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Anstand zu ertragen war. Als aber die Kumpane aufmerksam wurden auf die hin mrd herfliegenden Redensarten, gings ihm ttn. die Ehr.
„Nun sagts deutlich, langer Krispin" — Veit setzte die Faust nachdrücklich vor sich hin — „auf was Ihr eigentlich zielt. Oder ich laß mich in Stücker schlagen, wenn ich Euch noch lange sc sanftmütig zuhöre. Vermutlich — und Veit lachte geringschätzig — ist Euch mial wieder beigefallen, daß die blonde Eve letztlich im Gürzenich so schwer zum Tanz mit Euch zu bewegen war, weil sie meinte, ich schwänge das Tanzbein besser als Ihr, wennschon .Ihr die längeren habt! Weiß der Himmel, Schwcrdt, Ihr seid eifersüchtig als rin futterneidisch Roh!"
Hallo, das versprach Abwechslung. Tie Gesellschaft rückte zusammen. „Roh hat er gesagt!" „Pack an. Langer!" „Daher Eure Gvldlaune, Krispin!" lachte und spottete es durcheinander.
Der Lange war bläh vor geheimer Wut. Ließ sichs aber nicht Merken.
„Freilich, Hardefust, Ihr habt Euch gut blähen mit Euerm Glück bei dem Weibervolk. Hab' so allerlei hören munkeln, was Euchs leicht macht, Euch einen spröden Sinn gefügig zu machen. Schick mich ja auch gern drein, daß meine Wett verloren ist. Seis drum! Meinthalb zahl ich heut schon das Faß und den Rehziemer, weil Jhrs ja doch wohl schon mit der Jungfer Eve Elms- pergerin zum Versprach gebracht habt. Aber so sagts auch frischweg !"
„Wenn ich Euch raten darf, langer Schwerdt, legt Eureü Zunge ein Zäunlein an! Immer mit Anstand! — So weit ists übrigens noch nit. Werdets früh genug erfahren, wann ich Euch die Wett verlieren lassen will! Muß Euch zwar doppelt grämen die Wett und das Mädchen in Verlust zu geben, aber da hindert mich alle Freundschaft nicht."
Die Runde bog sich vor Vergnügen.
„An ihn, Schwerdt! Das ist! deutlich!" reizte man den Langen.
„Gott straf mich/' sagte Schwerdt mit eiskalter, aber zittriger Stimme, „was ist da zu tun? Beim Becher bin ich bei der Hand, gesetzt, es ist Wein darinnen; aber mit andern Tränklein kenn! ich mich nit aus. Da muß ich wohl nachgeben."
Veit Hardefust blieb ruhig. „Schüverdt, Ihr sprecht heut abend zum andernmal von geheimen Mitteln und Tränklein, und Trennt wich in einem Atem,? Habt Ihr so viel Zutrauen in Euern schlenkrigen Arm, daß Ihr Euch näher erklären wollt?"
„Daß ich Euch ein wenig mit dem Degen vor der Nase herumschlenkere, Ihr spitzschnäbliger Pfauhahn", fuhr Schwerdt in die Höhe und faßte nach seinem Raufdegen. „Wenn Ihr nicht stracks Kur Ruhe kommt, will ich Euch das Radschlagen lehren!"
„'Krispin Schwerdt, ich frag Euch noch einmal, ob Ihr Mut habt. Eure heimtückischen Reden zu erklären? Sagt nur ja oder nein!" t
„Beim heiligen Engelbert," schrie der Lange, „wenn Jhrs denn Um jeden Preis müßt, so hörts doch! Es geht die Red, daß Euch die alte Holzmäuserin hier in der Lorenzgasse mit allerlei" Teufelswerk an die Hand geht, wenn Ihr auf Liebeswegen steigt! Warum solls bei der Eve nit auch so sein?"
Wie der Blitz war Veit auf den Beinen. Der Hieber sprang! aus der Scheide. i
„Mir vor die Klinge, du Schelm! Zurück, Ihr Herren, sonst müßt ich zuschlagen!" Die Stühle flogen beiseite. „Ihr sollt mich nit hindern, das Schandmaul so zu stopfen, daß ihm für ein paar Wochen sein Lästern vergeht! Zurück!" donnerte Veit die, die ihn halten wollten, an. „Zurück, sag ich! Hierher, Schwerdt!"
Tn rasselten auch schon die Klingen aneinander. Ernüchtert drückten sich die Gesellen an die Wände und schlossen die Fenster, soweit sie noch heil waren. Das war nicht mehr zum Spaßen. Gottes Blut, wie die zweie losgingen! Das müßte ein böses Ende nehmen. Mehrere wollten sich zwischen die Fechtenden werfen. Ms beide ihnen mit Totschlägen drohten, ließen sie davon ab.
„Schwerdt," keuchte Veit, nachdem er einen wütenden Ausfall des Gegners abgewehrt und ihm selber eine flache Quart an den Schädel gehauen hatte, „betet doch ein Avemaria! — Holla, die Quarten sitzen viel tiefer! —> Mich soll nichts davon abhalten — tiefer sitzen die Quarten —. abhalten,, sagte ich. Euch Euer Schelmengesicht in zwei Teile zn schlagen! — Kanns nit ändern — wieder Ku hoch, Schwerdt! — wenn ber Schädel mit darunter leidet!"
Draußen donnerte Herr Peckenschlager an die verschlossene Ntr. „Mrfgemacht, Ihr Herren, die Ratsdiener sind unterwegens!"
„Macht Euch nicht lächerlich, Beckenschläger," schrie Veit überm Fechten. „Sogleich sind wir fertig!"
Und er zog hinter einer prachtvollen Finte dem Gegner einen, Streicher quer übers Gesicht, genau wie ers versprochen lmtte. Dem schoß das Blut in die Augen. Er hob den Degen in unsickierer Parade die Kumpane fuhren dazwischen, drängten den Blutenden auf einen Stuhl und riefen nach Wasser und Leinenzeug.
„Seht, wie Ihr ihn wieder zusammenflickt! Tut mir leid, Schwerdt!" Veit wischte den Hieber am Tischtuch ab, warf ihn ins Gehänge und ging zur Tür. Tie Zechgeuossen drängten ihm Mch. Der Krispin Wieben nur sein Vetter Dietrich Walrave und der IVrrt. Tie Peckenschlagerin war um den Chirurgus gelaufen.
,Hardefust," hieß es draußen, „das habt Ihr der Tafelruirde Hu Tank gemacht! Ter wird die gespaltenen Lippen ein Monat oder zwei zusamtnenhalten!"
lfltS 'äSHE Dauben! »er sagt, Ihr Herren !" Veit blieb stehn und stemmte die ArrW in die Seiten. „Ist einer unter Euch, der des langen Klus Pin Reden Wer mich und das Mädchen billiat? 77Frn,hEus! Ich steh ihm Antwort!" Er schlug aus den T'An- tot». Sre beteuerten, dab er m-itnich-ten einen solchen Verdacht habe. Ta war ers zufrieden und lietz sich von Lukas Güldenpfennig mit tn dessen Haus nehmen, bis die Alten mit dem Stadtrichter ge- wrochen hätten und eine ztvanzigpfündige Wachskerze in St. Gereon als Sühne für den Streitfall brenne.
. . Droben in der Gaststube sah Veit znm Fenster hinaus auf die moudbeschaenenerr Türme und Giebel. Wer konnts wissen, ob er die Wette mit dem langen Krispin Schwerdt gewinnen werde? Raufbold und schürzeniäger, der er war, konnte ihm das feine Kind die Hand reichen? Ter Mond kam hinter dem zackigeii Rathaus- äf ni * ^rvor und versilberte sorgsam das Filigranwerk des reichen Baus. Ta legte sich V^it nieder und dachte, alles der Zukunft zu überladen. Ja, wäre es nur um die Wette gegangen! Aber sein Herz war dabei, wie, ers nie gekannt. Und in den nächsten Tagen mutzte gesprochen sein. Da kam Jungfer Eve noch einmal, ehe sie nach Neuß heimkehrte, zu kirrzem Besuch aus des alten Hardefust Landgut draußen vor den Toren. Tann würde es sich besser fugen, dem Mädchen die rechten Worte zu sagen, als unter den Augen der Muhmen und Basen in den engen Straßen des alten! Köln.
II.
„Erzähl' ich Morgen in Köln, daß sich Veit Hardefust drei Tage und drei Rächt wie ein Kätzlein um die heiße Breischüssev gedrückt hat und einem Tirnlein nit hat sagen mögen, wo ihn der Schuh drrlckt, und daß sie aller Mädel Krön ist und Hardefustin werden müßt — oder es geschieht ein grausam Unglück — glaubts mrr, Junker, dann möchtet Ihr leicht nit wissen, wohin Ihr Euch verstecken wollt, wenn sie Euch am Sonntag fragen, wo Äi-er vielgerühmt Löwenherz stecken mag! — Und Hab ich nicht gestern in der Lorenzgasse gehört von einer Wetten ztvischen Euch und dem langen Schwerdt, daß bis zum Sonntag Jungfrau Eve Eure Braut sein sollt!
Veit regte sich nicht.
„Geht mich nichts an! Habt recht! Aber sollt mir doch leid tun, wenn Ihr vor dem Schwerdt nun doch noch den Kürzerm ziehn solltet, Junker. Hör schon, wie sie im Karpfen das Maul zerreißen, ^.a, hättet nicht einen solchen Rumor um die Sach machen sollen. Ein Fäßlein Bacharacher und ein Rehziemer! — Junker, Junker, hat sich Eure harte Faust in ein Hasenpfötlein gewandelt? Ich hörs schon — halhaha — 1 wie sie lachen, insonderheit der Krispin. Mich möchts^nicht schlecht verdrießen, wenn er meckert: Wo gehst du hin, du Stolze, tvas Hab' ich dir getan?"
„Der lacht nimmer, alter Lambert! Und was dich verdrießen mücht, frag ich nit. Aber wissen möcht ich doch" — und der schwarze Bert lächelte niederträchtig — „was mich hindert, dir den Rücken ein wenig mit diesem daumdicken Haselgerllein zu streichen. < ZuM Teufel," brach er plötzlich los, „willst du mir helfen, Packs anders an! Sonst troll dich! Bins satt bis obenhinaus, dein Stichelreden zu hören. — Herrgott, Herrgott" — und Beit riß an seinem Koller — „was kann ein blonder Zopf nit aus einqm starken Kerl machen. Lambert, sollst recht haben. Ich bin ein! verliebter Täuber worden und war ein grober Schlächterhund!"
„Stimmt auf ein Haar!"
„Lach nicht, du Wein schlauch, oder ich werf dich ins Wasser," schäumte Beit. Schien ihm nicht ernst; denn er sprang von der Bank am Rheinufer, wo sie gesessen hatten, auf, und stürmte geradenwegs ins Dunkle hinein.
„Gerad nicht zum Begreifen," kopfschüttelte der Bogt Lambert hinter ihm drein. „Drei Tag streicht er nun hier auf dem Gut um die Jungfer herum und kann die Wort nit finden. Nit zum Wiedererkennen ist er. Mutter Gottes von Kevelaer, ich sollt dreißig Jahr jünger und au seinem' Platz sein, ich würde" —, Lambert stand auf, verschränkte die Hände im Rücken und sah auftnerksam in den flutenden Strom — ^,ich würd... ist ver-» teufelt nit leicht zUM sagen! . .
Nachdenklich ging er durch den BauMgarten dem Gutshof zu. Unterm Lindenbaum vorm Eingang kam ihm tvedelnd der Hofhund entgegen. ,
„Was meinst du zu dem Stück, alter Greif? Jst's nit zum Lachen, daß die Jungfer Elmspergerin morgen oder übermorgen! unversprochen wieder nach Neuß fahren soll, und ist doch eigens noch vom alten Hardefust und ihrem Vater hierhergebracht, um dem tollen Veit die Ehe leichter zu machen? Geh zur Hütt,'Greif! Wir zwei änderns nrt. Der alte Lambert schon gar nit. Ist Vogt und kein Kuppelweib!"
Vorsichtig sah er sich um, ob keiner das Wort gehört. Und murmelte in den Bart: „Schäm dich, Alter! — Aber er sollt einen auch nit so ins Nachdenken treiben!"
Der Vogt kam just recht ins Haus. '
„Daß ich Euch treffe, Lambert! Wünsch' augenblicks meinen! Sohn zu sprechen. Wo in der Welt steckt der — — Veit?^ Man sah es Herrn Bartholomäiis Hardefust an, daß ihm ein Wort über die Zunae gewollt hatte, das dem Jungen ein wenig! schmeichelhaft -Zeugnis hätte bedeuten können. „Er soll ohne Verzug in mein Gemach kommen!"
„Ist befohlen, Herr Hardefust!"


