er loctß sehr gut. das; der Spruch Nx an der Wand, den ich selbst gemalt habe, tu meinem -erzen brennt, in dem eü heißt:
..Gesuqdheit dcS Leibes,
Aul dem Rücken der Pferde,
Am Herzen des Weibes —
Xflij Paradies der Erde!"
„Oder »vollen Sie ganz quittieren?" fragte er so oben hin. Und er weiß auch sehr gut, das; ich mit Leib und Seele, mit Knochen und Nerven und allem, was dem Menschen so „lzcilig" zu sein pflegt. Soldat bin. und er kann mich gut leiden und sagt: „So ein bißchen Kavalleristendeine haben Sie ja schon und solche Beine müssen von Rechts wegen den Gaul drücken, dag ihm alle Rippen krachen, statt sich noch weiter krumm zu laufen."
„Na, dann lassen Sie mich doch zur Kavallerie — versetzen. verehrter Doktor," sagte ich bäse.
„Wenn Sie wollen," entgegnete er und lachte listig, „außer mir wirdö am Emde keiner tun."
Ick» hatte ntich hochgesc't und durch meinen ganzen Körper schlugS wie Feuerflammeii.
„Doktor," sagte ich, „sprechen Sie im Ernst? Müßt' ich wirklich wegen der kleinen Sehnenzerrung da am Knie zur Kavallerie, wenn ich weiter dienen wi l'h Ich glaube, ich war puterrot und meine Stimme schnappte ein wenig, als hätte ich seine rechte Luft.
„Na — müssen...? Und er zuckte die Achseln. „Es kann ja a„ch ganz ausheUen. Kleine Schwäche bleibt wohl/
„Und Sie meinen, ich könnt- mit gutem Gewissen und Sie könnten mir so ein Attest geben?" stotterte ich ordentlich ergriffen, gerade a.S draußen die Gardeulanen nrit schmetternder Musik vorbeirassekten.
..Verantworten könnt' ich so ein Attest ja: aber wenn Sie sich recht schonen —"
„Den kuckuck werd' ich mich schonen!" schrie ich und streichelte mein Knie und bat den, Napoleon das ..Verfluchte A—S" zehnfach ad Denn eigentlich war er es, der mir den „fühlbaren" Wink gegeben !>attc: Lieber aufs Pferd, als hinters Pferd?
*
Jetzt lg'rts ans sachte zu regnen. Es prescht und prasselt eintönig auf daS Fensterbrett meines Parterres hinab. Ich kann vom Schreibtisch aus aus die Straße sehen E tel Nässe. aUcS eitel Glanz, die unregelmäßigen großen Pflastersteine glitzern, die Rinnsteine schwellen voll lehmigen Wassers. Ja, Rinnsteine — Dachrinnen, die ihre Ströme niedersausen lassen, daß der Schmutz draußen hoch aufspritzt. Du bist nicht in Berlin, mein lieber Harro Rehn. wohnst nicht „Unter den Linden". Htraßenreinigung, Abflüsse. Ka- näle sind hier unbekannt In Zwie.itsch. in der Was cr- polackei, hilft die Natur sich selbst .. Aber — du Hafts er- reickU das Ziel deiner stillen, k-eißen. einzigen Sehnsucht: das Vferd! Zwei sogar in, Stall, dicht neben mir. Ich hcne die löftlirfK Musik, die mir ihr Dasein bezeugt' dumpfes «stampfen, KettenMrren Ehargcnp erd. ein tiicfw ttflcr Gaul; gutes kreuz, gute Beine, ein bißchen rohrt er. auch ein bißchen Sternchenkiker. Aber ich lverds ihm schon legen. Dann mein eigenes Pferd, von Bärensprnng gehandelt. Aber nicht der Napoleon, nein, so weit ging meine Dankbarkett denn doch nicht. Apollo heißt er. Der dämliche Meier spricht „Alwollo". Bildschönes Hcttbblnt Mer wie
den Schaden besieht, kann der Racker den Pallasch nicht sehen! Wenn ich ran komme und es blinkt und rasselt so ein bißchen, dann muß ich ihn nmkosen und ninschmeichesn wie eine spröde Schöne, der Racker lästt „ick>t oufftW JeifltntHrf) rann man solch hesiige-j Pferd nicht vor der Tire nt drauclsen. Aber der Kommandeur hier sieht es gern — Meier riet mir. den Pallasch mit seiner blauen Putzschürze zu umwickeln. Ich rvollte erst nicht, denn mit der Plempe in der ^ckuirze wäre ich mir doch etwas nnritterlich vorae rommen: aber als ich einmal keine Zeit hatte, meinem Ahpollo er,t die Cour zu machen, versuchte ichs dock> und stieg mit der schürze auf. Na. ich danke! Aufsitzen ließ er wohl, aber als er inerkte. daß ich mich ohne AuSkeilen und Bocken m den saitel geschinugge t hatte, wollte er utit
!Ü U k j ll,, £j , ! tu ' beu Sv il,m .Hoftor hinaus samt dem Pallasch l" der sck)urze. Das wäre etwas für die Kwielitscher ae- »ve,en ! Aber Meier hatte den Griebs. d<xs Tor zuznscküagen.
b c* ürf 5L e ,d> bc, I närrischen Küilz attmählich doch hin. Beuiunft. Wenn er denn mal im Gange ist. macht er eine famose Figur, mit der seinen Halsung und dem übrigen
Apparat. Bor der Front muß man eben aiifpassen. Der Oberst ist entzückt von ihm. Hauptsache: ja, nxrs einem! ein Pferd ist, weiß niemand so, wie ein K wallcrist, ein Geftütssohn, ein Iusantcrist, der sich zur Stillung seiner Sehnsucht nach dem Pferd zur Kavallerie versetzen liest, gleichgültig wohin, selbst weg von Berlin, von der Garde lveg! Da I-eißts so ziemlich alles opfern, was das Leben genußreich macht. Das geht noch über die sogenannle „unglückliche Liebe". Kenn' ich allerdings nicht, aber die Leute schießen sich ja deswegen tot und lassen sich totschießen.
Aus der elenden Gasse ist kein lebendes Wesen zu sehen. Bloß drüben an seinem k.einen nnverlrairgenen Fenster, in seinem dunklen Ladensttibchen sehe ich W.adzio kvrrolewsti gebückt sitzen, ein schwarzes Käppchen auf de,u grauen Lockenkops. Er macht's wie ich: schreibt in ein grünes Buch der einer grünen Lampe neben sich, wal-rscheinlich aber kein Tagebuch und keine Lcbensgeschichte, sondern wohl etwas Einträglicheres. — Er ist mir so nal>e, das; ich über unser Gäßchen hinüber ihm fast die Hand drücken oder von Fenster zn 'Fenster inangelS anderer Beschäftigung mit ihm plaudern könnte. Wer weiß, wie lc>sil nrans hier noch einmal bringt. Zwischen Fenster und Tür hängt wi noschief ein viel zn großes, elvig laut jammerndes Schild, das früher wohl über einem großen breiten Schaufenster paradiert haben 'muß. Daraus steht mit grünspanig angehauchten Goldbuchs,aben aus einstmals blauem Grunde:
„Autiguitätenhandlung von Wladzio KorrolewSki Oll parlc fran^ais English spoken."
was mir immer ein erstauntes Kopfschütteln ablockt. — Ich fyalH' noch nie ein Bild traurigerer Hcrabge-konnnenheit gesehen, das so vielsagend in vier Sprachen von ehemaligeu besseren Zeiten redet, das heisere Akkompagnement bei jedem Windzug ganz ungerechnet. Fürwahr! eine geradezu tragikomische Stassage zu dieser elenden, menschenleeren Gasse und zu diesem scheußlich regennas,en Oktoberabend: „On parle fran^ais — English spoken!“ Und darüber guckt auch noch ein verzweiselt abgelebter Kater zur ofseuen Dachluke heraus.
Ich bin jetzt mit Wladzio KorrolewSki so gräßlich allein auf der Welt, daß ich mit meiner Schreiberei hier abbrechen und mich in bessere Gesel.schaft begaben will, in den Stall zu meinem geliebten Hottcpferdchen. Meier füttert jetzt, und da sehe ich immer zu uiro unterhalte mich mit ihnen. Wir verstehen uns so gut. Man kann wirklich aus dev ganzen Welt keine schaueren Augen sehen, a.s solch ein edles Pscro hat, so klar und ernst, so ruhig, überlegen und doch so gut! Selbst bei den unedlen, den armseligste!- Pferden. Was für eine tiefe Traurigkeit und Ergebung, was für eine stumme, vorwurssvol.e Frage liegi in ihren Augen! Ich habe mich schon manchmal ganz betrübt ab- gewendet, wenn ich an einem Drosch.kensta.no vorbeistrich und gerade fotd>e Augen ganz unmittelbar auf mich gerichtet sah Ein großer Maler hat einst ge.agt, wenn er die Begriffe Geduld und Ergebung personisizreren sollte, so würde er ihnen nicht die Gestalt eines Engels, sondern eines Droschkengauls geben.
Was macht mau eigentlich sonst in Berlin um diese Zeit? Wo ich hier schon stundenlang schreibe, weil ich nichts Besseres zu tun habe, bis zum Abendessen im „Eldorado". Ganz anständiges Hotel übrigens. Wir jüngeren Herren, essen da öfter abends, das Kasino ist etwas lveit draußen, da wo die letzten Häuser stehen, ein ehemaliges Kloster. Ganz feudal.
(Fortsetzung folgt.)
Au; alten Aalenvern.
Bon Th. Ebner-Ulm.
Das viele Lesen war früher im deutscl-cn Volke nicht üblich. ES hatte wichtigere Dinge zu tun. Ob cs ein Vorteil war oder nicht wer will das bestimmt sagen. Tie Welt ist heute nicht besser und Nimt schlimmer als früher, als des gemeinen Mannes einzige Lektüre neben der Bibel und dem Gebetbuch der Kalender war. U,rd auw an dem haben die Jahrhunderte lange herumgcarbeitet, hier sich zu einem Volksfremid ausgewachsen hatte. Man merkte sich eben biS balnn die Tage und Wochen und Monate und Jahres- zetten so gut es ging, mit allerlei einfachen Hilfsmitteln. und da der erste gedruckte Kalender erst um das Irhrr 147G erschien, dauerte das ziemlich lange. Dieser Kaleiider, bearbeitet von dem Ustronomcn Mutter von Königsberg, ivar dafür aber auch gleich ÖU [ K «Jr? e berechnet, und da ein l^emplar mit 12 Gold- gulven hetohtt rmirde. brasste er seinem Herausgeber ein schiveres


