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mit solchen Märchen belästigt zu werden. Aber ganz abgesehen davon, daß sich diese Geschichte nach durchaus gültigen phvstkaltschen Gesetzen abspielt, bitte ich doch, freundlichst, zu bedenken, datz in dem uferlosen Gewoge der Kriegsereignisse sich Tag um Tag die allermerkwürdigsten, unerwartctften und verbUtffendstcn Geichey- nisse vollziehen, und daß der einzelne Dinge erlebt, von dmen er im beschaulichen Frieden nicht zu träumen wagte. Und endlich soll man sich Vorhalten, das; die Launen des Schicksals, die guten und die bösen, Wendungen hervorzaubern können, weit überraschender, als sie die begrenzte Phantasie des menschlichen Gehirns zu ersinnen vermag. Kurzum . . . das 2lbenteuerliche und alle Verwogenheiten des Zufalls sind lvieder in die Welt eingezoaen und was oft wie eine luftig erfundene. Münchhausiade klingt, ist nichts weiter als ein ganz natürliches Bruchteilchen des ungeheuerlich verzweigten und scheinbar verwirrten kriegerischen Lebens.
Und auf die Gefahr hin, daß nach dieser ettvas bochsahrenden Einleitung meine Geschichte ilnbedeutend erscheint, will ich nun von den Taten der wunderbaren Errettung des Gefreiten Michael Huberte aus den Händen der Franzosen erzählen.
Michael Huberle war Gefreiter in der 5. Kompagnie eines Jägerbataillons, daö in vorgeschobener Stellung im wunderschönen Hügelland der Chamvagnc dicht vorm Feinde lag. Es war die Zeit, wo der Herbst alles Land mit flammendem Rot und braunem Gold und herrlich flackerndem Gelb verschwenderisch überschüttete, eine Zeit, in der man mit glühend genießenden Augen durch den prangenden Farbenjubel der Natur hätte schreiten können, lveun nicht die heulenden Schrapnells und die krachenden Granaten und die hunderttausend Gewehrschüsse alle Freude der Seele in Angst und Todesnot gewandelt hätten. Zerwühlt war alles Ackerland, zerknickt die Weinreben auf den Hügeln, verängstet und verzweifelt hockten die Bauern in den Kellern ihrer zerschossenen Häuser und viel hundert Schützengräben furchten sich durch Aecker und Wiesen.
Schon viele Wochen lang lagen Deutsche und Franzosen einander gegenüber Die Artillerie brüllte, das Gewehrfeuer bellte, aber Feind und Freund blieben in den Gräben und hinter den gedeckten Stellungen und eS kam zu keinem Angriff. , ^
Eines Tages beim Appell am frühen Morgen ... die Sonne schien so fröhlich, als sei der köstlichste Friede in der Welt . . . trat per Hauptmann vor seine 5. Kompagnie. Freiwillige sollten vor. Tie Batterien der Franzosen waren so gut verdeckt und so unauffindbar eingebaut, baß die Stellungen von einem kühnen Jäger erkundet werden sollten. Es war ein gefährliches Ding.
Viele traten vor, aber der Gefreite Michael Huberte war der erste, der vor dem Hauptmann stand.
Mit pfiffigem Lächeln machte sich Michael Huberte an die Vorbereitungen zu seinem Spaziergang ins feindliche Lager. Er verschwand in ein Bauernhaus und als er^nach einer halben Stunde aus der Stalltür wieder heraus kam, erkannten ihn die Kameraden nicht. Tenn aus Michael Huberte war ein altes, verhutzeltes, vornüber gebeugtes französisches Bauernweib geworden, in ausgefranz- tem roten Rock und schwarzem Kragenmantel mit Kapuze, mit verblaßten roten Moosröschen bedruckt, alles von ehrwürdigem Alter und sehr zweifelhafter Sauberkeit. In der rechten Hand hielt Michael Huberte einen Stock und mit der linken führte er an einer kurzen Leine eine Kuh, eine entsetzlich abgemagerte, aus traurigen Augen blöd starrende Kuh, der die rotbunte Haut schlaff auf den Knochen laa. Es war ein erbarmungswürdiger Anblick, lächerlich und tragisch zugleich. Das alte Weiblein war unglaublich echt, bis auf die Falten des schmerzlich und jammervoll verzogenen Gesichts, bis auf das quäkende und gequetschte Französisch .... verblüffend genau die Stimme eines traurigen, verstörten, einfältigen alten Weibes. Und wenn einer in der Kompagnie war, der es noch nicht wußte . . . nun sah er es mit leibhaftigen Klugen, daß Michael Huberte im Privatberus ein fabell-after Schauspieler war. Von irgend einem kleinen, versteckten Provtnz- theater freilich nur. aber doch ein verblüffeirdes Talent. Und es erwies sich hier wiederum!, daß kein Talent für den Krieg ungenützt zu bleiben braucht.
„Kerl! Mensch! Huberle!" schrie der Feldwebel, nachdem Hu- berle sich *u erkennen gegeben hatte. „So wollen Sie los? Ohne Waffen? Himmel Herrgott!"
Huberle lächelte und schob einen Schlitz an der Site des roten Rockes auseinander. Da blitzte weiß und blank das Sitengewehr.
„Na dann in Gottes Namen!"
Michael Huberle, das verhutzelte alte Franzosenweiblein mit mageren Kuh an der Site, zog los. Aus weiter: Umwegen, er die Gräben der Infanterie nach Möglichkeit umgehen wollte, schob er sich langsam an die feindlichen SteUungen heran. Es auerte nicht lange, da wurde er von einer französischen Patrouille, ie mit den Köpfen auS dem Ende eines Grabens hervorlugte, angerufen. Es waren 6 oder 6 Mann. Unerschrocken ging Huberle auf die Franzosen loS, zog die widerstrebende Kuh hinter sich ber, schwatzte schon von weitem allerlei jammervolles Zeug und zeigte greinend auf das magere Vteb. Ach die Preußen! Ach die Barbaren! Der Mann als Franktireur torgeschossen. Hab und Gut verbrannt, selber halb tot geprügelt, nur die Kuh, die war übrig, geblieben, zwei Liter Milch gab daS alte Vieb nur noch täglich, ßüch, der Jammer! Und daS alte Weiblein heulte und schluchzte so erbarmungswürdig, daß den mitleidigen Franzosen das Herz
unterm blauen Soldatenrock schmolz, und Huberle hörte einen von ihnen, einen zarten kleinen Kerl mit einem blassen seinen Mädchengesicht, noch weinen, als er schon längst weiter trottete und stch heimlich grinsend nach den feindlichen Stellungen umsah. Die Soune stürzte golden vom Himmel, in herrlicher Klarheit lag das schöne Land . . . Teufel auch, wenn es bei solchem Wetter nicht gelang, die Batteriestellungen der Franzosen bis ins Kleinste zu ermüden. Und wer sollte einem verhungernden alten Weiblciu und einer zähen Knochenkuh, deren dicke Tlugen tn trauriger Sanftmut glänzten, etwas zu Leide tun?
Mit einemmal, Huberle war längst hinter den französischen Jnfanteriegräben, tauchte ein ganzes Rudel roter Hosen vor ihm auf. Lachend und durcheinandersclftvatzend umringten sie ihn und klopften tvohlwollend auf die knochigen Hinterviertel der Kuh.
„Hallo, Großmutter, was für eine herrliche Kuh! Der haben wohl die verdammten Boches Milch und Blut zugleich abgezapft!"
„Ah, das ist was für unfern Suppenkessel! Aber eh das Fletsch gar ist. ist der ganze Krieg aus!" i
„Oder ist die Zvuh für Monsieur Joffre bestimmt? Der hat genug zu kauen, Großmutter?"
und sie hielten sich die Siten vor Lachen. Das Weiblein greinte und erzählte aufs Neue die wehleidige Geschichte und dabei wanderten die Augen umher, so stink sie konnten. Da war ja, wundervoll und geradezu künstlerisch mit Tannenzweigen und Birkengesträuch eingedeckt, eine dieser verstuchten Batterien, die ihre glühenden Eisenwglzen so unauffindbar und so verderblich zu den Deutschen hinüberschickten.
„Zähes Fleisch ist besser als gar kein Fleisch!" schrie ein junger Kanonier und riß heftig am Strick. „Gib deine alte Kuh her, du alte Kuh!" \
Wieherndes Gelächter stob zum Himmel.
Lachend lief der Kanonier mit der Kuh davon. Die andern rannten ihm nach. Einer stieß mit dem Fuß nach den Schenkeln des Tieres. so luftig, daß die Kuh vor Schmerz aufbrüllte und mit den Hinterbeinen hoch tn die Lust schlug. Inzwischen notierte dalaut heulende Weiblein unter dem Tuch, mit dem sie die Tränen abwischte, die Stellung der Batterie. Dann lief sie eilig lstnter den Sldaten her, flehte und schluchzte und bat bei allen Heiligen, ihr doch nickst die Kuh zu rauben, den ermseligen Rest ihrer ganzen Habe. O, die verdammten Preußen... die Barbaren... die Bockes ... sie hatten alles verbrannt, zerschlagen, getötet.. . nur die Kuh... die alte Zbuh!
Aber die Franzosen hatten ihre Freude an der alten Kuh und an der Frau, die so gottsjämmerlich heulte. Das mußten sie alle sehen, die Leute an den Geschützen hinter den kunstvoll hergerichteten Laubvorhängen. Und fo kam die Alte, der das Herz vor Freude im Leibe hüpfte, von Batterie zu Batterie und fand Zeit genug, unbemerkt die Stellungen einzuzeichnen.
Und schließlich gab man ihr die Kuh, der die Zunge weit aus dem Maule hing und deren verquollene Augen vor Angst und Blödigkeit trieften, zurück und trieb sie beide lachend davon.
,Zauf hin, Großmutter . . . zapf dir selber die Milch ab und koch dir selber ein Süppchen auf die alten Knochen!"
Da aber schrie plötzlrch einer der Franzosen laut und heU, daß es wie ein Blitz durch die Luft fuhr:
„Spion! Spion!"
Das alte Mütterlein, sie stand gerade vor einer schmalen Kate mit stachem Dach, drehte sich um und stavrte entsetzt, mit weit aufgerissenen Augen vor sich hrn.
Ta lag, zwei Meter entfernt, blitzend in der herrlichen Sonne, das blanke, deutsch Seitengewehr, das sich vom Riemen gelöst hatte, lag auf dem grünen Boden und funkelte und lachte und versprühte weiße Blitze. Ter Franzose hatt edas Messer aus dem Kleiderschlitz fallen sehen . . . kein Zweifel.
„Spion? Spion!"
Schreiend, durcheinanderlärmend wie ein Rudel Spatzen, die Fäuste erhoben, einer das blanke Sitengewehr bedrohlich schwingend, umringten die Franzosen den armen Michael Huberle, der vor Schreck so völlig aus der Rolle gefallen tvar, haß er sein Weibtum vergaß und den Feinden mit seinem gewaltigen Organ auf deutsch entgegenbrüllte:
„Was wollt ihr!? He, was wollt ihr denn, ihr Hunde, ihr Feiglinge!"
Trolftmd sclsttttelte er die Faust, die den Srick hielt. Tre Kuh stand mit gesenktem Kopf und ließ die Katastrophe ergeben über sich ergehen.
Michael Huberle gab sich verloren. Sieben, acht Franzosen gegen einen wehrlosen Teutschen . . . das war zu viel. Wütend rissen die Kerls an Rock und Kragenmantel und Kapuze, zerrten an seinen Armen und fauchten und bellten ihn wie verrückt an:
^Spion? Spion! Elender Spion!"
Wie Geschrei von hundert wittenden Krähen hackte es auf ihn
nieder.
Da geschah das Unerwartete, Ungeheuerliche, Unfaßliche.
Ein Heulen kam von fernher, anschvellend wie grimmiges Windwüten . . . eine Granate fIo(j von den Deutschen herüber, unbarmherzig näherkommend wie cm hungriger Geier. Tie Lust bebte und ächzte ... es war unverkennbar: die jaulende, schreckliche Eisenwalze hatte es auf den Mick>ael Huberle, die alte Kuh und die roten Hosen abgesehen.
Tie Franzosen schauten erschrocken auf, schrien und warfen sich


