Erinnerungen.

Jessen mochte den Oesterreicher nicht ansehen, als schäme er sich.

Aber wann soll ich in mein Haus?" forschte Tübinger.

Ta wurde Jessen traurig, denn er fühlte, daß dieses Wort schwer war.

Aber nach einer Weile fragte er wieder wie ein Kind, das trotz des Verbotes der Mutter immer wieder kommt und bittet.

Tübinger sann. Doch er wägte nicht ab. Dann sagte er plötzlich einer Stimme, die so frei und treu klang:Ich will kommen, Jessen/'

Fritz Jessen lächelte vor Stolz.

Noch vier oder fünf Wochen lagen die beiden im Lazarett.

Ta waren sie schon vorbei.

So fuhr Fritz Jessen mit seinem österreichischen Freunde der holsteinischen Heimat zu.

Nack; langer ermüdender Fahrt verliefen sie den kleinen Bahnhof, um das letzte Stück zu Fust Wer Land zu gehen. Tübin­ger zog das Bein noch ein bischen nach. Jessen trug die Schulter noch in einer Binde.

In die Türen der Häuser und an die Fenster traten die Frauen und Kinder und starrten die beiden seltsamen Wanderer an. Die Gänse liefen schreiend über den Weg, und die Hühner Lruben sich in den dünnen warmen Sand ein.

Fritz Jessen!", rief eine Mte ans der Tür.

Tag,Tag," erwiderte er.Was macht Karl?"

Da waren sie schon vorbei.

Fritz Jessen trug ein Herz voll Stolz und Freude. Ter Oester­reicher liest die Augen flink hin- und hergehen.

Nach einer halben Stunde waren sie vor der Tür von Jessens Haus. Fritz Jessen tat, als sei er nie fort gewesen. Er hatte nichts vergessen.

Sie traten über die Schwelle.

Tag, Christine!" waren Jessens Worte.

Tag, Fritz! Wo kommst du denn her?"

Tann gaben die beiden sich die Hände. Mann und Frau. Das war ihr einziger Grust.

Hier Hab ich einen uütgebracht," sagte Jessen und zeigte auf den Oesterreicher.Den Hab ich nachts mit dem Wagen aus dem Schnee gefahren." Christine wischte sich die rechte Hand an der Schürze sauber und reichte sie dem Oesterreicher.

Nun kommt nwm rein," lud Fritz Jessen ein und öffnete die Tür der WohnstWe. Tübinger folgte. Er wunderte sich im stillen Wer den kurzen Grust zwischen Manu und Frau, der so gar nicht herzlich zu sein schien. Mer er fühlte dann doch die Freude, die in den paar Worten lag.

s Jhm fasten sie zusammen um den runden Tisch. Christine Jessen sprang dann und wann auf, um nach dem Kaffee zu sehen, und so oft sie tmeder herein kam, sah sie ihren Mann mit e in-ejm Blick stiller Liebe an.

Später zeigte Fritz Jessen dem österreichischen Freunde Hof und Stall, Scheune uns Schuppen. Kein Winkel war da, von dem er nicht erzählen konnte, während der Hund ihm winselnd vor Freude am Bein hochsprang.

Am anderen Morgen gingen sie auf den Acker. Da war der Knecht beim Pflügen. Sie sprachen von der Arbeit. Tübinger fragte und erzählte, was in seiner Heimat airders gemacht werde.

Morgen wollen wir rinthessen," rief Jessen und schlug dem Freund aus die Schulter.

Gewiß, Jessen. Ob wir's noch können?" lachte der Oester­reicher.

Das verlerne ich nie " sagte Fritz Jessen ehrlich und be­kräftigte es mft einem Kopfnicken. Dann gingen fic heim.

Der Frühling ströntte durch das Land, warf Wer Bäume und Büsche bunte Schleier, wirbelte den Wind, dast er die Wolken in die Ecke trieb, und freute sich selbst am meiste?, seines unruhigen Wesens.

In der Frühe ldjss nächsten Tages gingen die beiden Feldgrauen mit dem Knecht zu Acker. Der Knecht führte die Pferde. Pflug und Egge wurde draußen bespannt.

Ter Oesterreichcr griff den Pflug, setzte ihn in die rechte Furche und drückte die blanke Schaufel in den weichen Boden, während der Braune langsam anzog. Tübinger humpelte hinter den? Pflug, dast Jessen lachen mußte. Aber es war ein ehrliches Lachen. Nach

einiger Zeit, als Tübinger mehrere Furchen gezogen hatte, setzte Jessen die Egge ein und trieb den müden Gaul an. Hinter ihm ftel eine Schar Krähen an den Acker. Ein Storch ging in einige« Entfernung mft.

Die beiden Männer arbeiteten ernst und still. Jeder wie in früheren Tagen. Ein alter Stolz kam in ihnen hoch, den hatterl sie nicht verloren. Es war bei beiden das gleiche trotzige Gefühl.

Als sie wieder heimwärts gingen, sagte Tübinger und lachte laut:Das hätt' ich mir auch nicht träumen lassen, dast ich hier sollt' noch mal einen Acker pflügen!"

vermachter.

* D e r zahme K u cf w et. Die deutsche Kriegsgeschichte ist reich an? humorvollen Geschichten, vor allen? auch au solchen, in denen sich das naive Heldenturn deutscher Soldaten in unbewußter Natürlichkeit offenbart. Es war in der Schlacht bei Möckern am 16. Oktober 1813, dein Vorspiel zur Völkerschlacht bei Leipzig. Da bemerkte bei einem Angriff des Mecklenbur;-Strelitzschen Husaren- Regiments der Husar Timm, wie zwei französische Offiziere m Pferde das allgemeine Getümmel benutzten, um sich seitwärts m die Büirhe zu schlage»?. Schi?ell setzte er ihnen nach, ritt einen nieder und hieb auf den anderen ein. Da sah er, wie der Ossizier ängstlich mit dem Oberrock etwas Blankes zu verdecke»? sich be- inühte. En? Hieb ziviugt den Oiflz'er, seine»? Schatz fahre»? zu lassen, in»? sich durch die Flucht z»» retten. Tin?»?? hebt die blanke Beule auf und ruft erstaunt ans:Kiek einol een Kuckuck!" Es war ein goldener Adler der französische»? Kasergarde, der einzige, der in? Völkerrtngeu in und um Leipzig in die Hände der Ver­bündeten fiel. Als Timms Regiment sich gesau?n?elt hatte, ließ er eine,?Kuckuck" von den Kameraden be»v?u»dern, ein Offizier ward ausmerksam und befragte ih»?. ivas er da habe.To Befehl, Herr Leit»nann, 'neu Kuckuck aus Mifsing. de»? ich 'ne>? frauzfcher? Offe- zieh afgenehmen Hab." Der Offizier »?ah»n de»? Kuckuck u»»d be­lehrte Tiutiu, daß er ei,reu Adler der französische»» Kaisergarde er­obert.Wenn dt» heute abeitd noch lebst, »nelbe dich bei mir!" sagte der Oifizier, lietz den Adler in Sicherheit bringen uird von neuem ging's geqei» den Feind. Ti»u>»? kain wohlbehalten a»»s dem Schlachtgetümmel,,neidete sich und »vurde »nit Jemen?Kuckuck" zu Blücher geschickt, der ilm belobte und versprach, höheren OrtS von sei».ein guten Fang Meld»»,?g zu »nachen. Dies geschah auch, m?d zivar beim Einzüge der Fürst!icbkefteu ii» Leipzig an» 19. Oktober Tin,in »v»»rde de»»? Kaiser Alexander und de»n König Friedrich Wilhelin III. vorgestellt, und derKuckuck" ging bei de»? Fürsten ?rnd deren Geiolge vo»? Hand zu Hand. Da aber sagte Timm:Nu, as (da) ick den Nabvogel (Raubvogel) tamm (zahl»?) »nakt häv, nn mögt in (»hr) ei»? :vol nv de Finger huppen laten; vorvorjistern harret (hättet) jit dat schölle»? blieven (bleiben) laten, met ein Io fpeelen!" - -

Vüchertisch.

-Da s Buch für "Alle." (Union, Deutsche Verlags- gesetlschaft, Stuttgart.) Die Entdeckung eines getreuen Bildnisses des Komponisten derWacht am Rhein", Karl Wilhelin, der uns vor inehr als 60 Jahren die kraftvoll schöne, schon 1870 ins Volk übergegangene 'Melodie z»» Sch»»eckenburgers Dichtung gab, gelang der ZeitschriftDas Buch für Alle". Das »»eiiefte Heft enthält eine Wiedergabe des Originalgemäldes vo»? Franz Stitz inSchmal- kalden, das i»n Besitz der Stadtgemeinde Tuttlingen vorgefunden »vnrde. A»?ch die übrigen zahlreichen Abbildungen der uns vor­liegende»? Nummern bekunden den q»»tcn Geschmack und das ernst­hafte Bemühen, de»? Lesern echte Kunst und imereffnute Darstellungen zu bieten. Wir erwähne»? beispielsweise das mächtige Bild wo»? Curt Schillz:Die Kosaken des Zaren",Der Abschied des ein- berufenen Landesschützen" vo»? Fritz van der Venire;Die Er- stürnrung _einer russischen Stellung in Kurland" vo»? Professor Anton Hoffmanu oder Motive a»»s glückltchen Friedenszeitei»,Die Weinlese" von Klimsch,Per»stl)l" von Leopold von Rotha»»g oder das fernhrnnoristischeDer letzte Zahl?" von H. Best mrdIn» Klosterslall" vo»? Professor Fehr.

Für fleißige Kinderhände", Anleitung zur Her­stellung vo»? Kinderarbeiten nach den Erziehungsprinzipien Friedrich Fröbels von Hedwig Seidel. Reich illustriert. Preis 60 Pfg. Verlag der Jaegerschei» VerlagSb»ichhai?dlin?g in Leivzig ünd Berlin. Alle möglichen Kunftarbeiten, Flechtwerk, Papier- kinfferei, Näharbeiten, Anfectig»,i?g voi? Ehristbaunnchmuck, Papp- imb Stäbchei?arbeite»? njw. »verdei? in den? Büchelchen be­schrieben. ----

Charade.

Eii»en Giganten des Meeres, ein anhallisch'Städtchen zur Halste, Hast du geschickt sie vereint, klingt dir ein lieblicher Tanz..

Auflösung in nächster Nuinmer.

Auflösung des magischen Dreiecks in poriger Nummer: 0 L A R A LYRA ARM R A A

Schristleitung: Auq. Goetz. - Rotationsdruck und D-rlag der Brühl'schen HerlitätZ.'Bilch- und Steindruckerei. R. Lsnge. Gießr^