Der blaue Unkrr.
Roman von Elfriede Schulz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
27. Kapitel.
Mit sommerlicher Herrlichkeit leuchtete am ersten Augusttage cue Sonne über Stadt und Land. Aber niemand hatte Augen für das Lichtmeer in der Höhe. Etwas Unbestimmtes lahmte die Arme und das Denken. Hier und da eine gefurchte Stirn, krampfhaft geschlossene Lippen. Bei den merjten glänzende Augen und weithin sichtbares Kraft- bewußtsem. Den Mähern blieb die Sense in den Halmen hangen. Die Soldat gewesen waren, dachten an ihre Papiere. So sehr man sich dagegen wehrte, das wirtschaftliche Leben kam allmählich ins Stocken. Es war Samstag und früher wre sonst wurde allerorten Feierabend gemacht. Was Mann war in Bronin — und heute zählten sich schon die Burschen von sechzehn Jahren dazu — stand in heftiger Hin- und Herrede vor dem Gasthaus. Gegenüber war die Posthalterei. Jeden Augenblick rechnete man aus eine Depesche, die mit ernem einzigen Hieb den Knoten dieser Tage loste. Der Freiherr sah, wie die Arbeit von den Feldern floh. Er sah die ungeheuer reiche Ernte dieses Jahres auf dem Halm, und es jammerte ihn, daß dies alles nun vielleicht verkommen sollte. Vor dem Dorfe an der: Hecken der ersten Einwohner- Häuschen war Direktor Saar zu ihm 'gjestoßew
„Ich simuliere hin und her. Was soll das werden? Die neuen Fabriken, wo jeder Mann aus seinem Platze stehen soll — und diese Ernte! Zuckerrüben —"
Er riß eine aus dem Acker am Weg von mächtigem' Wachstum.
„Das gäbe eine Kampagne?"
„Abwarten, Saar!" sagte der Freiherr und fuhr sich durch den buschigen Bart. „Dabei immer mit dem Meußersten rechnen! Es gibt ja doch kein Zurück mehr. Die da drüben"
er zeigte nach der russischen Grenze — „zwingen uns. Aber wenn — denn! Es gibt ein großes Schlachten."
„Ich habe mit Tschammer die Listen durchgesehen Von unseren Leuten müssen fast alle mit. Das wird eine schwere Not."
„Ja alle — und ich muß dableiben."
Rothkirch schlug mit dem Stock zwischen die Zweige eines Bocksdornbusches, daß die Blätter ausspritzten.
„Glück im Unglück. Es hat wohl so sein sollen, daß unser Baumeister den Arm im Verband hat. Der Bau ist knapp unter Dach. Wenn Wölflin nun auch weg müßte."
„Es ist ein Glück — ja. Nun muß er sehen, wie das zu Ende gebracht wird. Wie geht es ihm?"
„So weit gut."
Saar sah den Freiherrn scharf vor: der Seite an und überlegte jetzt jedes Wort.
„Nur — er griibelt zu viel über gewesene Dinge. Das gefällt mir nicht. Die Schwester — und dünn der Vater. Er erzählte mir neulich von dein seltsamen Unglück in Niederwiesenthal."
Saar betonte jedes Wort und ließ den Freiherrn nicht eine Sekunde aus den Augen.
„Und das Merkwürdigste — der Baumeister hat die Uhr des Täters in seiner Hand und weiß doch nicht, wer es war. Jedenfalls eine Situation, die in der Kriminal- geschichte wohl ziemlich einzig dasteht. Mich hat die Sache außerordentlich interessiert. Bleibt Frieden, dann —" *
Er kam nicht weiter. Rothkirchs Augen stierten gläsern
Weite. Bei jedem Satze war sein Kopf mehr vornüber gesunken, daß die Schultern im Nacken hochstanden. Von der Stirn rann ihm der Schweiß in Hellen Tropfen.
„Es ist — furchtbar — warm. Bitte, gehen Sie — vor. Tschammer soll — mich — erwarten."
Saar lüftete die Mütze, warf noch einen kurzen, durchbohrenden Blick auf Rothkirch und ging voraus. Der Freiherr mühsam, Fuß vor Fuß setzend, hinterher. Er wäre satt umgefallen. Ein Schwindelanfall nach dem andern zog über ihn hinweg. Er war ganz haltlos.
„Nicht schwach werden! — Durchhalten! — Bis ans bittere Ende!"
So feuerte er seine letzten Kräfte an, gewann durch eine Seiteupforte den Park und fiel ans eine Bank.
„Eskadron — Traab!"
Halb unbewußt sprach er das Kommando.
„Eskadron —"
Da kam er ganz zu sich. Er nahm den Hut ab, faltete» die Hände über den Knien und betete mit Inbrunst.
„Herrgott — in meinem Leben habe ich nie bei dir um etwas gebeten. Ich konnte dir nur immer danken. Doch jetzt bitte ich eins: Sende den Völkern die Kriegsfackel — laß Krieg werden, o Herr, und schenke mir einen ehrlichen Soldatentod! Amen."
Jetzt war er ganz ruhig und mit sich einig. Er sah sich prüfend um und ging weiter.
Vor ihni lag das Schloß, mit den beiden neuen Flügeln ein wuchtiger Bau. Aus der Mitte brach breit und stolz die Kuppel aufwärts. Die schwarz-weiße Fahnenstange trug über dein dreifarbigen Flaggentuch den grünen Richtkranz. Rothkirch schmerzte es, die halb vollendete Arbeit, die ein Sinnbild seines Lebenserfolges sein sollte, so vor sich zu sehen. Er hielt eiiie Hand vor die Allgen und suchte fern Arbeitszimmer ans.
+ Im Vestibül wartete der Oberinspektor. Rothkirch bestellte ihn ans eine Stunde später. Dann arbeitete er hastig, ordriete Papiere, machte sich Notizen, schrieb zwischendurch Briefe.
,Lich muß morgen früh nach Berlin, mein lieber Tschammer. Wenn es losgeht — Sie brauchen meiner Frau vorläufig nichts davon zu sagen — geh ich zu mctiietm Regiment."


