Ausgabe 
24.7.1915
 
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Mädchen in kurzen, roten Röcken, schwarzem Mieder, weißem Strümpfen und einer Haube; Sense und Rechen ziert ein roteä Band.

Die ersten Halme wurden von einem Kinde unter fünf Jahren

S 'chnitten, das erste Strohseil von einem solchen unter sieben, hren gewunden: die Hand der Unschuld mußte zuerst die ttesgabe berühren, damit sie reichen Segen gebe. Auf Oesel schneidet der Wirt die ersten Äehren und legt sie dem Vieh in die Krippe, auf Mon aber beginnt die Wirtin oder eine ältere Frau mit der Mäht und spricht:

Flink, flink, du lieber Ackerstreifen,

Fleug, fleug, du Ackergewächschen,

Zum schnellen Ende, zum Raine hin.

Quill auf zum großen Haufen,

Spare dich zum Kornschober:

Obgleich jetzt noch weit ausgebreitet,

Wirst du bald geringer werden/'

So anstrengend die Erntearbeit ist, die Schnitter verlieren nickt die Freude an allerlei Scherzen und Neckereien. Wie Kuck und Sohnrey in ihrenFesten und Spielen des deutschen Land­volkes"' mitteilen, bringen in der Schweiz die Schnitter ihren beim Mähen zurückbleibenden Genossen gern in Verlegenheit, indem sie ihn überholen und schließlich auf einem abgesonderten Getreide­stückchen, dem Fulacher (Faulacker), zurückzulassen. Er muß die anderen freihalten, und allerhand Spott wird während der Ernte­zeit mit ihm getrieben. Wenn im Braunschweigischen ein Mäher Halme stehen läßt, so necken ihn die andern mit den Worten: Se raupet MH" (sie rufen dich). In Mecklenburg aber heißt ein schlechter Mäher einPoggenstäker"" (Froschstecher) oderStein- söker".

Weit verbreitet ist der Brauch des Bindens oder Schnürens. Kommt während des Mähens der Besitzer des Feldes, einer der Seinen oder ein Fremder aufs Feld, so wird dem Betreffenden ein buntes Band oder ein Kornseil um den Arm gewunden oder: er wird wohl gar in eine Garbe eingewickelt. Meist wird dazu ein altüberlieferter Spruch gesagt, er lautet z. B. in Nordthüringeni nach Reichhardt (die deutschen Feste in Sitte und Brauch):

Als ich heute früh erwachte.

Hörte ick ein Glöckchen läuten.

Dacht ich da bei mir im Stillen:

Was hat dieses zu bedeuten?

Dachte lange mit Verlangen,

Dacht's im Gutem nicht im Bösen:

Sicher kommt der Herr gegangen Und will heut bei uns sich lösen.

Jst's nicht mit 'nem Füßchen,

So doch mit 'nem Gläschen!"

Dann tritt die älteste der Schnitterinnen vor, knixst zierlich und spricht:

Mle Herrn, die das Ernteseld betreten,

Müssen mit einem Kranze beehrt werden.

Schenken sie uns ein

Ein Gläschen Bier oder Wein,

Die Ernteleute wollen damit zufrieden sein."

Damit bindet sie dem Angeredeten kleine Aehrenkränze, welche mit farbigem Band durchzogen sind, um den Arm, und die übrigen' Schnitter bringen ein Hoch auf ihren Arbeitgeber aus. Dieser entspricht ihren Wünschen durch Spendung einer Erfrischung.

In Sachsen hofft man auf ein kleines Geldgeschenk, man spricht! Mein Herr, ich komme zu Gunsten und Ehren,

Sie werden's mir nicht verwehren.

Unsere Men Habens früher auch so gehalten,

Sie schnürten Kaiser. König und Fürsten,

Wir Leute müssen sehr dürsten;

Wollen sie so gütig sein.

So legen sie's auf diesen Stein

Oder geben sie mir's in die Hand hinein/'

.. Besondere Festlichkeiten und Neckereien knüpfen sich auch an die Beendigung der Ernte. Wer den letzten Schnitt macht, wird ausgelacht und muß aus dem letzten Wage:: nach Hause fahren j SL J?V C angekommen, wird er mit Wasser begossen. Eine wichtige Rolle spielt die letzte Garbe. Im Lippeschen stellen sich die Arbeiter nach Beendigung der Mäht hin und schlagen mit den Wetzsteinen gegen die Sensen. Darauf trinken sie Mlch und Bier, aießen die Neigen zur Erde, nehmen die Hüte ab und singen, indem sie die letzte Garbe umtanzen:

Woold, Woold, Woold?

Hawenhüne weit wat schützt,

Jumm hei dal vom Häwen süht.

Dulle Kruken un Sangen hält hei,

Up en holte wäst mannigerley

Hei nig barn und wärt nig old.

Woold, Woold, Woold!""

(Wotan, Wotan, Wotan!

Limmelsriese weiß was geschieht,

Immer vom Himmel er niedersieht.

Volle Krüge und Garben hat er.

Auf deni Holze wächst mancherlei ffir ist nicht geboren und wird nicht alt.

Wotan, Wotan, Wotan!)

Die Mecklenburger ließen früher allgemein teilweise tun sie es noch heute die letzten Aehren auf dem Felde stehen und sprachen r

Ho Wode, ho Wode, du goder,

Hale dinem Rosse nu voder,

Hole en Disteln und Dorn,

Thom andern Jahr bater Korn.""

_ Hamiover tvurde die letzte Garbe mit dem jubelnden Rufe De Aule, de Aule"" begrüßt, und in der Osnabrücker Gegend kmete man vor ihr nieder und küßte den Alten, ein Brauch, dev uns schon in nner Urkunde aus dem Jahre 1249 b«euqt wird. Nach dieser mußten die Bewohner einiger preußischer Landschaften dem vapstlichen Legaten Jakob von Lüttich geloben, nicht ferner dem Gotzenbilde. der Alte genannt, zu opfern, das sie aUe Jahre nach emgebrachter Ernte zu bilben und als einen Gott anzubeten pflegten ^n Niederbapern nennt man den stehengebliebenen Rest der Aehren Oswalde (wohl entstanden aus Odinswala = Qdins- Auswahl), schmückt ihn mit Bändern und Blumen, legt zuweilen noch ein £>tücf Brot darunter, betet zu Gott oder der hl. Dreieinig­keit und umtanzt d:e Figur. Auch in Tirol kennt man den Oswald. Er war dort ein König, der vertrieben wurde und nach dem Etsch­lande flüchtete. Er hatte stets einen Rabeii bei sich und galt für einen gewaltigen Wettermacher. Beides Züge, die an Wodan-Odin ermnern.

^ Pommern wird nach Schluß der Ernteder Alte"" mit Hose, Weste, Rock und Hut bekleidet, die Mädchen halten ein Wett­rennen nach ihm ab die Siegerin ist beim Erntefeste die erste Tänzerin und schließlich wird die Garbe der Gutsherrschaft überbracht. Auch dabei wird ein Spruch aufgesagt, etwa der fol­gende:

Die Garben haben wir gebunden.

Ten Alten haben wir gefunden.

Nun kommen wir angeschritten,

Ten Alten in der Mitten.

Wir stellen ihn an der Tenne Wand.

Schön geschmückt mit cineni Band;

Ta soll er dreschen und knüppeln,

Daß ihm der Kopf wird schütteln.

Wir haben jetzt gebracht dem Herrn den Alten herein,

Ter Herr soll sich darüber freun;

Auch wir Mäher wollen lustig sein.

Der Herr gibt uns auch eine Kanne Branntewein.""

Häufiger als den Brauch, einer:Alten"' zu binden, finde» wir aber den aus Aehren, Blumen und bunten Bändern gewun- denen Erntekranz. In fröhlichem Zuge geht es am ErntesAe auf den Gutshof, hier tritt der Hofmeister, der Vormäher oder auch eine Schnrtterm vor und spricht:

Dafür gibt's eine gebratne Gans Und ist es keine gebratne Gans,

So ist's ein fetter Hammelschwanz;

U:ü> ist's kein fetter Hammel schwänz.

So ist's ein Kelchen Bier und Wein,

Dazu tvollen wir recht lustig sein.

Hier bringen nur dem Herrn das Roggenbund,

Der liebe Gott halte unfern Herrn gesund;

Hier bringen tvir dem Herrn das Weizenbund,

Der liebe Gott halte unsre Madame gAund:

Hier bringen wir dem Herrn das Gerstenbund,

Der liebe Gott halte unsre Fräuleins gesund;

Hier bringen wir dem Herrn das Haferbund,

Der liebe Gott halte unsre jungen Herrn gesund;

Hier bringen wir dem Herrn das Erbsenbund,

Der liebe Gott halte das ganze Gesinde gesund.

So viel Wispen, so viel Rispen, so viel Aes^en

Wünschen wir unserm Herrn in seine Kisten, Kasten und Ladett,

Und habe ich meine Rede recht gesprochen,

So geben sie mir das Fleisch, meinen Kameraden die Knochen."* So lautet die Erntekranzpredigt im Anhaltischen; verbreiteter iy der folgende Spruch:

Guten Tag Herrschaften insgemein,

Ich bitt, nun ein Weilchen :nal stille zu sein Und meinen Wotten hören zu,

Die ich weiter reden tu.

Wir haben gemacht den Erntekranz Der ist nicht halb, sondern der ist ganz.

Er ist nicht von Distel und Dorn,

Sondern von reinem geivachsenen Kdrn.

So manches Ahr (Aehre^. .

So manches Jahr,

So manche Rispe,

So manche tausend Taler in des Herrn Geldkiste!

Ich null nun wünschen, dah die Pferde gut gch'n Und d.ie Schtvein' gut gednhn Und die Kinder reich frci'n.

Eins Hab ich noch vergessen,

Was wir heut abend essen.

Gebratene Fische und Forellen,

Dazu kommen Jungfern und JnnggeseUen.

Und dazu 'ne Pfeife Tabak,