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Er hat die Richtung iriffen wollen. Er weiß sie. Entdeckt ist die Sappe ja doch. Bedenklich sieht er aus die drä schwarzen Stäbchen des Mikrophons. Langsam spricht er darauf: „Stand 107, 39 m südwest — Angriff bevorstehend. Feind 60 m." Aber sein Antlitz ist nicht entwölkt, als er es wieder hebt. Er lveiß, was geschehen wird. Die französische Artillerie wird schweigen und lm selben Augenblick wird von den Schützengräben her der Infanterie-Angriff einsetzen. „Um elf wird das sein!" denkt er, „die Franzosen nehmen gern den vollen Stundenschlag. Handgranaten und Minen werden sie in die Gänge werfen, und die wochenlang mühsam geförderte Arbeit ist umsonst. Ein Maschinengeroehr nützt nichts. Sind sie erst aus dem Graben heraus, so haben wir sie auch hier... Keinen herauslassen! wer brächte das fertig?"
Er sieht auf das Zifferblatt seiner Uhr. „Dreizehn Minuten Frist" spricht er vor sich hin, sieht weite, farbige Bilder — ein Häuschen — ein Zimmer — eine Frau darin — sein Weib! — Und der Kopf finit ihm langsam auf die Seite.
Plötzlich aber ruckt er zusammen, beugt sich in die Tiefe. „Eckard, ist unser Zitherspieler in der Nähe?"
„Befehl, Herr Haummann. Liegt im Münchner Hof. Mit Erlaubnis: es geht nicht mehr lang mit ihm. Hat Rückenschuß, der Loisl, und krampst sich schon."
Tie Gedanken fliegen: „Er lebt noch — Ersatz ist unmöglich
einen Scharfschütze!: wie ihn gibt es nicht wieder-Also
denn — zusammenreißen müssen nur uns alle! Versuchen!" Das durchgeistigte Gesicht des Offiziers zeigt auf einmal vom Eisen griffet gerissene Linien.
Er läßt sich in den Erdtrichter hinab, durchkriecht gebückt den Dang, begrüßt zur Rechten deutsche Kameraden, gelangt in den Schützengraben der Bayern und arbeitet sich schnell bis zum ersten geräumigen Unterstand.
„Münchner Hof" steht in schief gemalten Buchstaben an dem -vauweißen Schild darüber: links darunter: „Hofbräu", rechtS: „Wetßwürsckit". Und eine Zither liegt so verloren im Wege, als wäre sie noch eben einem gereicht, der sie dann hat fallen lassen.
Bor einer zusammengesunkenen Gestalt, die gegen die Erd- wand liegt, bleibt der Offizier stehen. Ein Rotblonder ist'S mit feiner Haut. Der Stirnanfatz der Härchen ist wie mit den: Pinsel hingestrichen. Darunter die Kopfhaut aber ist beweglich. Sie tzuctt über-die geschlossenen Lider hinab, strafft sich tvieder.
..Hat'S Dich ara, Loisl?"
Ueber der sckiarfen Hakennase öffnen sich zwei verdämmerte Augen. „Im Rücken, Hauptmann" —
„Aber wenn's Gemsen schießen gälte, Loisl —?"
Da erwachen in den drmklen Augentiefen stahlblaue Lichter. ,/Samsen —?" Die Kopfhaut ruckt nicht mehr, auf der Stirn Aänzt die Dpannrmg.
„Würdest Du da- Blatt noch treffen?"
Zwei Arme regen sich, als gingen sie mit der Büchse in Anschlag. Unter den Lidern zuckt'S hervor: „Krickelspitzen und Gamsbart, ivenn'S sein müßt, Hauptmann!"
^Und — wenn sie englisches Leder trügen, die Gamsen?"
Blthfeuer von Auge zu Auge — dann ein Zusammen sinken.
könnt — mi net mehr — drahn zu die Patronen, Hauptmann g'sagt? Gamsen hast g'sagt, und nrann'S ««& englische san —! Mit unbehilflichem Ruck versucht sich der Sprecher aufzurtchten.
Aber des Offiziers Hand hält den Verwundeten zurück. „Laß
Gto Strobsack her! Ein Brettl" bestehlt seine Stimme.
Bald liegt der Bayer weich gebettet, mit Brust und Knie auf der hölzernen Unterlage festgeschnallt. So wird er an das Luftloch der Sappe getragen, emporgehoben, bis seine Augen über den Vrdrand zu blicken vermögen, und wird dort festgeiegt.
Es kracht noch immer in den Lüsten und speit Eisen und «eine. Ter Heraufgeschafste merkt nicht- davon. Er scheint völlig kNsch. Den schützenden Stahlschild, der vor ihm hingestellt wird, schiebt er zur Seite. Das Hingerichtete Gewehr aber packt er mit sehnigen Fingern wie ein Gewohntes, Liebes.
„Liegt'- auch gut, das Gewehr Loisl?"
ntl io f$£n rCd> " * Kru * >tm<1Ttn - ® Wein Stutzen dahoam is steil:
”iSJZ “r wie da- Maschinengewehr -
Dein Stütze?" spricht der Offizier hinter ihm steundlich ein- ehend, winkt aber zugleich nach unten: „Immer mehr. Eckard!"
seinen .Füßen sammeln sich Patronenbaufen an. Dre: ge- »eneGewehre werden von roten, knochigen Fäusten heraufgereicht, lehnt ffo an Me Waich neben sich. Nun macht er eine Hand- "jung — eine sonderbare —
c_ tchn ihm ptttzlich still geworden. Gr sieht auf die Uhr. an Dich. Marie — spricht er unhörbar, und doch fallen Mn selbst die Worte wie schwere Hämmer. Dann reckt er sich E sieht auf den rotblonden, feinhaarigen Hinterkopf dicht Egen „Hast Du nie eine:: schweren Stichen geführt, Kder dti** Ct ^ ^werfend, aber doch mit einem Häkchen
..Einmal schon, Hauptmann. Müssen, meinm: guaten Stutzen."
Woaßt, da Hab i'n abgeben
„Haft ihn abgeben müssen. Lo.ifl?" Spähend glühen die Augen bem Liegenden aus das fahle Gelände hin. borthtt:, wo M) d:e kleinen Erdhügel so regelmäßig bauschen.
Hebt sich da nicht ein stützender Arm?, ein Mützenrand? Glänzt da-nicht ein rotbäckiges Gesicht? — Gewiß doch! Gelvißk — Zehn Schritte iveiter eii: zlveites — ein drittes —
„Achtung, Loisl: Gamsen!"
Drei Schüsse fahren aus des Bayern Flintenlauf. „Hat schon g schnallt, Hauptmann! A dreiblattenes Kleeblatt drüben — bringt koa Glück! — Ja, müßt wissen, Hauptmann, wie dees ist kommen mit dan andern Stutzen..."
„Gamsen, Loisl!"
„Blos zwoa! — Ham g'sessen, die Schuß', Hauptmann!"
Das leere Gewehr wird zurückgezogen, schon liegt ein anderes m des Schutzen .Hand „Gamsen, Loisl!" und fünfmal zuckt's daraus, wird ausgetauscht, und der Bursche spricht mit ruhiger -stimme Wetter: „Woaßt, Hauptmann. dazumal is der König bei uns droben g'wesen af'm Füßener Kogel und ane große Hetz ham d:e andern draus gemacht. Mi hat's nix g'schadt — r Hab' gschosten wie : immer schieß... Siegst - so,.. Teilst, 's iS wieder leer, s Magazin, Hauptmann..."
„Hier Loisl. ein andres!"
* VT V T ^rr C i n ^- ^ends, kimmt der König in unsre Bude,:, hat halt al bissel hermgarten wollen.. /'
, „Loisl, Gamsen — drei — vier! — Rechts. Loisl — - so, gut —!"
„Und woaßt, .Hauptmann, ,vaS er g'moant hat? „Loist, Dein Stutzen! I muß Tein Stutzen haben! Is nämlich an dem Tag ant ganga, so wie eben jetzt! volla... bletbt's drin, englische- Luaderzeig!... Dees hast davon! A Ouartettl bist weniger!-.. Und : Hab mi fast g'scharrt, Hauptmann, daß mir sollt die größte Strecke sein! Mer die Cenzi is kommen — Solltest sie kennen, du: Cenzi, Hauptmann — is beim Mutterl zur Pfleg
— s Mutterl is gar net recht seit'm letzten Winter-hat's im
Rücken rme i — bloß net so arg — .Heiliger Flori, die ham'S eilig
zu verschwinden, Hauptmann! Na — also — gebt's Rul>e'-
Und die Cenzi hat g'sagt: „Dummer Bu, hat sie g'sagt, sell fall. Dir net g freuen, daß : dan größten G-amSbarl am Hüterl trag, wann wir amal z'sammengeben werden am Mtar? und daß der König di lobt — und da — da"
„Loisl — ja, und was ist da gewesen? Weiter, Loisl! Mit dem Feind scheint es ja... Horch. Granaten! Das sind deutsche Batterien! Die decken die Gräben ein.' 'Abgewiesen, der Angriff, Kamerad! Tapferer Kamerad! Du allein Haft das... Dein Mutterl und die Cenzi, die werden schauen aufs Eiserne Kreuz, Lorsl! — Eckard, Telephon! Weiterschanzen, Leute! Nur noch so ein paar Fl inten kugeln haben sie drüben übrig! Vorwärts! Morgen muh die Mine austl...
Warum spricht der beredt gewordeiie Mund nicht weiter? Hat von den vielen rachgierigen Kugeln, die alle nur ein Ziel gehabt haben, eine doch getrosten?"
Eine rote, knochige Hand reicht den verlangten Apparat hinauf. „Herr Hauptmann haben gewünscht —!" Er wird nicht entg^en genommen.
Gin derbeS, guttiiütiges Westfalei:gesicht hebt sich auS der Tiefe, starrt auf zwei reglose Körper . .. „Mien God in hohen Hewen!"
Brüderlich nah liegen sie einander, die beiden, die deutsche Tal und deutsches Sterbe:: geeint hat — der Preuße und der Bayer.
Vermischtes.
* Deutscher Edelsinn. Den mannlglacheu Fabeln von der Grausamkeit der deutschen Soldaten mag die folgende wahre Begebenheit aus dem Deutsch-Französischen Kriege 1870/71 entgegen- gehalten werden, die in der Regi,nentSchronik deS Braudenbnrgischen Feld-Artillerie-RegtmentS Nr. 3 ausgezeichnet ist: ein Vorkommnis auS der Schlacht bei Vtonvtlle. Die richtende Nummer dein: ersten Geschütz der 1. reitenden Batterie wurde durch den Kopf geschossen. Ein anderer Kanonier Übernahm die Nummer und hatte bald daraus auch einen Schuß durch den Kops. Dse Leute wurden dadurch etwas zag und zögerten, die richtende Nummer zu ersetzen. Der Zugführer, Sergeant Altsch, rief ihnen zu: .Ihr seid alle
.Kerls, ich werde richten! - Er legt sich an, um dies zu
tun. Auf einmal zuckt er mit dem Kopie, richtet aber fertig und läßt das Geschütz abieuern. Eine Kugel hatte ihm die Kopshaut geschrammt, er wurde verbunden und blieb in der Batterie, sagte dann aber zu den Leuten: .Nn, JungenS, sperrt mal eure Oogen uff, wir muffen den Kerl doch finden, der aus unS schießt, weit kann er ntch sind/ Plötzlich rief ein Kanonier: .Da liegt der Kerl!" Und richtig, hinter einem toten Pferde lag, et,va 400 Schritte von der Batterie, ein Franzose mit den: Gewehr im Anschläge. Die Kanoniere liefen hin, ein Schuß, den er noch ablab, fehlte sein Ziel, und bald hatte:: acht Brandendurgische Fäuste >en Franzosen dein: Wickel. Er konnte nicht gehen, denn er war durch den Oberschenkel geschossen, deshalb wurde er in die Batterie getragen. Hier hieß es: .Schlagt den Kerl vor':: flopU - — „Ach. Herr Hauptmann/ meinten die Brandenburger, .wollen wir ihn nicht lieber verbinden lassen; der Mann tjat ja doch nur feine dchuldtgkett getan!• Der damalige Regimentskommandeur und pätere General der Artillerie v. DreSky äußerte sich später folgender- maßen über diesen Vorfall: »Mich versetzte die Antwort in ein freudiges Erstaunen. Einmal sprach sich darin der Widerwille auS,


