Ausgabe 
30.10.1915
 
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Die vom Rauhen Grund.

Roman von P a «J Grabein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Bald mehrten sich die Ameichen der Industrie, die hier in den Waldfrieden eingevrochen war. Es lichteten sich die Mume. Frei lag vor dem Auge die Bergkuppe' mit ihrer weiten Rodung. Hell schimmerte es aus. Ein mächtiger Betonbau, an vier Stockwerke hoch: Das Förder­werk mit den Aufzügen und Steinbrechmaschinen. Droben in schwindelnder Höhe fügten gerade Zimmerleute, ver­wegen an den Balken hangend, die letzten Sparren in die Dachrüstung. Daneben stiegen die hochragenden Essen des Kesselhauses aus. Und ringsumher, wie ein Burgwall aus vorgeschichtlicher Zeit, schwarzgraues Basaltgeröll.

Das Auto hielt, und die drei stiegen aus. Vom Meister empfangen, der die Arbeiten hier oben leitete, führte Karl Steinsiefen seine Gäste überall umher, berichtete und er­klärte. Er sprach zu Bertsch hin, doch seine Augen hingen an Marga Rensch. Diese aber hatte weder Interesse noch Verständnis für das, was es hier zu sehen gab. Ebenso­wenig beachtete sie Steinsiefens Bucke. Immer noch be­schäftigte sie die Wahrnehmung vorhin da unten mit Eke von Grund. Und doppelt heiß brannte in ihr der Wunsch auf, sich Bertsch zu gewinnen schon, um ihn nicht etwa der andern zu lassen.'

So wartete sie mit steigender Ungeduld ans eine Ge­legenheit, Gerhard an ihre Seite zu bekommen und sich mit ihm etwas abzusondern. Und sie bot dazu die Hand. Vor irgend einer Maschinerie blieb sie stehen, anscheinend gefesselt von dem Anblick, und zeigte mit dem Sonnen­schirm:

Was ist denn das hier, Herr Bertsch?"

Der Angeredete, der gerade vor ihr neben dem Werk­meister stand, blickte flüchtig zurück.

Ein Paternosterwerk."

Dann wandte er sich gleich wieder an seinen Begleiter, ganz Bernfsinteresse:

Wo kommt eigentlich die Seitbahn von unserer Zeche herauf?"

Hier, Herr Direktor!"

Und die beiden gingen zu der Stelle hinüber.

Marga Rensch biß sich ans die Lippe. Ties bohrte sich die Spitze ihres Sonnenschirms in den Sandboden.

Steinsiefen benutzte sofort den willkommenen Anlaß und trat an ihre Seite.

Nun, wie gefältt's Ihnen hier oben?"

Ein abscheulicher Schmutz!" Und sie blickte ungnädig zu ihren Füßen nieder.Man verdirbt sich ja alle seinÄ Sachen."

Oh wahrhaftig!" Ganz bestürzt sah auch er zu den zierlichen Schuhen von fliederfarbenem Glace nieder.Ent

schuldigen Sie nur vielmals. Aber Sie sollen keinen Schritt mehr zu gehen brauchen. Ich fahre Ihnen daÄ Auto her. Einen Augenblick nur!"

Schon war er fort und bald darauf wirklich mit dem Wagen da. Sie stieg ein. Ihr Blick suchte Bertsch. Aber der war nirgends zu sehen. Er steckte sicherlich irgendwo in einem Maschinenhans mit dem Menschen, dem Werkmeister. Da sah sie Steinsiefen ungeduldig an.

Wie lange soll man hier wohl noch warten, bis eJ Herrn Bertsch einmal beliebt?"

Schnell griff er zu. Diese Gelegenheit, mit ihr allein zu sein, kehrte ja so bald nicht lvied-er.(

Bitte ich fahre Sie gleich heim, wenn Sie wünschen. Bertsch hält sich sicher noch eine ganze Weite hier auf. Ick) hole ihn nachher ab."

Und schon war er aufgesprungen, rief einem der beiter in der Nähe Bescheid zu and fuhr davon.

Doch sein Hoffen war umsonst gewesen. Seine Be­gleiterin blieb verstimmt und schweigsam. Kurz war auch nur dann der Abschied vor ihrem Hause. Enttäuscht fuhr er da seinen Weg noch einmal zurück.

Na wie war's?"

Ansblickend vorn Kartenspiel, bei denr er im Hono- ratiorenzimmer mit einigen Bekannten säst, rief es Marga im Vorbeigehen ihr Bruder zu. Aber sie zuckte nur die Achseln und trat rasch in ihr Zimmer ein. Heftig rist sie sich vorm Spiegel den Hut vom Kopse und bohrte die Nadel tief in das Samtkissen. Hassen konnte sie Bertsch bisweilen glühend hassen!

Und ihr Blick stog zum «offenen Fenster hinaus, wo droben aus dem Berghang die Zechenkamine ragten. Die weißen Hände ballten sich leidenscl)asilich und preßten sich so gegen die aufbrennenden Augen. Sollte sie sich doch getäuscht haben?

*

Vorsicht nicht anfassen!"

Rasch nahm Gerhard Berich Ekes Hand fort, die an der durchlochten Eisenwand des Förderkorbes unwillkürlich einen .Halt suchen wollte, nun, wo ihr der Baden unter der: Füßen zu weichen schien, beim Einfahren in den Schacht.

Wegen der Führung, in der der Korb gleitet."

Wie entschuldigend fügte er es hinzu. Aber sie nickte nur. Selbstverständlich hier in der Grube galten andere Berkehrsformen.

Tiefer sank der Korb: immer schneller und schneller^ Ein beklemmendes Gefühl dies Riedersausen, unter be­ständigem Schüttern und Rucken. In den Ohren dabei ein Druck wie tief unter Wasser. Eke sah sich unsicher ujm. im Schein ihrer beiden Grubenlampen.

Hier wenn Sie einen Halt haben wollen."

Und Bertsch wies ihr den Querbalken über ihrem Kopf.

Mit einem batikenden Nicken griff sie danach und fühlte sich nun sicherer. Voll ließ sie die Eindrücke dieser ersten Gruhenfahrt ans sich einwirken.