Ur. 2J(> Zweites Blatt
Cvjchrinl täglich mit Ausnahme des Sonntags.
m. Jahrgang
Beilagen: „Sirhener Zami'lienblätter" und rv KreisbIatt für den Kreis Sietzen".
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Gichener Lyetzer
General-Anzeiger für Gberheffen
Zrettag. l4. September M
ZwillingSrunddruck und Verlag:
B r ü hl'sche Unwersrläts-Bnch-u.Stskndruckerei.
R. Lang 6, Gießen.
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Die Aartoffei'versorgung.
Im Vordergrund des großen Ernährurigsprabiems steht *ur Stunde^ die Frage der Kartoffel Versorgung der deutschen Be Volke ernto für den kommenden Wirrt er. Das Interesse der MgemerN^ beit ist daraus gerichtet, einmal eine möglichst hohe Nation an Kartosfeln zu erreichen, zum andern die Gewähr der lückeirlaseni Belieferung bis zur nächsten Ernte zu erhalten. Neben dem stanken Interesse des Konsumenten steht aber auch berechtigt das des Produzenten, und die ganze Kartoffel frage kann nur eine glück- liche Lösung durch die gleichzeitige Berücksichtigung der Interessen beider Gruppen finden.
Der „Vorwärts" hat daraus hingewiesen, daß die Mängel der Versorgung in diesem Frühjahr u. a. in der mangelhaften Durchführung der Beschlagzrcchme und ht der ungenügenden Entrolle des BersütterungsVerbots ihre Ursache gehabt hätten. Diese Auffassung möchten wir nicht als allgemeingültig und ausschlaggebend an eckennerr. Es hat nn vorigen Winter vor allen' die Organisatio n der vochtzeitigen Heranschaffung und der geeigneten Aufbewahrung der, Kartoffeln außerordentlich zu tvünschen übriggelassen Es hieße, gemachte Fehler nicht ausdecken, krollte man nicht zugeben, daß eine große Menge Kartoffeln im letzten Winter durch Frost imd rmgxrttrgeude Aufbervalpung verlorengegangen sind. Hinzu Lmr, daß die .Kartoffeln der vorigen Ernte an Qualität zu wünschen übrigließen nnd deshalb der Anfbervalirnng größere Schwierigkeiten bereiteten. Die diesjährige Ernte wird die vorjährige an Menge und Güte erheblich übersteigen. Es kann schon heute keinem Zweifel unterliegen, daß eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit .Kartoffeln gewährlefftet werden kann. Uni so mehr muß daraus gedrungen werden daß alles geschieht, um jede Störung der .Kartoffelversorgung der Bevölkerung im kommenden Wirtschaftsjahr zu verhindern.
Ms nckchtrgstes ^Mittel muß immer wieder verlangt iverdcn, daß die Konsumenten, soweit es die Verhältnisse ohne Gefährdung der KarwffeLn gestatten^ bereits im Herbst, gleich nach der Ernte, mr den ganzen Winterbedars beliefert werden. In Städten, die in KlNTwsselarrbaubezirkon liegen nnd in denen Zenttalheizungs- cnchagen noch nicht die Keller für die Aufbewahrung größerer Karwffslmengen unbrauchbar gemacht haben, sind die Voraussetzungen zur Herbstverso rgnng gegeben. Die Anfuhr der Kartoffeln kann in diesen Städten größtenteils ohne Benutzung der Eisenbahn durch unmittelbare Anfuhr der Produzenten wie in Friedenszeilen oder mit Kraftwagen eNolgen. Es darf natürlich nicht gemacht rverden, wie im vorigen Jahre in der Stadt Hannover. Der Magistrat der Stadt Hannover hatte es erreicht, daß die Bür-! gerschaft ffch im Herbst 1916 aus Bezugsscheine hin für den Winter mit .Kartoffeln eindecken konnte. Als die Belieferung der Hans- vaÜungen ßn vollen Zuge war, erfolgte^ ein plötzlicher Eingriff. Die Kartoffeln wurden aus den der Stadt zugewiefenen Ber- 'MMmgÄreisen vor den Toren von .Hannover zum rheinisch- 'veftsälischkn Industriebezirk abgeleitet, und Hannover mußte dann mitten im Winter die Kartoffeln aus dem fernen Osten beziehen Welche Störungen, Schwierigkeiten und Berlnfte bei den ungünsti gen X ransportnerhältnissen und dem anhaltenden Frost daraus uttstehen rrrußteal, liegt ohne weiteres ans der .Hand. Die ganze- sbalamität für .Hannover wäre vermieden worden, wenn die Versorgung im Herbst plangemäß durchgeführt worden wäre Es gibt sicherlich kein einfacheres und wirksameres Mittel, die Olefamt- kartoffelversorgung für den Winter zu erleichtern, als die Durch- rühcimg der Winterbelieferung im srostsreien Herbst. Ganz besonders möchten wir darauf Hinweisen, daß auch die Versorgung der großen Indnstriebezirkc im Herbst durchführbar ist Ahon in Friedenszeiten haben die Werksleitungen der Zechen und der großen Eilenwerke in Rheinland und Westfalen für ihre Beleg- ' straften und Arbeiter die .Kartoffeln im Herbst in großen Mengen bezogen und sw den Arbeitern für ihren Winterbedart zum billigen
Preise geliefert. An geeigneten .Kellerräumen fehlt es in den Arbeiter- und Bearn tenwohnungen jedenfalls nicht. Würde in dieser Weise im Herbst vorgesorgt werden, so verbliebe dann der Sorge der Kartoffelverteilungsstellen für den Winter nur noch die Belieferung der ganz großen Städte, in denen, sichi aber eine! Vorvelieferung ans zrvei Monate sicherlich durchführen läßt, so daß auch> hier Notstände wie im vorigen Winter unter allen Umständen vermieden werden können.
Nach der Ansicht der landwirtschaftlichen .Kreise nimmt man aac, daß von der diesjährigen Ernte über den Bedarf der Speisen kcrrlöffeln für die Bevölkerung und der zu industriellen Zwecken von der Kriegsleitung beanspruchten .Kartoffeln noch erhebliche Mengen überschüssig bleiben werden, die dann naturgemäß der Landwirtschaft zur Versütterung zur Verfügung gestellt werden nrüßtcn. Es liegt nun int allgemeinen nationalen Interesse, aber auch vor allen Dingen im Interesse des Ärndwirtes, daß die Reichskartvsfeilstelle und die Nachgeordneten Stellen, sobald es irgend möglich ist, eine Klärung über die Frage herbeisühren, ob nnd in ivelchem Umfange den Landwirten .Kartoffeln zur freien Verfügung belassen rverderr können. Sobald eine solche Feststellung erfolgt rnid dem Landwirt, bekanntgegeben ist, würde er übersehen können, in welchem Umfange er für den kommenden Winter die Vichhalttmg anfrechterhalten kann. Da sowohl die beiden Grasschnitte wie die Hafer- und Gerstenernte unzureichend ausgefallen sind, »vürde die .Kartoffel nicht nur für die Erhaltung eines Minimums ttoit Schweinebeständen von Wert sein, sondern auch für die Winterversorgung mit Milch und Butter angesichts der trostlosen, Aussichten erhöhte Bedeutung gewinnen. Man möge mit um so größerer Beschleunigung auf eine Klärung dieser Fragen hinwirken, als dem Landwirte jetzt während der drei Kriegsjahre schon so manche bittere Enttäuschung bereitet worden ist, daß er es als eine Wohltat empfinden müßte, wenn nun endlich einmal auch seine Interessen, in der zweckmäßigsten Weise Berücksichtigung fänden. Es gibt wohl kein Mittel in der Hand unserer Behörden, das so sehr geeignet wäre, 'die Arbeitsftendicskeit imbi die Produktiv nslust unserer landwirtschaftlichen, inso nderheit unserer bäuerlichzen Bevölkerung zu. heben, als eine schnelle .Klärung der Frage, ob überhaupt und welche Kartofselmengen den Landwirten belassen werden können. Wird die, Kartoffelsrage aber eine all seitig befriedigende Lösung finden, so ist damit sicherlich ein Wbrlk getan, das die wohltätigsten Rückwirkungen ans die Stimmung im Lande und damft aus das Durchihallen in dieser schweren Zeit ausüben würde.
Ares Staöf rind Cand.
Gieße>i, 14. September 1917.
Papiernmngel heißt „Sorge", Papiernot — „Elend". Drum spare Papier?
** Zin rü ck stel l u ng s ge s uche. Der Zivilvorsitzende der Ersatzkommission des .Kreises Gießen gibt letztmals bekannt, daß Gesuche um' Zurückstellung vom Heeresdienst rechtzeitig eingereicht werden müssen, da solche nach Zustellung eines GestellungsbeseM nicht mehr berücksichtigt werden können.
** Gesuche um Bewilligung einer Reise nach Riga sind aussichtslos. Bei den zuständigen militärischen Stellen sind in der letzten Zeit zahlreiche Gesuche: um Bewilligrurg einer Reise nach Riga eingegangen. Ter Mangel einer Eisenbahnverbindung nach Riga verbietet jedoch für die nächsten Wochen die Erteilung der Genehmigung zur Zureise. Derartige Gesuche sind deshalb aussichtslos. Bei ihrer großen Zahl ist eine Beantwortung der einzelnen Zuschriften nicht möglich.
** Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. Das erste Heft des 12. Bandes ist erschienen. Das fehlende Heft 3 von Band 11 wird demnächst nachgeliefert.
* Invalidenversicherung. Der Kriegsbeschädigte H. Pf. von Lollar, der vom Militär als D. 11. entlassen worden ist, stellte unterm 4, September 1916 Antrag ans Invalidenrente. D« Landesversrcherungsarrstalt gewährte die Rente vorn Tage der Stellung des Antrages an. Pf. war damit aber nicht ein verstärken, sorrdern verfolgte durch die Verwundetenberatungsstelle l'Z-ernfuiV mit. der Begründung, daß^er bereits seit der Entlassung vom Militär als Invalide im Srrrnc der Reichsversicherungsordnuny anzusehen sei. Nach Einholurig eines Gutachtens des irüher behandelnden Arztes, iowie Anstellung sonstiger Ermittlungen durch das Oberversicherungsanrt tvurde die Landes Versicherungsanstalt in der dieser Woche stctttgesnndenen Verhandlung zur Auszahlung der Invalidenrente für die Zeit -vom 4. September 1915 bis 1. August 1916 verteilt, so daß dem Versicherten ca. 180 Mark Rente nachgezahlt werden. Die Gewährung der Rente vom Tage der Entlassung vorn Militär war um deswillen nicht möglich, weil Pf- erst am 4. September 1916 Antrag aus Invalidenrente gestellt hotte, gemäß £ 1253 der Reichsversicherungsordnung aber die Rente Nur für eilt Jahr rückwärts vorn .Tage der ?Äntragst ellirng an gerechnet' ansgezahlt nckrd.
** Im L i ch t spi c l^aus, Bahnhosstr. 34, ftndet Sonntag den 16. Septembar eine Sondervorstellung für die in der Kriegsindustrie beschäftigter' Arbeiter und Arbeiterinnen statt. Näheres siehe Anzeige. — Ab Samstag den 15. September gelangt der Film^„Ter Katzensteg", bearbeitet nach dem gleichnamigen Roman von Supermann, zur Ausführung.
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Landkreis Gießen.
** Taubringen, 14. Sept. Leutnant d. R und Battl.- Adjutant L. Lehr, Inhab-er des Eisernen Kreuzes 2. Klasse und der Hessischen Tapserkeitsmedaille, wurde mit denk Eisernen Kienz 1. Klaffe ausgezeichnet.
Kreis Büdingen.
44 Büdingen. 14. Seht. Das Hessische Kriegsehrenzeicheu erhielt der Feldpostsekretär Dingcldein.
44 Hain g rün bau , 14. Sept. Das-Eiserne Kreuz erhielt Friedrich Nagel, die Hessische TavserkeitsMedaille Friedrich Schmidt.
Kreis Schotten.
44 Eichclsachsen, 14. Levt. Das Eiserne Kreuz wurde dem Musketier Rudolf E m r i ch verliehen. i5:. Kreis Friedverg.
44 Beienheim, 14. Sept. Das Eiserne Kreuz erhielt der Schütze Wilhelm Bopp.
Starkenburg und Rheinhessen.
Darmftadt, 14. Sept. Der Großherzog. hat in Anbetracht der ernsten Zeiten den Wunsch geäußert, daß anläßlich des Allerhöchsten Geburtstages Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzvgirr keine Festvorstellri.ng stattftnde. Dtattdessen ivird daher nur eine Vorstellung bei festlich beleuchtete-n Hause statt- sinden. Tie vorgesehene Spielvrdnung bleibt bestehen.
Theodor Storm.
(Zu feinem 100. iGeburtstag, 14. September.)
Bon Dr. Paul Landau.
Theodor Storm ist, heute schon zum Klassiker geworden, zu einem der liebenswertesten Meister >aus ierrem „Ubernen Zeit- aster der deutschen Dichtung:", das um die Mtttvö des 19. Jahrhundert eine wrrndervollr Müve der deutschen Prosa heriauFührte.,
groß ist die menschliche Drstantz M «diesem noch irichl 30 Jahre Dcchingvgangenen, daß bereits die tiefen und gcheimen .Konflikte ieraetz Innenlebens off^n vor Ms ausgrebreitet frrtd und wir in! alle Eft^heiten seines (Daseins Mchen, aus denen die zarten Ber-- biMnegsfäden zu seiner Dichtung sichren. Mfit Ärensv viel Wahvi hettsü^e wie Pietät hat ierne Tochler des Dichters, Gertrud Storm, arns ein „Bild seines Lebens" aus den intimsterl Zeugnissen entworfen, uns serrre Iugend^eft und fepx Mannesalter so gcmH im StorrnHcyen Sinne geschildert, daß drese beiden biographi-- schon Bände durchaus in das Gesamtwerk des Dichters hinetngo- höveu. Wfr vernehmen in den sehrffüchtig-männKchen „Briefen' in die Heimat", in dein aus Zeiderrslchaft und Pedanterie rnrrk- würdig gemischrorr „Briefen an soine Braut", in den still beruhigten „Briefen an feine Frau" diefÄbe weicbd, wohllautend» leise, leicht verschleierte Tchr u v stium ve, di>e aus den Dichtungen' Stvrms mit einenr so eigentümlichen Zauber zu uns tönt, lind m diesen, sein Innerstes offenbarenden Veröffentlichungen tretet die Briefe an befreundete Kurr^xnosscrr, an MVrike, Kuh, .Keller, Gggors, Erilck Schrnidt, denen ftch raut auch sein Briefwechsel mit Hepse Mgefellt. Der heilige Ernst, die fast pviesterhafte Inbrunst, rüft der Storni seinen ^Dichberberuf aulffaßte, die unermüdliche hingebende Arbeit an der möglichst >vvlbsndeterr Gestalttrug seiner Schöpft'ngen, die scharfe Selbstkritik, die ihm bei allem stolzen Sekbstbewußtsein eigen war, sie offenbaren sich in den mannigfach- ltien Zeugnissen. So ist uns in dem letzt-en Jahrzehnt ein reiches, Taft überreiches Material Mrr Kenntnis seines Wesens beschert 'worden, und cmrf' die Literaturgei chi chte hat sich seiner bem^ächtigt. Man vergleicl-t die verschiedenen .Fassungen, in denen er seine Gerichte rmd Novellen zuerst und dann später in den Buchausgaben veröffentlichte, man spürt den Quellen und stofflichen Anregungen nach: 'vir haben heute bereits gei-ehrte^Abhandlrmgen und Bücher über die verschiedenen Probleme seines Sckraffems: über die Auffassung des Tragischen in seiner Dichtung, die den größeren Teil der Schuld den 'unglückseligen Gestirnen znrnißt, über sein ganz aus der schleswig-holsteinischien HeirNat -erwachsenes Natri^gesnhl rmd die Rolle, di' .di? Landschaft alsStinrmnngsfaktor und Spiegel' .der Seele bei ihm spickt, über die Eigenart seiner Simmung -fnitst. über die Entstehung seiner Lyrik, ja selbst über das Medizi in >1 c in feinen Werken, dem der Jurist, der eigentlich Arzt »verdeu nullte, eine besondere Aut merksam keil Arigewendet hat. Der hvpoch^vst- dnschc Grundzug rm Eharakter dieses Lyrikers ist hier mit Recht betont: ans dieser Grnrrpstimnrung kanr der dunkle Umertou der Schwermut und des Pessimismus, der bei aller mäimlichen .Herter- keir und Lebenslust den zarten Florschleier über sein Dichten breitet.
All diese neue Kunde,'die in den letzten Iahreit in die Winkel »und Ecken seines.Lebens 'hinein!euck,itete, hat doch die ursprüngliche Ansckauung vom Wesen feiner Kunst nicht zu verändern vermocht. Wer sichi in 2-l.or'N veri enkt, wird den Kern seiner Natur stets in seiner Lyrik und «den besterr seiner Novellen rein erkennen^ Seine Dicktungen offenbacon es ja bereits zur Genüge, daß sein stlmnlar so idyllisches ^Loben, das ganz aufzugehen schien in den Freuden der Häuslichkeit ynd der Familie, ein Drama mit schon- ven inneren Kuinfliktcn w-ar. Aus diesen tratzisch-en Moinenten seines ikerntz 4t bas Reinste Md Richiste geboren,aus den
politffch.en Wirren, die Dn -aus der über alles geliebten Heimat verbannten, der starke Erz'klang seiner patriotischen Lyrik, aus der Leidenschaft seines -Herzicns, die ihn während seiner ersten Ehe in Liebe z,u seiner späteren äit/eiterc Frau erglühen Tieft, der' innerlichste Seelenton seiner jLyrck und die zarteste Psychologie seiner Eh e-PvoblemnoVellen, aus oem Unglück, das er mft seinem dem Alkoholismus versaller^rr ältest-en.Sohn erlebte, seftre ersck-ütterndie' Darstellung des Berhältniffes^.zwischen Ellern und Kindern, die düstere Unerbittlichkeit seiner .Schichälsnovellen. Nicht umsonst hat Storm so leidenschaftlich die ^Anschauung verfochten, daß echte Dichtung nur aus Unbewußten und aus dem Erlebnis erttstehen könne. Alles, was er ^geschrsfen, ist erlebt, freilich nicht >mmittelbar aus denr Erleben .gestaltet, sondern aus der Erinnerung heraufbe- schiwoven. In diesem Schöpsen jaus der Erinnerung beruht dis eigenartige Note feiner ganzen Poesie.
„Rückwärts Du Men ist ^auch durch Gottes Hilfe nicht vergönnt." So lautet der Spruch des werfen Cyprianus in einem seiner Märchen. Aber Storm Mbst vermochte in seinem Dichten „rückwärts M leben". Mlan hat nicht mit Unrecht den Ursprung und Keim seines Schaffens in einer erst durch Gertrud Storm bekannt gewordenen Episode feines .Lebens gesucht, rn seiner ersten Liebe xu jener mädchenhaften Berta v. Buchau, die in ihrer .Kmdlichkett seine Liebe nicht begriff, jo daß er ihr entsagen mußte. So steht Resignation und Berzickü gm Anfang seines Schaffens und verbindet sich mW ^»en därnmerNdeu Erinnerungen der Ingendzeft, in denen Storni sein Tichlterparadies gefunden hat. Fast immer ist der Rahmen seiner Erzählungen gus den Visionen der Vergangenheit Ewoben, und so kmnmr der wehmütig sehnsüchitige Ton in seine Verse und Sätze, her wie ein Nachhall gedämpfter Geigen immer mitzittert. Aus der Sehnsucht stammt auch sein Naturgefühl, seine heiße Liebe -zur schleswig-cholstchnischen Landschaft, die in der Zeit seiner „Verbannung", :dem notgedrungenen Fernsein vost feiner „grauen Stadt gm Rtfter", in ihm^ Wurzteln schlug. Task .Heimweh ward ihm „eine Art Religion". Seine Neigung für die Welt des 18. Jahrhunderts, die in seinen entzückenden Rvkoko- bilderir einen so feinen Astddwuck findet, ist auch nach seinem Bekenntnis an .Kluh, „ein Hauch, der noch über meine Knabenjahr4 hinstrich." U'nd diese Blickrichtung in die Vergangenheit führt ihn dann von selbst .zin jenen Chroniknovellen, die im leickt altertümlichen Stil ins J7. und bis' ins !l4. Iährhurüxwt hinabst'ck ge w, Wichtiger nocl) als käese stoffliche „Wendung nack rück'värls" ist die Stilforrn, die durch sie bedingt wird. Di'rch- dieses sehnsüchtige« Znrückblicken ists alles Dickten Stzornrs in eine seine d^ebelwolke der Ferne getauck^t. Seine .Kunst schwelgt in Halbtörren, in rrerschwim- irtenden i«tuancrerungen, in zarten Ändentungen. Sein Landsnirnn' nnd tiefversteihcnder Freund Wihhelm Iensen hat es „das Ilnbe- stimnrtr, Verjch'leierte, schattenhaft jwirkervde, uns mit den Angen eines Mittagsgespenftes schweigend Anblickesrde" seiner Dichtungen' genamtt. Heyfe wieder spricht g-een von der „m!ozza voce", vmff den „Molltönen" seiner poetischen Rdelodik. Wü die im Rteeres- glarrrz und WalDesduft.-getauchte Natur seiner Heimat, so ist seine ÜUnst von. einem Sonnendunst nnd Nebesdnst des Traumes und der Whkwung nmhüllt, erzittert iü der „gvldgrünerr Dämmerung alttv verklungener Tage." Die Sehnsucht schlingt zugleich einen idealst sievenden Schleier unt plll seine GesErllln, so daß seine Figuren! bei sckjrrrser Realistik im Einzelnen in einer fchöüheftsseeligen. rin- wirllichpn Atmosphäre einherschwede.l'.
In idem eigentümlichen nwoergbckchtichen Reiz dieser Stinimung ist aber auch die Schwäche seines Talentes besckckosseir So sehr Storm' selbst Idie Kraft rmd Energie seines Schaffens betorrte, so l-eftig er sich dagegen wendete, dviß man seiner Lyrik ^iiuv innigs und uitaiic Töne zusprcchen wollte, so ist doch fein Flüchten üt die AMacMseuÄeft <üu .Beweis dafür^ daß die unnttttelbgre .Ge-
svallung der nächsten Wirklichkeit scnrem Talent nicht gegeben war. Er selbst hielt nur die aus dem Unbewußten aufsteigende Erfassung eines Gefühls für echte Lyrik, mrd in der einfachen se eien vollen! Wissprache des Innerlichsten, wie sie das deutsche Bollsiied besitzt, hat er vielbeicht unter allelr Dichtern das Höchste vollbracht. Iü diesem Sinne ist seine Lyrik schlechthin vollkonrmcn und -vird leben und blühen, solange die deutsche Sprache leb:. Aber trotzdem bleibt, was andere .Künstler, wie Goethe, Hölderlin, Keller, im Gedicht gebeistet, reick.ee und mächtiger und erschütternder als sein stiller Sang, dem' freilich auch die ,>Trompetcntöne" des Pathos rmd der Rhetorik nicht völlig fehlen. Der Mangel an Plastik und Monrim'err- valität ttitt in seinen Novellen-noch deutlicher hervor, denn so lebenswahr, so seelenecht seine Mvnschen sind, sie behalten docki eine gewisse zarte Blässe, weil sie sich nicht am' Blut ihres Schöpfers satt trncken konrtterr. Immerhin hat Storrn in der Entwicklung seiner Erz-ählerk'mst einen erstaunlichen Weg zu immer sräckerer Objektivität und Realität zurückgelegt
Während seine ersten Prvsageschichlen reine Stimmungsbilder Und (benreszenen sind, die einen bestinimten Zustand, ein Landschaftsbild, ein Inrerieur, eine Figur ganz in Stimmung anslösen Und das' Menschenschicksal nur leicht an klingen lassen, entwickelte er sich allmählich zu einem vorzüglichen Erzähler, dem epische Weiftet* werbe, wie z. B. „Aus der Universität", gelingen, diachdem er darin aus der Freürde wieder nach seinem geliebten Husum znrüctgckcl-rt ist, beginnt nach einem Wort Heyses „seine Oclmalerei ^ An die Stelle der tzingehauchten verschwebenden Pastell'arben treten festere Und bestimmtere Töne, und nach denr Tod.' seiner ersten Frau gelingt ilüm die itnutbcrfotre Novelle „Viola tncMjr", in der ick? Seelenkunde und der Stimrnungsreichttlvr. die Weiche seines Gefühls und die Zartheit seiner Beobachtung ihre höchste Vollendrmg erreick)en. Mit der lckstorischen Erzählung ..Agriiv snewersns" betritt er das Gebiet der geschichtlichen Novell? und reff' nun immer Mehr heran in Gegenständlichkeit der Darstellung, harmonischer Komposition und kraftvoller Führung der Handlung bis zu seinem Schwanengesang, dem „Schimmelrerter", der überl-aupt die Krone seines episck>en .Schafferis därstellt. Die unbewußte, ganz in der Natur iünd im Gefühl lebende Größ' seiner Phantasi', di? in seinen fterrlichen Märcherr, der „Regentrude" und „Bnlemtnns Haus", it.ee nrckümlichste Mythen haste Steigerung ersah r?n, findet in derr letzten Merkeri seiner Novellenkunst den notwend-g?n einzigartigen Ansdruck.
'So werden Stornrs beste Dichtungen nach aus lrrrge Icknaus zu den unvergärrglichen Schätzen unseres Schrifttums gehören, nnd iver zu den Quellen germanischen Füllens und Denkens nabsteigt ivird in Storm' einen unserer „deutschesten Meister" verehren.
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— I m Zeichen Goethes und L a e in e s. Aus Weimar schreibt man uns: Eine künstlerisch.iv.'rtvolle Veranstaliung wird der Wohltätigkeitsabend sein, den ein Weimarer Krrtiier zum besten der Hirrverbliebenen der Gefallenen des Insanterre Regim ents 91 am 16. September im dortigen Hof t he a i e v mit Herr nra geneen Mitgliedern desselben yeranstalten wird. Es kommen anchn einigen Goetbeschen Gedichten nur Bcrtomingen von solchen durch Lveive, die feit langen Iährerr nicht mehr gesungen nnd daher in Vergessenheit geraten sind, zum Vortrag, u. a. Meister. rerke. -nie der ^Gesang der Geister über den Wassern" ifür vier Einu'lftiiumen-. der „Paria" und „Mahvmets Gesang", lieber die inneren Beziehungen Loeü'es zu Goethe wird eine Einsührnngsansvkürze Aufllärnng geben. Der Abend ist als eine An Ersatz für d-ie in diesem Jahr ausfallende Veranstaltung der Goethe-Gesell schürst gedacht. Der Großlerzog non Sachsen nnd die Frau Grvßherzogür haben das Protektorat übernornnieir.


