Amtlicher Teil.
Ekn den OberdÄrgermeister zu Eiftzen und die Bürgermeistereien der Landgemeinden ^eS Kreises.
Nach soeben eingetroffener telographischchr Weisung der Landes-, rttfHf in Darmsiadt soll die Viehzählrmg am 4. Dezember doch Enden und sind die Vorbereitungen sogleich zu treffen. Wo? die Zählpapierr verspätet eintresjen, ist die Zählung alsbald nach Eintreffen der Papiere vorzunehmen. Im übrigen verweisen wir auf unser Wisschreiben vom 19. 11. 18 (s. .Äeisblatt Nr. 274 vom 21. Noveinber 1918). < ,
Gießen, den 28. November 1918.
.Kreisamt Gießen.
Dr. Usinger.
Betr.; Demobilmachung; hier: Unterbrimgung von Truppen.
An den Oberdürgernreister zu Gießen und die Bürgermeistereien der Landgcmei:rden des Reifes.
Noch Niittcilwrg des stellt). Generalkommandos XI. A.-K. in Kassel werden sich die Truppen der Heeresgruppe 6 naich bereits zurückgelegten anstrengenden Märschen. m der Zeit vom 28. 11. 1918 ab in einer Stärke von etwa V~U Millionen Köpfen und 300 000 Pferden in Tagemärschen von etwa 15 Kilometer vmi dem Erebietc rechts des Rheines in der Richtung nach dem Bereich des XI. A.-K. vorwärts bewegen und dabei nnt Teilen wohl saint- liche Ortschaften des Kreises Gießen berühren und für Ouartier- stellung in Anspruch nehmen. Die Truppen müssen überall das erforderlicl-c Heiz-, Koch- und Beleuchllmgsmaterial vorsinden und ist ftir Herrichttmg des von den Truppen milgeführten oder zu empfangenden Verpslegungs Materials Sorge zu tragen.
Als Heiz- und Kochmaterial kommt bei dem bestehenden Koh- lenmangel in erster Linie Holz in Betrackft, für Beleuchtung etwa vorhandenes Petroleum oder Gas, bzw. elektrisches Licht; in letzter Linie Kerzen. Die Unterbringung der marschierender! Truppen in gut erwärmten und erleuchteten Quartieren ist von höchster sozialer Bedeutung und mit allen Mitteln, gegebenenfalls mit Zwangsmaßnahmen nach dem Kriegsleistungsgesetz unter allen Umständen zu erreichen. Die schleunigst zu treffenden Maßnahmen dürfen keine
Verzögerung durch irge nd we l che bureaukvcrtischen Rücksichten erleiden. Zu etwaigen Materialien-u^chren müssen Vorsparrnlei- stungen in weitgehendstem Maße in Anspruch genommen werden
Wo Holz- oder Kohlenbestände nicht verfügbar sind, muß duoch sofortigen Holzeinschlag in Verbindung mit den Oberförstereien^ auch durch Reisigiammeln, geholfen werden. In den Ortschaften ist durch Aufschriften (Wegiveiser) deutlich erkennbar zu machen, an welchen Stellen die für die Truppen bereitgesrellten Holz- usw. Mengen niedergelegt sind, damit sie von den Truppen schnellstens erfaßt werden können, llkachdem di« K'riegsschmierölgesellsä-aft die Kerz^c freigegeben hat, kwin die Beschaffung von solchen im freie, Handel erfolgen. Außerdem sollen uns von einem Depot aus verfügbaren Beständen der Hceresverivaltung Kerzen überwiesen werden, die wir jedoch nur für den äußersten Notfall ausgeben werden. Weiter werden wir versuchen, bei dem Rcichskommissar für die Kvhlenverteilung die Ueberweisung von Brennstoff für Einguar- tierungszwecke an die Gemeinden zu erreichen, damit denselben eine Gewähr für einen gewissen Ersatz ihrer angegriffenen Bestände gegeben wird.
Gießen, den 28. November 1918.
Kreisamt Gießen.
Dr. Ujinger.
Verordnung.
Über die Verhütung von §euä>en. Vom 20. November 1918.
Auf Grund des Erlasses des Rates der Volksbeauftragten über die Erttchttmg des Tem-obilmachalngsamts vom 12. November 1918 wird zur Verhütung von Seuchen verordnet:
8 1. Sämtliche Angehörige des Heeres und der Marin« haben sich vor ihrer Entlassung einer ärztlichen Untersuchung auf das Vorl»andensein von Ungeziefer und übertragbaren Krankheiten zu unterziehen. Den zu diesem Zwecke ergehender Anordrmngen ist Folge zu leisten.
8 2. Wer bei der Untersuchung als behaftet mit Ungeziefer befunden wird, ist sobald als möglich zu entlausen.
8 3. Wer sich bei der ärztlichen Untersuchung als behaftet mit einer übertragbaren Krankheit, insbesondere einer Geschlechtskrank- hnt, erweist, wird in Lazarettbehandlung genommen, bis die Ansteckungsgefahr erloschen ist.
Besteht bei dem Erkrankten 'Sovitpr für die Emlstllttmg der rrotwendigen Vorsichtsmaßregeln gegen die Verbreitung der Krankheit, so kann von einer Lazarettüberweisung abgesehen werden und dite Entlassung erfolgen.
4. SÜer vor seiner Entlassung einer Untersuchung der Im
1 bezeichnet«! Art nicht unterzogen worden ist, hat sich unverzüg. ich bei der nächsten erreichbaren militärischen Behörde oder bei der Ortsbelwrde seines Aufenthaltorts behufs .Herbeiführung der ärztlichen Untersuchung zu melden.
Die Militär- oder Ortsbehörden haben die notwendigen Anordnungen für die Herbeiführung der ärztlichen Untersuchung und der im Anschluß hieran gemäß 8 2 und 8 3 erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
8 5. Die Behandlung und Verpflegung der in Lazaretten Untergebrachten ist unentgeltlich. Im übrigen erhalten^ sie dieselben Bezüge wie erkra n kte Heeresangehörige. 2luch die Familien- Unterstützungen werden weitergezahlt.
8 6. Entlassene Angehörige des Heeres und der Marine, di« keine Bescheinigung darüber beibringen können, daß sie von Ungeziefer und übertragbaren Krankheiten ftei sind, dürfen von den Gemeinden nicht in Bürgerauartiere gelegt werden.
7, Diese Verordnung tritt sofort in Kraft, e r l i n , den 20. 9k>r^inber 1918.
Reichsamt für die wirtschaftliche DevElnrachung.
Koe th.
Betr.: Verwertung gefallener Pferde.
An den Oberbürgermeister zu Gießen. die Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises, Polizeiamt Gießen und Gendarmerie des Kreises.
Im Einverständnis mit der Heeresleitung hat das Miniftemrm des Innern mtgeortmet, daß verendet« Pferde von den Marsch- straßen entfernt und bei KadaververwertungÄrnstalten verwertet, nietergebrochene Fahrzeuge *um mindesten von den Straßen entfernt werden müssen.
Gießen, den 28. November 1918.
Kreisamt Gießen.
Tr. U s i n a e r.
M MickrsM MkutkSkr Kl Hm» Fglshgd Zvilts.
Komcvr von A. H Adams.
(18
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Jgr wirb gckviß auch morgen nicht kommen!" entführ es ihr plötzlich „Er Krim mich um einen Tag Hinhalten, um einen ganzen Tag!"
„Ich werde dafür sorgen, daß er morgen kommt," sagte Galahad mit einem Eifer, der ihn selbst in Erstaunen setzte.
„Sie müssen ihn bringen," befahl sie; „versprechen Sie mir, daß Sie ihn bringen worden."
In diesem Augenblick hatte Galahad vergessen, daß er jemals ein Joners gewesen war. Nebenbei gesagt, hatte er crrnch Em. . . und seine fünf Kinder vergessen.
„Nun muß ich gehen," sagte sie, und aus ihrer Stimme, ihrer Halttmg spürte ihr fein fülliger Ritter eine seltsame Mattigkeit heraus. Es war, als ob ihre ganze Lebens- kvaft sich in dies Zusammentreffen ergossen hätte und als ob nun unter der Wucht ibrer Enttäuschung kaum noch die Kruft oder der Witte zu leben in ihr sei. Und er entsann sich auf seine besondere Weise, wie ihm eitles Abends in seinen eigenen Liebes tagen Kumute gewesen war, als Em z,u einem Stelldichein nicht erschienen war. Jedoch entsann er sich daß ihm damals nach einer Schüssel Austern und einer kleinen Masche Porter besser wurde. Aber Sibhl konnte sich natürlich nicht mit Porter trösven. Gr hielt es nicht für richtig, dergleichen vorzuschagen.
„Sie erlauben mir, daß ich Sie zurückbeglieite?" wagte der Ritter ehrerbietig zu fragen.
„O, wir könnten gesehen werden, und dann würden Sie erwischt."
„Das ist mir gleich" sagte Galahad verwegen.
Sie warf auf ihn wie aus einer unendlichen Höhe herab einen nougierigon, forschenden Blick — jenes ferne, fragende Anschauen war es, mit dem irgendein Gott geruhen mag, die ^vecklosen Possen eines Sterblichen zu betrachten. Dies beleibte, gewöhnliche und ältliche Aieuscl-enkind war wirklich tapfer, wenn auck sein Mut — für sie — ganz gleichgültig war. Jedoch dämmerte in ihrem Geist eine neue Auffassung seiner Person auf, die sie bestimmte, sich von ihrer Höhe herab an ihn zu lehnen und ihre schlanke, weiche Hand auf seinen Arm zu legen.
„Ern kleines Stückchen durch den Baumweg," sagte sie willfahrend. „Es ist nett und tapfer von Ihnen."
Innerlich jauchzend ob dieser göttlichen Herablassung, führte er sie nach dem Schatten der Baumsarne. Da fühlte er ihre Hand, die so leicht auf seinem Rockärmel ruhte — ein zarter Schmetterling von einer Hand? — erbittern, während sie gleichzeitig zusammenschauerte. Er sing sie auf und hielt rech ungeschckt ihre schmächtige, hilflose Gestalt in seinen rauhen Armen.
Einen köstlichen AugenMick lang hrng ihr weicher Körper haltlos in seinen Armen. Dann raffte sie sich mit Anstrengung auf und stand aufrecht mit geschlossenen Augen da.
„Es ist gut," sagte sie unter erneutem Zusammenschauern. „Ich glaubte ohnmächtig zu werden und wäre gefallen, wenn rvie mich nich zur rechen .Zeit gehalten hätten. Ich leide manchmal an solchen Anfällen. Ich bin nicht sehr kräftig. Ich daarLc Ihnen. Ich bin froh, daß
Sie gekommen sind. Sie haben es gut gemacht." Und mit etnenc köstlichen kleinen Lächeln fügte sie hinzu: „Herr Ritter!"
Ritter Galahad half chr den Baumweg entlang mit einem steifen Arm, darauf sie sich dankbar lebnte.
Wo der Baumgang endete, stand sie still und nahm ihre kleine Hand von seinem Aermel fort.
„Mir ist jetzt wieoer ganz Wohl," hauchte sie. ,Zch würde gefallsn sein, wenn Sie nicht gewesen wären."
„Ich komme mit bis zur Dur," beharrte er.
„Sie könnten gesehen werden. Darum Gutencuht und vielen Dank."
„Das ist mir ;eyc gleich." Er kümmerte stch um nichts; es kam nicht in Betracht, was jetzt noch geschah.
„Aber dmm iv-ürde für mich alles vorbei sein."
„Ah!" Ritter Galahad sah, daß sein Dienst zu Ende mar. „Aber ich verlasse Sie jetzt sehr ur^ern," wagte er zu sagen. „Lassen Sie mich bis zur Türe mitkommen."
Sie lächelte. „Es ist gac keine Tür da. Ick klettere die Feuerleiter von meinem Balkon herunter."
Und er nahm die Hand, die sie ih-m^oeichde, icrcb führte sie an seinen borsttgen Schnurrbart. Sie beodacsttete ihn wieder mit jenem fernen, forschenden Blick.
„Aber morgen," sagte sie, indem sie ihm plötzlich ihre Hano entzog, „morgen werden Sie ihn bringen."
Und Galahad, der aus so rauhe Art aus all fernen Himmeln gestürzt wnroe, versprach es. Dann tat er, was nur ein Mann fertig bringt, und verdarb alles. „Es tut mir leid, daß Sie dachten ... er märe es."
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