seine Leute, nur mit der deutschen Sprache lagi er beständig rn Fehde — und er hörte sich doch so gern sprechen, der gute Band^ Als er zur Kompagnie kam, fragte ihn der HauptmianN, ob er! ein militärisches Spezialfach besonders beherrsche, soll heißen, ob er besonders tüchtig sei im Exerzieren oder als Patromllenführer oder Entsernungsschätzer, Wachthabender usw. Und Band antwortete: „Nu, Herr .Hauptmann — was ich bin, ich bin een ganz vorzüglicher Inschtruktör!"
„Was sind Sie?"
„Ein ganz vorzüglicher Inschtruktör! Inschtruktör ist meine Stärke, da nehm ich's mit jedem ofs! Ich inschtruiere über alles: Gefecht. Felddienst, Heereseinteilung, Vorposten, Requirieren, Schießdienst — ja!"
Und seine Kunst als Inschtruktör" zeigte Karl Traugott Band bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Er instruierte, tvenn man Quartier bezogen hatte, wenn man Schützengräben aushob, wenn man Vorposten ausstellte, ja, sogar im Gefecht, bei einem Sturmangriff ließ er sein bekanntes: Mal herhören! ertönen und während man mit eingezogenen Köpfen in voller Deckung lag und das Maschinengewehrfeuer über sich hinbrausen ließ, instruierte der Wackere über die einzelnen Tätigkeiten des Schüßen, wenn das Kommando „Sprung" erfol-gt. Uno alles in seiner drastischdrolligen Werse, mit Kasernenhofblüten durchsetzt. —
Und jetzt stand er am Bahnhof zu y. und zählte seine 27 neuen, eben aus der Heimat angekommenen Kameraden ab. Und iwch ehe sie abmarschierten, begann er mit der Instruktion: „Mal her- bören! Also ich, was ich bin — ich bch deb Unteroffizier Karl Traugott Band aus Gelenau bei Thum im Erzgebirge in Sachsen! Ist jemand von dort wo wer?"
Es war niemand von dort wo wer.
„Js ganz egal! Ganz egal! Also ihr gehört von heute ab zur 4. Kompagnie des y. Reserveregimentes, und ich bin euer Korporal. Und jetzt marschieren wir 22 Kilometer — und nu los!" Und er bildete eine kleine Spitze in der Stärke einer halben Gruppe und löste Verbindungsleute los und instruierte dabei über Kriegsmarsch und Reisemarsch, und als sie nach 12 Kilometern das erstemal einen größeren Halt machten, begann der Wackere schon wieder mit Instruktion.
„Mal herhören!" Und die Mannschaften, die links der Gewehre ausgetreten waren und im Straßengraben lwckten, lauschten, was ihnen der neue Korporal schon wieder Wichtiges mitzuteilen hätte. Und er begann: „Mir ham jetzt Kvieg, richtigen Krieg, also keen Manöver, das wißt ihr wohl?"
Und sie wußten es alle. Und nun kam eine tiefsinnige, inhaltschwere Frage: „Was ist eegentlich Krieg, — Sie da mit der gelehrten Vissage?"
Ein langer, hagerer Reservist mit einem ernsten, klugen Gesicht setzte sich stramm und definierte: „Krieg, ist das Austräger,' von Streitigkeiten zweier Völker mit der Waffe."
„Blech! Großes Blech! Gelehrtes Blech! Tenn erschtens wird im Krieg überhaupt nischt ausgetragen, verstanden? Das machen bekanntlich derheeme die Semmeljungen und Zeitungstveiber — und zweetens kann von zwei Völkern in diesem Kriege überhaupt ferne Rede sein, — he? Da kommen Sie aus der Heimat und wissen nicht mal, daß sich mindestens een halbes Dutzend Völker da herumbalgen und überhaupt! Ta wird so'n gelehrter Quatsch hergesabbert — und 's ist nischt — absolut nischt! Sie, der daneben sitzt, — was meenen Sie, daß man unter Krieg versteht?"
Der Nachbar war der Landlvehrmann Ferdinand Täglich aus Bellendorf in Pommern. Er blieb nicht behaglich sitzen auf die Frage des Korporals, sondern schnellte in die Höhe und stand nun wie eine preußische Säule aus dem Brandenburger Tor. Ein blendender Strahl von Intelligenz machte sein Gesicht trotz der Ma- muthdimensionen geradezu schön, und zweifellos: Ferdinand Täglich hatte eine Antwort auf seines Korporals Frage: Was ist überhaupt Krieg? — gefunden. Ter Gedanke war da, das Hirn arbeitete wie ein achtzigpferdiaer Motor eines Rennwagens, wenn dieser die Brennerstraße erlteigt. Ter Gedanke rutschte vom Gehirn herunter, die Zunge fiwg ihn auf und formte ihn in Worte und der Unterkiefer klappte nach unten und die Antwort fiel heraus, prompt und treffend: „Krieg ist überhaupt — ja überhaupt, wenn der Frieden alle ist."
Der Korporal ivar verblüfft, lvar vollständig überwältigt von der Wucht dieses Gedankens. Prompte Logik verblüffte ihn stets, aber er faßte sich bald wieder und erkannte, daß er seine Frage zu allgemein gefaßt hatte, deshalb stellte er sie präzser: „Gut so, — aber ich meene, Krieg, wie wird denn das gemacht?"
Und wieder krachte Ferdinand Täglichs Hirnschale, so revoltierten drin die Moleküle. — Ha, das Morgenrot der Weisheit leuckstete »nieder von seiner lehren Stirn, er glühte »oie ein Jn- telligenzhaufen und sprach: „Krieg wird so gemacht: Erscht kriegen »oir feldgraues Zeug und scharfe Patronen und von meiner Kleenen Munden off die Knarre, dann gebts off den Bahnhof, da gibts belegte Stulle und Kaffee, bloß keen Schnaps nich, dann gehtS nach Frankreich und off jeden Waisen steht: jeder Stoß een Fran zos! und dann gehts in den Schlitzengraben, da wird geschlafen und gegessen und dann wird Hurra geschricn und dann aber mit destt Kolben losgekracht und dann hali'n mer gesiegt!" —
In eckst kindlicher Weise hatte sich filmartig das „Kriegmacl)«n im Hirn des braven Täglich abgerollt, nach seinen leiblichen und
geistigen Bedürfnissen geordnet: Abschiednehmen, Essen, Schlafen, Hürraschreien, Dreinhauen und Siegen, alles pro patria!
Unteroffizier Bands Auyen glänzten. Das war eine Erklä- rung, — kurz, bündig, sachlrch! —
„Sie kriegen bestimmt mal das Eiserne!", sagte er lobend und dann sah er strafend den „Gelehrten" an und sagte: „Wie heißen Sie?"
„Strottheim."
„Was sind Sie?"
„Hydrotekt, Herr Unteroffizier."
Band schnappte nach Verständnis, aber dann ging ein Leuchten der Erkenntnis über sein stachelbartumrahmres Angesicht und er fragte: „Was kriegen Sie da für'n Pfund?"
Jetzt schnappte der Hydrotekt nach Erkenntnis und beide schauten sich an, als habe der andere mindestens sieben Köpfe, dann lächelten beide, dann lachten beide, immer mehr, immer herzlicher — und der Friede war hergestellt. —
Als sie abends endlich im Quartier eintrafen, einem zerschossenen. von den Einwohnern verlassenen Dorfe, rief Unteroffizier Bond den Landwehrmann Schippke beifeite. Schippke war das Universalgenie der Kompagnie, ein Alleswisser und Alleskönner.
„Sie Schippke, wissen Sie vielleicht, was ein Hydrotekt ist?"
„Hydrotekt! — Hydrotekt — ach, das wees ich ganz genau. Ein Hydrotekt ist eener, daß wenn man keen Wasser off'n Ballon l)at, tut der Hydrotekt welches herzaubern."
„Herzaubern? Sie, Verehrtester, verknacken läßt sich der Unteroffizier Band nicht."
„Aber Herr Unteroffizier! Es ist wirklich so. Ta hab'n die Kerle, was die Hydrotekten sind, so'ne lange Rute, die ist vorn! wie eene Gabel und da gehen sie über die Wiese spazieren und da schwitzen sie so lange, bis die Rute wippt, — und da ist Wasser in der Erbe." —
Da entstand in Unteroffizier Karl Traugott Band ein königlicher Gedanke. Wenn der Hydrotekt mit seiner Rute Wasser findet, warum dann nicht auch Bier oder Wein, von »oelchen edlen Getränken doch sicher die ausgerissenen Bewohner manch Gebind vergraben haben mochten. Er mußte diesen fürstlichen Gedanken mit Schippke besprechen, und er fand den Wackeren, wie er ein Huhn, das er Gott weiß wo aufgogabelt hatte, schmorte. „Schippke. haben Sie vorhin wirklich keenen Unsinn geschwatzt?"
„Ich? Wieso, warum, weshalb, Herr Unteroffizier?"
„Mit dem Wasserfritzcn?"
„Ach, von verwegen der Wünschelrute?"
„Wünschelrute heißt das Zauberding? Ta kann man frch wohl wünschen, was man will und der Kerl findet es?"
Schippke, der Schlaue, wollte erst lachen, aber da er ern Schalk war, der gar zu gern auf.Kosten anderer und zur Untere Haltung der Gesamtheit einen Spaß in Szene setzte, lachte er nicht/ sondern machte ein ganz ernstes, nachdenkliches Gesicht.
„Hm, ein Fässel Hosbräu — das wär nicht übel. Herr Unteroffizier. was?" reizte er den wackeren Band. Den guten Korporal, der nun feit sechs Wochen nichts als mittelmäßig gutes Wasser und dünnen Kaffee geschluckt, juckte der Gaumen.
„Hofbräu, — Potztausend! — He, Schippke. wollen Src das nicht mal in die Hand nehmen. Sprechen Sie uml mit dem Hydrotekten, er solle mal seine Wünschelrute tanzen lassen."
„Wird besorgt, Herr Unteroffizier, und wenn ick mich nicht ganz irre, gilts (eut nacht, ehe wir wieoer in den Schützengraben einrücken, ein paar Maß echtes, he?"
Und Schippke pürschte sich geschickt zu Strottheim, dem Hydrotekten, und sagte vertraulich zu ihm: „Hm, Kamerad, hast du Lust, einen Spaß mitzumachen?"
„Es kommt darauf an!"
„Ich meine mit Hilfe deiner Wünschelrute?"
„Ausgeschlossen! Für Witze ist mir meine Wissenschaft zu ernst."
„Blech! Um die Kameraden bei guter Laune zu erhalten, tft keene Wissenschaft zu ernst, verstanden. — Unser Korporal Band denkt, du kannst mit deiner Wünschelrute ooch Bier oder Wein aus dem Boden zaubern und nun ..." ^
„Ich verstehe! Und ich mache den Spaß mit, d. h. ich, über- nehme aber keene Verantwortung, iwim oic Sacl>e fckstef geht und der Korporal grob wird!"
„Das laß nur meine Sorge sein. Besorg dir eine Rute und ich mache das andere, und in zwei Stunden, also Punkt zehn Uhr. trittst du mit deiner Rute an und dann gehl der Jux los. Um zwölf Uhr nachts müssen wir doch bekanntlich wieder marschbereit sein, in die Stellung einzurücken."
Und Schippte trollte sich z^m Marketender, bei dein er auch rühmlichst bekannt war. — „Servus, Mann mit der fahrbaren Futterkantine!" begrüßte er den Marketender. Sagen Sie mal verehrtcster Kriegskoofmich, — da hatte doch vor ellickien Tagen irgend jemand aus der Heimat ein Faß Münchner als Liebesgabe geschickt, leider Gottes für bas andere Bataillon. Ist das Faß noch da?"
..Selbstmurmelnd, alter Gauner, willst wohl wieder einen Kapitalwitz andrehen, was?"
„Hm, vielleicht. Wollen Sie mir das Faß mal ofs zn>ee Stunden pumpen?"
„Es hängt unterm Wagen, — aber wiederbringen, sonst roochts!"


