Jon von Werth.
Roman aus dem Dreißigjährigen Kriege von Franz Herwig.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die ingrimmige Wut, die in Paris gegen den Kardinal tobte, war der Erfolg eines gewissen Herrn Jan, früher schlichttveg Jan, jetzt aus kaiserlicher Gnade Freiherr von Werth. Der Kardinal glaubte die Grenzen seines Landes genügend geschützt. Sie warex es auch — am Rhein und in Lothringen, denn dort hielten der-Kardinal La-Balctte und der Ketzer Bernhard von Weimar den Kaiserlichen Widerpart. Jan aber zog lautlos an irrten vorbei, zog nach Norden, quer durch Flandern und stand an der französischen Nordgrenze, ehe Richelieu sich die Augen gerieben hatte. Und ohne Zögern stieß Jans kleines Heer zwischen Mons und Balenciennes hervor. Bor ihm her flog ein Schneegestöber von Manifesten, die das Volk zum Aufstand gegen Ludwig den Dreizehnten und Richelieu ausriefen, und 'die den Entschluß der Kaiserlichen kundtaten, nicht eher den Degen einznstecken, bevor nicht die vertriebene Königin Maria von Medici in ihre Rechte eingesetzt wäre. In der Pikardie begann es zu grollen. Und indessen Jan unter her wilden Musik seiner Trompeten und Heerpauken die französische Erde überflutete, begrüßten ihn allerorten die Pikarden: „Vive Jean de Werth!" Die Furcht, blaß, mit fliegendem Haar, raste feinen Regimentern voraus, stand plötzlich auf allen Plätzen und Straßen von Paris und schrie und schrie. Fünfhundertlausend Pariser waren vor Entsetzen starr.
Unaufhaltsam zog das Werthsche Wetter auf die Somme " Zwar warfen sich hier und da französische Truppen ent Sturm entgegen, aber noch ehe die Attacke der Reiter Jans sie erreichte, zerstoben sie. Ein starkes französisches Heer unter dem Grafen von Soissons hielt den Uebergang über die Somme. Aber gerade da, wo sie es erlvarte teil, setzte Jatt nicht über. Als die Franzosen es merkten, war es zu spät. Eine ungeheure schwarze Wand, aus der es tausendfach blitzte, fegte dicht über dem stäubenden Blach- felde auf sie zu, und der Donner „Werth! Werth!" war ihr voraus. In einem fürchterlichen Krachen und Schreien kam der Anprall, und dann war Flucht, rasende Flucht und Gemetzel, wüstes Gemetzel. Weiter! Weiter! Jenseits der Oise liegt Paris! Französische Hilssvölker ziehen heran. So zwei-, dreitausend Mann, Reiter zmd Fußvolk, unter dem Marquis von Bonnivet. Jan springt aus den Wäldern auf sie. Nach einer halben Stunde jagt ein winziger Rest auf schaumtriefenden, blutenden Gäulen nach Süden, über die Oise. In der Nacht hört man das gellende Krachen, mit dem die Steinbogen der Brücken gesprengt werden. Jan lacht. „Ich komme auch so hinüber!" Im Morgengraueu
spritzt das Wasser der Oise, dort, lvo die geheime Furt ist, unter dem langen Galopp der Werthschen Reiter. Wo eine Stadt auf ihrem Wege liegt, bringen angstgraue Bürger die Schlüssel der Tore. Und wo Dörfer waren, ist bald nur ein qualmender Trümmerhaufen; die Bauern schlagen mit Knütteln auf ihre Pferde, die hoch bepackte Karren ziehen, und mit ihrer Flucht kommt das Entsetzen nach Paris. Nonnen und Mönche, keuchend unter der Last der rasch zu- sammengerafften Kirchenschätze, drängen in Scharen südwärts, südwärts in das schützende Paris. In Paris aber ist Aufruhr uttd Mord; der König ist tticht mehr sicher und der Kardinal nicht. „Jean de Werth!" brüllt man ihiten ins Gesicht. „Jean de Werth!" Der letzte Tag für Frankreichs Hauptstadt scheint nahe herbeigekomuten.
„Sire, wo'sind die Soldaten und Feldherren, bereit, Paris zu verteidigen? Wo die Wälle und Mauern, Eminenz, daß ein »vehrloses Volk sich dahinter berge? Sire, »vo sind die Geschütze, »vo ihre verderblichen Ladungen? Sieh, Eminenz. hier ist die Strafe des Himmels für deine Verbindung mit dem schwedischen Ketzer!"
Auf der Landstraße nach Chartres und Orleans verfuhren sich die Karossen, Wagen und Karren ineinander. Paris war nicht mehr.sicher; wer fliehen konnte, floh. Jan de Werth, der die Somme übersprang und die Oise, »vird auch die Seine überspringen! Flieht nach Tours, bis jenseit der Loire!
Selbst der König ließ die Schätze des Louvre auf Wagen laden. Seine Majestät war in Paris nicht ntehr sicher. Besser, man fuhr nach Blois oder gleich nach Orleans. Nur der Kardinal, nach zwei Tagen der Bestürzung, handelte. Cr ließ die Gesellen und Lehrlinge mit Waffen versehen. Ungeheure Geschütze, Veteranen aus der Belagerung von 1593, die von vierzehn Pferden gezogen werden mußten, ließ er aus dem Zeughause auf die Wälle bringen; Greise und Weiber mußten an den Schutzwehreit schaufeln.
Jan war in St. Denis. Seine Reiter streiften bis vor die Tore von Paris, jagten in einer weiten Kurve die Mauern entlang und schossen lachend ihre Pistolen in die Lpft ab.
Alt einem Abend ritt Jan mit dreißig Dragonern vor. Er erreichte das Ufer der Seine iit der Nähe von Eorbei und ließ seine Reiter sich mit einigen Bauern kriegsmäßig belustigen, bis sie ihm den Stand der Arbeiten alt den Perschanzungen der Seinebrücken verratett hatten. Es war eben erst dunkel geworden, die Gäule waren noch frisch, nub es schien Jan Sünde, jetzt schon ins Lager znrMzukehren. Er ritt langsam voraus, immer die Seine auflvärts, viel leicht konnte^lnan noch Evrbeil überrnmpeltt oder ein sran. zöfisches Lager zersprengen.
Ihm war sehr wohl. Er spielte mit den Zügellt und pfiff sich eins. Hinter ihm klang der gleichmäßige Trab seiner Reiter.
Ich bin nun in Paris, dachte er. Wenn der Spatticr tticht ztt lange zögert, flattert der Doppeladler in drei Tagen vor dem Louvre. Dann »verde ich vor eilt gewisses Kloster reiten.


