Ausgabe 
27.10.1917 Erstes Blatt
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M. 253

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für den Kreis Gießen.

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Erstes vlatt

167. Jahrgang.

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Samstag, 27. Moder Ol?

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sämtlich in Gießen,

Schnelles Vordringen an der Ijonzo-Zront. Sturz des Kabinetts Vsselli.

wochenrüSblick.

Wenn man die Kanzlerkrisis sachlich, nicht ans Vergnügen am Skandal, betrachtet, so muß man fragen.

> was jetzt politisch geschehen kann und soll. Gibt es in naher Zukunft eine folgenschwere Cntsä-eidung m fällen, der man Herrn Dr. Michaelis nich.t gewachsen glaubt, so wäre es verständlich, daß die Fraktionsvorstände den baldigen Wechsel verlangen- ?lber es gibt nicksts so Eiliges von hoher Bedeutung. Der Friede liegt auf dem Eselstarreu der Eng­länder, und. das beste Peitschenknallen auf deutscher Seite bringt das Eiefährt vorläufig nicht vorwärts. Wenn es jetzt beißt, die Mehrheitsparteien wollten sich über ein Pro­gramm einigen, auf das der Nachfolger des Herrn Michaelis sich verpflichten müsse, so müssen sie sich dock sagen, daß praktisch mit dem alten Friedensspruch vorläufig nichts anzufangen ist. Und fortschreitende Demokratisierung? Da hat das Zentrum in den letzten Tagen kundgetan, daß ihm die Wünsche der sozialdemokratischeu Brüderschaft durchaus nicht maßgebend sind. Die maßgebende Partei ist nicht für die parlamentarische Regie rrmgsroeise. Zentrum so rgaue haben es laut und deutlich ausqernfen, daß das Recht der Krone, den höchsten Beamten selbst zu erküren, nicht beein­trächtigt werden soll. Da die Mehrheitsparteien sichtlich um eG Programm selber verlegen sind, hat es keinen Sinn, roeml sie den Kanzlerwechsel zu stürmisch begehren. Dabei bleibt fteilich die Möglichkeit, in interfraktionellen Be- ftm?£f)inii]cn festzustellen, welcl-er Kompter von Fragen unter '.tuftechterhaltung des Burgfriedens gesetzgeberisch reif er­scheint. Das Verhallen des Zentrums gibt dem Kaiser die Möglichkeit, nichts zu überstürzen und die Zeit reisen zu lassen, die vielleicht in der Tat wieder einen Kanzlerwechsel erfordert. Vorläufig bleibt Herr Mchaelis, &um Aerger der Sozialdemokratie und unter dem Stampfen einiger demokratischer Streitrosse, die sich überall lieber tummeln als da. wo erfolgreiche ruck sieg verheißende Sästack ten den r sich aufdrängenden Handel um Frieden zurückzuhallen ver­sprechen.

In den Parlamenten und Regierungen der gegnerischen Länder ist auch noch nicht alles ins Reine gekommen. Auch die Krisis in Frankreich ist noch nicht beseitigt da­durch, daß an Ribots Stelle Herr Barthon Minister des . Auswärtigen geworden ist. In der französischen ükriegs- polittk wird kerne Aendernng eintreten, demr Barthorr, der .wnuer ein strammer Nationalist gewesen ist und vor dem Ausbruch des Weltkrieges als Mnnsterpräsckent schon weid­lich die Beziehrrngen zu Deutschland verhetzt hatte, wird die elsaß-lothringischen Gelüste nicht abschwöreu. Was man Ribot im Zusammenhang mit seinen unwahren Behaup­tungen über ein deutsches So ickerfrieden s angebo t alles vor­zuwerfen hatte, darüber wird erst die Zukunft volles Licht verbreiten. Gegenwärtig läßt das französische Parlament, offenbar im Interesse errreS lecklichen Einvernehmens mit den Verbündeten, diese Dinge in einem Halbdunkel. In Rußland und in Italien ist es ebensowenig zu einer parlamentarischen Klärung gekommen. Das russische Vor­parlament hat bisher nur einige recht hilflose und zum Teil widerspruchsvolle Reden der Regierungsvertreter zum Vor- id)eni gebracht, und Herr Kerenski selbst sowohl wie der Üriegsminister und Marineminister haben die Ereignisse am Rigarscl-en Meerbusen in einem für die Interessen der Entente noch trübseligeren Lichte erscheinen lassen, als es vorher schon die Geister niederdrückte. Italien hatte Wim Losbruch der deutsch-dsterreichisch-ungarischen Offen­sive am Jsonzo eine recht kritische Sitzung der Kammer, wobei der Acürbauulrnister erklärte, daß in diesem Jahre 20 vom Hundert weniger Getreide in Italien angebaut worden seien als bisher. Dafür würden Amerika und Indien am Schluß dieses Jahres Mais und Rchs zmn Aiisglerch liefern. Wir dürfen aber annehmen, daß unsere U-Boote ihre bisher so schueidig geübte Tätigbert im Mittelmeer auch weiterhin fortführen werden. Als der Ministerpräsident Voselki es verweigerte, über Beurlaubnirgen und die Ent­lassung älterer Jahrgänge mit sich reden zu lassen, fcCTliefcu mehr als 100 sozialisllsckfe Abgeordnete denwrr- straliv den Saal. Man kann sich eine Vorstellung niacheu, wie die große d.r o h e n d e Niederlage am Iso n z o auf die Stimmung des ganzen Landes einwirken wird! Drc vertröstenden Reden der Minister und militärischen vlntor^ uiten tverden durch die Ereignisse gar bald überholt werden.

Die Lage der Entente erinnert uns heute an Miltons grandioses Epos vomVerlorenen Paradies".. Ist nicht der Urheber des Weltkrieges, England, mit seiner Rotte wie eia zlveiter Satan aus den Hdlleupsuhl heradgeschleudert worden ? Gleichen die Reden der Asqutth und Lloyd George nicht jener Ermunternngs an spräche des Höllenfürsten und seiner Aufforderung, den Hrmmel doch noch wiederzuer- vbern?Friede »vard unmöglich; wer denkt an Unter- lverfuug? Urieg denn, Krieg, versteckter oder offener, fei die Losurig!" Pandümonium, Satans Herrsckfersitz, wo der feierliche Rat derAlliierten" denrnächst^abgel-alteu wer­den soll, ist nach Paris verlegt worden. Lloyd George hat erklärt:Wir stel-en vor der wichtigsten interalliierten. 5bvn- fererrz, die jemals gehalten wurde." Dann möge er ob­warten, was die Russen .zun: Frieden sagen, was die Ameri­kaner an Kriegeslasten zu tragen sich bereit crl'läven. Lloyd Evorge wird auch genötigt sein, auf dieser Konfererrz wahr­

heitsgemäß und sachlicher als bisher die Wirkung des U-Boot-Krieges in Anschlag zu bringen. Pläne hin, Pläne her im Monat September sind wieder 672 000 Tonnen versenkt worden. Wer baut sie neu in so kurzer Zeit? Wird man auf dieser Pariser Konferenz einmal ernstlicher damit rechlnen. daß es, um im Bilde desVerlorenen Para­dieses" zu bleiben, Satan nicht gelingen wird, in der Gestalt einer Schlange das deutsche Volk zum Genuß gefähr­licher Früchte der Denrokratisierung zu' verführen ? Vielleicht sind dann die neuosten militärische Pläne der Mittelmächte noch weiter ansgereift, und'vielleicht haben wir bis dahin, um alle Gifte der Verführung An meiden, auch einen neuen Kanzler, der, von Erzbergerscher und Scheidemannscher Vor­mundschaft erlöst, selbständig zu handeln versteht!

(WTB.) Großes Hauptquartier, 26. Oktober. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.

Längs der ganzen Front in Flandern war gestern und während der diacht der Artilleriekanrpf lebhaft. Beson­ders heftig war das Feuer vom Houthoulsterwrrld bis Holle- beke. dort steigerte es sich nrorgens zum Trommelfeuer^ Nächtliche Teilangrifte der Franzosen und Engländer schei­terten überall vor imseren Linien.

Nach den bisher eingegangenen Meldimgen sind nach .Hellwerden an nrehrercn Stellen der Front Angriffe des Feindes erstilgt.

Heeresgruppe Deutscher 5kronprinz.

Nach starker Feuerrnnckereillmg stießen die Franzosen gestern mm den Nordhängen des Ehe min des DLmes in den Ailettegrrmd vor. Ihr Angriff brach sich gegen die in der vorhergehenden Nacht an den Südrand des Waldes von Pinon herangezogenen Vortrnptreu, die nach kurzem Kampf -auf das däordufer des OiseAisne-Kamils ^zurückgezogen wurden. Es gelang nicht, das vor den letzten Kampftagen rn den zerschossenen Wald von Pinon eingebaute Geschütz- material völlig zu bergen.

An den übrigen Stellen des Kampffeldes wurden nach erfolgreicher Abwelw des feindlichen Stoßes unsere Linien plangemäß hinter den Kanal bei und südwestlich von Eh.wig- uon zurückgezogen.

Mehrfach versuchte der Ge^rer, die Kanalniedenmg zu überschreiten; er wurde von unseren Kampftnlppen überall zurückgeworfen. -v

Auf dem Ostnfer der Maas stürmten tapfere niedersächsische Bataillone mit Flammenwerfern in mehr als 1200 Meter Breite die französi­schen Stellungen im Chaumewald. Sic überwäl­tigten die Besatzungen und brachteil Gefangene zurück. 9Nch- rere, zur Wiedergewinnung seiner Graben vom Feinde ge- filhrtc Gegenangriffe brachen ergebnislos blutig zusarmnen.

*

Bei den übrigen Armeen kam es bei Sturm und Regen zu zahlreichen Gefechten von Erkundungsabteilungen.

Von dem östlichen Kriegsschauplätze und von der maze­donischen Front sind keine wichtigen Ereignisse gemeldet.

Italienische Front.

In Ausnutzung des Durchbruchserfolges bei Flitsch und Dolmein fiuii unsere Divisionen über K a r f r e i t und R o m- z ina hinaus im Vordringen.

Die Truppen des dkvrdflügelS der 2. ttalienisch-en Arm« sind, soweit sie nicht in Gefangenschaft gerieten, im Weichen.

In unwiderstehlichem Vorwärtsdringen überschritten die deutschen und österreichisch-ungarischen Regimenter, in Leistungen wetteifernd, die ihnen gefetzten Ziele und warfen den Feind aus den starken, rückwärtigen Höhenstellungen, die er zu halten versuchte.

Unter unserem Druck begannen die Italiener auch die Hochfläche von Bainsizza-Heiliggeist zu räu­men. Wir kämpfen vielfach bereits mif italienischem Boden.

Die Gefangenenzahl ist auf über 30 000 Mann, dabei über 700 Offiziere, die Beute auf mehr als 3 00 Geschütze, darunter viele schwere,gestiegen.

Klares Herbstwetter begünstigte gestern die §kampfhand- lungcn.

Der Erste Generalguartiermeister Ludendorff.

»

Der Abcndbericht. *

Berlin. 26. Okt., abends. (WTB. Amtlrch.)

Die k-eutigen Kümpfe in Flandern entwickelten sich zu einer großen Schlacht. Starke Angriffe der Franzosen und Engländer von Bixschoote bis zur Bahn Rvulers Upern und zu beiden Seiten der Straße MeninYpern sind trotz mehrfachen Ansturmes in unserer Abwchrzone blubig zusammengebrochen.

Am OiseAisne-Kanal geringe GefechLsMigkeit.

Im Osten nichts von Bedeutung.

An der italienischen Front sind unsere Korps kämpfend in schnellem Vordringen.

Gefangenen- und Beute-Zahlen wachsen vonStundezu Stunde^

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.

Wien, 26. Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlrch wird verlautbart:

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die am mittleren Jsonzo angrfetztcn österreichisch-un­garischen und deutschen Streitkräfte haben in rüstigern Vor- wärtsdrmgen die Linie Karfreit-Auzza überschritten. Die Bewegungen werden seit gestern früh duch schönes Wetter begünstigt.

Auch mrf der Hochfläche von Bainsizza-Heili- g e n g e i st bis in die hZegend desMonteSanGabriele wurde der Widerstand der Italiener gebrochen. Der Feind ist im Begriff, alles Gelände freizugeben, dessen Besitz er in der elften Jsonzoschlacht durch das Lrben vieler Taufen der erkauft hat. Auf der Karsthr'chfläche entwickelten sich bei unverändert bleibender Lage stellenweise lebhafte Kampfe.

Der Anprall der Verbündeten vermochte an zwei Kampftagen die feindliche Li nie auf 5 0 Kilometer Frontbreite ins Wanken zu bringen. Bei den weichenden Italienern herrscht größte Verwirrung. Zahl­reiche Verbände mußten, völlig abgeschnitten, auf freiem Felde die Waffen strecken. Große Geschützmeugen, aus allen Kalibern zusammengesetzt, und unübersehbare Mengen Kriegsmaterial fielen in die Hand der Verbündeten.

Eine österreichisch-ungarische Division nahm südwestlich von Tolmein dein Feind allein 70 Geschiitze ab. Bisher sind über 30 000 Gefangene durch die Sammelstellen der Verbün­deten gegangen und eüva 300 Geschütze erbeutet worden.

Ocstlicher Kriegsschauplatz und Albanien.

Unverändert.

Der Chef des Generalstabes.

Der fortschreitende Sieg über die Italiener.

Wien, 26. Okt. (WTB. Nichtamtlich.) Die Kriegs- berichterstcttter der Blätter melden übereinstimmend: Die verbündeten Truppen nahmen den schwierigen Bergstock des Kolowrat-Mckens am rechten Jsonzv-Ufer, womit ein wichtiges Artilleriezentrum in den höchsflielegenen Stel­lungen der Italiener in diesem Raume über »nun den ist. Sic befinden sich jetzt im'Abschnitt gegen die Grenze. Ebenso wurden die im Schneegebiet von nngesähr 2000 Meter mit allen Mitteln moderner Besestigungslunst aus gebauten Felsenuester im Brsic-Kru-Gebret erstürmt. Jnzwiscl)en gingen andere Kolonnen den Jsonzo auftvärts ruck freien aus dem Brsic-Krn-Gebiet dem weicherrden Feinde in den Rücken. Auf der Bainsizza-Hochfläche geht der Angriff der österreichsifch-rrngarischen Verbände, rrnterstützt durch das Bordrirrgelr der Verbündeten, am rechten Jsonzo-ltfer weiter. Der über den Jsonzo flüchtercke Feind rvirü scharf verfolgt. Ern ans dieser Hochsräche zur Deckung des Mick- znges nltternonrmon-er italienischer Gegenstoß mißglückte vorllommorr. Das gestrige gute Wetter erlaubte zahlreiche Lrrftkärnpfe, loobei österreichisch^rmgarische und derttsche Flieger dreizehn seindlicbe Fluazeuge abgeschosscn haben.

Lugano, 27. Okt. (L. A.) Hier ein.ge.tt offene Reifende aus Italien berichten, daß starke Abteilungen von englischen und französischen Truppen, Ar- ttllerieparks, Lnftgeschwader, Panzert raftwagen rrsw. an die i t a lie n i s che Fr on t abgegangen sind. Mau glaube, daß diese Verstärkungen die Airfgabe hätten, gegen die österreichisck^ungarischk-derrtscl-e Offensive Hilfe Arr leisten.