387
in öflin und Garten ist mit einer v-erschivenderischen Fülle der prächtigsten Mumen und Blüten durchwirkt, und allüberall begegnet unser Auge vollen Formen, satten Farben, reifender Schönheit. Kein Wunder, daß an diesem Tage die grünende und blühende Natur von jeher eine hochbedeutsame Rolle spielte. Man schmückte Haus und Hof, Stiche und Kammer mit duftenden Blumen und frisck-grünen Zweigen; Laub- und Blumengewinde wurden von einem Haus zum anderen quer über die Straße gezogen und an ihnen Kränze und Kronen befestigt. Vielfach lvurden auch an den Haustüren gritne Maienbäumchen gesetzt, ja, hier und da errichtete man vor den Häusern sogar kleine Lauben, und während die Erwachsenen sich's in ihnen bei Speise und Trank wohl sein ließen, gaben sich die Kinder fröhlichen Spielen hin.
In den meisten Gegenden rmseres Vaterlandes sind ja diese schonen Bräuche der Vergessenheit anheim gefallen, aber vereinzelt treffen wir sie doch noch an und dann ist nicht nur der Brauch, sondern auch sein tieferer Sinn im Volksbewußtsetn lebendig geblieben. So werden noch heute in manchen Gegenden Schlesiens Blumengewinde, namentlich am Anfänge eines Torfes quer über die Straße gespannt, damit „kein böser Geist einziehe", und in den Roseil-, Feld- oder WiesenblumenkrLnzen, welche man in der Rhön und im bayrischer: Wald mit einem fronrmen Spruche über dem Hoftor, über Haus- und Stalltüren aufhängt, darf keinesfalls das zauberkräftige Johanniskraut (Hypericum perforatum) fehlen; denn
„Hartheu (Johanniskraut) und weiße Heid'
Tun dem Teufel vieles Leid."
Wollen wir diesen 9>raiccf> recht verstehen, so müssen wir zu- rückblickea irr die graue Vorz it unseres Volkes. Tie kürzeste Nacht und allem oei ch Agende längste Tag des Jahres ist unseren Vorfahren feit undenklichen Zeiten bedeutsam gewesen; man dachte sich die Götter der Erde und den Menschen besonders nahe, die Welt war voll von übernatürlichen Mächten u::d Kräften, voll des Außerordentlichen, Segensreichen, Unheimlichen. Das Wasser ge- wann heilende Kraft, die Walderde ließ Zauberkräuter und Pflanzen der Volksmedizin hervorsprieß«:, Blumen und Wurzeln, deren Besitz übermenschliche Kraft verlieh, wurden gesucht und von Kündigen oder Glückskindern gefunoen. Man schnitt die Wünschelrute, vergrabene Schätze „blühten", d. h. sie zeigten sich an, indem sie sich hoben und wie Flammen glühten, und die Gabe, in die Zukunft zu schauen, ward jedem zuteil, der auf die vom Herkommen angeratene Weise nach ihr strebte. Taneben galt es aber auch, sich gegen allerlei krankheilbringende und schädigende Dämonen, die ebenfalls in dieser Zeit ihr Wesen trieben, zu schützen, und dies geschah unter anderen: durch Blumen und Kräuter, denen die Götter schiutzspendende Kräfte verliehen hatten.
Im höchsten Ansehen stand, wie schon erwähnt, das Johanniskraut. „Es heilte Krankheiten, es verjagte böse Geister, es schirmte in: Kriege, es feite." Schon in frei frnifch-germanisck>er Zeit wurde es viel gebraucht. Mit ihm schmückten unsere Vorfahren zum Mittsommerfeste Götterbilder und Opfertiere, und im Mittelaller galt es als Dauptmittel gegen bösen Zauber, gegen Unholde, Hexen und e bst oen Teufel, weshalb es denn auch Fuga daemonum, Tenselsflucht, Teufelssuchtel, Fleuch oder Jageteufel genannt wurde. Schmückt inan an: Johannistag mit ihm Haus und Hof, so :var man gefeit gegen allen bösen Zauber, gleichzeittg war es aber auch ein wirksamer Sck>utz gegen Wetter- und Feuerschäden. In der Havelgegend hörte man wohl heutd noch, von allen Leuten bei heftigen Gewittern sage:::
„Ist denn keene olle Fraue,
Tie kann pflücken Hartenaue,
Tet sich det Gewitter staue."
Seine wunderbaren Kräfte verdankte es dem Blute des guten, freundlichen Lichtgottes Baldr, den: es nach heidnisch-germanischem Glaube:: entsprossen. Die christliche Legende liat natürlich für Baldr eine:: ihrer Heiligen eingesetzt und erzählt, das Kraut sei de:n Blute Johannes des Täufers zu danken.
Eine wichtige Pflanze des Johannistages ist auch der Beiiuh (Artemisia vulgaris). „Wer Beifuß im Hause hat, dein mag der Teufel nicht schaden", schreibt Grimm in seiner „Mythologie". „Hängt die Pflanze über dem Tor, so ist das Haus gesichert vor dem Einschlüpf«: böser Geister und gegen Feuersgefahr. Mau gürtet sich mit Beifuß inü> wirft ihr: an: Johannistage unter Sprüchen und Reimen ins Feuer, daher tyat die Pflanze auch ben Namen Johannisgürtel oder Sonnwendgürtel erhalten."
Neben Johanniskraut imd Beifuß fehlen auch die gelben Blüten der Arnika und die grünen Blätter des Farnkrautes nie in den zu Schutz ünd Zier aufgehängten Kränzen, da auch diesen beiden Pflanzen schützende Kraft mnewohnte. Gleichzeitig kannten sie, auf die rechte Weise gesammelt, ihrem Besitzer zu unermeßlichem Reichtum verhelfen. Mit den am Johannistag gepflückten Arnikablü'en konnte man. nach einer Sag-e des Fichtelgebirges, die Sckiatzkammern des Ochfenkopfes öffnen, und der Same des Farnlrau.es zeigte seinen: glücklichen Besitzer in der Johannis- mitternacht Goldadern und vergrabene Schatze an, verschaffte ihn: Glück in: Spiel, brachte ihn: Erfüllimg aller seiner Wünsche und nwchte ilji: vor allem unsichtbar. Zahlreiche Geschichte:: gehn: davon in: Volksnrunde uni.
Wie tief solcher Johannisglaube noch heute im Volke wurzelt- selbst in unseren Großstädten, dafür bietet das Johannishändchen,
die harllfförmige Wurzelftwtte des gefleckten Knabenkrautes (Orchis Maeulata), einen schlagenden Beweis. Von jeher schrieb man i bt, wohl wegen der eigenartigen Gestalt, heil- und zauberkräftigc Weckungen zu, und noch heute wird auf den Blumenmärkten, die alljährlich am Johannisfeste vor den Leidiger Friedhöfen abgehal- ten werden, ein schwungvoller Handel mit ihr getrieben. Glück im Splckl und Geld im Bßütel soll der jederzeit haben, der sie tzei sich trägt.
Seit alter Zeit war der Johannistag auch einer der wick>- tigsten „Los- oder Lurtage" aller HeiratÄustigen, und mehr als an jedem anderen Tage bedient mian sich an ihm der grünendes und blühenden Pflanzenwell, um der Zukunft Schleier zu lüsten. Schtoeiaend )vird um die Stunde der Mitternacht Johanniskraut «pflückt, in das Wasser gestreut und aus dem Blühen oder Welken der Stengel geschloffen, ob bald ein Freier naht oder nicht. Anderenorts wird beim ersten Hahnenschrei eine fette Henne (Sedum telephnüu.) «holt und am folgenden Mittag unter einen Kreuz- balle:: gesteckt. Bleibt sie hier zwölf Stunden lang frisch, so steht eine fröhliche Hochzeit nahe bevor.
Um zu erfahren, wieviel Jahve noch bis zur Eheschließung vergehen, pflücken die Mädchen des Bogtlandes in der Mittagsstunde des Johannistages neunerlei Mumen, unter denen Storchschnabel, Feldraute und Weide nicht fehlen dürfe::, flechten daraus einen Kranz und umwinden ihn mit einem Faden, den die Binderinnen selbst, und zwar in der nämlichen Stunde, gesponnen haben. Tann werfen sie den Kranz rückwärts auf einen Baum. So oft er a«vorsen wird, ohne hängen zu bleiben, so viele Jahre bleibt das Mädchen noch ledig.
Sehr zahlreich sind die geheimnisvollen Bräuche, durch welche man das Bild des Geliebten im Traume zu erblicke:: hofft. Ball» ist es Johanniskraut, bald Beifuß, bald vierblättriger Klee, bald Sumpfvergißmeinnicht, bald ein am Tlbend vor Johann: aus neunerlei Blumen gewundener Kranz, der unter das Kopfkissen gelegt wirb, NUd von dem man sich wunderbare Wirkungen verspricht. Will oaS Mädchen den zukünftigen Gatten in lüobafligev Gestalt erblicken — selbst dies ist in der geheimnisvollen JoyanniH, nacht möglich — so sät es in der Stunde der Mitternacht in Hos oder Garte:: Hanf, indem eS spricht:
„Hanffamen, ich säe dich,
Hanffamen, ich behacke dich, und wer mein Herzliebster ist.
Komm' hinter mir und mähe dich" rücklvärts in de:: Garten und pflücken schweigend
geh«:
logen sie in ein«: Bogen reines Papier und nehmen siä
Andere eine Rose
erst zu Weihnachten wieder heraus. Sie schmücken mit ihr, die noch so frisch wie im Juni sein loird, ihre Brust, und der Rechte wird dann kommen, sie sich zu erbitten. Im Brand«ll>urg:sch«tz winden die Mädchen in der Nacht einen Kranz auS Klebekraut (Galium), während sie dreimal das Haus umschrnten und sprechen! Mebekranz, ich winde dich, itzchen, empftnde dich,
:n du willst der Meine sein,
»mm vor meinen Augenschein.
Natürlich erscheint dann der Ersehnte: nur muß sich das Mädchen beeilen, den Kranz nach den: dritten Umlauf fertig zu haben, da es sonst bedenklich erkranken würde.
Schließlich wirken, ein Trost für alle unglücklich Liebendenverschiedene Pflanzen in der JohanniSnacht besonders liebe»- «auberkräftig. Zweiblättriger Klee, am Sonnwcndabend während des Ave-Maria-Läutens gepflückt, verhilft zu baldiger Heirate Unwiderstehlich macht ein frisch gebrochenes Sttäußchen Johanniskraut oder eine am Johannistag vor Sonnenaufgang gegraben» Wurzel des Fünffinaerkrautes (Potentilla), und als wunderwirken- der Liebestrank wird Honig, gemischt mit dem Saft deS Eisenkrautes ^Verbena) empfohlen.
Zum Schluß sei nock) eines Brauches gedacht, deS schönsten und sinnigsten des MittsommertageS, der ^cktmückuna der Gräber. Zu Tausenden :vallsahrten am Johannistage die Menschen hinaus zu den stillen Stätten, um an den Gräbern ihrer Lieben Blumen und Kränze niederzulegen, und ntckZt selten gleichen die Friedhöfe in diesen Tagen wahren Blumenhainen, wahren Rosengärten. Strauch an Strauch, Busch an Busch glühen u:rd blühen die Rosen, die der Liebe Hand um die stillen Statten pflanzte, dicht umranken sie schlichte Steine und stolze Monumente, und in verschwenderischer Fülle sind sie dahingestreut über die grünen Hützel.
Diese schöne ^itte ist aber bei weitem nicht so alt wie die anderen Bräuche des Johannistages, bei »oelchcn die Pflanzenivelt eine bedeutsame Rolle svielt; sie läßt sich erst im vorig«! Jahrhundert Nachweis«:, und die Stadt Leipzig darf sich rühmen^ diesen aus dem tiefen und innigen Gemütsleben de» deutscher" Herzens entsprungenen Brauch zuerst geübt zu Hab«:. Bo:: Leu»- zig aus bat er sich aber rasch verbreitet, und heute ist wohl kein Ort, an dem man nicht in treuer Liebe der Toten gedachte und ihre Ruhestätte mit frischen Blumen schmückte.
Lin Lisch als Kapitän.
Ans der „Flotteukunst der Tiere" erzählt Wilhelm Bölscbe in einer fesselnden naturwissensckiaftlichen Plauderei, die er iri nächsten Heft der bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart


