Ausgabe 
28.10.1915
 
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M: geordnet dastehenden Männerhaufen )mxb allgemach eine ntüi- tanjd) ganz leidlich aussehende Formation.

Wieder der Aufruf des Feldwebels: Emil Anton Moritz Schober!

Schweigen.

Vchobt? Feldwebel mit gehobener Stiinme: Emil Anton Moritz

Großes Schweigen. n . ^ er ^ldwebel mit rollenden Augen und wahrer Stentor- vrmme: Emrl Anton Schober.

. aus der hintersten Reihe, ertönte einHier'

![£? iinrflfifrt, speckig, fleckig, mit zerschlissenem Wams,

JJH ¥£ c r *^ durch die Männerrnauer und stand nun mrt schiefem Blick vor dem Feldwebel und luchste zu dem Ge­waltigen, der Mindestens ein und einen halben Kopf größer war als er, empor.

... ;A a ' rum Donnerwetter! Warum leisten Sie sick> den Luxus, fcv? auflTufenzulassen? Jetzt ist Krieg, mein bester Frerurd!

bva rft rede Minute kostbar, verstanden! Hören Sie schwer?"

Ich? Nee, Herr Hauptmann!" sagte lläglich der Kurze, verstandet/?'"^" ^ Blödjtnn! Herr Feldwebel ist mein Diensttitel, Jawohl!"

^Quatsch, jawohl! Warten Sie gefälligst, bis Sie gefragt werden. Beim Militär kann nicht jeder quasseln, wenn er Lust hat, und wenn ick) sage: verstanden, so ist das selbstverständlich, daß Sie verstanden haben. Sie scheineil mir ein Drückeberger zu Erstanden<j$ reun ^ Echen Sie mal gefälligst etwas stramm,

%? n lHviea und sah den Feldivebel ängstlich an. ff? dren * ie '^on. wieder schwer? Verstanden, habe ich Msragt! Da antworten Sie doch!"

Jawohl, Herr Feldwebel!" stotterte ganz iverwirrt der Kleine, weck er m diesem Falle auf dasVerstanden" antworten sollte.

WvWü ^ tn . Slc ^ da hinüber!" Und Emil Anton

Moritz Schober schlenkerte zu dem fünfgliedrigen Trupp und Ü'??. erngereiht. Krampfhaft hielt er sein Päckel. ein un- M der Hand"^^' nur Don Zeitungspapier umhülltes Paketchen,

Line Stunde später rückte der Trupp ab, am Nachmittag waren sre schon in ihrer Garnison, am Abend glänzten sie schon in Uni- form in chrer Kaserne.

. iLmil Anton Sckwber war zum ersten Rekrutendepot gekommen und unterstand dort der sechsten Korporalschaft. Als sich der Leutnant ferne neuen Rekruten ansah, die er in wenigen Monaten fetd-und gefechtsmäßig maclien sollte, kam er auch zu Schober.

S ST ^ ^h drollig aus. Ter Waffenrock viel zu groß, baber wohl der schlechteste der Kammer, die Hose, allzu reichlich Wotterte ebenfalls um sein Gebein, und aus dem großen iopf ber wie etn verquollener Kürbis ans dem speckigen Uniformkraaen hervorlugte, saß ein Feldmützchen, mindestens um vier Nummern zu klein.

Er &Ä 6 EUä-lsch unurögliche Ngur aus.

^Wie heißen Sie?" fragte der Leutnant.

Der Rekrut war voii der Anrede des nach seineil Bearisfe,, wigenrein l>ohen Vorgesetzten^ vor dem sogar der Fel" Äl d^ Jnbegnff aller Gewalt, stramm stand, so verblüfft, daß er errötete 7 und ein anderer im hinterm Glstch dem Milrtürische Disziplin iroch ein dunller Begrisf war ries keck' der iurze IRorfel" All-s fa&f m der' FeLw^l Wird?"^' äm Gttede hat nur der zu sprechen, der gefragt

~ -r 1 ? ©tunbmt hieß Rekrut Schober nur: der kurze Moritz ^lich ber, böswlllrgen Lnleraden hatte er noch einen anderen Spitznamen. Straßengrabentapezierer. Man hatte näm'ich ent- tz«. daß Emil Auton IMritz Schober seit 14 Jahrm bkrL Heimat- und rechtlos war. Ms Landstreicher von der faulantmütt- gen Sorte, als Fechtbruder, war er durch die Gaue gezogen, aller Ordnung Er Zeitbegriffe und Arbeitsfreude bar Daher das menschenscheue Wesen, daher die Furcht vor jeder Uni-

^efen fürchtet? fnnFtllJ emen Widersacher, ein gendarmarttges

^Oivritz" Rekrnteiizeit war für ihn uiid ferne Vor- uE g'erade eine Zeit der Wonne. Ungesckstckt, täppisch, dickfellig, faul und schmutzig, voller Landstreicher- machte er sich und deii Kameraden und Bor- ^ ber ivohlwollenden Art voller Takt fernes Korporalschaftsführers, des Unteroffiziers verdanken, daß er einigermaßeii mit der Nlili- Larischen Ausbildung der anderen Schlritt hielt und daß er nicht krnsllrch mit dein Sttafgesetz BekrrnntschafL machen mußte.

Nur in eiiienr Tienstzw'eig war er Meister, da ließ er die Ka-

nwvfr ^ luter - ^' r .Vatrouillendienst, im Heranschleichen Mi den Gegner, tm Ausspionreren. Während er rede A-rt des Exerzierens mu> vor allem das Badengehen in die städtische Schr^mmanstalt haßte, war er aufgeräumt und bester- Laune, wenn i ^blddreiist mit Vorpostenausstellung angesetzt lMimährrgen Praxis als Landslreiä^r verband ^ Zweiter, sich durch Gestrüpp zu winden, sich zu ver­stecken, dein laiischendeii Und jpähendeu Gegner auszuwerchen und

sich migeschen und Unbemerkt an Ven Feind heranznpirschen. Wer Eigenschaft besah er, die viele seiner üblen wett machte und die erklärte, daß er von der Behörde überhaupt zur C-inberusuug geangelt lverden konnte: seine Kviegsbegeisterungs ^"anipftsfreude. Er hatte sich, der er dock) heimatlos gF wesen, freiwillig einer Torfbehörde gestellt uiid war dort registtiert worden Er freitte sich in der Tat ehrlich aus den Tag, da er kalnpsrers war und mtt rns Feld rücken konnte. Ob er den: bei Er geistigen Verlotterung u.id Dösigkeit eine gewisse Ganner- schlanhert und Vagabundenbereck>iiung nicht fehlte, hoffte, durch wackeres Verhalten vor denv Feinde ein neues Leber: gründen zu komien, daß nach denr Kriege vielleicht kein Mensch nach semem Vorleben fragen würde uird es ihm, vielleicht ordensgeschmückt, errnoglicht wittde, irgend eine gesicherte Stellung zu erhalten, das ließ sich natürlich nicht feststetlen. '

nun ging es fort! Blumengeschnttickt standen die wohlaus'- gerüsteten V^minschafteii aus dem Kaseriienhof, empfingen Patronen und eiserne Ration und formierten sich dann zum Abmarsch. 9iur einer stand unter ikmen, dem niemand einen Abschiedsgruß zu- wiilkte, dem niemand ein Blümlein reichte: der kurze Moritz Er war ia fteiindes-, heinvat- und liebelos. DaS tat dem wackeren Unteroffizier G-ieske leid. Er schickte einen der zahllos vor dem Kasernentor aus den Auszug wartenden Jimgen mit einer Mark zun: nääKen Blumeiiladen und wenige Minuten später hatte auch der ftirze Moritz rote uiid weiße Nelken an Brust und Gewehr. Und jetzt staiiden dem Burschen wahrlich die Tränen in den Augen, und als ihm Vizefeldwebel Beck noch einen Taler schenkte, heulte er los Me ein Sckuloßhund. So viel Liebe und Achtimg war ihiu feit eineni Jahrdutzend nicht beschert geiveseri.

Und nun iM Felde. Der kurze Moritz hatte bald weg, daß die Anforderungen, die nmn in der Gariiison an die Rekruten gestellt, ein Kinderspiel gewesen waren gegen die Sttapazen dicht vor denr Feinde, er ,hatte aber arrch bald weg, daß die ganze Art des Ber- ^hrs zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und zwische:: den Kanieraden selbst ein anderer, ein freierer, gemütlicherer war als dahcml und das geftel dem Fechtbruder von ehedem ganz aus-, nehmerrd. Und stehe da, er taute aus. Sein scheues Wesen, sein ängstliches Lrrchsen nach rechts und links, eine alte Fechtbriider- ^"wohnheit, legte er nach und rmch ab. Das Requirieren, daS püren auf Feindes Spur, wobei immer Gefahr drohte, das Ueberimnd-en von Hiiidernissen, all das war chm bis zu einem geiviffeii Grade aus seinen! Bummlerleüen vertraut, ans der Zeit, da Gendarnr und Nachllvächter und Schutzmann seine Feinde waren.

Und Enill Anton Moritz Schober, der krumme Rekrut, ward binnen kurzer Zeit ein recht brauchbarer Feldsoldat. Dabei hatte er [eine Ohren allüberall, hörte auch durch sein Lauschergeschick von höheren Vorgesetzten so inancherlei, was wohl nicht für den einfachen Mann besttmmt war, und so stieg auch sein Selbst- bewußtsein und Selbstvertrauen. Und wenn er für eine geschickt angeführte Patrouille vom Major belobt worden lvar, da glänzten setne kletnen verschniitzten Luchsäuglein voller Stolz, Und in sttller Stunde, wenn er sinnend im Unterstand hockte, zweifelt« er selbst manchmal daran, daß er, der Soldat Emil Wtou Moritz Schober, derselbe Mensch sei, der noch vor Monaten fechtend durch die Gaue gezogen und nur bei Mutter Grün ge­nächtigt hatte. Und so envachte in ihm der Ehrzeiz. Er rvolltei höher hinauf, er, Anton Einil Montz Schober, wollte avan­cieren! Ach, welch holder Traum, wenn er könnte Gefreiter werden! Gefreiter! Diese Sehnsucht aller Mannscliaften, dieser Gipfel derGemeinheit". Ja, ja, aber wenn Millionen tot Felde stehen, kann nicht jeder Gefreiter lverden, auch wenn man einmal ?!. ne Lbiwillige Patrouille mit Erfolg erledigt, wenn man auch für die hungernde Koiupagnie mit Detektiv-Spürsinn eine ver­borgene Sau requiriert. Für ein Schtvein kann man in der deutschen Arinee noch längst nicht Gefreiten-Knöpse beanspruchen.

Und so geriet der kurze Moritz ins Grübeln, wie er könnt« avancieren. Und wie er so sann, es war an der Niedergebranntens Windmühle von Beeelaire, und dabei ein von der schweren Ar- tillerie ergaunertes Stück Speck von der Grüße eines leidlich aus- gew ach jenen Kürbis verdrückte, da kamen ein paar hohe Generale geschritten, blteben uirwett von ihm stehen und unterhielten sich eifrig. Ten kurzen Moritz, der sich hinter eine Ecke gedrückt, sahen ste Nickt. I

.Soeben hat mir ^Leutnant Iwan gemeldet," Hub der General- maxor an.

^er Flieger?" fragte die Exzellenz.

>vawohl, Exzellenz, er hat gemeldet, daß er das Munitions-4 oepot der schweren englischen Arttllerie entdcL hat."

Donnerwetter! Wenn da mal 'ne Vomoe drauf krachte!"

Er hat zwei Dinger falleit gelassen, leider gefehlt."

Schade! Sehr sck-ade! Da wären die schweren Mörser 'mal auf einen halben Tag ohne Futter und wir könnten dann stürmen! Wo liegt das Depot?"

Dicht an der Brücke über den L^-Fluß, am Südansgana von V.-Hein, etwa neun Kilonieter vor tlnscrer vordersten Lmie."

Und im Weiterschreiten sa.fte Exzellenz uocl>:Veranlassen Sre, daß morgen ein Flngzeuggeschwader konzentriert wird, das wollen wtr aus das Depot hetzen I"