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Und als der brttfe Mamr herauskroch, zitterte die Erde, in die der Unterstand hineingeichntten war, Sand riefelte zimiävn den gerammten Pfählen heraus: ein paar Natten fnhreir angstvoll aus ihren Löhern und flitzten scheu und häßlich in das neblige Gras des Feldes.
„Das l>at ein geschlagen," sagte der kleine Leutnant, als auch schon ein Unteroffizier erschien und mit ruhiger Stimme sagte:
„Volltreffer beim 9. Geschütz. Lafette und Räder kaput, zwei Kanoniere verwundet!"
Und dann verschwand das Soldatengesicht aus der Oeffnung des Unterstandes, über die der feuchte Nebel floß.
„Ta haben nur die Bescherung," sagte der Hcurpttnann, „daö geht nicht so weiter."
„Noch nichts?" wandte er sich an teil Telephonisten, der mir den Kopf schüttelte. Da erhob sich der kleine Leutnant: Gehrkens, nalM die Feldmütze ab. fuhr sich mit der Hand über daS geschorene rotblonde Borstenhaar, vaS so lustig gesträubt stand, und sagte:
„Na. dann bin ich dran!"
Er hielt dem Hauptmann die Hand hin und sah ihn mit einem langen festen Blick an, der nicht zu dem heiter-ruhigen Ton passen wollte.
„Geh', mein Junge." sagte der Hauptmann nach einer Pause. Ter kleine Gehrkens kroch hinaus. —
Ter Lauptmann und sein Telephonist warteten. Biele Ewigkeiten vergingen, da ouarrte es plötzlich.
„Leitung liegt." sagte es deutlich aus dem Apparat.
„Leitung liegt." wiederholte der Telephonist mechanisch.
.schade um den Unteroffizier." klang es weiter, „bat alles kir und fertip, liegt hier in einer kleinen Mulde. ?llso Achtung — schickt mal eine Salve raus!"
„Salve!" gab der Telephonist weiter.
Dröhnend brach es aus den Rohren der Geschütze über den Unterstand hin.
„Ganz gut," sagte Leutnant Gehrkens durch den Apparat,
,/Salve lag im feindlichen Verbindungsgraben. Jetzt mal lOO Meter kürzer!" —
„100 Meter kürzer!" gab der Telephonist weiter.
Und so lag der kleine Leutnant brausten, weit draußen vor dem Hügelrücken. der die anderen schützte, starrte durch sein Glas und war so entsetzlich allein in der Todesnot der spritzenden Kugeln und zackig reistenden Eisensplitter, die mit singendem Ton durch die Luft fuhren. Aber ruhig klang die knabenhelle Stimme immer wieder im Apparat:
./Salve — 50 Meter zu weit — 200 Meter nach rechts verlegen !"
Und jeden Befehl wiederholte der Mann im Unterstand.
Ta hörte das Anlagen auf. Ter Telephonist ries, schrie wieder, bann kam es endlich schwach:
„Kerle schiesten wie toll, habe eins in der: Arnr bekommen."
Ter Telephonist sagte es dem Hauptmann, der den Hörerbügel über den Kopf streifte:
„Halloh, Junge, ist's schliinm?"
„Nein," kam es zurück, „weiterschiesten!"
Und wieder kamen die Meldungen:
„Bravo — Volltreffer — jetzt 50 . . ." Es dröhnte und quarrte im Apparat, aber die Stimme schwieg.
Ter Mend leuchtete plötzlich mit seltsam rotem Sonnenschein dirrch den tief hängenden Nebel; Blut und Ranch zugleich schienen in der Lust zu schioimmen.
„Junge!" schrie der Hauptmann, dann horchte er lange. Tie Batterie feuerte weiter, aber die Schüsse fasten nicht mehr, seit die beiden Augen da vorn nicht mehr für sie zu sehen schienen. Der Feind kam auf und schoß sich wieder ein.
Ter Hauptmann hing noch an der Leitung im Unterstand, kaute an seinein grauen, wirren Schnurrbart und dachte an den kleinen, rotblonden Leutnant. Ta kam eine Stimme an sein Ohr, wie aus unendlicher Ferne:
,/Achtung Batterie — Feind holt Verstärkungen in den Neservegraben — Feuer weiter nach vorn legen . . .!"
„Hier Batterie," schrie der Hauptmann, .Zunge, bist du Noch munter?"
„Feuer — 30 Meter vor!" klang es zurück.
„Rollsalve — SO Meter vor!" schrie der Hauhünann wieder. Und dann in den Apparat: „Junge, wie getzt's?"
Tie Stimme war seltsam fcfjmarfj zu hören. Aber sie gab Nur die Entfernungen, von sich sprach sie nichts, so oft auch der Hauchmaiin rief. Wie mroerührt von allein Menschlichen kamen die Ansagen, als. ob daS Feld der Todesnot meilenfern! lüge:
„Volltreffer — 10 Meter zu kurz- — Treffer . . ."
Der Hauptmann sah nach der Uhr. Es war sechs. Jetzt wußten die Verstärkungen bald da sein. Er schickte eine Ordonnanz zurück; keuchend kam der Mann wieder:
„In zwei Stunden kommt eine Jnsanteriebrigade und setzt kirren Gegenarrgriff an."
Langsam rannen die MinrUen dieser beiden Stunden. Und leise rmd klar sprach die Stimme im Apparat, rvas die Augen sahen,
sich ovferrrd für die ganze Batterie und alte Leute, die in den Schützengräben lagen.
„50 Meter — Treffer — 100 Meter!-"
Als die zwei Stunden um waren, dröhnte der Schritt Preußischer Regimenter, die Brigade rvar da — auf die Minute. Die todmüden Männer in den Gräben sprangen auf und stürmten mit. Und vor derr Bajonetten in ihren Fäusten brach die Zähigkeit des Feindes. Er räumte seine Stellung und zog ab. — — — —
Hinter den Sturm reihen lief der Artillcrieha uptm ann. mit ihn, znnn Sanitätssoldaten, die er mitgenommen hatte. Sic rannten deni Telephondraht nach, der zttnschen Erdklumpen und Gefallenen und GraSbüscheln ins Feld hinauslief. In einer kleinen Erdmulde endete er. und dort lag der tote kleine Leutnant Gehrkens. Die Sanitätssoldaten hoben ihn auf und brachten ihn in den Batterie Unlerstand zurück.
„Bis zum letzten Augenblick," dachte der Hauptmann und nahm seinem Neffen die Brieftasck^e mrd die Uhr aus deni Rock. Die mußte er nun nach Deutschland schicken, damit seine Mittler wenigstens etwas hatte, über das sie sich beugen konnte.
Aber die Uhr sperrte sich, sie hing fest im Rockfutter. Vorsichtig löste er sie ans dem Tuch; sie war zerschossen, und nur das Zifferblatt war heil. Dieselbe Schrapnelladung, die den kleinen Leutnant traf, hatte auch das Uhttoerk zerschlagen.
Ter Hauptmann sah aus die zerschossene Uhr, die Zeiger starrden auf % 6 !
„DaS kann nicht sein," sagte der Hauptmmm laut vor sich hin und starrte auf das weiße Zifferblatt. Es zeigte aber doch ^61
^Telephonist!" schrie der Hauptmann. Der Mann stürzte herbei.
„Wie spät mag's geivesen sein, als vorhin die lange Pause war?" fragte er den Soldaten, „als ich schon dachte, den: Herrn Leutnant sei 'was passiert?"
Der Mann stand stramm.
„Es wird gegen 8/46 gewesen sein," sagte er, langsam über legeiid, „ich Hab' nämlich grade um die Zett selbst nachgesehen ..
Der Hauptmann sckückte ihn fort. Und seine 0>edanken rissen sich wund an der Tatsache, daß die Uhr ^46 zeigte. Denn daÄ war die Todesstunde des kleinen Leutnants Gehrkens. Und doch — er selbst hatte bis fast 6 Uhr die Meldungen durch das Telephon gehört!
Dem Hauptmann schüttelte es kalt durch den Körper. Er konnte nicht mehr allein sein — oder er wurde verrückt.
Er stand schwerfällig auf und suchte den Wachtmeister, der breitbeinig auf einem Baumstumpf fast Mid beim Schern einer! Taschenlampe in seinem Notizbuch kritzelte. Als der Offizier durch die Nacht näher tastete, stand der Waclstmeister auf.
„Leuttrant Gehrkens ist gefallen," sagte der Hauptmann. Und dann erzählte er dem Wachtnieister das andere. Ter Wachtnieister starrd stumm, er spürte instinktiv, wie der Haupttnann sich quälte, darum begann er von etwas airderem zu sprechen.
„Herr Hauptmann, ich habe eberr Appell abgehalten. 8 Marm tot oder vermißt, 20 verwundet — es hätt' schlimmer ivevden können!"
Ter Hauptmann hob den Kopf.
\>r ist tot?"
Der Wachtmeister zählte auf.
„Und der Beskow, der kleine- Blasse vom zweiten Geschütz, wird wohl auch tot sein. Jedenfalls hat ihn fett heute mittag? niemand gesehen."
Ter Hauptmann sann nach:
„Wer — Beskow? Ach ja, ich weiß schon, der schlappe Kerl vom Ersatz mit dem schwarzen Haar. Mein Neffe hat sich ja aerade für den Mann interessiert und ihm mancherlei nachgc- sehen — ja, nun sind beide hin!"
Tann setzte er sich neben den: Wachtmeister und wühlte sein, graubärtiges Gesicht in die Häirde. — —
Am anderen Morgen weckte der Wachtmeister seine Leute, die wie die Toten in der lauen Sommernacht gelegen hatten. Das Kommando kam:
„Aufprotzen!"
Ta gab es eine Stockung. Vom -Hügel her schleppten zlver Soldaten mtt der roten Kreuzbinde am Arm eme Tragbahre und stellten sie vor der Batterie auf die Erde. Auf der Bahre lag eint blasser Artillerist, das schwarze Haar mit Blut und Erde verklebt wirr in der Stirn. Tie Häirde hielten den Helm mit dem Kugelknopf fest umklammert.
Bei dem leichten Stoß des Niedcrsetzens schlug er die Augen aus.
Der Hauptmann sprang vom Pferde und trat an die Bahre:
„Wer — Mensch, Beskow, sind Sie das?"
Der Blasse macht die Bewegung der Ehrenbezeugung:
„Zu Befehl, Herr Hauptmann!" „Wo
,,-w« waren Sie benn?'
Der Verwundete versuchte die Hand zu heben. Er wies auf das Feld hinter dem Hügel.
„Tort. dort draußen — mtt Herrn Leutnant Gehrkens."
Der Hauptmann starrte ihn verständnislos an.
„Wett der Herr Leutnant ttnmer so gut zu mir war," fuhr der Artillerist fort, „wollte ich nicht — wollte ich mtt — damit er nicht allein gehen sollte." , . ^ „
„Sie waren also da draußen iber meinem Neffen?"


