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erweckender Schrank, bet anscheinend nur noch, auf drei Füßen stand und bedenklich auf die eine Seite überhing: daneben ein hölzerner Waschtisch, über den: ein kleiner, halbblinder Spiegel müde ins Zimmer schaute: ein runder Tisch, aus dem eine geblümte, verblaßte Docke lag, u.nd zw-ei Stühle ergänzten die Ein- Nchtung. Vorne am Fenster, auf einer Erhöhung, saß ein weib- uches Wesen vor einer Nähmaschine, deren Surren aber sofort auf- üehört hatte, als der Postbote ins Zimmer getreten war.
Mit einem leisen Aufschrei erhob sich die Frau und sah aus gtt Brief in des Boten Hand -wie auf etwas lange, sehnsüchtig' Erwartetes. Sie war alt: in weißen, spröden Strähnen hing rhr das Haar in die Stirne, die einst rein und schön gewesen fem mußte. Lluch in dem faltigen, etwas verbissenen Antlitz tonnte man bei genauerem Sck-auen noch Reste ausdruckvoller Züge erkennen. Eine große, etwas verkrümmte Brille lag vor schwackien, glanzlosen Augen.
Aufgeregt fuhren ihre Hände mehrmals an dem grauen, verschlissenen Rock hinunter, wie um sie zu säubern, ehe sie nach dem Brief griff.
,,Warten Sie," sagte sie zu dem Boten und ging zum Schrank. Dabei sah man, daß sie den linknr^Fuß etwas nachzog. Aus einer Kaffeetasse holte sie ein Geldstück, betrachtete es sorgsam auf beiden Seiten und gab es, als sie ein Zehnpsennigstück erkannte, dein Briefträger, der ihrem Gebühren mit übeclegen-spöttisck-en Mienen zugesehen hatte, nun aber doch das Geld ganz gerne nahm und mit einem hastigen Tankeswort ging.
Drinnen war es ganz still. Bon der Straße herauf drang nur gedämpft der Lärm, das Schreien der Kinder. Ein paar Fliegen summten an den Fensterscheiben. Die Alte saß vor der Nähmaschine, ihre Hände zitterten so stark, daß sie einige Male mit der Schere, -die sie zum Oeffnen des Brieses benutzte, daneben fuhr. Tann schnitt sie langsam, mit einer ehrfürckstigen Scheu, wie man das Tor zum Heiligtum öffnet, den Brief auf und nahm den Bogen heraus. Ihre Augen suchten die Unterschrift: ja, der Brief war wieder von ihrem Soldaten ans dem Krieg.
Krause, ziemlich unbeholfene Schrifttüge bedeckten die paar Setten, mit Bleistift geschrieben, so daß die schwachen Augen der Men Mühe hatten, fie zu enträtseln. Sie brauchte lange, bis sie zu «Ende war; manches verstand sie nicht sogleich und las es lviedcr und nneder: ihre Lippen sprachen halblaut jedes Wort mit. lieber ihr runzeliges Antlitz zog langsam ein frohes Leuchten; wie schön er wieder schrieb, ihr Soldat, für den sie;ganz allein sorgen durfte, daß er draußen nicht hungerte, dein sie Gaben ins Feld sandte, Zigarren, Wurst, Zwieback und noch manches andere. Dabei kannte sie ihn gar nicht, wußte noch nicht eimnlal, wie er aussah.
Ja, es war ganz sonderbar und so gekommen: Eines Tages, vor 'ein paar Wochen, hörte sie zufällig ur dem Geschäft, für das sie nähte, daß man bei der Sendung von Liebesgaben ins Feld auch jene Soldaten nicht vergessen solle, die keine Angehörigen haben und also nichts geschickt bekommen: darüber hatte sie einen ganzen Tag und eine ganze Nacht gegrübelt und ihr bißchen Erspartes Mühsam zusanimengezählt. Sie rechnet und schwankte lange, dann ließ sie sich^aber doch eure Adresse geben und sandte dem SolD-aten, ihrem Soldaten, lvie sie ihn seitdem nannte, ein Paket mit allerhand nahrhaften Dingen ins Feld. Und es war selt- tem: in lenen Tagen blühte in dem alten, einsamen Weiblein, das bisher für niemand hatte sorgen dürfen, ein längst versunkenes Gefühl rmeder auf, eine leise Mütterlichkeit. Und ihre Gedanke,1 waren nun immerfort draußen im Kripg, dessen Größe sie ja nickst mehr ermessen komtte, der aber nun doch einen Schein bis in ihr winziges Stübchen strahte.
Damals war ein warmer Tankeshrief von dem Soldaten ge- MmMen. den sie lvohl fünfzigmal an jenem Tag gelesen und ihre Arbeit beinahe darüber vcrnackstässigt hatte. Ein Brief — das war em ^Ereignis in ihrem' Leben, das sie lange nicht begreifen konnte. Schon wenige Tage darauf sandte sie wieder neue Tinge hinaus, me sie in den Läden Mit aufgeregter Sorge einkaufte, und dann noch öfters, uiid jedesmal erhielt sie einen Brief und zwischen- hriiein noch Karten mit sonderbaren Bildern, die sie nicht immer verstand. Heute aber schrieb der Sotdat so schön lvie iroch nie, meinte tue Alte: von der Freude über die guten Liebesgaben, den schlveren Kämpfen, die sie in den letzten Tagen siegend be- stmideii hätten, u,id noch vieles aridere, daß der Men vor Freude und Itührnng die Tränen in die Angen kaiMn.
Endlich legte sie den Brief zur Seite und begaun ihre Näh- a ^ > 5 lt r_r iü cf bcr V ^ re Gedanken waren aber wirr, daß sie nicht Mi schaffen konnte. Sie blickte zum Fenster hinaus: draußen laaen die Dächer mt warmen Sonnenschein. ES ging gegen Abend Ein mierklärliches Verlangen kam über die alte Frau, fortzugeben, unter Menschen, 11 m in ihrer Freude nicht so allein zu sein. Sie holte nn dünnes vom Alter etwas glänzendes Mäntelchen aus oK Schrank, sah noch einmal verwundert mit einem eigenen schein über ihre Stube hin und ging davon, nicht ohne die Türe sorgsam zweimal verschlossen zu haben.
Drunten emfsting sie das vielstimmige Brausen der Großstadt. Eine wohlige Müdigkeit war m ihr: ihre Beine, lum denen das
KL b J! rc Vl e =W fS w3 geworden war. wollten sie nur schwer durch das Menschcngettimmel tragen, tteber die Frau kam
Tu MS* Staunen: heute sahen alle Leute so i?hllch aus, als habe jeder wie fte schone Kund§ Wut Feld oraufom empfangen. Ja, so mußte eZ sein! Kn jedem .Schan-
fenster, hinter dem eßbare Dinge lagen, blieb sie prüfend stehen und dachtt an ihren Soldaten.
. „ Sie ging ohne Ziel weiter und kam zum Stadtgarten, durch
k CI V• c Menschen strömten, deren Arbeit zu Ende war, F, l r b *a bie J? u ? • mÄten. Es war die Zeit, als die Rosen blühten, die hier in Hunderten Arten gepflanzt und gehegt wurden, Ti bcc £ Insten Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. Die Alte Ws? T e ; ? a T n Ä en der Rosen. In ihrer einen Hand
hielt sie kranrpfhaft den Brief: sie holte ihre Brille hervor und begann von neuem zu leien. Einige junge Mädchen und Burschen, T o U U l ' - öoruberglngen, sahen mit dem mitleidlosen Spott der Jugend aus dao komische Bild, das die alte Frau bot. Sie ff Zecke um Zeile, wie man ein Glück gemächlich in
Ä!! emmal wurden ihre Augen weit und bekamen seltsamen Glanz Die Hände mit dem Brief sanken ihr in Zehnte das Haupt lang,am zurück und sann. Was chneb der Junge draußen im Feld: „Wenn ich heimkehre, komme ch zuerst zu Ihnen. Anfangs hatte sie. als sie diese Worte ge- KT da der ^ldat draußen sie wohl ftir ein junges. ..'cadchen hielt.. . dann aber hatten diese Worte so seltsam in ihr aufgeklungen, wie ein altes, wohlverttautes Lied. Sie tastete dieser vergessenen Melodie nach, bis es, wie ein brausender Akkord, rn ihr klar wurde; m Schmerzen klar.
r miC ber iu T c Krieger heute, hatte ihr schon einmal einer ge^chnelnn vor vielen, vielen Jahren, da sie noch jung war. Zwar nicht ganz dieselben Worre: so hatte er geschrieben: Wenn ich wieder heimkehre. komme ich zuerst zu Dir . . . du sagten sie zueinander, denn er lxckte fte geküßt, damals beim Mschi-ed, ehe er in die Fremde zpg, um sich dort eine neue Heimat zu schaffen, in die er ,ie dann als ,em Weib holen wollte. Gr war aber nicht mehr gekommen Ihre Lippen, ans denen seine Küsse rwch lange heiß wie ihre Sehnsucht brannten, hatte keiner mehr geküßt; fte war alt geworden und emsam geblieben.
Nim stand alles wieder vor ihr wie am ersten Tag. Sie sah sein junges, frohes Gesicht, die hohe, starke Gestalt, hörte das helle Lachen, mtt der er sie damals über txis Trennungsweh hinwegtrösten wollte. Die alte Zeit kam heraus mit ihren Freuden 'und Schmerzen.
Um sie war eiu wundersames Duften; sie blickte erstaunt auf und gewahrte jetzt erst nrit sehenden Augen die Pracht der Rosem unter denen fte träumte Ter Abend war langsam herbeigekvmmen; es ivaren nicht viel Menschen in ihrer Nähe. Sie versenkte ihre Ingen in die Farben der Rsosen, die im Dämmerschein mild ineinander Nossen. Ihre Gedanken waren aber weit ab, in vergangenen Zeiten, die der Junge ihr heute nrit seinem Brief unbewußt aufgetan hatte, da ihr Leben noch hell und sonnig vor ihr lag rme eure große Hoffnung. Es rvar aber kein lauter Schmerz über Gr etnsam^, glückloses Leben in ihr. sondern mit der vom Alter verklärten Entsagung nahm sie die Vergangenheit in sich auf als einen schonen Traum.
Die Schatten der Nacht gingen langsam durch den Garten, in dem allem noch die Greisin saß. Sie gelvahrte die Dunkelheit nicht, denn m ihr spar junger, lichter Tag. Ihre mageren, vom Nahen zerstochenen Hände hielten zitternd den Brief, dessen Weiße durch die Nacht leuchtete.
vermischtes.
* Der erste Kaiserbesuch auf Helgoland. Die
Insel wurde nicht schleich bei Abschluß des Tauschvertrages übergeben sonderu erst einige LPockxm später. Die feierliche Üebergabe geschah am 9. August wr 25 Jahren im Garten des Gouverne- mentspalastcs durch deu englischen Goumrneur Barklv an den damaligen Staatssekretär des Inneren von Boetticher. Am nächsten Tage erschien dann der Deutsche Kaiser zum ersten Male auf der Insel zu Besuch. Unter dem Salutschießen der vor Helgoland ankernden deutschen Kriegsschiffe und an den präsentierenden Ma- tvosen vorbei, betrat der Kaiser den Boden der Insel. An diesem Tage sprach Wilhelm II. jene gerade im jetzigen Kriege zu eineo hohen Bedeutung gekommenen Worte, daß Helgoland' ein Schutz unh Hort ftir Deutschland sein solle, wenn einmal die Feinde in die Nordsee embrechen wollten. Ws erster Zivübeamter der Insel wurde Geheimrat Wcrmuth eingesetzt, den militärischen Oberbefehl mit dem Titel Gouverneur von Helgoland erhielt der Kapitän zur See Geckeler. Als der englische Gviiverneur am 9. August 1890 der Musikkapelle befahl, nicht mehr God save tf>e queeu, sondern- „Deutschland, Deutschland über alles" zu swelen, wird er kaum geahnt haben, wie dieses Lied ein Bierteljahrhundert spciter seinen Landsleuten gerade oon der Insel Helgoland aus. ans der es ernst prophetisch gedichtet wurde, am überwältigendsten ins Obr klingen sollte. -
* Ein amerikanisches Lob nnserer Verwundetenpflege. Die deutsck-e Organisation, die während deü Krieges die Leitttmgeu auf allen Gebieten zur höchsteil koinmcnhnt gebracht hat, findet auch im Atesland in den nni»,iiM- ischon Kreisen iwllste Anerkennung. Auch in Amerika gibt es An« große Zahl objektiv gebliebener Zeitungen, die dentsff>es Köchien imd deutsche Titchtlgkeit nchtig zu beurteilen und zu setzen Kssen. Nicht aermg i|t bie Zahl der amerikanischen Blätter/ die hie technischen Bezüge der dentsckieli Kriegftlhrung als wunjchrbar und stnilbeitrefflich hinstellen. Eine ganz besondere Schätzung aber


