Ausgabe 
18.11.1915
 
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Die vom Rauhen Grund.

9koman von Paul Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Still war es im Zimmer. Bertfch Augen starrten immer noch mit wildem Glül)-en nach der Stelle, \vo sie eben gestanden. Endlich aber blickte er um sich Wie ein Erwachen aus wirrem Traum. Langsam tastete seine Rechte zur Stirn. Sie war kalt und feucht. Wie grauenhaft war das alles! Ein Ekel überkam ihn, vor dem Leben vor sich selber. Und er verließ das Zimnver, ging hinauf in seine eigenen Räume.

Stundenlang blieb er da noch ans in ruhelosem Hin- und Herschreiten. Bis endlich die zuckenden Nerven ruhiger wurden. Ein Bedürfnis nach frischer Luft überkam ihn, und er trat hinaus auf den Balkon vor seinem Wohnzimmer.

Draußen lag der Mondschein in dem weiten Talgrund. Langsam glitt sein Blick dariiber hin. Nun tauchte es drunten in der Tiefe aus: ein schwarzer Spiegel mit matten, Silberglanz der Fischbacher Weiher. Dunkel lagerten sich um ihn die Berge. Geduckt, lauernd wie riesige Un­geheuer.

Da umtlanttnerte es ihm noch einmal die Brust, mit eiserner Faust. Und er wandte den Blick in entgegen­gesetzter Richttlng. Zu den Haubergeu drüben. Der ^>ind stand von dort her. Herb sckstng ihm die Nachtlnft au4 oen jungen Eichen droben entgegen. Aber es tat ihm wohl. Das war Geruch des Heimatbodeus. Äiauh und kräftig. Wie eine Mahnung.

Wohl hatte ihn ein Sturm geschüttelt, dicht am Um­brechen. Alrer noch saßen die Wurzeln fest. Da hob er wieder das Haupt und schickte den Bltck weiter hin über den Talgrund.

Dort hinten blinkte es hell auf am Nachthimmel. Wohl ein Stern. Und da'noch einer? Nein, Lichter waren eS, droben von seinem Werk. Die ganze Nacht hindurch strahlten dort ja die elektrischen Bogenlampen.

Leuchtfeuer schienen sie ihm, die seiner Lebensfahrt wieder Richttlng und Ziel gaben. Ein paar Schritte weiter tat er da auf dem Balkon, bis hart an die Brüstung. Nun sah er dort drüben am Hang einen rötlich-dunstigen Nebel schweben. Dunkel stieg es daraus empor. Die Schatten­risse von Hallen und Essen. Ein dumpfes Brausen zitterte herüber durch die Talweite. Dann ein blutrotes Aufslackern oben an einer der Turmbauten ein Hochofen, der gichtete. Und jetzt Lichter über Lichter, strahlend, ein ganzes Heer von Sternen, die nrenschlicbe Schopfungskrast gezeugt. Dazu «in Rasseln, Fauchen, Dröhnen, der Kampfruf der Arbeit, die auch des Nachts nicht schlummert, der ernsten aber segensreichen Arbeit, die dem Menschen das Beste gab im Leben: Das große Vergessen.

Eine rauhe Musik. Mer sie scheuchte die finsteren- monen, die Gerhard Bertsch »erfolgt hatten, zurück in ihr Nachtreich. Da wich endlich das Düster von seinen Zügen. Ernst waren sie noch immer. Sel)r ernst. Doch die Ruhr stand wieder darin. Jetzt gehörte er von neuem der, die sein Leben so lange ausgefüllt hatte der Arbeit. Gehörte ihr ganz und ungeteilt.

In dem Hirschen war wieder einmal die wilde Jagd eingefallen. So sagten sie lackend in Rödtg, wenn der Uebacl>-Fritz im Ort zu Besuch ,oar, beim Reusch-HanneS» der sein alter Jugendfreund und Jagdbruder war.

Der Uebach ,var ein Rüdiger Kind, obwohl er jetzt drunten in Köln lebte. Als einfacher Schlosser hatte er angefangen seinerzeit und es dann draußen in der Welt zum großen Fabrikbesitzer gebracht und nur gar zum Kom­merzienrat seit dem vorigen Jahre.

Aber er war darum nickst stolz geworden, der Uebach- Fritz, und verleugnete seine alten Freunde von früher nickst. Das ,var so guter Brauch im Rauhen Grund, an dem er mit seinem ganzen Herzen hing. Darum kam er auch alle Jahre zur HerbNzeit hier, wo er eine Jagd gepachtet, für ein paar Tage heraus.

Toll ging's dann immer her im Hirschen, seinem Stand­quartier. Tagsüber Wcidwerl und Nacht für Nacht ein wüstes Gelage. Der Uebach-Fritz war der nüchternste Mann das ganze Jahr zu Hause in seiner Fabrik. Aber die paar Tage hier raste er sich aus.Das muß ich einmal so haben," gestand er selber mit seinem breiten Lachen, und er fand im Rauhen Grund wackere Kumpane, die ehrlich mithielten.

Seinewilden Jäger" nannte sie der Uebach-Fritz. Und wild genug sahen sie aus mit ihrem verschlissenen Zeug, den geflickten Hosen, verschmitzten Filzhüten und verrosteten Ge­wehren. Schlichte Bergleute waren ja die meisten, Jagd- gästc und Treiber zugleich. Vielfach kamen sie am Morgen zum Rendezvous geradenwegs von der Grube, wo sie die Nachtschicht hindurch gearbeitet. Ohne Schlaf ging es so ans Weidwerk, und die nächste Nacht wieder in die Grube. So trieben es einige von ihnen volle drei Tage hindurch.

Schießen aber trotzdem wie's Gewitter!" Lachend rühmte es der Kommerzienrat am ersten Tage beim Rendez­vous zu einem Geschäftsfreund, den er mitgebracht zur Jagd. Und treu wie gold sind mir die Kerls. Keiner wildert in meiner Jagd da laß ich meinen Kops für zum Pfand!"

Der Geschäftsfreund wußte freilich nicht recht, was er mit diesen rauhen Gesellen anfangen sollte. Er war ein steifleinener Herr und steckte in einem sehr feinen Jagddrcß. Als er sie die erften paar Minuten schwatzen hörte, in ihrer Mundart, wandte er sich herablassend an einen von ihnen, einen mächtigen Graubart.

Sie sprechen wohl gar Englisch, mein Lieber?"

Ach war. Englisch, Sie dummer Tribes!" Gering­schätzig sah der vom Rauhen Grund die ausgcpntzte Vogel-