Ausgabe 
26.7.1915
 
Einzelbild herunterladen

Zurück zur Schotte.

Koman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

.. von Winkelberg das kleine Arzneifläschchen

tn den Händen t)ielt, las er auf deni Etikett das Wort: Digitalis.

So schlimm also stand es schon mit seinem Herzen!

Am Mend lvar Aiigust Knorreck mit sich^ ins reine gekommen. Er fragte seine Krau, die eben das Herrenhaus verkästen hatte, wie sich der Herr Baron befände.

Ganz gut!" sagte sie lebhaft.Die Tropfen haben rhm sehr gut getan.

Dann wurde es wieder still, nur das Ticken der Wand­uhr war zu hören.

Lag mal," begann August Knorreck wieder, und die Worte wurden ihm nicht leicht,sag mal, hat er zu die über Hedwig gesprochen?"

Frau Knorreck sah ihn erschreckt an, als hätte sie sich eben bei einem Unrecht ertappen lassen. Dann faßte |te Mut.

. - "Amtlich hat er von Hedwig gesprochen!" rief sie furcht­los.Das i)t doch das einzige, was ihn: Freude macht. Ich habe chm alle Briefe gegeben, die sie geschrieben hat!"

,,^>o!" meinte der Inspektor ruhig, als wäre er nicht tm geringsten überraschtUnd das erzählst du mir erst heute." '

'Au willst doch von der ganzen Sache nichts wissen!" verteidigte sie sich.Du bist doch gegen die Heirat!"

Denkt er daran auch noch?" ries August Knorreck über­rascht.

Und da fragst du noch lange?"

Ich denke, das hat er sich ganz aus dem Kopf ge- schlagen." ö

Du wirst dich Wundern!" rief sie triumphierend. Wenn er gesund ist, reist er nach .Halle. Und dann wird Hochzeit gemacht. Und wenn du wieder nach Zdurotschin ziehn willst, dann zieh. Ich bleib hier. Du l^ast das ganz« Unglück angerichtet mit deinem Eigensinn. Wenn du hier nr Britzkawe geblieben wärst, lag der Baron da oben nicht krank. So, nun weißt du meine Meinung."

August Knorreck erwiderte nichts, stützte den Kopf in die Hände uiid starrte auf den Tisch Ueber eine Stunde saß er so regungslos da und kämpfte mit sich einen schwereck Kanrps. Dann hob er den Kops.

Geh zu Bett!" befahl er.Ich muß noch arbeiten."

Als er allein lvar, holte er einen Briefbogen heraus und setzte die Feder an. Aber er brachte keinen Buchstal>en kämpfte hart gegen sein inneres, besseveS Selbst, ohne es besiegen zu können. DaS Handgelenk blieb steif. Da machte das Eintreten Thomas Hauschilds, der vom Borwerk heransvam. der Qual ein Ende. August Knorr-

eck legte die Feder hin nnd besprach mit ihm die Aussaaten und die anderen laufenden Arbeiten. Drei Tage darauf kam Doktor Vielschowsky wieder. Der Baron fühlte sich besser. Die Geschwulst an den Füßen hatte bedeutend abgenommen.

Sie haben mir Digitalis verschrieben!" fragte er arg­wöhnisch.

Soll ich Ihnen vielleicht kalten Kaffee verschreiben?" scherzte der Arzt und untersuchte ihn wieder. Das Herz arbeitete stärker, aber die Unregelmäßigkeiten hatten sich naturgemäß vergrößert.

glaube, ich könnte aufstehen!" meinte Fritz von Winkelberg.

Versuchen wir's!" ermunterte ihn der Doktor.Herz­kranke müssen ihren Willen haben. Hoppla!"

Er half ihm in die Kleider nnd schob den Lehnstuhl heran. v

_Ich fühle mich bedeutend besser!" konstatierte her Baron, als er saß.

Das alte Leiden der Herzkranken!" lachte der Doktor. Sie fühlen sich immer bester. Machen Sie mir keine Extravaganzen! Wenn Sie grade Mut haben, wagen Si« immerhin ein paar Schritte durchs Zimmer. Llber dünn immer gleich in den Stuhl zurück."

Ich werde den Stuhl nicht eher verlassen, bis ich Ihre schriftliche Erlaubnis in Händen habe," lächelte der Baron.

Das soll ein Wort sein!" sprach Doktor Bielschowsky befriedigt.Sie sind der vernünftigste Herzkranke, der mir in meiner Praxis vorgekommen ist. Die meisten sind näm­lich, im Vertrauen gesagt, unausstehlich. Bor allen Dingen keine Aufregung. Ich empfehle Ihnen die mathematischen Probleme, wenn Sie geistiger Beschäftigung bedürfen, das kleine und das große Einmaleins. Es gibt auf der ganzen Erde keinen herzkranken Matbematikprofessor. Merten -Sie sich das! Und vergessen Sie nicht, regelmäßig die Medizin zu nehmen. Aber ja nick-L mehr als drei Tropfen. Mehr hält Ihr Herz nicht aus."

In diesem Augenblick drückte sich Cäcilie mit ihrem Marchenbuche durch die Tür. Ihre Augen strahlten vor Gluck, als sie den Vater im Stuhl sitzen sah. Sie nahw zu seinen Füßen Platz und legte ihre Wange an seine Hand. Dann blätterte sie nachdenklich im Märchenbuch.

dtun, gnädiges Fräulein, was gibt's heute?" fragte der Doktor neugierig.

Sneewittchen", buchstabierte die Kleine.

Nein!" rief der Doktor und ließ seine Augen rollen. Das verbiete ich. Diese Geschichte ist zu traurig. Du darfst deinem Vater nur lustige Geschichtchen vorlesen, wobei er lachen kann. Zum Beispiel: Sechse kommen durch die ganze Welt, oder die Bremer Stadtmusikanten, oder von dem, der auszog, das Gruseln zu lernen."

Und Cäcilie entschied sich für die Sechs«, die durch die ganze Welt kamen.