Ausgabe 
17.7.1915
 
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August Knorre'ck machte auf der Stelle kehrt und war um stuf Uhr wieder in Zdurotschin. Seit dieser Nacht Kalte er reine Ruhe mehr. Jeoen Abend, sobald die Dunkelheit an^ brach, ging er nach Britzkawe. Und wenn es noch )o starr regnete, er mußte wenigstens bis an die Grenze laufen.

(Fortsetzung folgt.)

hauptmann Sternliefer.

Erzählung von Martin Proskauer (Berlin),

Durch die Aula des Gymnasiums stöhnte ein verhaltenes Schluchzen und Schnauben von den Plätzen her, wo die Eltern! saßen, als der alte weißhaarige Direktor aufstand und den Pri­manern die Zeugnisse ü&crrcidjte. Tenn jeder der jungen Menschen mußte morgen schon in das Regiment eintreten, bei dem sie sich aNe als ÄiegsfreiwiUige gemeldet hatten^

Ta bestieg der Ordinarius der Quarta das Podium- Straff ausgerichtet, selbst noch jung, mit leuchtenden Augen, sah er auf die kleine Schar der Schüler vor ihm. Ueber der Autnantsunt- jbrm, die er trug, leuchtete grell eine breite weiße Binde, in der fein linker Arm schwer und unbeweglich lag,

Liebe Schüler," sagte er mit klingender Stimme,liebe Schüler und morgen schon liebe Kameraden, unser Derr Direktor hat mir ausgetragen. Euch als Lehrer und Soldat ein Schlußwort auf deii Weg zu sagen. Ihr braucht keine Angst zu haben daß ich eine gelehrte Rede über den Heldenmut der alten Griechen oder dergleichen halte; denn ich sage Euch, Taten, wie-sie-heute dort hwußen geschehen, und Männer, wie sie heute im Felde sich schlagen, hat es gÄßer auch in der Vorzeit nicht gegeben. Und statt eines Vortrages möchte ich Euch ein kleines Erlebnis erzählen, daS mir tzlbst innerlich mehr gegeben hat als alles Lchlachtengcwü lnd icb glaube, daß es mit daran schuld ist, wenn der Rest von ugendlichem Ueberschwang, der in mir war. in Ernst verwandelt

^ Ich war damals aus dem Lazarett entlassen worden, weil mein Armschutz so gut wie geheilt erschien und wurde auf mem Bitten hin felddienMähia geschrieben. Aber ich kam Nicht mehr in den Schützengraben, sondern zu einer Munttwnskolonne, bis immer zwischen Front und Etappe hin und her pendelte. DaS War mir nun sehr langiveilig, und ich zerbrach mir den Kopf, wie ich wieder fortkommen könnte. Plötzlich gab es große Truppen­verschiebungen; der Feind, der einen Durchbruch befürchtete, gmg zurück, und Unser Ärmeeführer jagte ihm zunächst einmal ein paar Regimenter in Eilmärschen nach, die dem abziehenden Feind auf den Hacken bleiben sollten. Und zu den Kolonnen, die dem BerfolgungStrupp Munition nachschafften, gehörten auch wir.

Llber wenn ich gedacht hatte, daß es nun eine fröhliche Jagd ins Feindesland hinein geben würde, so hatte ich mich geirrt. Denn wir wiirden mit einer schweren Prvviantkolonne zusammew- rekoppelt, und die Führung übernahm ein alter graubärtigep ^-ndwehrhaupttnann, der Leiter dieserBäckereifiliale", wie wir oft genug ingrimmig nannten. In Zivil ivar der Hauptmann irosessor an einer Sternwarte, und da unsere Mannschaften sein Znteresse für den Sternenhimmel natürlich gleich herausgefunden atten, hieß er bei .ihnen nur nochHauptmann Sternkiekelr^ Sir jungen Leutnants nahmen die Bezetckimng, die uns damals öchst verächtlich erschien, unter uns begeistert auf.

Tenn was HaiiptMann Sternkieker mit Marschordnung, Sei- tendeckung und Patronillenreiten trieb, ging uns allen über die Geduld.

Wir Hütten an seiner Stelle herausgeholt, was Pferd und Mann hergeben konnten, um hinter unserer Truppe herzukommen, statt dessen gab es fortwährend Sicherimgsposten, Aufklären rechts und links, selbst wenn die Landsttaße blank wie ein Tischtuch vor uns lag. Ä) kam es, daß Hauptmann Sternkieker bei uns jungen Offizieren ich will nicht sagen, in den Verdacht der Feigheit -aM aber als ein Ebenbild jenes römischen Feldherrn Quintus Fabius erschien, der seines Zcniderns wegen den BeinamenCunc- tator" erhielt. ^ ^

Also Hauptmann Sternkieker zauderte fernen Weg entlang. Einnral, als wir in der Nähe einer Brücke ivieder kostbare Zeit mit Herumschnüffeln verloren, erlaubte ich mir die Frage, warum wir nicht einfach eine Handvoll Geißeln aus dem nächsten Torf holten, die für die Sicherheit der Brücke bürgen müßten. Haupt- Mann Sternkieker sah mich nachdenklich durch seine Brille an, dann setzte er mir auseinander, daß es das gute Recht des Feindes sei, jene Brücke zu minieren, daß die Dorfbewohner ja nichts davon zu wissen brauchten und so wckiter. Ich war froh, als ich Mein Pferd herumdrehen konnte. Diese Angstmeierei war nicht mehr auszuhalten. Schließlich, ein bißchen riskiert ja jeder im Krieg, und wer das nicht ertragen kann, sott nach Hause gehend So brumMten wir Leutnants untereinander. Wäre es nach uns gegangen, so wären nur mit Holla und Hussa durch das stille Land gebraust, denn weit iml Umkreise war niemand zu sehen, und es passierte nichts.

Und wir wären früher, als vorgefchrieben, an die Truppe her- angekommen. dennnoch schneller als befohlen" erschien uns als

der Inbegriff der soldatischen Höchstleistung. Dis wir an die Brücke über den Pelouse-Bach kamen, da lernten wir alle um. Und Hauptmann Sternkieker war unser Lehrer.

Ueber den Bach gab es nämlich keine Brücke mehr. Tie lag in Treck und Splittern im Wasser, und wir Mußten eine Furt suchen. Tas ging schnell genug.- denn breite Wagenspuren führten deutlich sichtbar an einer sandigen Uferstelle ins Wasser hinein. . _

Natürlich gab es auch hier wieder großen Aufenthalt. Der Hauptmann schickte die Aufklärer über das jenseitige Ufer üor/ weil dort Büschwerk war. Ta drinnen konnte ja ein feindliches Armeekorps stecken, sagten wir uns höhnisch. Aber nicht einmal die Furt durften die Reiter benutzen, Hauptmann Sternkieker fügte sie oberhalb der ehemaligen Brücke durch das tiefe Wasser.

Inzwischen hielt der Hauptmann auf seinem Gaul, einem kno­chigen hohen Ostpreußen, am Ufer und stierte in das Wasser. Wir standen neben ihm und machten halblaut Witze, die er gar nicht zu hören schien. Nach zwei Stunden kam die Patrouille zurück, natürlich war weit und breit nichts zu sehen gewesen. Wir seufzten erleichtert auf, denn nun konnte es doch «Mich durch den Bach und weiter gehen. ...

Ta richtete sich Hauptmann Sternkieker auf und kommandierte:

Aufgesessen! Ganze Kolonne kehrt und 300 Meter vom Ufer zurück. Tort haltmachen und warten!"

Und ehe wir noch eine Erklärung dieses Befehls erwarten konn­ten, gab er seinem Pferd die Schenkel und ritt langsam auf den Bach zu und ins Wasser. .

Nun, wir mußten zunächst natürlich gehorchen und namnen die Wagen, wie befohlen, zurück. Tas war schnell geschehen, dann stellten wir uns seitwärts auf einen Lehmhngel, von dem' Man das Gelände überschen konnte. . . ,

Ta ritt Hauptmann Sternkieker, halb vom! Sattel hangend, iM langsamen Schritt im Wasser auf und ab. Und während er fern Pfero immer wieder in der Furt hin und her lenkte, starrte er an­gestrengt in das Flußbett herunter. Wir sahen uns erstaunt an.

Was macht er denn da?" fragte einer. ^ c ,

glaube, er sucht Minen," sagte ein anderer und dachte, einen Witz damit zu machen. . , . 0 . _

Im ersten Augenblick wollten nur lachen, denn das Bild des alten Hauptmanns, wie er da schief im Sattel hängend im Wasier herumpatschte, war zu komisch. 9lber das Lachen wollte aus uw* seren Kehlen nicht recht heraus. Ich spürte ein Schreckgefühl.

Zum Teufel. es konnte doch wirklich eine Mrne rM Fluß* bett liegen! Und wenn das Pferd auf die Zündung geriet * es wurde uns aNen plötzlich heiß. , . .

Tabei ritt der Hauptmann immer noch im Wasser- ruhig uno unbeirrt, zehn Meter rirnter, zehn Meter rauf, und immer ein bißchen weiter den: anderen Ufer zu. Daß dort die rechte Furt war, sahen wir, denn das Wasser reichte dem Pferd noch nicht an den Bauch. , _

So verging wohl eine Viertelstunde. Ich glaube, uns allen saß es wie ein dicker Kloß im Halse, und wir starrten jetzt auf daS Wasser, das zwischen den Pferdebeinen aufspritzte. Konnte nicht urplötzlich aus solchem Spritzer eine Wassersäule werden,- die den Hauptmann wegblies wie eine Mücke? -

Ter Mann dort war weitaus der älteste von uns, verheiratet, hatte eine Frau und kleine unversorgte Kinder zu Hause wre

durfte der sich so in Gefahr begeben? . . ^ .

Da hielt der Hauptmann sein Pferd an und winkte zu uns herüber. Ich preschte hin und wollte dem Hauptmann etwas sagen, ihn bitten, solche gefährlichen Sachen uns zu überlassen lauter unsinniges, unmilitärisches Zeug dachte ich aber da rief er mit

Herr Leutnant, nicht näher! Bitte schicken Sie mir sofort den Feuerwerker mit einer Drahtschere!"

Und es lag in seiner Stinckr'e, sre sonst halblaut, fast schlichtem war, ein Klang, der mir neu war, etwas Festes', Hartes, das mich einfach schiveiqen hieß. Ich machte kehrt, und gleich daraus war der Feuerwerker mit der Schere da. Ter Hcuiptmann zog fernen Degen' und steckte ihn an einer Stelle ins Wasser, dann ritt er langsam zum Ufer, uw er abstieg, dem Feuerwerker sein Pferd zum Halten gab und mit der Schere in den Back, zurucksnerelte. Tort, wo sein Degen steckte, bückte er sich, ftihr Mit den Händen ins Wasser und richtete sich gleich ivijeder aus. In tat Händen schien er etwas wie ein langes Stück Draht zu halten. So ging er lang­sam, uneirdlich vorsichtig, Schritt für Schritt zur Seite. Um User wickelte er das Drahterrde um einen BiaumstcünM, dann kam er lang­sam auf uns zu, stieg auf sein Pferd uiti> ritt -ur Kdlonne. jgrijt Kommando hallte über die Straße, gleich darauf rückten me Gäule an, die Wagen platschten mit Hüh und Hott in den Bach und auf der andern Seite wieder heraus.

Ich ivar als Schließender hinter dem letzt«: Wagen geritten und wollte gerade in die Furt, als mich der Hauptmann an rief:

Bitte, Herr Leutnant, bleiben Sie hier, ich möchte Ihnen etwas zeigen!"

Inzwischen war unsere Kolonne in den Büschen jenseits d«S Ufers verschwinden. Ter Hauptmann stieg ab, nah«: den Draht, den er um den BauM gewickelt hatte, und stieg ivieder auf. Tann ritten unr langsam zurück. Scküießlich lMt er an und sagte:

Wissen Sie, mrs ich vorhin tut Bach gefunden habe? .Achten Sie auf Ihr Pferd, letzt geht's los!"