Die vom Rauhen Grund.
Roman von Paul Grab ein.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Es ist gestern Gewerkenversammlung von Christiansglück gewesen in Siegen. Ich hört's heut' morgen droben vom Rensch. Bis in die spute Nacht ist's gegangen, sie sind sich fast in die Haare geraten, aber schließlich hat er's doch, durchgesetzt, der Bertsch mit seinem geheimen Anhang, — es war eben eine regelrechte (Überraschung —, daß sie ihn zum Direktor der Zeche gewählt haben."
„Direktor? Nicht schlecht!" Laut lachte Henner von Grund los. „Von dem Pütt, der bisher kaum noch einen Bergverwalter abwarf? Na, recht so — nur zu! Sie sind ja ohnehin am Ende mit ihrem bißchen Eisen."
„Gewiß., für die bisherige Betriebsart. Aber sie wollen's nun ganz anders anpacken. Ganz modern, mit Dampf. Elektrizität, bis hinunter in Teufen, wo hier noch kein Mensch dran dachte. Da sollen noch gewaltige Mengen Erz anstehen."
„Ach, Märchen! Der findige .Herr hat'S eben gelernt, bei den Jankees, das Goldmachen — aus anderer Leut's Taschen. Aber lassen Sie ihn nur ruhig machen. Wird nicht lange dauern, und die ganze Herrlichkeit kracht schönstens zusammen! Blauer Dunst, Pastor?"
Und der Gutsherr begann langsam auszuschreiten, nach der Liude hin. Burgmann blieb ihm zur Serte. So sagte er:
„Sie unterschätzen diesen Menschen doch etwas. Bertsch weiß natürlich, daß er allein nichts machen kann. Darum hat er Verhandlungen angeknüpft mit der Landesbank in Köln."
„Hollah!"
„Ja, und ein Sachverständiger ist im Auftrag der Bank auch schon hier gewesen, in aller Heimlichkeit — erst gestern erfuhren's die Gewerken selber."
„Nun, und — ?"
„Sein Gutachten soll so günstig ausgefallen sein, daß die Bank sich zu einer Aktion entschließen dürfte. Die Gewerkschaft soll init ihrer Hilfe in ein Aktienunternehmen umgewandelt werden."
„Teufel — das wäre freilich etwas anderes! Dann kann's unserem Erbstolleu schlimm gehen."
Henner von Grund sprach im eigenen Interesse. Seine Familie war am Erbstollen von altersher beteiligt und er sogar der Repräsentant dieser ältesten Eisengrube des Landes. Seine Stirn furchte sich daher, wie er jetzt noch weiter sagte:
„Eine solche Konkurrenz — einfach fertig wären wir dann!"
„Mag wohl sein!" Gelassen gab es Burgmann zurück. „Aber nicht deswegen etwa komme ich zu Ihnen. Eine andere Gefabr meinte ick. Wenns nun dem Bertsch glückt und mit
Hilfe der Bank der Grubenbetrieb im großen anhcbt, wenn Hütten- und Stahlwerke hinzukommen, wenn Hunderte, ja Tausende von landfremden Arbeitern hier einziehen in unser stilles Tal — das meine ich! Man hat's ja oft genug gehört von draußen in der Welt, wie's dann zugeht. Dann zieht auch ein neuer Geist mit ein, vorbei ist's mit alter guter Zucht und Sitte, die Bande von Ordnung und Gehorsam lösen sich au allen Enden."
„Weiß Gott, ja!" Erregt stimmte Henner von Grund zu. „Man hat jetzt schon seine liebe Mühe und Not, hat man aber erst die Schlote im Land, dann bekommt man überhaupt keinen Menschen urehr zu landwirtschaftlicher Arbeit. Alles läuft dann zur Industrie, weil die Kerls mehr zahlen als unsereiner. Kunststück — wenn man so'n Sündengeld verdient wie di?!"
„Aber soll man das dulden — altes wirklich so kommen lassen, hier im Rauhen Grund? Wo wir auf unserer Väter Scholle Hausen auf unsere Art, so lang wir denken können! Auf unsere Art, auf die wir stolz waren von jeher, mit Recht! So da nun so ein hergelaufen Volk sich breit machen und sein Maul aufreißen, als ob sie Herren wären im Lande."
„Nein — , das sollen sie nicht!"
Schmetternd fuhr Henner von Grunds Faust aüf den Tisch unter der Lrnde, bei dem sie jetzt standen.
Befriedigt nickte der Alte im weißen Haar.
„Wußt's, daß Sie so sprechen würden, und darum kam ich her."
Die hellscharsen, blauen Augen unter den weißen Brauen drangen jetzt fest in die des Gutsherrn, wie er nun fortfuhr:
„Wir sind nicht gerade Freunde gewesen bisher, Herr von Grund."
„Nein, — beileibe nicht!" lachte der andere.
„Aber das ist von jeher so Brauch gewesen unter uns Männern vom Rauhen Grund: Immer im Kampf miteinander. Doch kommt der Landfeind von draußen — dann stehen wir zusammen."
„Hol mich der Teufel, ja!" und schallend schlug Henner von Grund in die starkknochige Hand Burgmanns. „Das soll gelten! Er soll sich verrechnet haben, dieser Herr Bertsch, der da meint, unser Rauher Grund wäre nur grad' so ein Fressen für ihn!"
„Und wie gedenken Sie's anzugreifen?"
„Wir dürfen's nicht zur Verbindung mit der Bank kommen lassen. Das müssen wir hintertreiben, unter allen Umständen!"
„Aber wie?"
„Wir müssen Einspruch erheben, irgendwelcher Art. Gründe werden sich schon finden lassen — wozu wären wir Grubennachbarn. Kurzum, wir schikanieren diese Kerls, hinten und vorn."
„Da werden sie zum Bergamt laufen."
„Um so besser. Dann treiben wir's zum Prozeß. Und ist die Sacke erst bei den Advokaten, dann ist sie gut auf-


