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fthgert Zauber verleihen, und nicht mit Unrecht hat man sie durch den Namen „Wiesensafran" mit dem kleinen Krokus oder Safran verglichen. Freilich, die Herbstzeitlose erscheint ohne den Schmuck der grünen Blätter.
„Sie verschlief das gute Wetter,
Und nun kommt sie ohne Blätter
. ^ Sich beizeit' noch auszublühn,"
mernt Heinrich Seidel entschuldigend, Johannes Trojan aber fabuliert : >
„Blattlos in Herbstes Sonnenstrahl Schmückt sie Anger uiid Wiesental.
Der Himmel weiß, sie ist geduldig,
. Bleibt ihr das grüne Röcklein schuldig."
Weniger mild urteilte das Volk über die Pflanz-e, die so frei, ofme jedweden htlllenden Blätterschutz ihre Blütenschönheit zur tragt. Manch harten Namen mußte sie sich gefallen Lassen, nackte Jungfer, nackte Kathl sind unter diesen noch die mildesten.
Zeitlose oder Herbstzeitlose nannte man die Pflanze, weil sie sich weder in der Entwicklung ihrer Blüten noch im Reifen ihrer Ueinen Früchte an die Zeit bindet, die dafür sonst von den Kindern Floras einyehalteu wird. Wenn fast alle Blumen verblüht sind und überall die Samen und Früchte reifen, erscheinen ihre Blüten auf grünem Wiesen plan, int Frühling aber, wenn Tau- serrde und Abertausende von Blüten Feld und Flur, Hain und Garten schmücken, reifen ihre Samen. Die alten Kräuterkundigen konnten sich diese Erscheinung nicht erklären, waren der Meinung, die Frucht erscheine vor der sich im Herbst zeigenden Blüte und nannten die Pflanze deshalb Filjus ante vatrems der Sohn vor deni Vater, und der alte Vater Bock meutt: „Wer gesteht nit abermals hie ein treffenlich mivackel der natur an diesem gewechS. Dann im Glentzen (Lem) wechst das kraut, im sommer die frucht oder sauren, inr herbst die nackete blume."
Selbstverständlich ist diese Ansicht von der Wissenschaft längst richtig gestellt worden. Die Blüte entspringt aus einer Mollenzwiebel, in der sich bereits im Herbst sowohl chie Blätter als auch die Samenknospen befinden, allerdings nur keimhaft vorgebildet. Sie entwickeln sich jetzt noch nicht, Überdauern, geschützt gegen Kalte und Frost, den Winter, und erst im* Frühling erscheinen me drer kräftigen, lanzettförmigen Blätter und in deren Mitte der Stengel mit der Samenkapsel. Das ist ein in unserer heimischen Flora allerdings einzig dastehender Fall, keine andere Pflanze verrnag sich derart über die zeitlichen Vorschriften hinwegzusetzen, die die Natur ihnen gegeben, als nur diese eine. Kein Wunder/ daß sie die Aufmerksamkeit der Naturforscher in ganz besonderem Maße auf sich lenkte und auch die Poeten. So singt Friedrich Rückert von ihr: ,
Welch' eine Pflanze trägt im Frühling ihren Samen,
Da ihre Blüten erst hervor im Herbste kamen?
Die Zeitlos' ist hierin der Blumen Widerspiel,
Daß sie am Anfang ist, wo jene sind am Ziel,'
Daß sie am Ziel ist, wo am Anfang jene stehn.
Drum hat sie die Natur zum Sinnbild ausersehn,
Das aus deni Herbste, wo der Sturm das Feld erbeutet,
Den kahlen Winter durch zum Lenz hinüberdeutet,
Da sie im Sommer nicht zu reifen Zeit gewann Und nur die Blütenspitz' im Herbste zeigen kann.
Jenseits des Frostes tritt, geweckt von Frühlingsduft,
Tie Samenkapsel samt den Blättern aus der Gruft.
Zeitlose heißt sie, weil sie vom Gesetz der Zeit Ist gleichsam losgesagt, der Ewigkeit getveiht."
Die Samenkapsel der Herbstzeitlose springt im Sommer auf, Knd herausfallen drei rundliche brairne Samen, die mit einer klebrigen Warze versehen sind. Diese dienen jedenfalls der Verbreitung der Pflanze. Die Samen fallen alle in der Nähe der Mutterpflanze meber, das ist aber für ihre Entwicklung selbstvcr- ständlich von Nachteil. Infolge der klebrigen Warze bleiben sie aber leicht an den Füßen der Menschen und Weidetiere, an den Zechen der dre Wiese nach Insekten, Würmern und Schnecken absuche,wen Vögel und werden so weitergetragen.
Die Zwiebel der Herbstzeitlose hat übrigens die wunderbare Eigenschaft, sich genau nach den klimatischen Verhältnissen ihres Standortes zu .richten. An windgeschützten, zicnckich frostfreien StÄlen finden wir sie schon in einer Tiefe von 20—30 Zentimetern, während sie auf den den rauhen Windstürmen preisgegebenent Wiesen fast drei- bis viermal so tief im Erdboden liegt. AuS der Ti^enlape der Zwiebeln der Herbstzeitlose läßt sich also mit großer Sicherheit die Frostarenze einer Gegeiid seststellen. Die Wissenschaft hat wiederhalt diese Tatsache nachgeprüft imd immer bcstättgt gesiliweii, eine Erklärung dieser sonderbaren Erscheinung vermochte sie freilich noch nicht zu geben.
Die zarte Schönbeit der Herbstzeitlosen veranlaßtc die Gärtner, '«Lu kultivieren und mancherlei Spielarten zu züchten, weißgelbe, röllichbunte, rosenrote Abarten kamen ans den Markt, ebenso ge- Mlte großblimnge. Seit einigen Jahren bringt inan auch die Zwiebeln der Herbstzeitlosen in den Handel und zwar unter dein hochtönenden Namen Zauberblninen oder Wunderknollen. Sie haben nämlich die Eigcntüinlichkeü, ohne die geringste Pflege, ohne daß man sie m die Erde oder in Wasser legt, ihre Blüte»«
-u enümckeln. Mlzn „zauberhaft" ist die Sache nun freilich nicht, an unseren Kartoffeln inr Keller mit ifjrot Keimen beobachten mx die gleiche Erscheinung, der einzige Unterscksied besteht darin.
daß die Kartoffeln Stengel und Blätter, die Knollen der Herbste zeitlose aber Blüten treiben.
So hübsch diese botanische Spielerei ist und so schon der
herbstliche Schmuck der Blüten in unfern Gärten unrkt, eine Warnung dürfte nicht unangebracht sein, namentlich dort, wo Kruder im Hause sind. Sowohl die Blüten als auch die übrigen Teile der Herbstzeitlose enthalten ein starkes Gift. Das war schon im Altertum bekannt, nannte man dock) deshalb das Kraut Ephemeron, das heißt, das an einem Tag den Tod herbeiführende. In späterer Zeit, namentlich im achtzehnten Jahrhundert, wurde der Saft der Pflanze zu Heilzwecken verwendet, namentlich gegen Gicht und Rheumatismus, und noch heute wird er in Amerika zu allerlei Tinkturen, die Blüten urid Knollen zu Pulvern und Tees verarbeitet. Es freilich nicht eindringlich geling vor all diesen
Mitteln, den Kolchilumpräparaten, gewarnt werden, stellen sich dock) oft nach ihrer Anwendung recht unliebsame Nebenwirkungen auf den Magen und die Verdauungsorgane ein.
* Auch in der Volksmedizin fand und findet die Herbstzeitlose hier und da Verwendung, allerdings mehr in der weniger gefährlichen Form des Sympathiemittels. So lfllft die um die Mitter- nachtsstnnde des Theklatages gegrabene Znnebel der „Giftblume" nach bayerisch-schwähisü-em Volksglauben gegen Kopfschmerzen, wenn man sie immer als Amulett bei sich trägt. In der Gegend von
Gotha zerreiben die Frauen und Mädchen die ersten Blüten der
„Spinnblume", die sie im Herbste finden, zwischen den Fingern, „damit die Hände beim Spinnen nicht wund werden", und im Züricher Oberlande bestreichen die Leute mit der ersten „Liecht- blueme" die Augenlider, dadurch hoffen sie, bei der Arbeit während der langen Wkstterabende nicht so leicht rnüde zu worden. Auch gegen Schmarotzer von Mensch und Tier gebraucht man sie, indem man die Blüten auf dem Kopse zerreibt oder mit einem Abguß der Blätter den Kopf wäscht. Aus dieser Verwendungssorm erklärt sich der nicht ganz wohllautende Name Lausblume, den die Herbstzeitlose in Schwaben trägt, imd der etwas euphemistisckiere „Heylheubt" (Hell für das Haupt), den die heilige Hildegard (gestorben 1179 als Acbtissin des Klosters auf deni St. Ruprechtsberge bei Bingen) in ihrer Schrift „Physica" der Pflanze beilegt.
Der wissenschaftliche Name der Herbstzeitlose lautet Colchicum autumnale, er erinnert an ihre Heimat, die Landschaft Kolchis am Schwarzen Meer, und an die griechische Sage von ihrer Entstehung. Nach der Rückkehr der Argonauten bereitete Mebea aus allerlei Kräutern, die sie in neuil Nächten im Gebirge gesammelt hotte, erneu Zaubertrank, um durch ihn den alten Jason, König von Jolkus, zu verjüngen. Von diesem Zaubertrank sielen einige Tropfen zur Erde und erzeugten hier urplötzlich das Giftkraut.
Freundlicher klingt die folgende Sage über die Entstehung der Herbstzeitlose. Nach ihr traten die vier Jahreszellen vor den Schöpfer, um ihren Anteil ani Werden und Vergehn der Natur in Enipsang zu nehmen. Jede erhielt für die Dauer ihrer Regierung einen eigenen Blumenschmuck zugeteilt, selbst der Winter bekam eine Blüte, die unter dem Schnee emporsprießende Christrose. Der Herbst sollte aus eigenen Blumenschmuck verzichten, denn der auf ihn erboste Winter drohte jede Blnnre des Herbstes zu töten, noch ehe sie zur Fruchtbildung und damit zur Fortpflanzung komme. Der Herbst war tief betrübt; da trat der mitleidige Frühling an eine seiner eigenert Blumen heran und überredete sie, deni Herbste zu folgen. Er riet ihr. sich vor dem Grimm des Winters in die schützende Erde zu verstecken und versprach ihr, sie zuerst wieder zu erwecken. Das Blümchen ließ sich überreden, umsomehr, als -guck) der Sommer versprach, seine Frucht so zu schützen, daß ihr Geschlecht nicht ans sterbe.
Der Herbst war hock) erfreut; er gab seiner Gcnossllr zum Schuß einen scharfen Saft, damit die Menschen die Blume nicht pflücken, die Tiere sie nicht fressen sollten. Der Winter drohte dein Schützling der drei Jahreszeiten mit seiner Rache, doch als die ersten Vorboten desselben über die Ebene brausten, da zog sich das Blümchen, tief in das Reich der Erde zurück und spottete Ms Winters Zorn. Sobald aber der Frühling nahte, steckte das Pflänzchen sinne grünen Keime heraus, der Sommer reifte feine Frucht, im Herbste aber erschien wieder seine kleine, zarte Blüte.
Zur Geschichte -es Papiergeldes.
Kulturgeschichtliche Plauderei von Hans H. Gi es ecke.
In überrascheiid sckmeller Weise haben wir Deutsche uns an d<iS Papiergeld gewöhnt, das uns in den kleinen Scheinen zu 1 und 2 Mark zunächst etwas ganz Ungewöhnliches und Neues lvar. Und doch ist das Papiergeld für Europa etivas recht altes: hat es doch vor 2 Jahren schon sein 250jährigeS Jubiläum feiern können. Erfunden wurde es wie so manches andere vor viel län- 6 er er Zeit in China. Dort hielten, wie das auch später anderswo vielfach vorgekommeu sein soll, schon vor 2000 Jahren die Staats- Einnahmen nicht Schritt mit den Ausgaben, und so ließ die Regierung, nin sich Geld zu verschaffen, Hirschhäute in faustgroße Stücke zerschneiden, bemalen und gab sie als erste Art von Schatzscheinen in Zahlung. Es lvar also eine Art Ledergeld Wirkliches Papiergeld kam zuerst um das Jahr 1000 n. Ehr un ^ Reicks der Mitte in Umlauf; es waren Holztafeldrucke, Me Tschi-Isre genannt wurden und unbegrenzt Umlaufs zeit hatten; später ging mau zu Kiao tsu genannten Scheuten über, die nur drei Jahre UmlaufSzeft hatte»» und daun eiugezvgen wurden.


