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Herz und Auge waren so vorbereitet auf eine Frauengeftalt, daß ich betroffen und verwundert zu der Erscheinung, die mich weit überragte, emporsah. Wer konnte denn Vas...?
„Mein Gott — Poncalet!"
„Ja," sagte er lächelnd. „Darf ich hereinkommen? Oder- Haben Sic Besuch? — Dann Pardon ..."
„Nein, Besuch habe ich nicht "
„Ja — was denn? Sie stehen nämlich in der Tür in einer Pose, als wäre Ihnen meine Gegcnlvart nicht gerade angenehm. Ah — ich sehe: Sie roollni zu irgendeinem Kom- miftvekko—"
„Durchaus nicht, Graf. Kommen Sie nur herein. Ich wollte zum Kommandeur."
„Jehl? Im Dienst? Es ist nämlich sieben Uhr abends, lieber Rehn," sagte er mit Leichtem Svolt. „Was ist denn los bei Seiner Majestät vorntbmstein Linienregiment, daß an die stellvertretende Adjutantur so merkwürdige Ansprüche gestellt werden?"
Ich sah ihn ganz erstaunt an. Er sprach so sonderbar, so eintönig und langsam und dabei in einer spöttisch scherzenden Art, die ihm sonst gar nicht eigen war. Ich haue noch nie einen Witz von ihm gehört, auch nie bemerkt, daß er herzhaft über einen gelacht hätte. Er verstand sie oft gar nicht.
„Lediglich Privatsache. Aber die must ja nicht gerade ausgerechnet heute abend erledigt lverden," sagte ich in absichtlich^ leichtem Ton.
„So — Privatsache? Im Wassenrock? — Abends spät? Sic haben sich wohl über Hals und Kops verlobt?"
,,Ich wützte wirklich nicht .gegen wen' —, wie man sagt, ich mich verloben sollte. Die holde Weiblichkeit im ,Paradies der Erde' ist nicht danach."
„Oh, braucht ja nicht innerhalb des Weichbildes Ihres Varadreses zu sein. Ich dachte an das Goldsischchen brausten km Teich von Grost-Rnnow."
... „Großer Himmel!" rief ich sehr erheitert über diese fürchterliche Vermutung des melancholischen Grasen, „man soll zwar nur verschwören, daß man sich nicht die Nase ab- beißen will, und selbst das ist zuweilen gewagt!" schloß ich mit einem Blick ans die imposanten Dimensionen der seungen.
„Na," entgegnete er, „gerade beim Verlieben nnd^Ler- loben gilt auch das Wort, daß man da oft genug gerade das tut, was man vorher am meisten verschworen hat. Und außerdem — Liebe erweckt Gegenliebe — "
„Hö'ren Sie ans ums Himmels willen und — kommen Sie herein m die gute Stube," bat ich. — „Na nu? Sie sind ia in Uniform?"
„ort- sehen Sie das erst jetzt? Wo, mein verehrtester Ersatzmann und vermutlicher Nachfolger, hatten Sie Ihre "Sinne? Alle fünf bei ihr?"
„Was meinen Sie eigentlich mit diesen freundlichen An zuglichleiten? Sie denken wohl —" fragte ich mißtrauisch und ernst werdend.
Wir standen jetzt in der Hellen Wohnstube und .ich brach 'Ur. Gott, sah der Mann aus? Wie eine „Leiche ans Urlaub"’ ?Aind und frisch hatte er ja nie ansgesehen, aber über diese laylgrune Blässe erschrak ich und noch mehr über diesen star- reii dnperenBlick, der an mir vorbei aus irgend etwasEntsetz- u irli ft J cren iHien. Ich dachte nicht mehr an mein eigenes 7. M Alles, was der andere erlebt und gelitten haben mußte, tt'.eg in furchtbarer Größe vor mir auf. - „Sind Sie denn wieder hier, Graf? Tun Sie wieder Dienst?" fragte ich, ihm den regennafsen Mantel abnehmend.
Er stand am Tisch, als überlegte er sich die Antwort, die brettenSchultern etwas iiach vorn gebogen, den schinalenKops mit dem kurzgcschnittenen rotblonden Haar etwas in den Kragen gezogen, wie er aus dem Gaul zu sitzen pflegt, wenn es sehr kalt war.
„Wegen der Uniform, meinen Sie? — Die Hab' ich hei zum letztenmal an. Alles Dienstliche ist erledigt. Ich rci heute nacht noch ab. zunächst aus Wolf- niid Bärenhatz in de Kaukarue und dann — ja dann — »vo anders hin. Ich woll Kosten aber nicht nur adieu sagen, sondern Ihnen meine '^vwlilicher Nachlatz anvertranen, wenn Sie die Gute habe wollen, sich dessen anzunehmen. Mitnehmen von meint Ounichtung werde ich nichts, ich mag mich nicht wieder scs ^lt iuachen — oder da, wo ich's täte, könnt' ich doch nicht tz?von brauchen." Wahrend er dies sagte, harte er sich in di ST 1 /**^-I^nddle.Vände rn die Taschen gesteckt, deuKoz leicht an die Wand lehnend, lote er immer saß, wenn er z einer längeren Dämmerstundenplanderei zu mir.gekomme
„Alles wollen Sie hier lassen, Ihren ganzen, doch recht kostbaren Besitz'?" fragte ich befremdet. — ,Zhre Kunstsachcn, Ihre Bücherschätze, Ihre Rcnngewinne, Ihre Oelbilder?"
„Ja. Muß ich schon."
„Aber wer soll das kaiifcn? Hier in dem Nest — und auch in der Umgegend gibt cs gerade für solche gediegen^ Sachen feine Liebhaber."
„Glaub's auch. Unb der Alte da drüben wird seine Anti- gnitätcn schwerlich damit bereichern wollen oder können. Alles will ich auch iiicht verkaufen. Das meiste verschenke ich. Nur die Möbel, und darin steckt eine hübsche Summe, möchte ich so allmählich Stück für Stück verkaufen und den Erlös sollen zur Halste die Armen hier habeil, zur anderen .Hälfte die Unterosfiziere. Die Wohnung habe ich noch bis zuin April."
„Und alles andere wollen Sic verschenken?"
„Bis aus die Familienbildcr — ja. Die gehen an einen entfernten Verwandten von mir nach Hainburg. Sic wissen, ilahe Vetterschaft habe ich nicht mehr. Aber meine andern Bilder, meine Büches meine Kunstwerke und meine beiden Renu- vreise möchte ich Sie bitten als Geschenke von mir anzunch- men. Sie sind mir der liebste Mensch hier gewesen, Harry Rehn, auch andre Menschen haben Ihnen Freundschast und Vertrauen erwiesen - besonders eine — und dafür danke ich Ihnen mid bitte Sie, mit dieser einen auch ferner jene treue Freundschaft zu halteii, die Sic in so reinem und edlem Sinne auffassen."
„ Ich war noch am Tisch stehen geblieben, und jetzt sing ich seinen Blick aus und hielt ihn stumm eine Weile fest.
„Also ein Testament," sagte ich langsam.
„Wie Sic das nehmen »vollen. Wenn man in ein fernes Gebiet reist, wo au allen Enden und Ecken der Helle Aufruhr lodert, gemordet, geraubt und gesengt wird, und die allerdings sehr interessante Jagd, die ich dort finde, nicht als Spielerei gilt, dann macht man als besonnener Mensch eben so. eine Art Testament, besonders wenn man aus keinen Fall wieder in die Heimat znrückkehrcn will."
„Und Sie sind ein besonnener Mensch, Graf? Sie waren es all die Zeit über, die. wir uns nun kennen?" fragte rch und setzte mich ihm gegenüber an die andre Seite des Tisches, ihm unverwandt ruhig und fest ins Gesicht sehend, denn seine Augen hielten nicht stand.
„Was ich war? Ja, lieber Alter, das habe ich eigentlich, seit ich hier zwei Jahre Betzingslöwcns Adjutant war, vergessen. Und was ich bin? Ein „höriger Mann", der auf keine andre Weise mehr frei werden kann. Aber daran liegt mir auch gar nichts und darum kämpfe ich auch nicht. Ich war allezeit ein zäher Fatalist."
„Poncalet, ich stehe Ihnen als vollkommen Wissender gegenüber: ^ie wollen sterben in seiger Fahnenflucht, wollen die Freiheit suchen aus der Liebeshörigkeit, in der Sie gefangen sind. Daß es eine solche Fessel gibt, und daß diese ebenso hoffnungslos wie unerklärlich ist, glaube ich. Daß Sie aber lener ^rau, die viel mutiger und stärker ist als Sie, Ihnen nicht gehören kann und nicht gehören rvill, Ihr Leben und Ihre Pflichten gegen König und Vaterland, denen Sie sich doch durch einen heiligen Schwur angclobt haben, als Opfer darbruigen, um sich von ihr sreiznmachcn — das begreife ich
Nicht."
„Dann bewahre Sie Gott davor, daß Sie es nial begreifen," entgegnete er finster. „Sie sprack-en non feiger Fahnenflucht, Sie halten mir König und Vaterland vor. Diese bedürfen meines Lebens und meiner Kraft nicht zu ihrem Bestehen. Da ist reichlicher Ersatz vorhanden. Ich habe heiligere Pflichten zu erfüllen."
, v ^ch jemand da, der Ihres Lebens, Ihrer Kraft
bedarf? Und dennoch wollen Sie feige fliehen, sterben, weil Ihnen die Qual zu schwer wird," beharrtc ich ernst.
. md)t immer Feigheit und Schwäche, wenn man
reiwillig den Tod. sucht. Es kann Fälle geben, in denen es ff 1 ö" sterben, wo der Tod eines Menschen eine Er- lofung für aridere ift, für viele oder auch nur einen einzigen. Em solche» Opfer kann auch ein besonnener Mensch dar- brnigen und. sogar nach reislickxr Ncberlegnng. Scheu Siv> Rehn, Harriet kann nie, nie von mir lassen, sie kann ihre ~oie ganz tu der ineinigen ansgegangen ist, nie wieder loswfen - —
„Sie hat es bereits getan Ich seltzst war dabei," ' (Fortsetzung folgt.) v < ^


