Ausgabe 
27.3.1915
 
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Jawohl. Und da Wünschen Sie wohl Näheres darüber zu er­fahren?"

Darum möchte ich Sic bitten, Herr Leutnant. Ich wollte mir das schon längst von Ihnen erzählen lassen, aber nun habe ich doch wenigstens Ihren ersten fieberfreien Tag abgewartet. Und dann es geschieht nicht wegen mir allein: Ich war nicht nur Eders Freund, sondern auch sein Hausarzt. Ich habe sogar in der Familie verkehrt und nun seiner armen kleinen Frau versprochen, Nach-' forschungcn anzustellen."

Ter Leutnant sah den Stabsarzt nachdenklich an:Sie sollen alles erfahren, was ich weih, und cs freut mich, das; ich Ihnen sehr viel erzählen kann. Auch ich habe an unserem guten Major einen väterlichen Freund verloren. Er starb als Held. Was aber' seinem Tode voranging, das ist die ergreifendste Geschichte, die ich je gelesen oder miterlebt habe. Hören Sie mich an: Sie wissen vielleicht, das; Major Eder etwa zu Anfang Dezember unser Ba­

taillon übernahm, nachdem Major Madlehner bei einem tollkühnen Nachtangriff gefallen war. Madlehner war in allein das Gegenteil von Eder gewesen. Für einen ungewöhnlich schneidigen, ja toll­kühnen, wagemutigen Soldaten bekamen wir in Eder einen ruhigen, umsichtigen, gütigen Vorgesetzten und waren mit dem Wechsel wohl zufrieden. Hatte man Madlehner als Helden bewundert und ver­ehrt, so liebte man Eder wie einen Vater. Besonders ich trat bald in ein näheres Verhältnis zu ihm. Durch ein paar unbedeutende! Vorfälle kamen wir in Berührung miteinander, er zog mich häufig ins Gespräch, obwohl ich junger Leutnant sein Sohn hätte sein können, und fast immer traf es sich, das; lvir einer Meinung waren. Weniger zufrieden mit ihm war mein Kompagniekamerad Löwe, der an Eder eben jene Tollkühnheit vermiete, die seinen Vorgänger ausgezeichnet hatte Selbst ein wagemutiger Draufgänger, fand er das vorsichtige, ruhige Wesen Eders langweilig und so bildete sich bald zwischen ihnen eine gewisse Gegnerschaft heraus, die Eder stets zu mildern suchte, indem er in seiner ruhigen, sachlichen Weise seine Maßnahmen traf und mit einer feinen Ueberlegenheit oem Jüngeren gegenüber seinen Standpunkt vertrat. Aber Löwe ließ sich nicht bekehren. Er erklärte uns stets wieder, Eder wäre ein unverbesserlicher Leimsieder, der ihm nicht imponieren könne.

So vergehe,; die nächsten Wochen, in denen wir gelegentlich kleine Teilerfolge errangen oder auch einmal vorübergehend zurück­mußten, wie es eben der Kanrpf in den Vogesen mit sich bringt. Ta wurde unser Regiincnt gegen Ende Oktober nordivestlich Tann angesetzt, inn einen Höhenzug. der von der Grenze her in süd­östlicher Richtung verlief, vom Feinde zu säubern. Unser Bataillon, durch vorhergehende Kämpfe ziemlich) geschpvächt, sollte von Süden her in langsamen, Vordringen die gewaltigen Hänge säubern. Bis Anfang Novenrber gelang es uns, den untern Berg allmählich zu nehmen. Es blieb nur noch ein steiler, bewaldeter Llbhang unter einen, kleinen Hochplateau, auf dem eine von den Fran­zosen stark befestigte Ferme lag. War dieses Gehöft erobert, so konnte es nicht mehr schtver sein, das Hochplatean zn halten und von dort aus aiuh den eigentlichen Gipfel, der sich weiter »vestlich erhob, zu gewinnen. Die Erstürmung dieser Ferme war somit für die nächsten Tage unser Ziel, aber ilwe günstige Lage er­schwerte jeden Angriff ungeheuer. Ter Berg sprang hier an seinem südlichsten Ende weit ins Land vor und bildete eine »ratürliche Befestigung. Gegen Westen spaltete eine tiefe Schlucht den Hang in zwei Teile, »velche unten durch eine kleine Waldwiese getrennt war. Diese Waldwiese konnte sowohl von der Fenne wie vom Givfel aus bestrich>en werden. Sie endete ölen in einem verlassenen Steinbruch), dessen steile Wände bis unmittelbar unter die Ferme reichten. Diese Schlucht galt es zu vermeiden und so blieb uns nur der Angriff den bewaldeten Hang hinaus. Nun waren aber vonr Waldrand bis an das Gedöst noch) etliche 100 Meter über die freie Wiese zurückzulegen. Unsere ersten fünf Stunnangrisfe

r iterten hier unter dem mövderisckum Feuer der Franzosen, die der Ferme vorzüglich gedeckt lagen, währerck» unser Angriff ihren Maschinengewehren die besten Ziele bot. Gerade unser letzter Angriff hatte uns schtvere Verluste gebracht. Gleich zu Beginn waren zwei Hauptleute gefallen, ich hatte die Führung unserer Kompagnie übernehmen müssen, während Löwe die Tritmmer der dritten Kompagnie aus dem Feuer führte, die all ihre Offiziere verloren hatte. Nickst nur viel mehr als 100 Mann kamen wieder in den Schutz des deckenden Waldes und eine tiefe Niederge­schlagenheit stand auf allen Mienen zu lesen. Nur Leutnant Löwe trat in verbissener Wut vor Major Eder hm und rief: Ich bitte gehorsamst, mir einen nock),nalige Sturm zu gestatten, Herr Major. Die Ferme muß fallen." Der Major sah erschüttert auf die Reste seines Bataillons und schüttelte mit den, Kopf: Nein. Herr Leutnant, ich kann das nickit verantworten." Es ist ganz gleichgültig, ob diese Ferme henke fällt oder übermorgen. WaS wir tun konitten, haben wir getan. Nun soll uns morgen Artillerie helfen. daS Nest zusanrmenzuschießen." Der Leutnant sah seinen Vorgesetzten stark an:Es wäre eine besondere Ehre kür unS, die Ferine ohne Hille der Arttllerie genommen zn haben. Ich bitte den Herrn Major ynir tu gestatten, mit Freiwilligen . .

Der Major winkte energisch ab:Ank keinen Fall, Herr Leut­nant! Ich habe nicht n»rr Ferme *u stürmen, sondern auch über daS Schicksal meiner Leute zn wachen. Es ist genug für beute." Der Leutnant salutierte stmmn ,md niitfl abseits. Der Major ließ samnreln. stellte Posten arrs und sandte eine Patrouille zurück mit derr Bitte um Artillerieunterstützung.

An diesem Abend saßen wir müde und zerschlagen im Walde umher. Ter Major schlief, an eine Tanne gelehnt, während wir Os izicre in einem mühsam aufrecht erhaltenen Gespräch die Zeit vertrieben Löwe eiferte noch- immer gegen den Befehl des Majors. Er war wütend, daß ihm seine Bitte nicht gestattet worden war und wünschte die Artillerie zum Teufel. Niemand widersprach ilnn so recht, obgleich wohl fast jeder von uns die Maßnahmen Eders billigte. Allmählicki verlor sich das Gespräch und die Nacht senkte sich nieder.

Ich schlief noch am andern Morgen, als ein krachender Ka­nonenschuß das ganze Bataillon alarmierte. Unsere Artillerie be­schoß die Ferme und es dauerte nicht sehr lange, so stieg Rauch ans den Gebäuden auf und die Franzosen mußten ihre Teckung verlassen. Ta kommandierte unser Major selbst den Sturm u»ib eine Viertelstunde darauf war die Ferme unser. Wir hatten zehn Tote und einige Verwundete und in, Hof der Ferme stand freudig sttahlend Major Eder und rief Leutnant Löwe zu sich heran:Nun, Herr Kamerad, vergeben Sie mir es jetzt, daß ich einem halben Hundert unserer Soldaten das Leben gerettet habe? Löwe stand stramm und entgeguete mit kühler Höflichkeit:Die Ferine ist- unser, im übrigen niäße ich mir kein Urteil an." Ueber Eders offenes frohes Gesicht huschte ein leiser Aerger. Aber er riß sich zusammen und gab seine Befehle weiter. Wir richteten uns auf dem eroberten Gutshofe ein, löschten die Brände und teilten uns in die wenigen vorhandenen Räumlichkeiten. Ein paar Zimmer des weitläufigen Bauernhauses wurden für die Offiziere bestimmt, während die Mannschaft in einem riesigen Heuhaufen, der in, Hofe aufgeschichtct war, llnterkommen fand. Wir buhten ab und dachten an nichts schlimmes, als mit einemmal Granaten über dem Gutshof platzten. Gleich der erste Schuß war ein Volltreffer und setzte eine Neine Scheune in Brand. Und ehe wir uns noch richtig.llar tverden konnten darilber, daß die feindliche Artillerie, welck>e die Entfernung genau kennen mußte, vom Gipfel des Berges berüber- schoß, befanden wir uns mitten in einem vernichtenden Schrapnell­feuer. Plötzlich, man wußte nickst wie es geschehen war, brannte der Heuhaufen lichterloh, eine ganze Anzahl unserer braven Sol­daten. deren Unifvrnien in hellen Flammen standen, liefen schreiend in, Hof umher und die Verwirrung stieg aufs Höchste. Kaum war durch unsere Bemühungen die Ordnung lvieder einigerrnaßen her­gestellt, griffen auch schon die Franzosen wieder an und zwar mit einer Uebermackst, der »vir nickst lange standzuhalten vermochten. Wir wehrten uns, so lange es ging, in der Hoffnung, von de,nl Nachbarbataillon Verstärkung zu erhalten, eS war umsonst. Wir mußten zurück und als in diesem Moment ein geschickt vorbereiteter Vorstoß der Franzosen in die Ferme eindrang, wurde unser Bataillon auch noch in zwei Hälften gespalten, während die größere Hälfte den bewaldeten Whang wieder geioann, wurde ein Halbzug mit Eder, Löwe und mir nach den, Steinbruck) zu abgedrängt und von einer vielleicht fünffachen Uebermacht den Hang hinunter­geworfen. Etwa 20 Mann kamen wohlbehalten unten an. Dann hatten »vir noch ungefähr ebenso viele Verwundete und auch einige Tote. Der Major war verzweifelt. Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen, aber es yina ihm doch nahe, daß die Ferme »nieder verloren war und wrr so sch»oere Verluste erlitten hatten. Und ehe »vir noch Zeit hatten, uns weiter zu überlegen, erhielten »vir im Steinbruch anch schon Granatfeuer vom Givfel herüber. Wir deckten uns so gut es ging und versuchten nach Osten um den Bergvorsprung herum zu unsere», Leuten zu gelangen. 9lber auch das schien unmöglich, denn durch den an dieser Stelle ziemlich lichten Wald pftfsen die Kugeln der Franzosen, die.inzwischen oben den Hang besetzt hatten. Die Situation »var verzweifelt und erschien fast aussichtslos, als mich noch von Westen her eine Kompagnie Mpenjäger gegen den Steinbruch vorstieß. Was sollten lvir tun? Die Verwundeten im Stickte lassen? Einen Versuch machen, durch das Feuer des Feindes lnndnrckHukommen? Wir »vußten es im Augenblick selbst nicht. Einige unserer Leute begannen schlapp zu »verden und so kam der Major zu dem Entschluß, sich gefangen zu gelnn. Kaum aber liatte er das ausgesprochen, da fuhr Löwe wie rasend aus:Niemals. Lieber tot als das. Wer Mut hat, folge mir." Damit stürmte er davon, einige Beherzte hinter ihm drein. Major Eder »var bei diesen Worten aschfahl geworden. Tann zog er den Degen, stieß rauh und abgebrochen die Worte heraus,ein jeder tue, was er für recht hält", und stt'irzte hinter Lötve snein. Ich feuerte die paar Leute um niich herum mit einigen Worten an, mir zu folge», und kan, eben »wch recht, um dem Major «und Löwe beizustehen, als sie sich durch eine große Ueberzabl von Feinden, die den Hang l)eruntergesprnngen waren, durchschlagen tvollten. Es kam zu einen, ensetzlichen Handgemenge, das nnchl in stummem ftirchtbarem Ringen eine halbe Stunde währte. Einer nach dem anderen von unseren paar Soldaten fiel und Lötve brach eben schwer verletzt zu Tode getroffen zusammen, als ein Vorstoß unserer Leute uns Luft machte und die Franzosen zu- rücktrieb. Sie flohen den Dang hinauf, während unser em­siger nock) lebender Hauptmann dem Major ergriffen die Hand schüttelte. Als nur uns umsahen, gewahrten »vir, daß außer uns beiden von unseren Leuten niemand mehr am Leben »var. Ich selbst hatte diesen Schuß in- Knie und einen Säbelhieb übe,' de», Kopf erhalten, während Eder, der am verztveifelndsten gekämpft hatte, nur leichtere Verletzungen aufwies. Wir wurden zurück­gebracht in unsere alte Stellung, und bald sank die Nacht auf die blutgedrängten Gefilde hernieder. Ich schlief ettvas ein, zu Tode