Ausgabe 
5.8.1915
 
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Donnerstag, den 5. August

Lurück zur Scholle.

Roman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Beim Borwerk Niederbrihkawe traf Moritz Gassel, der neben dem Kutscher saß, einen guten Bekannten. Er kam zu Fuß die Chaussee herauf und hatte ans dem Rücken eine altmodische Reisetasche, die mit sehr bunten Perlen bestickt war und die schöne Inschrift aufwies:Christus der ist mein Leben". *

Nu, Herr Gassel!" rief er schon von weitem.Was machen Sie für Geschichten? -Sie wollen doch nicht etwa fort?"'

-Moritz Gassel ließ halten, nickte trübselig und reichte ihm die Hand.

Nu!" fuhr der alte Abraham fort.Wenn Sie halt fort müssen, dann müssen Sie fort. Wohin müssen Sie denn?"

Nach Kletzine, Kreis Tomslau."

Wie?" fragte der Sulitscher und legte die Hand hinter die Ohrmuschel, als hätte er nicht recht gehört.Nach Kletzine, Kreis Domslau. Jst's die Möglichkeit."

Kennen Sie's denn?" fragte Moritz Gassel eifrig.

Ob ich's kenne!" ries der alte Abraham.Einmal bin ich dort gewesen, aber nie wieder. Das ist ein trauriges Nest. Ich wollt mal da eine Kuh kaufen, aber ich Hab sie lieber nicht gekauft."

Wo liegt's denn?"

Dicht an der russischen Grenze!" meinte der alte Abra- Ham und zeigte so ungefähr nach Osten.Hinterm Graben reiten die Kosaken, die schießen gleich, wenn einer über den Graben hoppst. Und die Kletziner hoppsen gerne mit der Spiritusflasche in der Hand. Das bringt dort Geld ein!"

Das sind ja nette Aussichten!" sprach Moritz Gassel traurig.

Sehr nette!" bestätigte der alte Abraham.Machen Sie, daß Sie von da schnell wieder sortkommen."

Will' mir Mühe geben!" nickte Moritz Gassel.Ich Hab ja noch ein kleines Konto bei Ihnen. Wieviel macht's?"

Nu!" lachte der alte Abraham.Ich Hab doch Ihr Konto nicht im Kops. Lassen Sie's nur stecken. Sie werden Ihre Groschen schon gebrauchen können in Kletzine. Sie sind mir aut für dreihundert Taler."

Moritz Gassel steckte das Geld wieder ein.

Was ich noch fragen wollte!" rief der alte Abraham, als sich der Wagen schon wieder in Bewegung setzte.Wie -geht's dem kleinen Herrn Baron?"

Sehr gut!" erwiderte Moritz Gassel und drückte ihm zum Abschied die Hand.

Der alte Abraham schulterte seine Tasche und lief ins Dorf, um sich mit eigenen Augen von dem Wohlergehen des kleinen Günther zu überzeugen.

Und Moritz Gassel kam am nächsten Mittag in Kletzine an. Der alte Abraham hatte nicht übertrieben. Es war wirklich ein trauriges Nest. Die Besitzungen waren klein, und die Leute nährten sich mühsam und spärlich aus dem kargen Sandboden, der fast nur Kartoffeln und fußhohen Hafer hervorbrachte. Mit der russischen Grenze und den Ko­saken allerdings hatte der alte Abraham gefluntkert. Er war in der weiteren Geographie nicht sehr stark und hatte Kletzine mit einem ähnlich lautenden Namen im Kreise Kempen ver­wechselt. Dort erst kam der Grenzgraben mit den Kosaken und der gefährlichen Spirituspascherei.

Aber trotz dieses glücklichen Mangels war und blieb Kletzine ein Ort, wo sich die Füchse Gutenacht sagten. Unter allen Gebäuden des Dorfes sah das Schulhaus, in daS Moritz Gassel ziehen sollte, am erbarmungswürdigsten aus. Außen hatte es große Aehnlichkeit mit dem abgebrannten Kuhstall Fürchtegott Fritschers in Britzkawe, und innen war es nicht wohnlicher, als die Außenseite versprach. Wenn man sich in die Wohnstube neben den Kamin stellte, konnte man durch die Decke und das löchrichte Ziegeldach den Himmel sehen. Im Schulzimmer war nichts Erfreuliches zu entdecken. Die Bänke waren über hundert Jahre alt und von einer bemitleidenswerten Gebrechlichkeit. Die beiden Fenster ließen sich nicht öffnen. Mau hatte sie zugenagelt, damit sie nicht aus den morschen Nahmen fielen. Außerdem machten sich die luftverpestenden Düfte des Hausschwammes bemerklich, der an der Wetterseite schon die ganze Dielenecke unters miniert hatte. Diese Baracke, die offenbar in früheren Zeiten als Stallung gedient hatte, besaß nur diese beiden Räumtz und einen kleinen Hausflur, in dem der unförmige Kamin eingemauert war. Die Haustür hatte kein Schloß. Bor dieser jämmerlichen Hütte war ein kleiner Spielplatz für die Kin­der eingezäunt gewesen. Jetzt standen nur noch die Pfähl« da. Die Bretter waren mit der Zeit in der Nacht verschwun­den. Dile Säugpumpe, die auf dem Platz stand, und die Be­dürfnisanstalt, die drei Schritte entfernt angelegt war, zeig­ten Spuren von Jugend. Der Schornstein des Schulhauses war eine Ruine, und von den dreißig Rundziegeln, die auf dem First reiten konnten, fehlten drei mehr als eiwDutzend. Die fehlenden Dachziegeln auszurechnen, verschob Moritz Gassel auf eine gelegenere Zeit. Hinter dem Hause war ein weiter Platz, den eine dünne Reisighecke umgab. Zwei ver­krüppelte Pflaumenbäumchen und ein Birkenbusch deuteten darauf hin, daß man dieses Brachland für den Schulgarten hielt. Es war mit einer spärlichen Grasnarbe bedeckt und ging hinter der Hecke in Flugsand über. Da lag nämlich ein kleiner Sandberg, auf dem nichts wuchs. Moritz Gassel trug mit Hilfe des Kutschers seine Habseligkeiten in diesen Schulpalast, gab dem Manne ein Trinkgeld und schickte ihn mit einem Gruße zu August Knorreck zurück.

Am nächsten Morgen stellten sich die Kinder ein. Unter den Abo-Schützen, die eine Stunde später in Begleitung ihrer Mütter und größeren Schwestern anrückten, zählte Moritz Gassel achtzig Prozent, die polnisch sprachen und keine