vor hundert Jahren:
Kriegslasten der Stadt Siesten im Jahre MS.
(N<rch alten Bürgermeistereirechnungen.)
Don Dr. H. Berg 6 r, Gießen.
Am 1. November 1814 war die diplomatische Welt Europas in Wien zusanunengetreten, uni über die künftige Gestaltung Deutschlands zu beraten. Zunächst standen territoriale Fragen auf der Tagesordnung. Preußens Forderung, daß es für seine Opfer in den Befreiungskriegen durch Sachsen entschädigt werde, stieß auf Widerstand. Mi 3. Januar 1815 schlossen Oesterreich, England und Frankreich ein Bündnis, um die preußische „Begehrlichkeit" abzuwehren. Es drohte ein europäischer Krieg.
Unter diesen Umständen nnrd es verständlich, ivie int Januar 1815 wieder Truppenbewegungen stattfinden konnten, zu einer Zeit, da in Frankreich Ruhe herrschte. In Gießen wurden wieder im Januar und Februar beim Qnartieramt fortwährend Fuhrlverke für durchzieheildes Militär verlangt. Munition und Effekten werden verladen und müssen lveiter befördert iverden. Napoleons Erscheinen in Frankreich ani 1. März 18 15 einigte die Streitenden in Wien. Man beschließt, nicht eher die Waffen niedep- zulegen, als bis der Störer des europäischen Friedens für immer unschädlich gemacht sei. Bald lvaren die verbündeten Heere Widder schlagfertig, um nach Frankreich zu marschieren.
Während des ganzen Monats April machten sich die Truppenbewegungen nach dem Westen hin in Gießen und Umgegend wieder recht fühlbar. Die Gießener Bürger I. Ph. Rahn, I. B. Müller, I. B. Vogt, Georg Weidig werdeil beständig herangezogen, um mit 5, 3 und 2 Pferden Kriegsfuhren nach Weil- burg zu leisten. Die Fahrt wurde mit 7 fl. 30 Krz. (12,86 Mk.) aus der Stadtkasse vergütet. Am 7., 9., 11. und 12. April werden Rödgen, Heuchelheim, Rodheim, Kleinlinden, abwechselnd mit kurhessischer Artillerie und sächsischer Infanterie belegt. Ihnen folgten vom 15.—30. April preußische Infanterie, Husaren und Dragoner, die hauptsächlich in den Ortschaften des Kreises Wetz- lar untergebracht lvurden. Vom 1. bis 29. Mai hatten wieder dieselben Orte ivie auch die nächste Umgebung von Gießen Sachsen, Kurhcssen und lippesche Truppen aufzunehmen. Tie Beschnürungen durch Einguartierungcn setzen sich für unsere Umgegend durch das ganze Jahr 1815 fort.
Im Juni lassen die Truppendurchmärsche etwas nach: dagegen mehren sich die L i e f e r u n g s l a st e n. So erhält am 17. Juni PH. Seibert zu Wieseck aus der Sladtkasse ausgezahltt als 1. Ziel^ 871 fk. für Lieferung von 443 Malter Hafer in das hiesige Magazin. Im Juli sehen die Truppenbewegungen wieder umso stärker ein und halten an bis Ende August. Alle mög- lick-en Truppenkontingente sieht unsere Gegend: Anhaltiner, Gothaer, Waldecker, Kurhessen, Königliche-Sachsen, Preußen und Russen. September und Oktober verliefen etwas ruhiger: die Vorbereitungen zum Slbschluffe des Friedens mit Frankreich waren im Gange. Umsomehr Beschwernisse brachte .der Monat November. Während dieses Monats vergeht kein Tag, an dem nicht aus Frankreich zurückkehrende Truppen cintresfen. Diesmal waren es die an den Heerstraßen: Marburg-Kassel und Grünberg-Fulda gelegenen Ortschaften, die Einquar- trerungslasten zu tragen hatten. Das Drucken der Einquartiernngs- bilette für die Stadt Gießen erforderte während der Monate Juni, August, Oktober und November allein eine Ausgabe von 16 fl. 20 Krz. Erst am 19. Dezember 1615 waren die Durchmärsche fremder Truppen durch unsere Gegend beendet. In der Stadt lagen noch kranke Soldaten bis in das Jahr 1816 hinein:. I. B. Müller, der „Hirschwirt" am Seltersweg, erhält 115 fl. für „Einräumen eines Saales für kranke Krieger bis Ende Dezember 1815".
Am 30. Juli iverden aus der Stadtkasse als Schadenersatz 118 fl. bezahlt an die „Besitzer der Triebviertel, auf welchem die Hütten zum Königlich-Preußischen Laboratorium (Pulverfabrik) erbaut geivesen". Die russische Einquartierung war am unbeliebtesten. Sie stellte unmäßige Anforderung an ihre Quartierwirte, namentlich in Bezug auf die Lieferung von Branntwein. Wurde ihrem Begehren nicht sofort stattgegeben, so wurde im Quartier . alles zusammengeschlarM. So wurde am 24. August der Frau Tietz Witwe eine EntsWdigung gewährt, um den Ofen zu setzen, den „die russischen Soldaten abgerissen hatten". Bei derselben Quartierwirtin werden städtischerseits „4 Tafeln Fenster eingesetzt, die die russischen Soldaten zerschlagen haben". Nicht unbedeutend waren die Entschädigungssummen, die die Stadtkasse zu zahlen hatte an die Gießener Fuhnverksbesitzer, die bei den Kriegsfahrten Wagen und Gespanne eingebüßt hatten. In der Regel wurde nur ein Drittel des geschätzten Wertes vergütet. So wurden bezahlt: „247 fl. 15 alb. an C. Schwan „zum Schivanen" für 2 Pferde! und Geschirr, die auf der Kriegsvorspann lveggenommen. Demselben 37 fl. 15 alb. für einen von den Kosaken weggenommenen Wagen. — 61 fl. 7 alb.'4 Pfg. an Justus Müller „im Löwen", Vergütung für ein lveggenommenes Pferd. — 181 fl. 15 alb. art Andreas Lampus im „Stern" für 2 auf der Kriegssahrt weggenommene Pferde. — 75 fl. an denselben für einen bei einem russischen Zwiebackstransport ivegaenommenen Wagen. — 54 fl. für 1 Pferd, welches den Lynkerschen Kindern auf der Kriegsvorspann lveggenommen. — 573 fl. dem Ratsschöffen Seipp für
2 Pferde, Wagen und Geschirr, auf der Vorspann weggenommen. — 291 fl. an Markus Flett für 2 im russischen Feldzug 1813 (foU wohl heißen beim Durchmarsch der Russen 1613) verlorene Pferde und Wagen. — 173 fl. an Balthasar Vogt filr 1 Pferd, welches auf der Vorspann weggenommen worden. — 132 fl. G. Melchior Weidig für 1 Pferd, das auf der Vorspann weggenommen. — 463 fl. an Joh. Ehr. Frech im ,^Rappen" für 2 auf dem Vorspann weggcnommene Pferde mit Sattel und Geschirr. — 183 fl. an Anton Schäfer für 2 Pferde. — 49 fl. an Magnus Schäfer für 1 Pferd. — 396 fl. an den Bürger und Eisenkrämcr Markus Flett für die bei Friedberg entkommenen 4 Pferde mit Wagen und Geschirr." Die Verluste rührten zum Teil auch aus dem Vorjahre her.
Auch während des Jahres 1815 bestand die Bürger- Landwehr, die ihre Hebungen auf dem „Trieb" abhielt. 25 fl. 26 alb. erhielt der Inspektor des Landwehrbataillons von Grolmann „für ausaelegte Kosten". Die Anschaffung von 5 neuen Trommeln für die Landlvehr erforderte eine Ausgabe von 80 fl., die die Stadtkasse trug. Im ganzen wurden im Jahre 1815 aus. der Stadtkasse verausgabt: für Kriegsbestellungen und Lieferungen: 7626 fl. 10 alb. 1 Pfg., für Kriegssahrten 1771 fl. 15 alb. 4 Pfg., für Landlvehrkosten 200 fl., insgesamt: 9797 fl. 25 alb. 5 Pfg., nach damaligem Geldwert etwa 50000 Mark. Tie Einquartierungslasten hatten die Bürger ohne Vergütung zu tragen. Dazu kamen noch die Kriegsschulden aus den vergangenen Jahren, so aus 1814 allein 55 000 Mark, bezw. 160000 Mark.
Wenn auch im gegenwärtigen Weltkrieg die Opfer und Anforderungen an Staat, Gemeinden und einzelne Bürger schon recht drückend empfunden wurden, so möge man sich dabei Vorhalten, was unsere Voreltern während einer Kriegsperiode von 1796 bis 1615, da die wirtschaftlichen Verhältnisse noch viel schwieriger wie heute laaen, zu ertragen hatten. Ein Vergleich der Vergangenheit mit der Gegenwart wird dem gegenwärtigen Go- schlecht lehrreich sein. _
vermischte».
• Der Donner der Riese nm örser und seine Rätsel. Tie Beschießung der Forts von Antwerpen durch die deutschen 42-Zentimeter-Mörser vom 28. September bis 9. Oktober 1914 hatte eine gewaltige Erschütterung des Lustmeeres zur Folge, »licht nur im engeren Bereich des Operationsgebietes, sondern auch wett darüber hinaus im nördlichen Holland und westlichen Deutschland. Dllrch die im neuesten Helte der »Meteorologischen Zeitschrist" niedergelegten Beobachtungen des Kgl. Riederl. meteorolog. Instituts zu De Bilt und anderweitig gewonnenes Material ist es ermöglicht, die ganz erstaunliche Hörweite dieses Mörsersdonners ziffernmäßig genau anzugeben: ibre äußersten Punkte liegen etwa in einer Entfernung von 225 bis 230 Kilometer Lustlinie. Aber eS sind dabei büchst merkwürdige Einzelheiten zum Teil noch unerklärt. So uilterscheidet man bis auf eine Entfernung vor» etwa 100 Kilometer das innere Schallgebiet, dem sich eine etwa 60 Km. breite (den Abstand etwa Rotterdam—A»nsterda»n) »Zone de- Cchweigens" angliedert, in der nicht« von den kolossalen Detonationen vernoinnlen wurde, während dann bis 230 Kilometer ein äußeres Schallgebiet den 'Abschluß bildet. Und gerade an der in,irren Grenze des äußeren Schallgebietes, also in rund 160 bis 170 Kilometer Entfernung, »var die »Intensität des Kanonen- dormerS besonders heftig": da ist von einem .gewitterartigen, dumpsen Dröhnen^ von »einem Gefühl, daß der Erdboden unter unS erzitterte", von klirrenden Fensterscheiben und etivaS wie Wildenjägernächten die Rede. Besonders rätselhaft, aber auch ebenso »vichtig ist die »Zone des Schweigen«", von deren Existenz man früher verhängnisvoller Weise lange keine Ahnung hatte. Mehrfach haben 1600 und 1870 Armee-Unterführer die Weisung erhalten, gegebenenfalls aus beit Kanonendonner hin loSzumar- schieren und in die Schlacht elnzugreisen — »md sie blieben ai,S und ittemaitb glaubte ihnen, als sie kein Geschützseuer gehört haben wollten. J,i der Schlacht bei Spicherii hätte nach Moltkes Darstellung z. B. ein Eingreifen der auf dem Anniarsch befindlichen 13. Division das ganze Gefecht früh uiid schnell beeiiden können. Aber sie kam nicht. »Im dortigen Waldgelände soll Geschützfeuer nicht hörbar gewes.n sein, man hielt den Kampf für beendet und die Divisioii bezog Biwaks" . . . nian fühlt in der klassisch-ruhigen Erzählung Moltkes deii leisen fkevtifchen Untciton hinsichtlich des »Richt-Gehört-Habens* dnrchklmgen. Kein Mensch ivlißte eben 1800 und 1870, von früher ganz abgesehen, etivaS von der rätselhaften Zone deS Schweigens. Sie hat »niter anderem, worauf Dr. Dörr in der erwähnten Zeitschrift htnwcist, Friedrichs des Großeii Sieg bei Liegnitz am 15. August 1760 ermöglicht, denn die österreichische Hauptmacht befand sich gerade in dieseni Bereich der Stille, horte nichts niid griff nicht ein, während iveit entfernte Tetachemeiils den Schlachtendonner sehr ivohl vernahnien und anniarschierten. Rach alleni laßt sich über das Probleni des Kanonendonners zu- sanimeiifassend sagen: »Dem Kaiionelidoiiner komnil als Angriffs- »nid Richtnngssignal eine außerordentlich hohe Bedeutung zu: seine Hörbarkeit beeinflußt Feldherrn und Unterführer in ihren Schlüsseii uiid Entschlteßinigeii — allein seine Wahrnehmbarkeit kanii durch Einflüsse geographischer i»nd meteorologischer 9latuv bis zur völligen Unterdrückung unterbunden werden, obwohl oft nuv Verhältnis- mäßig geringe Elitfernimgeii (bis zu 30—40 Kilometer) tu Betracht kommen; demnach ist mit Besliinmtheit aus das Hörbarwerden


