Ausgabe 
23.10.1915
 
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Sie lachte und schob die ungewohnt streichelnden Finger von \m fort.

.. . Jungchen, was denn für Gold? Meine alten Broschen

snrd Andenken, die Uhr ist Vaters.. Hochzeitsgeschenk und die eisernen wir doch schon mit der Inschrift:Gold gab ich für Ersen" . . .

Otto zuckte die Schultern. m rv.'Adenkste, Mutter! Ich meine doch richtiges Gold? Goldstucker! Rücke doch raus mit, Muttchen, etwas haste doch sicher noch. ..."

Aber da lvar die fleißige Hausfrau ganz entrüstet und rot geworden.

Daß du mich so schlecht kennst. Junge! Vater im Krieg drau- ßen und noch Gold rm Hause! Wir alle bloß darauf zitternd, daß Deutschland negt, und noch Gold festhalteu! Nein, lieber Junge, für jo Uemlrch darfst du Mutter nicht halten, überhaupt nie- rrmTto mehr, der sich noch gut deutsch fühlt urrd nicht zu unfern Fcrnden halt. . . ."

Bums lag der ganze Durchschlag mit Apfelmus, das Anna an: Kuchenfenster durchrühren wollte, auf dem Fußboden. .. .

Aber Anna," sagte die Hausfrau ärgerlich,was machen! Sre denn ?"

cm -wo ich mir doch so verfchrocken Hab," verteidigte sich das Mädchen.Bon wegen das mit die Feinde Hallen! Und denn überhaupt, der Appelmus war nur noch Pelle . . "

. . ltand Otto schon vor dem Küchenfensterbrett, packte

dre Aufkreischende an den nackten Armen und hielt die Gelenke samt dem Durchschlag mit der Apfelpelle fest ....

Sie haben noch Gold!! Sie haben sich eben verraten! Raus damit, wenn ich Sie nicht als Verräterin vor's Schaffvtt bringen

,Fua, aua, wlllstc loslasse,t! Wo Hab ich denn Gold? Nich mal Silber, am vrernndzwanzigsten, was denkste denn von mich? Bloß merne Tante, die ,oo darnals aus Pirkallen wechflüchtete von wegen die Kosaken, die hat noch ne Brosche umjeyabt mit en Goldstück von Kaiser Friedrich, jawoll, Hab ich selberst fesehn, die muß se auch rausrücken, aber laß bloß los . . . auia . . .!"

"an* 0 '" '"ahnte die Mutter,was ist denn das nun wieder?"

' wohnt Ihre Tante Emma, .... ich gehe hin zu Ihrer Tante Emma," betonte er leidenschaftlich.

Mna aber stand ganz geknickt, r > "?a, toeim ich das inan bloß selber wüßte, Ottockeu. Als je m n Juli von hier is wcckckemacht, ging sie zu mein Onkel Karl und von dort nach Frieda Hannemann, da irgendwo in Wesp- pxeußen, und von dort is se wvll wieder."

Mer Otto hörte nicht mehr, er war sckwn draußen, versetzte den ,m Korridor spielenden füngereu Geschwistern ein paar wütende Puffe und ging zu der Tante, die in den Borderzimmern Staub wischte, und, seit der Vater im Kriege war, ganz zu der' Schwester imd viel geplagten Hausfrau übergcsiedelt war.

Haste Gold, Tante?"

Das junge Mädchen lachte.

Hältst du mich für so reich, Junge? Ich wünschte, ich hätte was, . . . einen ganzen Sack voll, . . . hei!"

^ V ^h.^och mal nach, Tante!" drängte Otto.Weißte

vielleich selber nicht! Ich saininle doch. Für die Schu/e. Sei doch mcht so! . Kriege ein Dokument dafür:Könnt' ich auch nicht Waffen tragen. Half ich doch die Feinde.schlagen." . .

^Sehr schön," seufzte die Bedrängte. Aber ich habe doch nichts, Ottochen. Arm wre eine Kirchenmaus. Alles für Liebesgaben drausgeaangcn. Höchstens reicht es noch in diesem Mo,mt für einen Nagel auf Hindenbnrg. Den darfst du einschlagen, wenn dii willst. Aber Gold... da wirst du wohl wenig Glück haben niit demem neuesten isport."

Jetzt erst nahm Otto die Mütze ab. Er merkte, daß er sie noch auf hatte, als ihui so heiß iifcx dem blonden Scheitel wurde. Und der Tisch war er sehr einsilbig, und als Mutter ihn zu necken begann mit der Goldsammlung, fuhr er hoch und erklärte, er ginge heute nicht eher schlafen, als bis er mindestens drei Goldstücke hatte. _ Und das Dokument würde er sich selber ernrahmen, das käme ui seinem Zimmer direkt unter das Kaiserbild und neben .Vaters letzte bunte Feldpostkarte aus Rawa-Ruska. . . .

Nach Tisch klingelte er den Nachbar aus dem Mittagsschlaf. Ganz egal, er wollte Gold.

Der alte Herr sah ihm hochrot in das Kindergesicht und warf ihm dre Tur vor der Nase zu.Wenn du noch mal von zwölfe! bis vier Uhr mittags mrt deinen verflixten Vaterlnndssammlungen

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(£r stieg die vielen Treppen wieder hinunter, sah mit beängsti­gender Klarheit den hellen Tag schwinven, die Dämmerung heran-

m - lt a U } 11110 SchlaseuÄu'it..

Uttd^er hatte einen Schwur vor Mutter, Tartte und Geschwisterir

or* iüar er H b/r Großmutter. Da bekain er drei

Aepfel vier Pflaumen und sehr viele gute Ratschläge, nur kein!

w man heutzutage nur noch durch List aus seinen

Verstecken," mernte sie.Ich bin überzeugt, Onkel Julius hat

seinen ganzen alten Rollsekretär noch voll. Und Tante Bertchen weiß auch, warum sie immer so ängstlich ihre Sicherheitskette an der Ä,ur dreimal umschlingt. Mer gutwillig räumen die ihre Gold­grube nicht aus, ... nur durch List, . . . Jungchen."

Durch List," .. . hörte Otto, uerst fuhr er zu Onkel Julius mit dem Rade, wr alte Herr stand in seinem Obstgarteii und nahm stein­harte Birnen ab.

Die werden besser in meinen Töpfen geschmort, wie von fremden Händen gestohleii," erklärte er dem Großneffen.Aber wenn du eine willst, lieber Otto . . ."

Otto wollte keine. Gold wollte er. Aber durch List.

Eine ganze Weile starrte er ttefsinnig in die schmalen, bunten Gartenwege des Vorortes, dann gab er der Leiter, auf der Onkel v 5 uuuv stand, einen kleinen, sanften Stoß und seufzte.

Heut ist noch kein Siegesläuten gewesen, Onkel, . . . dauert diesmal lange . . ."

Der Birnenpftücker warf polternd seine harten Früchte in den Korb.

... '-Wovon soll auch? Immer klappt's nich! Und im Osten kämpft \a fetzt der Zar selber mit ..."

Wieder ein Stoß an die Leiter. Die Finger des auf List sinneuden Knaben zuckten gewaltig.

Na laß man, Onkel, von morgen ab hat kein Feind mehr was zu lachen. Da kommt die neueste Verordnung in Kraft. Is eigent­lich noch geheim, es soll Strafe sein für die schlechten Patrioten, sagt unser Lehrer. Mutter ist ftoh, daß sie kein Gold mehr rm Hause hat . . . na . . . wer hat wohl noch was? Viel- keiner, . . hoppla, . Onkel, . . . nicht fallen mußte!"

~ 'r? r ^ err wor aber noch nicht ganz unten, nur dreij Sprosseii tiefer war er gestiegen.

Junge?" § - - - was ist mit dem Gold? Was faselst du da,

cvr, x'Sr a ^f n m't ^ te PP° beleidigt.Ich fasele doch nicht, ^st doch pure Wahrhett, daß von morgen ab jedes Goldstück bloß noch halben Wert hat Unsere Schule tauscht bloß noch bis morgen früh um. Na, Onkel, da werden manche Angen machen . . ."

. Nun wäre er doch beinahe gefallen, der alte Herr. Wenn ihn der Grofmefte nickst liebevoll ausgesangen hätte. Samt dem Korb sternharter Birnlein . . .

Ha . . .," schrie er, wild mit den Armen umherfuckstelnd, Ä bre das machen, die hohen Herren da oben?

Gold bleibt Gold . . . und nach dem Kriege lfat es erst recht wert, da wird erst recht neues geprägt, ... das ist Blödsinn'"

Wieso?" fragte Otto sehr sanft.Das neue Gold wird ja schon gelten, aber das zurückgehaltene mit den alten Jahreszahlen vor dem Kriege nicht . ., ich bin bloß froh, daß mir Großmutter iroch ihre letzten paar Stückchen Gold zum Umwechseln in per Schule Mitgegeben hat . . ."

m ®»&nmtter GDoßiimtter hat ... noch

Gold? Tome Großmutter? Dann habe ich mich noch Kolchos dann kriecht du auch noch Ivelches MM Umwech.Än,. .. Jnnqe halber Wert, . . . Blödsinn, . . . warum haste mir denn 'das nicht gleich gesagt?"

Er schlürfte die Gartenwege entlang, lief ins Haus, Otto Mimer getreu hinterdrein.

, Da war der alte Rollsekretär, ... wie der Schlüssel knirschte Srtr 'ri ' ' b a . da kam Gold . . . Gold, ein ganzes

Kajtchen voll, . . . o, Onkel Julius, schäme dich. 2lber das dackste Otto nur. Ganz geduldig und freuirdlich lächelird stand er und ließ sich das Geld vorzählen.

.Wenn ich nicht wüßte, daß du ein großer, zuverlässiger Junge bist, fammerte der Onkel - fortwährend,dann würde ich dir das nickst so ohne weiteres an vertrauen, . . . aber erst mal unter­schreiben, . . so . . . dreihundert achtzig Mark in Gold, und mor­gen bringst du mrr das Geld, die Scheine, morgen mittag, gleich nach der Schule . . ."

Ja . . . aber ja, Onkel," versprach Otto feierlich Dann fuhr er zu Taiitt Bertchen.

Tie hatte richtig ihre Sicherheitskette wieder dreimal Umge­bungen, und es dauerte eine Eivigkeit, ehe die Tür offen wär. Mit Lift," dachte Otto.

Ich wollte mal ftagen, ob du iwch Gold hast, Tante," fragte er atemlos. ^

Sie.ftchr sich in die Locken.

Wo denkst du hin, . . . Jungchen! Gott soll mich ..." .

Aber er redete mittenhinein in den Schwur.

iamt ist es nur gut, . . . sagt Onkel Julius mit schönen Grüßen. Von morgen ab gilt alles Gold nämlich nur iwch die Hälfte Tie meisten haben es sckwn mngewechselt, und ich fahre scifon den ganzen Tag aus dem Rad umher, imi es den Verwandten zu sagen. Is . . . is von der Schule cuis . . . ich habe BollB macht ..."

Junge," kreischte das alte Fräulein aus.Das hätte in der Zettung gestanden. Dumm lasse ich mich nich machen."

Vielleicht hast bn es nicht gelesen . . . vielleicht soll es auch Strafe fein für die Drückeberger uird schlechten Patrioten. Was weiß ich?" . . .

Otto stand sckfon wieder an der Korridortür.

Tn hast ja kein Gold, Taiitchen, ... Dir schadet es ia nichts . . ."