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Und damit ging er die zwei Schritte zur Pforte, öffnete sie und stand aufatmend draußen.
In einem Haustor ließ er sein Faß stehen und setzte sich dann in Trab; denn Groß Sankt Martins Glockenspiel sang gerade: ting, tang, tung, „Glorreiche Himmels
königin" und dann war es neun Uhr.
Als Fall im .Blauen Hecht' ankani, sah ihn Frau Jo- sepcha ein wenig argwöhnisch an und sie lächelte spöttisch und lauernd.
„Ei Jan," sagte sie, „mau muß sagen, daß dein Geschäft Leim Pater Andreas sich nicht eben rasch abgewickelt hat."
1 ., 'Jn der Tat," erwiderte Jan, „zwei Stunden sind eine lange Zeit. Aber ich will gehängt sein, wenn Pater Andreas das Zureden nicht versteht. Ich kann Euch sagen, daß ich jetzt eine Courage im Leibe habe, eine Courage —!"
Und er riskierte es und kniff Frau Josepha über die Theke weg herzhaft in den vollen Arm. Sie, die sich seine Rede irach ihrem Geschmack auslegte, nämlich so, als wenn der Pater (wie gut ist er doch!) ihm zur Heirat Mut gemacht hätte, legte den Kops verschämt wie eine Jungfrau auf eine Schulter und drohte mit dem Finger:
„Courage freilich, Schlingel!"
Aber drinnen in der Gaststube schlugen sie gebieterisch, die Becher aus den Eichentisch und störten das Idyll.
Und als endlich der heilige Johannes ersäßen, sah er mit seinen tveitanfgerissenen himmelblauen Augen in die finstere und leere Schenke, denn Jan batte schon frühzeitig Feierabend gemacht und war zu Jose Maria hinauf- gestiegen.
Der las gerade sein Brevier. Er deutete aus. den todwunden Binsenstuhl und sagte milde:
„Ave et benedice, Joanne."
Für Jan schien die Zeit, da er warten mußte, ohne Ende. Und kaum machte Jos6 Maria das letzte Kreuzzeichen, als er auch schon aufsprang, wie ein Wegelagerer, der „Geld oder Leben" rust, dem Abb6 gebieterisch zuries:
„Stehst du zum Kardinal oder zur Königin?!"
„Bon ivelchem Kardinal ist die Rede?"
„Vom Walfisch, — oder wie er auch heißt: Richelieu."
„Ei, ei, Jan, deine plumpen Finger in Politik?"
„Antworte mir rasch, Jos6 Maria —!"
1., Nun, eh bien, die Antwort ist nicht eben leicht —"
'^Hältst du zu einem Mörder, einem Verfolger der
Waisen, einem Walfisch, der die kleinen Fische alle verschlingt?"
„Wenn es so ist wie du sagst — dann alterdngs — dann hielte ich nicht zu ihm. Aber—"
Jan ließ ihn nicht ausreden.
,Kch danke dir," rief er und preßte ihm mit wütender Ueberschwänglichkeit die blassen Hände. „Und nun höre."
Uu.d sich in der Rede überstürzend, zurückeilend, sich verirrend, erzählte er ihin die Erlebnisse des Abends.
„Und wenn du nicht mitgehst, dann — dann laß uns die Degen nehmen. Du weißt das Geheimnis, leben darfst du nicht. Sag ja oder leg aus!"
Der Abb4 ließ sich gelassen und vorsichtig auf seiner Bettstatt nieder.
„Der kleine Jan," meinte er gedankenvoll, „ei, ei, plätschert in dem wilden Weltmeer der Politik, wie ein Säugling in der Badewanne. „Kleiner Jan, ich sehe schon die Ungeheuer der Tiefe, die nach beitieit Beinen schnappen. Deine Weiber müssen ihr Leben laug Kühe gehütet haben, daß sie ans dich als ihren Retter verfallen."
„Höre Jos6 Maria," schrie Jan, „sprich nicht ohne Respekt von der kleinen Marie-Anne —!"
„Und Griet — ?"
„Und auch öon Griet nicht."
„Aber deine kleine Marie-Anne wie präsentiert sie sich? Ich denke so mit einem Gänsehals und Sommersprossen, auch dürste sie lispeln."
„Jose Maria!!"
„Du weckst Tugendjosepha, Jan, nwderiere dich."
„Ach wenn du wüßtest — sie ist schön, wie ich nie sine Jungfrau sah. Ihre Haut blendet wie sonnenbeschienener Schnee, ihre Augen sind tief wie die Mare der Eifel, Jos6 Maria, und wenn du ihre Stimme hörst, denkst du an Maiabende, wenn die Mendsonne hinter feuchten Bäumen untergeyt."
Der Abb6 sah seinen Jan groß an. Der errötete, ohne zu wissen warum, und sagte mit leiser Stimme:
„Und du wirst ihr Ritter sein. Tu der Mann von Geist und höfischem Anstand wirst mit ihr plaudern, ivenn erst diese verwünschte Stadt hinter uns liegt, ans beit langen Landstraßen, indes ich mir Griet das Lied vom Innsbrucker Landsknecht singe."
Jose Maria atmete auf, ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund.
i,,Run wohl, kleiner Jahn, ich bin mit von der Lenzfahrt."
Er wehrte Jan ab, der ihn umarmen wollte.
„Aber du sprachst von Pferden. Wo sind sie?"
„Ach höre," antwortete Jan, „da gehst du morgen nach dem Ulretor zu, da ist der Gasthos „Zum störrischen Ochsen". Dort im Stall stehen immer gute Rosse zum Kauf, denn wir dürfen nicht aus Kleppern reiten."
„Freilich nicht. Aber wie steht's mit dem Bezahlen?"
„Richtig, richtig. Ja —"
Und Jan kratzte sich hinter dem Ohr.
„Laß mich einmal sehen. Da habe ich einen französischen Goldgulden, fünf Joachimstaler, aber nicht gekippt und gewippt, und Stricker zwanzig rheinische Heller."
„Ich habe," sagte Jose Maria, „ich habe-die Er
fahrung, Jan, und die ist mehr wert als deine Gulden, samt den Tatern und Hellern. Denn wolltest du zum Rohkaus gehen, du würdest sicher betrogen." —
An diesem Abend trank Jan aus Freude so kräftig, daß Iran Josepha, als er endlich stolpernd und stanipsend die Stiege herauskam, die Klinke ihrer Kammertür nicht niederdrückte. Sie lauschte, und ein wenig furchtsam flüsterte sie vor sich hin:
„Was redet er da, der jecke Mensch?"
Jan aber tolterte großspurig vorbei:
„Leg ans — hochbeiniger Ächust — leg, aus! Ich will den Apselstich an dir probieren. Dein Walfisch soll mich mit Haut und Gebein verschlucken, wenn ich dir nicht den Adamsapfel aufspieße. Heran du spitzmäuliger Schurke, Kinderfrefier —! Seid mutig, Freunde. Schießt, schießt. Löst die Bombarden. Und sagt der Mutter, sie soll nicht mehr weinen, ich spieß auch noch den Walfisch ans!"
(Fortsetzung folgt.)
Der Vater der Dampfschifsahrt.
(Zum 100. Todestage von F u l t o n , 24. Februar.)
Ms Robert Fulton am 24. Februar 1815 aus dieser Welt schied, starb der kaum Fünfzigjährige viel zu früh, denn noch große Gedanken lebten in seinem Kopf, deren Vollendung er nicht mehr schauen sollte. Aber dennoch gehört er zu jenen glücklichen Erlindern. die da ernten, wo Sucher und Grübler ein Jahrhundert lang vergebens gesät und sich bemüht habeni ihm war es beschieden, den krönenden Schlußstein auf ein von vielen begonnenes Werk zu setzen und Unsterblichkeit zu erringen, indem er der Menschheit eins der großartigsten und folgenschwersten Knlturgeschenke machte. Schon im 17. Jahrhundert waren Versuche gemacht worden, Schiffe ohne Hilfe von Rudern und Segeln zu verwenden; im 18. Jahrhundert mehren sich dann die Nachrichten über die Benutzung des Schaufelrades bei Schissen; die Erfindung der Dampfmaschine gibt einen neuen Antrieb znr Lösung dieser Frage; von der Theorie der Papin, Bernoulli und Euler giirg man zu praktischen Experimenten über. Der Bergwerksnrechaniker William Symington unternahm sogar 1802 mit seinem Dampfschiff „Charlotte Dundas" bereits Fahrten; aber alle diese Vorläufer Fnltons brachten es doch zu keinem Erfolg, und sie alle konnten mehr oder weniger in den Jammerrus jenes John Fitch einstimmen, der di^ traurigen Erfahrungen seines Lebens in die Worte kleidete: „Es gibt nur noch ein Unglück, das schlimmer ist als eine böse Frau, nämlich: ein Tampfboot erfinden zu wollen."
Fulton blieben solch trübe Erlebnisse erspart. 1765 in dem pennsylvanischen Ort LMle Brirain, der sich nach ihm Fulton nannte, geboren, kam er nach der Schulzeit zu einem Goldschmied und Uhrmacher in die Lehre und osseirbarte hier ein so hübsches Zeicl^ntalent, daß ihn Gönner zum Maler ausbilden lassen wollten. Zu diesem Zweck kam der Einundzwanzigjährige nach London, Ta ihn aber die Malerei nicht befriedigte, widmiete er sich dein Studium der Mechanik; vielleicht hat er Symingtons Schiss gesehen, das großes Aussehen erregte; von einem cnrdern der damaligen „Dampsbooterfiirder" James Rumsey, erhielt er entscheid dende Anregungen, und sein glücklicher Stern ließ ihn auch den rechten Mann zur Ausstihrung seiner Pläne finden. Er erhielt von der amerikanischen Gesandtschaft in Paris einen Auftrag, ein Panorama zu malen, und lernte oabei den Gesandten der Ber-


