Ausgabe 
4.8.1915
 
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Mittwoch, den q. August

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Lurück zur Lchslle.

Noman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

XXIX

Drei Tage später hatte Moritz Gassel seine Anklage­schrift wieder in Händen. Sie kam aus Sulitsch. Daraus ersah er, daß sie gar nicht in Breslau gewesen war. Doktor Schrill hatte es vorgezogen, diese ärgerliche Sache unter der Hand aus der Welt zu schaffen, was ihm um so leichter ge­lingen mußtze, da der Schulrat sein Onkel war, der von der Tüchtigkeit seines Neffen fest überzeugt war und ihn nach Möglichkeit begünstigte. Er hatte den unter dem^Schulrat Hupfer etwas verlotterten Kreis wieder auf die Stufe der Ordnung und der straffen preußischen Zucht gehoben. Auch das Ueberwachungsfystem ließ sich von diesem Standpunkt aus verteidigen. Außerdem blieb der Fall Gassel vereinzelt.

Davon aber wußte Moritz Gassel nichts, weil er die Füh­lung mit seinen Kollegen vollständig verloren hatte. Um so härter trat auf ihn die Notwendigkeit, von Britzkawe, das ihm in den Jahren zur Heimat geworden war, zu scheiden, wenn auch nur aus ein Jahr. Immer näher rückte das Ende des Schuljahres, und er vermochte sich nicht aufzuraffen, um Anordnungen für seine Uebersiedlung zu treffen. Wo Kletzme lag, w!ußde er noch immer nicht. Aber ihm schwante, daß es wenig empfehlenswert sein und dicht an der Grenze liegen müsse. Vielleicht hattd er da die halbe Schulklasse voll pol­nisch sprechender Kinder! .

Traurig ließ er den Kopf hängen und ging m den Gar­ten, wo sich die Knospen an Sträuchern und Baumen schon zu regen begannen. Wie würde das alles nach einem Jahre aussehen! p . ^

Mit einem Seufzer machte er sich daran, den Bienen­völkern, die schon zu warm saßen, die Winterhüllen abzu­nehmen. c , rr

Da hörte er heftiges Pochen an der Haustur. Er ging und öffnete. Draußen stand ein Mann in beit besten Jahren, dem man den Lehrer auf hundert Schritt ansah.

Guten Tag, Herr Kollege!" sagte er überaus freund­lich und streckte die Hand aus.Sie gestatten wohl. Mem Name ist Littich. Sie kennen mich doch? Auf der Kreis- Lehrerkonferenz haben wir uns gesehen."

Moritz Gassel strich sich mit der flachen Hand über die Stirn, er konnte sich nicht erinnern. Und doch war dieses listige Fuchsgesicht mit den unsicheren, schnüffelnden Augen auffällig genug.

Sie wünschen?" fragte er verwundert, als sich der Fremde in die Tür drängte. .. .

Ich möcht mich halt ein bissel Umsehen hier!" meinte er unbefangen. ...

Umsehen?" ries Moritz Gassel, verblüfft über diese Kühnheit. Wesbalb denn?"

Na!" erwiderte der Herr Kollege und lächelte.Ich bin doch Ihr Nachfolger!" ^ , _

Ja so!" sprach Moritz Gassel und stieß die Tur des Klassenzimmers auf. ^

Dafür aber schien sich Herr Littich nicht sonderlich zu interessieren. Kaum, daß er einen Blick hineinwarf.

Mir ist mehr um die Wohnung zu tun." .

Moritz Gassel führte ihn durch die Küche und, die drei Zimmer und zeigte ihm auch die Giebelstube. Drei Räume waren leer, denn er bewohnte nur das eine, das der ^chui- stube gegenüberlag.

Großartig!" entfuhr es dem Nachfolger.Meine Er­wartungen sind total übertroffen. Es ist ja auch eine Woh­nung für einen verheirateten Lehrer. Ich versteh gar nicht, wie Sie als Unverheirateter so lange hier bleiben durften. Und die zweite Prüfung haben Sie auch noch iiicht gemacht.

Moritz Gassel stieg ein würgender Ball in der Kehle empor. Er hätte diesem Menschen am liebsten eine Ohrfeige gegeben. Aber er bezwang sich, er hatte-die letzten Wochen hindurch im Selbstbesiegen schon Erkleckliches geleiftet. Doch das Gefühl, daß Kollege Littich eine besonders geeignete Kreatur für den Schrillschen Spionierdlenst war, wurde er nicht mehr los. An der Haustür blieb Moritz Gasfel stehen und wartete darauf, daß sich der Herr Kollege wieder emp­fehlen würde. Aber der ging nicht. .

Wollen Sie mir nicht auch den Garten zeigen?

Moritz Gassel schluckte herzhaft den quälenden Ball hin­unter und schritt wieder voraus.

Schweigend gingen sie durch die Beerenbufche, che schon grüne Spitzen an den Zweigen zeigten, um die drei Mist­beete, unter deren Glasfenstern es schon lustig keimte, über den Grasplatz, auf dem die Hochstäminchen standen, bis zum Bienenschuppen. Hier blieb der Herr Kollege in respektvoller

^"^,Me"sm^wohl fein Imker?" fragte ihn Moritz Gassel.

Jawohl!" erwiderte der andere, beinahe beleidigt. Aber ohne Bienenhaube imkere ich nicht!"

Na ja!" meinte Moritz Gassel nicht ohne Scharfe.Es gibt auch solche Imker." _ ,

Der andere überhörte das vornehm. Er hatte m der Schrillschen Schule schon manches gelernt. großen

Bogen wich er den summenden Bienenvölkern aus und nahm die Spargelplantage in Augenschein. Die langen Beete waren schon bis zu einer Höhe voii vierzig Zentimetern anf- gehäufelt. Nächstes Jahr konnten sie den ersten Ertrag

^Verstehen Sie etwas von Spargelzucht?" fragte Moritz Gassel und konnte den Hohn nicht ganz unterdrücken.

Das kann man ja lernen!"

Manch einer lernt's nie!" r . ^

Erlauben Sie mal!" rief der Kollege aufgebracht.Ich verbitte mir diese Bemerkungen. Ich mache Ihnen hier m aller Höflichkeit einen Besuch, und Sie behandeln mich mit derartigen Redensarten!"