Ausgabe 
20.5.1915
 
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Lurück zur Schollt.

Roman von Ewald Gerhard Seeliger.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Nichts von Bedeutung, lieber Kollege," lächelte der andere, steckte die Karte Mischen einige Hefte und preßte die Lippen zusammen, daß der Mund scharf wurde wie eine Messerschneide.

Ich denke mir," sprach Moritz Gassel nach einer Weile, er wird mich bald heimsuchen."

Sebaldus Pohl starrte grade aus und sprach kein Wort. Aber in seinen dunklen Augen brütete der Haß. Weshalb er Moritz Gassel haßte, wußte er selbst nicht. Aber er haßte ihr: mit der ganzen Inbrunst eines Zeloten.

Bei Ihnen war er ja auch noch nicht!" fuhr Moritz Gassel fort.

Bor drei,Jahren!" antwortete Sebaldus Pohl.

Da wird's bald wieder Zeit sein."

Ich brauche ihn nicht zu fürchten."

Er soll überhaupt sehr gemütlich sein?"

Sebaldus Pohl staub auf. Er freute sich heimlich, wie ein Dieb bei der Nacht, daß der evangelische Kollege so im Dunkeln tappte. Und er hielt den Mund geschlossen lind er­zählte nichts von den liebenswürdigen Eigenheiten des alten Herrn Schulrat Hupfer, der jede seiner Revisionen vorher durch eine Postkarte kund zu geben pflegte und dessen un­verrückbare Prüfungsaufgabe111:3" war. Diese für einen Lehrer sehr wertvollen Wissenschaften hatte Sebaldus Pohl durch den Lehrerverein, dessen Mitglied er war, erfahren. Moritz Gassel aber, der erst seit zwei Monaten in Britzkawe lehrte, wußte nichts von diesem kleinen Verein, der in den umliegenden Dörfern abwechselnd seine Sitzungen abhielt. Auch dessen Existenz, hatte ihm.der liebe Kollege von der andern Konfession unterschlagen.

Sie gehen natürlich nach Zdurotschin!" fragte er lauernd, als Moritz Gassel auf der Haustürschwelle Ab­schied nahm.

Ja!" sprach der.Aerger hat man genug, man null sich auch mal amüsieren!"

Dann lies er schnell über den Platz nach Hause. Jedes­mal, wenn er mit Sebaldus Pohl zujammengewesen war, hatte er ein bitteres Gefühl im Herzen. Seine Abneigung egen ihn wuchs, wenn er nur an ihn dachte. Und doch ezwang er sich und ging gegen dieses Gefühl au, weil er es für ungerechtfertigt hielt. Auch stand ihm die schöne Sitte des kollegialischen Wohlverhaltens zu hoch, als daß er sie ohne einen triftigen Grund verletzt hätte. Aber die Neugier, zu wissen, wgs auf der Hupfer karte stand, plagte ihn sehr. War's lvas Unangenehmes, dann hätte der Schulrat einen Brief geschrieben, war's lvas Angenehmes, dann hätte Se

baldus Pohl es ruhig zeigen können, und war's was Gleich­gültiges, erst recht!

Aber er war viel zu arglos, um Uch bei dieser Karte länger aufzuhalten. Schnell machte er Toilette, schlüpfte in seinen feierlichen Rock, rüstete sich für den Marsch mit Mutze, Stock und dem weiten Pelerinenmantel aus und stiefelte zum erstenmal auf Zdurotschin zu. Der Weg war fest vom Frost, die Luft war frisch, und das Wandern durch den stillen Wald war eine Freude. Unterwegs traf er Thomas Hau­schild, der hoch zu Roß daherkam. Sie grüßten sich flüchtig, ohne ein Wort zu wechseln.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte Moritz Gassel die schlesische Grenze, die hinter dem Walde über das wüste Heideland der Schinderberge lief. Hier hatte man im letzten Jahre an drei verschiedenen Stellen nach Braunkohlen ge­bohrt, ohne welche zu finden. Bald darauf lenkte er nach Zdurotschin ein. Er hatte ein polnisches Torf oder einen Marktflecken erwartet und fand zu seiner Überraschung eine saubere deutsche Stadt, die das kleine schlesische Luschelau schon seit Jahrhunderten überholt hatte. In der Zeit der böhmischen und schlesischen Religionsverfolgungen hatten sich die meisten protestantischen Flüchtlinge hier an der Grenze festgesetzt und diesen schmalen Landstrich zu einer schnelle­ren Entwicklung gebracht als die dahinter liegenden Gegen­den. Und Moritz Gassel dachte an den großen Schulmeister Amos Comennrs, der damals aus seiner mährischen Heimat vertrieben, dreizehn Jahre in dem nicht allzuweit gelegenen Lissa gelehrt hatte. Er suchte nach einer genauen Jahreszahl, konnte aber keine finden und sah im Geiste seine zweite Lehrerprüfung vor sich, dieser in spätestens zwei Jahren machen wollte, und wobei man ihn sicherlich nach solchen leicht vergeßlichen Ziffern fragen würde. Da hieß es denn, sich beizeiten diese nebensächlichen Dinge einznprägen! Und er sann tapfer, nach und brachte die Nummer 1628 zu­stande. War das nun das Jahr der schwedischen Einladung oder das Jahr der Vertreibung? Tiefer senkte er ben Kopf, schloß die Augen, um diese schwerwiegenden Vorfälle besser rubrizieren zu können, und überließ seinen Füßen, den rech­ten Weg zu finden.

Pardauz! rannte er an der Marktecke mit einem großen, dickeil Menschen zusammen, daß ihm der Kopf dröhnte und die ve^trakten Jahreszahlen wie Schneeflocken durcheinander wirbelten. Dem andern war bei dem ZusaminenpraU die Luft weggcblieben. Der erholte sich zuerst.

Uff!" stöhnte er und rieb sich den Magen.Stellen Sie sich wenigstens vor, daß ich Ihnen die Doktorrechnung schicken kann." >

Ich heiße Moritz Gassel, Lehrer in Britzkaive," er­widerte Moritz Gassel und versuchte seinen zerknüllten Hut wieder instand zu setzen.

Sieh man au," lachte der aridere grob.Also eilt Schulmeister."

Moritz Gassel stutzte. Wollte ihn der Mann beleidigen?

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