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Die Glocke aus Flandern.
Von 5t o u r a b Marlin Laut.
In der Wohnung des allen Mnsikprofessors Erwin Meinardu- herrschte geheimnisvolles Dämmern.
Vom kleinen Garten vor den Fenstern, der wieder einmal voller Fliederbuft UTti> Goldregenzauber war, fiel noch ein letztes Streifchen Licht von dem scheidenden Maitag in das Zimmer, während von drüben her, wo der Einturm des Münsters wie eine drohende Schmu rhand in den 2lbendhimm l wuchs, ein schwerer Schatten sich an das Häuschen drängte und >en leuchtenden Schimmer langsam zerdrückte.
Tic Zeit zwischen Tag und Nacht tvar dem einsamen Mann von jeher die liebste. In früheren Jahren, als die nun lange in Frieden schlummernde Gattin noch sorgend neben ihm stand, war diese Stunde erfüllt von Musik und Gesang. Da saß Meinardus an seinem Klavier und phantasierte sich alles Frohe und Schwere vom Herzen oder die Gattin sang seine klingenden Lieder, die er am Tage niedergeschrieben hatte.
Das alles tvar längst vorbei. Nach der treuen Gefährtin war auch der einzige Sohn aus dem Häuschen gewandert, zwar nicht in den sttllen, evheunmspon neuen Winkel von St. Aurelien, wohl aber ins blühende Leben, das er als tüchtiger, zu Ehren und Ansehn gekommener Maler gemeistert hatte. Nun stand der Junge als Hauptmann der Landlvehr draußen bei Dpern im Feld, und zu der Einsamkeit des Lebens gesellte sich für den alten Professor nockt die Sorge. Seit vierzehn Tagen hatte der liebe, präcli«tige Mensch nichts von sich hören lassen, bis endlich heute, gerade um Mbendwerden, ein seltsamer Gruß aus Flairdern eintras.
Meinardus hatte die Lampe aus seinem Schreibtisch anae- zündet und stand jetzt wieder vor der geöffneten schweren Kiste, ckus der ein ttefer Metallglanz ihm warm entaegenquoll. Der brave Dans hatte tatsächlich sein Vorhaben ausgeführt. Bei einer Streife im südlichen Flandern war ihm von einend belgischen Händler eine alte, wertvolle Glocke angeboten worden, die in sriedlickien Zeiten zu einem mm untergegangenen Glockenspiel gehört hatte. „Der Mann behauptet," schrieb Hans in seinem vorletzten Brief, „die Glocke stamme von dem Gießer Petrus Hemony. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Wenn wir den Handel abschließet:, schicke ich Dir das hübsche Stück für Deine Sammlung."
~ ^Nun war der Fremdling aus Flandern da. Aus einein Wust von Papier, getrockneten: Gras und alten Lappen hatte Meinardus ilju aus der Kiste gehoben. Es war ein reichlich zwei Spannen großes Ding mit ein ein Spruchband am unterer: Rand und einem kräftigen, jetzt freiltdj abgenutzten Klöppel. Ein Laie hätte wohl kaum etwas Außergewöhnliches an ihm entdeckt. Den kundigen Musiker aber, der über manche Glocke sein Urteil abgegeben hatte, ehe sie aus den Turm ztvischen die Schallöcher kam, entzückte das Kunstwerk aus den ersten Blick. Allein schon der leuchtende Glanz des Metalls ließ ans eine vortreffliche Mischung von Zinn und Kupfer schließen: vermutlich tvar cs die alte Legierung, von der schon der Mönch Theophilus in seiner berühinten Schedula diver- sarum artium gesprochen hatte. Die Form war vornehm und rein, nach unten kraftvoll geschwungen, nach oben schlank und in edler Verjüngung. Möglick)erweisc stammte das Werk tatsächlich von Petrus Hemony, zum miltdestcn von Albert de Grave oder dem wackern van den Gheyn.
In dein Beschauer er trachte der leidenschaftliche Drang zum Prüfen und Forschen. Mit einer ihn: sonst ganz ftemden Unruhe entnahm er dem Schreibtisch ein altes Vergrößerungsglas und die stets griffbereite Stimmgabel. Tann wurde in gleicher freudiger Hast eine kräftige Schnur vom Fenster zUr Tür gespannt Und die Glocke emporgezogen.
Im Stübchen tvar alles feierlich füll und ernst. Die morschen Büchergestelle und Schranke tvarsen gespenstige Schatten unter die schwebende Glocke: von der Wand blickten die Bilder Beethovens und Bachs mit klaren Angen in das Halbdunkel: nur draußen im Flieder des Gärtchens verbuchte die erste Nachtigall ein schluchzendes Lied. '
Der Alte trat an die Glocke und schlug mft dem Knöchel des Zeigefingers gegen den Mantel. Ein heller, unendlich süßer Ton erfüllte, langsam zerfließend, den Raunt. Es ktcurg wre der Hauch einer Geige oder das Beben eines edlen Kvistalls. Proseffor Meinardrrs stellte die Höhe des Tons nach der Stimmgabel fest Und nickte befriedigt. Er hatte es ertvartet. Dem silberneit drei-
g " eichenen D hatten die langen Jahrhunderte von seiner Rein- und Güte nichts nehmen könne::. Ein ztveiter, kräftiger lag mit dem Klöppel weckte neben dem Hauptton nun auch die Nebentöne. Ganz deutlich vernahnr das geübte Ohr des KennerS den Grundakkord mit Quinte, Terz und den beiden Oktaven. Ein wundersames, ergreifendes Läuten tvar es, das jeden Winkel der sttllen Stube mit Wohlklang durchzog. Fünvahr, ein solches.Werk konnte nur ein großer Meister aus der flandrisckjen C^gießerzunft geschaffen habeit. Aus ihm sprach derselbe niederdeutsche fromme Geilt, der aus den hehre:: Kathedralen und der» Bildern der mittelalterlichen Blamen mit starker Ueberzeugung redete. Man mußte noch beten und an seinen Gott glauben können, Um eine solche EngelstimMe zum Töne:: zu bringen. Den Heuttgen war haK versagt. Für sie war das Glockengießer: nur noch ein Ge
schäft, darum griffen ihre Glocken den Menschen auch nicht Mehr so ttes ins Herz.
In sttller Bewegung nah-in Meinardus die Glocke von der Schnur und stellte sie unter das Lampenlicht. Nun galt es noch, das Spruckchand zu entziffern, das znnsckien Ranken aus lebhaft bewegtem Epheu um die äußere Wölbung lies. Vielleicht ließ von ihm sich etwas über Herkunft und Zett des Frenidlings erfahren. Ganz leicht war die Ausgabe nicht. Die Buchstaben, späte Majns- keln Mts der Mitte des 17. Jahrhunderts, lvaven eng aneinander gedrängt, um dem vermutlich lairgen Spruch den nötigen Platz zu sck-asfen. Mit Hilfe der Lupe entdeckte der sorgsame Forscher zunächst die Worte vita und sumus. Also vom Leben erzählt das Erz, gewiß von dem gleichen holden Leben, bas der Glockenmnnd so tönend verkündete. Tann folgten in neuer suchender Arbeit oie übrigen Worte. Eins nach dem andern, aber keines mehr hell und freudig, sondern schwer wie die Schläge deS Schicksals und niederdrückeird tu ihrer grausamen Wahrheit: Media in
vita morte circumdati sumus.
Der alte Musiker ließ die Hand mit der Lupe sinket: und strich sich) über die Stirn. Was war das? Wie kam die kleine Glocke Mrs Flandern, die doch gewiß die lieblichste unter ihren Schwestern im klingenden Spiel des nieder geschossenen Glockenturmes war. zu diesem qualvollen Spruch? Mittenim Leben sind wir vom Tod umgeben. War daS die wahre Seele des Glöckchens oder hatte sein Schöpfer die Worte ihm nur ausgeprägt. weil er sie selbst im harten Leben erfahren hatte?
Den einsamen Mann in dem grabsttllen Zimmer überkam eine unerklärliche Bangigkeit. Immer von neuem hämmerte das Wort an sein Herz, während die Schatten um ihn zu wachsen schienen! und die Airgen der beiden Großen dort an der Wand ihn rätselvoll ansbarrten. Mötzlich mußte er des fernen Sohnes in Flandern gedenken, der mit seiner Kompagnie wohl eben jetzt in irgend einem Graben lag und das Vaterland schützte. WaS hatte der Junge doch heute geschrieben? „Wenn Du die alte Glocke in Deinen: Stübchen zun: Läuten bringst, singen die englischen Kugeln uns sicher ein weniger friedliches Hallekujah!"
Dem alten Professor wurde die Luft im Zimmer zu schwül. Mit einen: heftigen Ruck schob er die Glocke beiseite und streß die Fensterflügel auf. Ueber dem Gärtcl-en draußen stander: die Sterne der Mainacht und streuten ihre Lichttropfen auf das blühende Glück, daß alle Aeste und Zweige geheimnisvoll aufblitzten. Ein letztes Schluchzen der ytachtigall ftatterte ängstlich znm Münster, von den: die gigantische Schwurhand mit unaufhörlichem Drohen ins Dunkle griff.
Der Träumer am Fenster .schreckte plötzlich zusammen. Ein gellernder Schlag zerschnitt die Stille des Zimmers und brach mit einem schrillen Bersten ab. Am Boden neben dem Schreibttsch laa die kleine Glocke aus Flandern, die wohl zu nahe an den Tischrano geschoben worden und nun herabgestürzt war. Vom Spruchband gegen den fein geschwungenen Hals die Worte vita und morte treirnend, zog sich ein scharfer Riß, der ihre klingende Seele für immer vernichtet hatte.
In tteser Erschütterung nahm Professvr Meinardus die stumme Glocke wie ein lotkrankes Kind aus den Arm und bettete sie mit zärtlicher Sorgfalt zwischen Gras und Papier in die offensbehende Kiste. Ihm war zu wdute, als hätte er eben einen lieben Menschen begraben.
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Zwei Tage später ttaf in dem Häuschen beim Münster die Nachricht von dem Heldentod des HauptmonnS Meinardus ein. In derselben Nacht, in der die Glocke ihre süße Stimme zum ersten Mal erhoben hatte und dann so jäh verstummt war, hatte eine englische Granate daS Herz des Kindes zerrissen.. s
Weltkrieg und volkszahl.
Wie der Weltkrieg auf die Bevölkern ngszahl und damit aus die künftigen Machtverhältnisse eintvirken wird, wird in einer Arbeit im nächsten Heft der „Grenzboten" untersucht. Wenn man behauptet hat, daß die Verluste an Menschenleben durch den Krieg von keiner nennens- tverten Bedeutung für die Bevölkerungszahl wären, da ein Land tvie Deutschland sie mit seinem großen Geburtenüberschuß in wenigen Monaten ersetzen könnte, so wirb dieser Optimismus den Tatsachen wenig gerecht, zumal da in diesem Weltkriege mit solchen Riesenzahle:: gerechnet norden muß. Einen Anhalt für die Beurteilung gibt der Einffuß des Krieges von 1870/71 auf die Bevölkerungszahl Deutsältands und Frankreichs. Dre Zahl der Eheschließungen, die 364 267 im Jahre 1869 betragen hatte, gina 1870 um melw alS 70 000 auf 313 961 zurück, und sie hob sicn auch 1671 nur um noch nicht 23000 auf 336 745. Erst 1872 schnellte sie um 87 000 empor und erreichte damit auch Verhältnis- mäßig einen Höckiststcnch. Die Geburtenzahl sank 1871 um mehr als 162 000, von 1 635 646 aus 1 473 492, anstatt entsprechend der Bevölkerungszunahme um 20—30 000 zu steigen: die Zahl der Sterbcfälle stteg 1870 nur um 30 000, aber 1671 abermals um 88 000. Die Bevötkerungszunahme tvar 1870 infolge der hohen Geburtenzahl noch übenrormal. 11.1 pro Mille gegen 10,9 im Vorjahre, sank aber 1871 ans 4.9, um erst 1872 wieder die etwa nvr-


