Aus Stadt und Canfc.
Gießen, den 29. November 1918 Bürgerrat für Stadt und Kreis Gießen.
Der Bürgerrat hielt in den letzten beiden Wochen zwei Sitzungen ab, die sich zunächst mit seinem Ausb-.m und seiner: Aufgaben beschäftigte. Zugewählt wurden folgende Herren: Oberstaats- «nwalr H o f m a n n, Registrator Rumps, Kaufmann M o Handlungsgehilse Weise, Sekretär Bock, Bereinigungsgeometer Ludwig, Sekretär Kolb, Druckereibesitzer Lange, Kausmanri Leopold Meye r. Kaufmann Heim e r Kaufmann Ringel, Schlossermeister Kreiling, Ing. Göbel. Kaufmann Frensdorf und je ein Vertreter des Verbandes reisender Käufleute, des BaEcamtenvereins und des Werkmeisterrerbänds, außerdein Frau Geheimcrat Usinger, Frau Oberstleutnant Naumann, Frau
Rechtsanwalt Leun und Frau Kaufmann Wittich. In den engeren Arbeitsausschuß wurden gewählt die Herren Rosenber (1. Vorsitzender), Klingspor (2. Vorsitzender), Hauba! (3. Vovsitz-ender), Kra us m ü l l e r (1. Schriftführer). Valentin Müller (2. Schriftführer), Kilbinger (3. Schriftführer)! Tie Organisation im Kreis und der Provinz wurde rverter aus- gebaut. Tie Vertreter verschiedener auswärtiger Bürgerräte wohnten bereits der letzten Sitzung an. Ter Vorsitznrde tonnte mitteilen, daß der Arbeiter- und Soldatenrat die Mitarbeit des Bürgerrates als sehr angenehm bezeichnet und daß gemeinschaftliche Sitzungen mit Vertretern des Bürgervates in Aussicht genommen seien. Tie Richtlinien für die Tätigkeit des Bürgerrates wurden unter allgemeiner Zustimmung der Versammlung folgendermaßen festgesetzt:
Tie Aufgabe der Bürgerräte ist nicht die, Anfangspunkt oder Grundlage einer Gegenrevolution zu bilden, vielmehr wollen sie zur Llufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung beitragen und deshalb in Verbindung mit den bestehenden Arbeiter- und Soldatenräten treten und vor allem mit den Bauernräten zusammen arbeiten. Aufgabe der Bürgerrätr ist vielmehr:
1. das gefaulte Bürgertum, ohne Ansehung der Partei, zu- swnnrenznfassen, um die Rechte des Bürgertums den gegenwärtigen Machthabern gegenüber zu vertreten,
2. dafür zu sorgen, daß die wirtschaftlichen Interessen des Bürgertums gewahrt und nicht durch die Herrschaft einer eiw- ydnen Klasse oder eines einzelnen Standes gefährdet werden. Daher sind wirtschaftliche oder soziale Forderungen einer einzelnen Gruppe nicht durch den Bürgerrat als solchen zu fördern,
3. dafür einzutreten, daß den gegenwärtigen Zuständen durch die baldige Einberufung der Nationolversammlung eine gesetzliche Grundlage gegeben werde und dafür zu sorgen, daß das gesamte Bürgertum — für welche bürgerliche Partei auch immer — an die Wahlurne trete,
4. an den, durch die Demobilisierung gestellten Aufgaben mit zu arbeiten. Insbesondere dafür zu sorgen, daß in Handel. In dustrie und Handwerk für die rückflutenden Truppen Arbefts gelegenheit geschifft und eine Arbeftsvernrfttlungssttlle, wo solche noch nickst besteht, erngerichdet werde,
5. mitzuwirken bei der Ernährung der AllAmeinheft durch Fördering der Produktion, durch zwäkmäßige Verteilung unter Heran zieh, mg des Handels und durch Bekämpfung des Hamsterns und des Scksteichhandels
In der letzten Versammlung wurde ferner von den anwesenden Gewerbetreibenden lebhafter Widerspruch dagegen erhoben, daß durch V^nsügnng des Arbeiter- und Soldatenrates. ohne Anhörung der beteiligten Kreise, der 6-S-tundenarbeitstag eingeführt worden ist. Zwar wurde erklärt, daß man der Einführung des 8 Stundentag :2 von dem von der Reick-sleitung in Aussicht genoni menen Zeitpunkt cm (1. Januar 1919) nickst entgegentreten wolle. Aber der 8 - Stundentag gerade in diesen Tagen der Demobilisierung und des Iurückflutens der Truppen, stelle namentliche das Handwerk, das gegenwärtig wesentliche Arbeiten für die durchziehenden Truppen auszpführen habe, vor den Zusammenbruch und gefährdet dadurch auch die Arbeiter, in deren Interesse doch der 8- Stundentag eingeführt werde. Außerdem wurde mft Recht bezweifelt, ob der Anordnung des Arbeiter- und Soldatenrates über- Haupt rechtliche Wirksamkeit zukomme, da ihr jede geje^iche Grundlage ftUe. Zur weiteren Bchandümg dieser Frage wurde ein Ausschuß bestimmt, in dem außer dem Vorsitzenden die Herren Göbel. Sack und Rohr gewählt wurden.
Ter Bürgeroat will den Mrückkehrenden Truppen den Tank des Bürgertums für ihre heldenmütige Abwehr der Feinde in Form von Liebesgaben, durch Einrichtung von Auskmifts- und Beva- tungsstcllen und in sonstiger Weise erstatten.
Landwirte, sichert die BolkSerntthrnng
Die hessische Landwirtschastskammer, der Verband der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, der hessische Bauern- vevein e. B., der Bund der Landwirte (Abteilung Heften) und die Wirtschaftliche Vereinigung der Zweiten Kammer der Landstände bitten uns um Wiedergabe nachstehenden Aufrufes:
Innerhalb weniger Tage hat sich im Hessenlande eine politische Umwälzung vollzogen, die zu einer neuen Regierungsform geführt hat. Jetzt ist noch nicht die Stunde, Kritik zu üben. Die Bevölkerung muß vor weiterer Ersckstitterung bewahrt werden, die eine unzureicl-ende NahrunHsmittelzufuhr zur Folge haben würde. Die Not der Bevölkerung ist groß. Sie wird noch größer werden durch die rasche Zurückziehung unserer Truppen.
Deshalb muß die Landwirtschaft als die Nährmutter unserer Bevölkerung jetzt und fernerhin restlos alle Nahrungsmittel zur Verfügung stellen, die für den eigenen Betrieb nach den gesetzlichen VorschHslen nicht nötig sind. Jede Stockung der Nahrungsmittelzufuhr nach den Städten muß vermieden werden, damit keine Verhältnisse entstehen, die auch für unsere Landwirtschaft von schweren Folgen sein können und den Kämpf aller gegen alle heraufbeschwören würden.
' , Es gilt rasch zu liefern. Wir fordern auf. die Landwirte über die Lage aufzuklären und zur raschmöglichsten Lieferung der Nahrungsmittel zu veranlassen.
Landwirte, laßt Euch nicht auf den Schleichhandel ein, so sehr auch die Versuchung durch übermäßige Preisgebote an (Ärch her- antritt.
Tie restlose Bestellung der Felder im Herbst muß erfolgen, die Worbereitung fttt die Frühjahrssaat schon jetzt getroffen werden
Die Landwirtschaft hat die Bereitstellung von Betriebsmitteln aller Art, wie insbesondere Düngemittel, Futtermittel, schon ge- frt&ert und ist dafür eingetreten. daß für die Kriegsgefangenen schleunigst andere Arbeitskräfte beschafft werden. Die Abgabe der mmmehr aus den Heevesbeständen überflüssigen Pferde und sonstigen Gespanntiere ist Ärensalls bereits beantragt und wird weiter gefordert werden.
Alle landwirtschaftlichen Organisationen werden diese Maß- mrhmen und Forderungen zum Wohl der Landwirtschaft und der Getamtbevölkerung mft allem Nachdruck fördern.
Jeder tue im Interesse unseres Berufsstan- ves und des Vaterlandes feine Pflicht!
Lebensmittel.
w * Butterversorgung. Wie uns das Städtische Lebens- Mrttelamt mitteilt, ist noch einer Zuschrift der Landes-Mllch- und! FettlteUe rn Darmstadt Württemberg, das zur Lieferung größeren Mengen Butter an Heften verpflichtet ist, unter den z. Zt. Herr- ^Hknom Verhältnissen nicht in der Lage, seine Verpflichtungen) zu erfüllen Als Ersatz für die ausfallende Butter soll Margarine aus einer Fabrik ftr München überwiesen werden. Es muß daher für die nächste Zeit Margarine an Stelle von Butter auSgegebenj wewen. Die Aussichten unserer Butterversorgung sind also recht trübe.
«^^^Eädtischer Wildverkauf. In den städtischen rümdverraussltellen, bei denen die Vorbestellung erfolgt ist. wird 30. d. M. auf die Besü-llausweise 801-950 Wilmleuch gegen Ablieferung der Fleischmarken der 49. Woch^ abgegeben. Auf den Wochenaoschnftt entrallen 500 Gramm. Siehe Anzeige
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An de nP ränge r. Das Polizeiamt Gießen teilt mit: Nachts um 12 11 fyc wurde die Katharine S e u l i n g zu Alten-Bineck rn Gesellschaft "lies Kriegsgefangenen in der
Kafter-Allee angetroffen. — Ferner wurde in der Woynung der Witwe Lina Braun, Walltorstraße 43, ein belgischer Kriegsgefangener an getroffen.
**DieRückkehr der 116 er wird in den nächsten Tagen zu erwarten sein. Es sind Männer unserer Heimat, die jahrelang gekämpft und geblutet haben, um ihre Heimat zu schützen und die unbesiegt zu ihr zurückkehren. Der Wittkommgruß soll ihnen gleichzeitig die herzliche Dankbarkeit ihrer Mitbürger bezeugen. Spendet darum Liebesgaben, die ihnen nach den Entbehrungen und Mühseligkeiten der letzten Märsche^willkommen sein werden. Spendet Zigarren, Zigaretten, Tabak und Pfeifen, aber spendet auch arideres, was F'r^eude machen kann. Oder spendet Geld, um Bedürftige unter ihnen zu unterstützen. Niemand schließe sich aus, auch die kleinste Gabe ist willkommen. Damit die Verteilung nicht ungleichmäßig erfolgt, sind Annahmestellen der Spenden eingerichtet, die aus dem Anzeigenteil zu ersehen sind.
** Von de c Feuerwehr wird ernstlich Klage dar über erhoben, 'daß Feuerwehr und Sicherheitswache täglich, ja sogar zur Nachtzeit, mehrmals blind alarmiert werden. Leider ist es bis jetzt noch nicht gelungen, eines der Täter habhaft zu werden. Da es sich hier um einen groben Unfug handelt, der zu ernsten Folgen führen kann, wird die Bürger schaft gebeten, bei der Feststellung solch unverantwortlicher Elemente behilflich zu sein.
** Ni cht voreilig Partei ergreifen. Es ist wieder h)lt vorgekommen, daß sich das Publikum ungerechtserttgterweise für einen Verhafteten ins Zeug gelegt und Schutzleuten oder Wachmannschaften gegenüber eine bedrohliche Haltung angenommen hat. Gm solckies Vergehen führt zu nicksts anderem, als daß gemeingefährliches Gesindel ungestraft sein Unwesen weitertreiben kann. Sollte wirklich jemand zu unrecht verha'det sein, so wird er schon wieder sreigelassen werden. Ties festzu stellen ist aber nicht Siche des Publikums, sondern der Sickerheilsorgane, die von ihm im eigenen Interesse unterstützt werden sollten.
** Aus dem Stadttheaterbureau. Da von einigen Seiten die zeitweilige Verlegung der Alwnnementstage bemängelt worden ist, so sei nochmals betont, daß diese Zusammenlegung sich der Kohlenersparnis halber als absolut notwendig herausgestellt hat, wenn eine zeitweise Stillegung des Theaterbetriebs über- hanpt vermieden werden soll. Die verehrlichen Abonnenten werden höflich ersucht, den außerordenttichen Verhältnissen Rechnung zu 'tragen. Sobald es die Versorgung mit Heizmaterial irgend erlaubt, werden die Abo-nnementsvorstellungen wieder auf die hergebrachten Wochentage gelegt werden.
** Die Auszahlung der Familien-Unterstüt zungcn beginnt an den in vorliegender Nummer bestimmten Togen vormittags 1 / 2 9 Uhr und endet um 1 Uhr.
** Ein Volkskindergarten wird am Montag den 2. Dez. Walltorstraße 59 eröffnet. Siehe AnzeigentÄ.
** Gießener Hausfrauen-Verein. Der Kursus findet von nächster Woche an Dienstag und Donnerstag statt. 7 1 /. bis 9 Uhr abends wird das Material ausgegcben.
** Die Viehzähl ung am 4. Dezember, deren Unter lassung vom Kriegsernährungsamt beanttagt war, findet nunmehr doch statt. Soweit die Zählpapiere nicht rechtzeitig in den Gemeinden eintresfen, ist die Zählung unmittelbar nach Eintreffen der Zählpapiere vorzunehmen.
** Aus en glischer Gefangenschaft geschrieben har der Lchütze R. Da hm er aus der 1. M.-G.-K. des J'nf.- Rcgt. 168, welcher seit 23. «Oktober vermißt war.
** Lichtspielhaus, Bahnlwfstr. 34. Heute wird zum letztenmal die Lichtspiel-Oper Der Waffenschmied" gegeben. Morgen Samstag folgt ein Künstler-Drama „Der Narr hat sie geküßt" in der Hauptrolle Leontine Kühnberg.
Landkreis Gießen.
** Geilshausen, 24. Nov. Heute gab ein großer Trauer- zug unserm treuen Lobrer Heinrich Gompf sein letztes Geleit Er hat während seiner Tätigikttt m unserm kleinen Torfe der Ge- meirche viel Gutes getan. Sern einziger Sohn. Bftefeldwebel
H. Gompf, zur Zeit im Felde, konnte nicht an der Beerdigung teilnehmen. — Geft. Heinrich Wallenfels wird seit dem
I. November als vermißt gemeldet.
_ Kreis Lauterbach.
rr. Schlitz, 28. Nov. Gestern nachmittag durch in der Lernenfvbrft von Johann Kruppert, in der z. Z. 20 Arbeiter beschäftigt werden, Feuer ans, das fti kurzer Zeit das ganze Gebäude in Asche legte. Sämtliche Webststhle und Maschinen gingen dabei zugrunde. Ern erheblickper, der 5)eeresVerwaltung gehörender Posten Garn konnte gerettet werden. Die Ursache des Brandunglücks ist wahrscheinlich eine Benzolexplosion gewesen, denn in einem Augenblick brannte alles lichterloh, so daß die Arbeiter sich kaum in Sicherheit bringen konnten. Der Schaden ist sehr beträchtlich und nur teilwesse durch Versicherung! gedeckt.
Kreis Frievbl'ra.
oa. Friedbe r g, den 26. Nov. Vergangene Nacht starb nach kurzer schwerer Krankheit der leitende Arzt des Bürgerhospitals Dr. Krombach.
ÖessrnNassau.
- Frankfurt a. M., 27. Nov. Das Generalkomnmndo des 18. Armeekorps wftd vorläuflg seinen Sitz nicht wieder in Frank- ilrt nehmen, sondern in Bad-Nauheim. Das Stellverttetende Generalkommando des 18. Armeekorps dürfte demnächst aufgelöst werden. Das Frankfurter Landsttrrm-Jnf.-Ers.-Batl 18/31 wird nach Dillcnburg verlegt, das Jnf.-Regt. 81 imch Braun- els bzw. Wetzlar, das Feld-Art-Regt. 63 nach Schlüchtern bzw. Steinau. Das hiesige Kommando der Luftstreftkräfte erhält seinen Standort in Bad-Nauheim. Die Verlegungen sind rwtwendig, da Frankfurt in die vom Militär zu räumende Neutralitätszone fällt
-- Frankfurt a. M 27. Nov. Die Gisgesellschaft gibt heute bekannt, daß infolge der beginnenden Kohlenknapvheit das Gas cm verschiedenen Tagesstunden gesperrt werden 'muß.
Uunst ttn6 wgsenfchatt.
I. Darm stad t, 26. Nov. Tie Vertreter des Darm- kädter Expressionismus haben mit dem ihnen eigentümlichen Wirklichkeitssinn erkannt, was vor allem unserem Volke in der gegenwärtigen Zeit nottut. Se haben einen Rat für geilige und künstlerische Angelegenheiten in Hefen gegründet, der in nächster Zeit auch Ortsgruppen in Mainz Worms und Gußen gründen will. Sie wollen auf dem Boden der neuen Verhältnisse eine schärfere Kontrolle der Kunst und der. geistigen Bestrebungen herbeisühren, bezwecken Förderimq aller neuen radikalen Bestrebungen, sind gegen den Kitsch, ebenso gegen! die gesinnungslose Mittelmäßigkeit, für echte Onalftät für 'die Künste als moralische Erziehung des Volkes, erstrclbm u. a. Zurückweisung seitheriger kompromfttterter Minderwertigkeiten im gei-< tigen Betrieb des Landes, sind für Neuorientierung des Theaters, der Museen, vlkademien, und Bildungsaustalten imd der Baukunst.'
Eingesandt.
Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel Ü'oermmmt die Rchattion dem Publikum gegenüber keinerlei BeranuvorttML.)
Bekleidung und Enttihnunü.
Zu dani im „Gießener Anzeiger" von Soldaten des hiesigen Ersatz-Bataillons veröffentlichten Eingesandt bemerken wir folgendes:
Es ist uns nicht unbekannt, daß die Mannschaften mit völlig ungenügender Bekleidung und Schuh^eug entlassen werden. Wiv und die zuständigen Militärbehörden haben alles mögliche getan, um diesem Uebelstande abzuhelfen, so wurden zu diesem Piecks besondere Lastautos nach Fnanifurt bzw. dNainz abgesandt, welche bis jetzt infolge Mowrdesakt noch nicht zurück sind, Ersatzwagen) ^ind nach Eingang der Nachricht sofort abgegangen.
Was die Entlolprung der Mannschaften des Wach- und Ar- beitsdimistes aubetrifft, sind diesbezügliche BepLlmnml-gen seitens
des Kriegsminisrcriums vorl>anden, darüber hinaus zu gehen, ist der Soldatenrat nicht kompetent.
Im übrigen ist von den Wünschen der Kameraden der hessischen und Reichsregierung Kenntnis gegeben.
Der Soldatenrat. I. A.: Schindlmeier.
Tie Kriegsgefangenen.
^ Auf einem Gang nach dem Bahnhof begegnete ich einem ^.ranspyrt^ französischer Gefangener, die zwar diesmal nicht dio Marseillaise sangen, wie ich es neulich gehört habe, aber in ihrer Mitte hoch erhoben die über metergroße Trikolore trugen.
KMrt es denn keine AusfickstsbeHörde mehr, die den Hohn der Franzosen den geschlagenen Deutscl>en gegenüber empfindet, der es sie wagen läßt, an unseren heimkehrenden Truppen vorder mit den im Winde flatternden französischen Farben vorüberzuziehen?
Es reiht sich dies würdig an das traurige Schauspiel der Kull-Tienite leistenden Kindersck-ar, die bettelnd hinter den Fran- zolcntrupps herläuft,^ um deren Gepäck nach oder von dem Lagers zu fahren, während für unsere schwerbepackten müden Krieger sich keine Hand rlchrt, um ihnen zu helfen, ihre Tornister rmd ihft Gepäck, wenn sie von dem Marsckie ermattet an der Realschule ankommen, auf derselben Straße nach dem Bahnhof zu schaffen.
. Durch.welche schwere Lehren müssen wir nock) gehen, bevor sich unser Volk die Selbstachtung erwerben wird, durch die es allein einen »vürdigen Platz in der Welt einnehmen kann.
Letzte Hadiricbtctt.
Hindenburg ati das Herr.
Berlin, 28. Nov. Hindenburg richtete folgenden Aufruf an das Feldheer: Soldaten, die Ihr mehr als vier Jahre lang tre^ in Feindesland ausgehalten habt, denkt daran, wtt unendlich wichttg es für Herr imd Heimat ist, daß sich die Rückführung ders Armeen und die Entlasfmrg ihrer VerLände in voller Ruhe und Ordnung vollziehen. ?iur wenn jeder einzelne von Euch weu auf seinem Posten bleibt, bis die Stunde der Entlassung aus den! Reihen des Heeres für ihn gekommen ist, wird es gelingen, düi mannigfachen Reibungen zu überwinden, welche die Rücksühimng! solch gewaltiger Heeresmassen mit sich bringt. Soldaten, die Jho so oft in Zeiten des Kampfes selbstlos Euer eigenes Ich dem Wohle des Ganzen untergeordnet habt, vergaßt auch jetzt nicht, daß die Heimat in letzttr Stunde von Euch Opfer fordert. Sie sind Oering gegenüber alldem, was Ihr in den> vier langen Jahren des Krieges geleistet habt. Alles außer den Jahrgängen 1896 bis 1899, die zunächst bei den Fahnen bleiben, soll so schnell wie möglich entlassen werden. Laßt Euch nicht verführen, vorzeitig und eigenmächlig Euren Truppenteil zu verlassen. Vergcgenwär- ttgt Eucki stets, zu welchen Schwierigkeiten bei der Unterbringung und Verpflegung sowie im Abtransport es kommen muß, wenn jeder einzelne von Euch regellos nach Hause strebt. Die Ordnung zusammenzuhalten, ist jetzt wichtiger denn j e. Nur so wird die glatte Zurückführung des Feldheeres nach deft ölllich des Rheins zunächst vorgesehenen Unterbringungsräumen! möglich sein. Von dort ist die Leitung der Verbände mft der Eisenbahn oder durch Fußmarsch zu den Ersatztruppenteilen vorge-^ -lehen. Mit Rücksicht auf die große Anhäufung von Truppen rmd beschränkte Transportmöglichkeiten kann dies ran: allmählich er* folgen. Längere oder kürzere Wartezeiten bei oft beschränktest Unterkunft iverden sich für manche Formationen nicht vermeiden^ lassen. Auch Ihr habt Geduld und Berttauen. Es wird jeder von Euch so frühzeitig zu seinem Ersatztruppentell befördert werden^ als die Umstände es gestatten. Keiner von Euch wird vergessen! Seid versichert daß die Oberste Heeresleitung in Verbindung mft den Heimatstellen alles aufbietet, um Euch so bald als möglich Euren Angehörigen zuzuführen. Tpch eins tut not hierbei: Ruhe und Ordnung! (gez.) von Hindenburg.
Keine Verlegunn des Hauptlnrortiers.
Berlin, 28. Nov. Ueber die aus der Tagung der Berliner Arbeiterräte geforderte Verlegung des Großen Hauptguartters» von Kassel nach Berlfti wird von zuständiger Stelle in Wilhelmshöhe mftgeteilt, daß eine Uebersiedelurvg nach Berlin) im Augenblick nicht für zweckmäßig gehalten wird, soll auch fernerhin die Demobilmachung des gesamten Feldheeres reibungslos durchgeführt werden Diese Durchführung erfordert das Verbleiben des jGroßien Hauptquartiers in Wilhelmshöhe mindestens noch bis Weihnachten. Die Verlegung nach Berlin würde große Störungen in der Demobilmachung mit sich bringen, weil alsdann diele Befehle an die einzelnen Armeeoberkommandantcn, die nur durch Kraftwagen übermittelt werden können, empfindliche Verzögerungen erleiden müßten, da die Kraftwagen den Weg von Berlin nach Kassel unnötig machen müßten, wälirend jetzt die Befehlsüberttagung von Wilhelmshöhe an die Kommandanten verhÄtnismäßig leicht und ^»hne großen Zeitverlust ^^rchgeftllirt werden kann. Die Demobilmachung) sei bis jetzt glücklich durchgefühtt worden, und es bestehe die Hoffnung, daß auch weiterhin irgendwelche Schwierigkeiten nicht ein- treten würden. Eine Mißstimmung zwischen Berlin und der Obersten .Heeresleitung bestehe nicht. Die Oberste Heeresleitung wird solange in ihrem Amt bleiben, bis die gesamte DemobÜmackiiungj durchgeführt ist mid das .^driegsMinisterium wieder die gesamten! Militärverhällnisse übernehmen kann. Im übrigen wird noch er- llärt, daß die Hofftnmg bestehe, daß alle Truppenführer, die Zu- rückiührung der Truppen in die Heimat in engstem Einverständnis und Zusammenwirken mft der Reichsregicrung durchführen werden. Dr. David schwer erkrankt.
Berlin, 28. Nov. (WTB.) Ter Unterstaatssekcetär im ?lus- wärtigen Amt Dr. David ist in Wiesbaden schwer erkrankt.
Die Kaiserin in Holland.
A m st e r b a m , 28. Nov. (WTB.) Tie früheredeutsche Kaiserin ist morgens in Macrrsbergen bei Utrecht angeö-mmen. Sie wurde am Bahnhofe vom Grafen Benftnck empfangen mit fuhr im Automobil nach Schloß Amerangen.
Judenprogrom in Lnnberg.
Berlin, 28. Nov. (WTB.) Die „B. Z. am Mittag" bringt einen ausführlichen Bericht ihres soeben aus Lemberg zurück- gekehrten Mitarbeiters Max Reiner über die I u d e n v r o g r o m e in Lemberg. Reiner war vom 1. bis 24. November in Lemberg eingeschlossen und erlebte den entsetzlichen Progrvm mit. In seinem Bericht heißt es: Schon in den ersten Stunden nach dem Einzüge der Polen am 22. November begannen im jüdischen Viertel Lembergs die Plünderungen. Die Plünderer litten Weinkeller en brachen und sich betnmken: sie wurden in diesem Zustande imm>erl blutdürstiger. Am 23. ^Lovember begann man mit Massenhaftenf Morden im Judenviertel. Zunächst begnügten sich polnische Legionäre damit, in den Sttraßen des Judenviiertels einzelne durch) die Straßen gehende Juden niederzuschlagen. Später begararen sie damit, die Juden zusammenzutreiben und in den Häusern familienweise abzuschlachten. Einige hundert Juden stürzten in ihrer Todesangst in die Synagoge und verbarrikadierten sich dort. Düj polnischen Legionäre umzingelten das alte Gebetshaus und legten) Feuer an. Während, das Bethans brannte, versuchten zahlreiche Juden aus den Fenstern des Gottesl-anses zu springen. Aber wer sich aus dem Fenster schivingen wollte, nmrde von den unten wartenden Legionären niedergesckwssen. Das Bethaus brannte vollstärui bia nieder. In ihm verkohlten mehr als hundert Juden. Dieses Vorgehen wurde von den Polen dann im Großen wiederholt. Das ganze Judenviertel^ wurde von den polnischen Legionären um-' zingelt, sämtliche Straßen abgesperrt und systematisch Haus fü^ Haus in Flammen gesetzt. Aus den brennenden Häusern stürzten jammernd^ und uni t Gnade flehend Männer, Frauen und Kinder auf die Straße. Sie wurden von den Legionäven durch Kolbenhiebe, Bajonettstiche rmd Gewehrschüsse getötet oder in die brennenden Häuser zurückgejagt. Am 23. November nackimittags lag der größte Teil des Judenviertels bereits in Trümmern. Etwa UM Personen dürften bei diesen Progrvnren rmrgekmnmen sein. Tic pdlnisck>e Bevölkerung Lembergs hat die Progcvme mit unverhohlener Befriedigung aufgenvmmen imd begnlßt. ^tachdrücklichst muß darauf hingewiesen werden, daß die Plünderungen und Piordtaten misschließlich vjou Angehörigen der polnischen Legion unter Leitung ihrer Offiziere ausgeführt wurden, daß das vvlniscl^ Kom mando von den Greueln gmrz gcumie Kenntnis hatte und nicky anschreften wollte.


