Ausgabe 
16.5.1917 Zweites Blatt
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etwa? hit, wozu die anderen nicht bereit find, sondern wir ver­langen, daß die Sozialisten aller am Krieg beteiligten Völker in derselben Weise vorgehcn !vie wir. Soweit sich die Rede des Vorredners gegen den Reichskanzler richtete, wird es für einen Staatsmann, der die Zeichen der Zeit nicht verkennt, eine Kleinigkeit sein, den Mann und seine Freundegründ- lich ab zuführ en. (Lebhafte Zustimmung links.) Der Vor­redner hat meine Breslauer Aeußerungen mehr fix als richtig angeführt. Ich habe in Breslau nur gesagt, daß der Reichs­kanzler auf einen Protest gegen die Eingabe der sechs Verbände, in der die wahnsinnigsten Eroberungsforderungen aufgestellt wurden und durch die der Kriegswille der anderen Länder bis zum Aeuffersten gesteigert worden ist, diese Pläne abgelehnt und erklärt habe, er habe nichts damit zu tun. Das ist bis heute bestätigt. Ueberall besteht jetzt der gleiche Wunsch, heraus aus jeder Unklarheit. Der Reichskanzler soll sagen, was er will. Die Herren auf der Rechten wollen ihren Machtbereich ausdehnen, wir als internationale Sozialisten deutschen Stammes haben ge­holfen und helfen weiter, unser Volk zu verteidigen gegen jeden Versuch, es zu verstümmeln: die territoriale Unvcrlctzthcit, feine volilische und wirtschaftliche Selbständigkeit muffen sichergeftcllt werden.

Wir sind Gegner jeder Eroberungspolitik. Es handelt sich auch gar nicht darum, ob man zugreifcn soll, sondern ob man cs kann. Seit drei Jahren werden nun schon aus beiden Seiten die Völker damit vertröstet, daß die endgültige Entscheidung un­mittelbar bevorstehc. Co gewiß es meine Ucberzerrgung ist. daß die Mittelmächte in diesem Kriege stand- halten werden, möge es dauern, solange cs will, so gewiß

? glaube ich auch, daß in diesem Kriege niemals der Zeitpunkt ommt, wo die Wünsche der englischen und französischen Annexio­nisten, aber auch der deutschen Annexionisten, die hinter der Interpellation stehen, verwirklicht werden. Warum sollen immer neue Hunderttau sende aus die Schlachtbank ge- führt werden fite ein Erobcrungsziel, das die erdrückende Mehrheit des Volkes nicht will, das überhaupt nicht erreicht wer­den kann. Dies Spiel der Leidenschaft, der Va-bangue-Spieler will in aNen Ländern noch das letzte bißchen vom Glück der Völ­ker daran setzen, um ein unerreichbares Ziel zu erreichen. Man schildert in den düstersten Farben die Zukunft des deutschen Volkes der einemfaulen Frieden". Ein bekannter französischer Finanzmann ist aber der Ansicht, daß auch bei einem faulen Frieden Deutschlands wirtschaftliche Macht so steigen würde, daß sie die ganze übrige Welt bedroben könnte.

Was für ein Unheil können Reden, wie wir sie heute gebärt haben, in der ganzen Welt anrichten! (Widerspruch rechts, Zu­stimmung links.) Je länger der Krigg dauert, desto mehr Zeit brauchen wir, um uns wieder zu erholen. Viele reißen den Mund nur deshalb so weit aus. weil sie mit Grausen an die fürchter­lichen Zustände nach dem Kriege Lenken. (Lebhafte Zustimmung links.) Sie wollen Vorbeugen, denn die drückenden Lasten kom­men. Sie wollen dann aus Reden wie die heutigen verweisen und sagen, daß unser Friede, den sie den Scheidcmann- Frieden nennen, an all der Not schuld wäre. Das Ziel der Vergewaltigung anderer Völker werden sie nicht erreichen. In ungezählten Schriften wird dargelqgt, wie reich das Volk werden könnte, wenn es den Schlotlxironen und Krautjunkern folgte, diesen bewahrten Volkssreunden! Der ftühere Gutsbesitzer und jetzige schwerindustriell begeisterte junge Mann reist im Lande herum und sagt: Weiwrkämpsen! Keinen VerständigungssriedenI -Sieg, Triumph und Beute! Sie spieen um Deutschlands Zukunft aber mit welcher Brutalität! Die Ententenote an Wilwn war auch ein Errchcrungsprogramm, aber ibre Forderungen waren ein­gehüllt in eine Wolke von Wahlgerüchen, von Redensarten über Freiheit uiQ SelbsLbestimmungsrecht; unsere EroberungSvolitiker lagen: Machtzuwachs, Land, Geld. Rohstoffe das muffen wir hl^en, daS brauchen wir, wir, wir und auf die anderen Völker pfeifen wir! (Stürmische Zustimmung bei den Soz. Er­regter Widerspruch recbrs.)

Durch diese alldeutsche Porzellanladenpolitik (Heiterkeit ItnfS) find wir in den wahrhaft törichten Verdacht gekommen, ein Räubervolk zu sein, (sehr wahr! links. Rufe rechts: Unerhört! Lächerlich!), sozusagen ein. national organisierte Räuberbande, (Rufe rechts: Und die anderen? Pfui! Zur Ordnung.) Obwohl wir nur unsere Existenz schützen wollen, während die anderen auf die Befriedigung ihrer imperialistischen Bedürfnisse aus­gegangen find. Wenn die Alldeutschen ihr .Handwerk weiter aus- üben wollen wir verachten es. Dann lernen fie wenigstens, wie man es betreibt, bei Ihren GesinnungSgenoffen in Frank­reich und England; die können eS, Sie nicht! (Heiterkeit links, Unruhe rechts.) Mit der Aufhetzung aller Völker der Welt gegen uns schaffen Sie allerdings nur die tröstliche Gewißheit, daß in Ihrem Sinn nichts erreicht werden kann.

Dr. Roesicke hat daran erinnert, daß :m Feindesland gesagt wird: kein Friede mit den Hohenzollern! Mit am wideewäriigsten bei der ganyen alldeutschen Propaganda ist für mich das Hineinziehen der Person des Kaisers in dieDe- batte. (Lebhafte Zustimmung links, Widerspruch rechts.) Etävas Unehrlicheres und Widerwärtigeres habe ich kaum jemals erlebt. '(Unruhe rechts, Rufe: UnerhörtI) Sie mißbrauchen den Namen der Krone zu reaktionären Zwecken, und der einzige praktische Er­folg, den Sie erreicht haben, ist, daß man im Auslande nunmehr Kaiser für den alldeutschen Wahnsinn und für den Ausbruch dieses Krieges verantwortlich macht, und daß nun die Person des Kaisers dort unausgesetzt beschimpft wird. (Sehr wahr! links.) Die feindlichen Zeitungen vom Schlage derDeutschen Tages­zeitung" zitieren nicht etwa die deutsche sozialdemokratische Presse n-ber den Kaiser, sondern unsere alldeutschen Blätter und bringen den Kaiser damit in die allerengste Verbindung. Kurz vor Aus­bruch des Krieges noch hat der damals sehr radikaleVorwärts" den Friedenswillen Wilhelms II. anerkannt, aber allerdings aus die Einflüsse hingewiesen, und an Einslüffen und Arbeit aller Art von alldeutscher Seite fehlt es nicht! (Sehr richtig! links.) Vielleicht l>at nach dieser kleinen Vorlesung Herr Dr Roesicke selbst dre Meinung, daß es beffcr gewesen wäre, den Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen. (Sehr gut! links. Abg. Kreth (Kons.): Weiter nicbtS?)

Es wäre ein Glück für ganz Europa, wenn wir schnell­stens den Frieden der Verständigung hätten. Die dem Volk dorgegaukelte alldeutsche Milchmädchenrechnung muß ich ergänzen: nehmen wir an, daß zur Erreichung eines -Frie­dens, wie Sie ihn wünschen, der Krieg mindestens hundert Tage über den Tag hinaus geführt würde, an dem wir den Verständi- guugsfrieden haben könnten (Zuruf rechts: Das ist eben eine falsche Annahme!), so bedeutet das in ganz runden Ziffern, da­mit auch Sie sie verstehen (Heiterkeit links) bei einer täglichen Kriegsausgabe von 100 Millionen Mark zehn Milliarden Mark ohne die ungeheuren Lasten der Gemeinden, ohne die ringe- beuren Schäden, die unsere ganze Volkswirtschaft in drei weiteren Monaten erlitte, ohne die Opfer der einzelnen Familien für ihre Angehörigen im Felde. Nehmen wir an, daß jetzt an der West­front^ bloß 1200 Deutsche täglich fallen, daß auch nur 3000 Deutsche täglich verwundet werden, so wären das 300000 neue Verwundete und Verkrüppelte und weitere 120 000 Tote! ''Hört, hört! und Bewegung link».) Um aber die strahlenden Bil­der des Srege», wie sie die Eroberungspolitiker malen, etwas zu ergänzen, sollten sie auch graphisch darstellen, wie hoch die Schädel- Pyramide wäre, die ausgerichtct werden müßte, wenn der Krieg s "o lange fortgesetzt werden soll. b>8 das erreicht würde, wa.- Sie wollen. Wie lang und wie tief mag der Blutstrom sein, der dann noch fließen mußte! ^Bewegung und Zustimmung links.)

Diese Darücssui.a nt diel einleuchtender als die blödsinnche Pcoy Uganda, die 'n illustrierten und alldeutschen Sicgessihriften geirieben vnrd Wer i»ber da» Blutmeer im Weiten uacbdenkl, muß Schrecken und Entsetzen fühlen.. Wir opfern Hundert­tau lende, die Franzosen verbluten vollständig. Man darf gar nicht *o^^bfrTf^►n über ine Oualen oer von den Granaten Zerriffenen,

man darf sich kein« Vorstellung machen von dem Trcruerzug der

Frauen und, minder. Für die Verteidigung unseres Landes, von Heim und Herd muß und wird» das Volk eintreten, von der Führung des Krieges für irgendwelche Vergewa'itigungsziele will unser Volk nichts wissen, und dem würden wir Sozialdemokraten uns auf das Entschiedenste widersetzen. Den Frieden der Ver­ständigung, für den wir zu aller Zeit eingetreten sind, schelten Sie: Berzichtsrieden.

Wir verzichten auf die Fortsetzung des Krieges, auf neue Milliardenlasten, wir verzichten auf neue Opfer an Menschen­leben, wir verzichten aber auf kein Stück deut­schen Landes und Boden, wir verzichten auf das. was lvir gar nicht besitzen, auf die Vergewaltigung anderer Völker, wir verzichten aber nicht daraus, daß das deutsche Volk als freies Volk aus diesem Entsetzen hervorgeht. Das nennen die Alldeut­schen Verzichtfrieden. Wir verzichten auf alle Alldeutschen und ihre dummen Schwätzer. (Heiterkeit.) Das werden wir auch in Stockholm vertreten. Wi- freuen uns auf die Zusammenkunft mit den Sozialisten aus den uns feindlichen Staaten, ihnen werden wir als ersten die Hände reichen, sie werden die beste Vorarbeit für den Frieden leisten. Neunnndneunzig Prozent aller Länder sehnt sich danach. So groß unsere Hoffnungen aus Stockholm ist, so groß ist der Kummer der Kriegstreiber in allen Ländern. Auch in Deutschland hat man Sozialisten aus beiden Lagern die Pässe verweigert. Nach den Regierungserklärungen im Hauptausschuß kann cs sich nur um die Maßnahme einer untergeordneten Behörde handeln, die nach Schema F verfährt Da gibt es keine Meinungsverschieden­heiten. Die Päffe müssen jedem gegeben werden, der im Auf­trag seiner Partei nach Stockholm reist.

Wir baden jedem schritt der Regierung zugestimmt, der uns dem Frieden näher bringt, aber alles bekämpft, was uns von ihm entfernt. Heute steht die ganze Welt gegen uns. Die Reichs­leitung muß uns die Gewißheit geben, daß sie in dem baldigen Abschluß eines für alle ehrenvollen und erträglicheil Friedens kein Hindernis sein will. Würde sie eine Antwort geben, die freu Wünschen der Interpellanten von rechts entspricht, dann wärcii wir drei Jahre lang getäuscht worden und dann hätten wir un­recht gehabt, den Worten der Thronrede vom 4. August zu glauben: »Uns treibt nicht Eroberungssucht"! (Zustimmung bei den Soz.) Eilte feindliche und eine verbiindete Regierung haben eine Haltung eingenommen, von der wir wünschen, daß sie auch die Haltung der deutschen Regierung ist.

Will der Reichskanzler einem befreiten Volk etwa die Gr­öber u n g s f a u st enigegcnstrecken, will er sich in einer Schick­salsfrage der Weltgeschichte von der Masse seines eigenen Volkes und seiner Bundesgenossen trennen? Das deutsche Volk wird in der gemeinsamen Abwehr fremder Angriffe geeint. Die große Piaffe trennt von den herrschenden imperialistischen Klaffen die Meinungsverscheidenbeit in den Kriegözielen. Fällt die Klammer, bleibt der Keil, dann klaffen beide Teile ohnmächtig aufeinander. Würden heute die englische und französische Regierung wie es die russische schon getan hat,awfAnnexionen verzichten, und die deutsche Regierung ihn dann um der Erobe­rungsziele willen sertsetzen wollen, dann, verlaffen Sie sich darauf, haben Sie die Revolution im Lande. (Lärmende Un­ruhe bei den Konservativen, erregte Pfuirufe, Zuruf: Wir sürck)- ten Sie nicht! Präsident Dr. Kämpf ruft den Redner zur Ordnung, sckxillendeZ Gelächter bei den Soz.) Man hat offenbar gar nicht verstanden, was ich gesagt habe.

Es ist tausendmal besser und ehrlicher, wenn wir offen er­klären, daß dieser Krie,g leine Neuordnuiig der Dinge bringen kann, daß die Verständigung vollbringen muß, was bisher nicht gelang. Keine Gebietsveränderung ohne Zustimmung der Völker. Ich stehe zu jedem meiner Worte draußen und hier. Wenn ich sagte, nach dreijährigem Kriege käme es nicht darauf an, daß kern Grenzstein verrückt würde, so igkru&c ich auch das heutc noch. Es ist unmöglich, daß kein Grenzstein verrückt wird, eS muß im gegenseitigen Einverständnis ge­schehen. (Beifall links.) Glauben Sie, daß auf dem Ba'.kan alles so bestehen bleiben soll? (Hört, hört!) Dem Dänen Borgbjerg sprechen wir unseren Dank aus. Im Osten, im Westen und Süden soll man sich verständigen über die Grenze, ob da oder dort ein Dorf eingetauscht werden soll, ob da oder dort zwei Kilometer vertauscht werden sollen. Das sind keine Annexionen, das ist eine Verständigung. (Zustimmung links.) Wir verlangen einen entscheidenden Schritt, damit diesem grauenvollen .KriegSelend ein Ende gemacht wird. Dazu brauchen wir des Muts zur Wahrheit. Wir gehen unseren Weg, den Rußland und Oesterreich-Ungarn schon bereits betreten haben. Nicht Dergewalticvimg? sondern Verständigung! Es lebe der Frieden, cs lebe das freie (Europa. (Lebhafter Beifall der Sozd. Gelächter rechts.

Reichskanzler v. Vethmann Hokweg:

Meine Herren I Die soeben begründeten beiden Inter­pellationen verlangen von mir eine programmatische Erklärung zur Frage der KriegZziele. Die Abgabe einer solchen Erklärung im gegenwärtigen Augenblick würde den Interessen des Landes nicht dienen, des­halb muh ich sie ablehnen. Seit dem Winter 1914/18 werde ich bald von der einen, bald von der anderen Seite gedrängt, unsere Kriegsziele, womöglich bis in die Einzel­heiten hinein bekannt zu geben. (Zurufe rechts: Nein, keine

Einzelheiten I) Sie haben Kommentare von mir verlangt. Um mich zum Reden zu zwingen, hat man aus meinem Schweigen zu den Kriegszielerklärungen einzelner Parteien und Richtungen meine Zustimmung zu diesem Programm gefolgert. Bei Frei­gabe der öffentlichen Erörterung der Kriegszielc habe ich aus­drücklich erklären lassen, daß sich die Negierung an dem Meinungsstreit nicht beteiligen könne und nicht beteiligen werde. Ich habe Verwahrung dagegen eingelegt, daß aus dem Schweigen der Regierung irgendwelche Schlüsse aus ihre Haltung gezogen würden. (HöN, börtl) Diese Verwahrung wiederhole ich hiermit in bündigster Form. Was ich jeweilig über unsere Kriegsziele habe sagen können, da§ habe ich hier im Reichs­tage öffentlich gesagt. Allgemeine Grundlinien waren es, und konnten auch nicht mehr sein. Aber sie waren deutlich genug (Sehr richtigl in der Mitte), um Identifizierungen mit anderen Programmen, die laut geworden sind, auszu schließen. Ich habe diese Grundlinien unverändert festgehalten. Sie haben in dem in Gemeinschaft mit unseren Verbündeten gemachten Friedensangebot vom 12. Dezember vorigen Jahres weiteren feierlichen Ausdruck gefunden. (Sehr richtig! in der Mitte.) Die neuerdings aufgetauchte Annahme, als bestünden in Friedensfragen Meinungsverschieden­heiten zwischen uns und unseren Verbündeten, gehört in das Gebiet der Fabel. (Stürmischer Bei­fall.) Ich stelle das hiermit ausdrücklich und in' der Gewißheit fest, damit die Ucberzcugung der leiten­den S t a a t S m ä r n c r Der unS v'e rbünd> eten Mächte auszu sprechen. (Erneuter stürmischer Beifall.) Ich habe ja durchaus das vollste Verständnis für die leidenschaftliche An­teilnahme des Volkes zu den Kriegszielen und an den Friedens» bedingungcn. Ich verstehe ja den

Ruf nach Klarheit

von rechts und von links, wie er heute an mich gerichtet worden ist, aber bei Erörterung der Kr egsAielsrage kann für mich allein nur die glückliche Beendigung des Krieges die Richtschnur sein. Darüber hinaus darf ich nichts tun uird darf ich nichts sagen.

in beispielloser Zähigkeit neuerten Anstürmen der (Bravo!) Meine Herren,

Zwingt mich, wie eS gegenwärtig der Fall ist, die Gesamtlage zur Zurückhaltung, so werde ich diese Zurückhaltung üben und werde mich durch kein Drängen, weder von Herrn Schcndcmcmn noch von Herrn Dr. Roesicke, v o n m e i n e m W e g c a b b r i n g e n lassen. (Anhaltender Beifall und Händeklat­schen in der Mitte. Zuruf: Dr. Roesicke hat angesangen! Heiterkeit.) Ich werde mich auch nicht davon abbcingen lasten durch das Wort, das der Herr Abgeordnete Scheidemann geglaubt hat, in diesem Augenblicke, wo das Trommelfeuer an der Aisne und in Arras ertönt, hier in die Debatte Hineinwersen zu können, die Möglichkeit einer Revolution. (Leb­hafte Zustimmung.) Das deutsche Volk wird mit mir kein Verständnis für dieses Wort haben. (Erneute Zustimmung.) Ebensowenig lasse ich mich von meinem Wege durch den Abgeord­neten Dr. Roesicke abbringen, wenn er es so barstellt, als ob ich mich im Banne der Sozialdemokratie befinde. Ich befinde mich im Banne keiner Partei,

weder rechts (Beifall) noch links (erneuter Beifall, Widerspruch rechts) nein, gewiß nicht (erneuter stürmischer Beifall und Händeklatschen). Ich befinde mich nur im Banne des deutschen Volkes, dem ich allein zu dienen habe, besten Söhne insgesamt für das Leben, für Das Dasein der Nation kämpfen, die sich fest scharen um ihren Kaiser, dem sie vertrauen und dem ser Kaiser vertraut. Das Wort bc? Kaisers vom 4. August 1914 lebt unverfälscht fort. Herr Dr. Roesicke, welcher als besonderer Hüter dieses Wortes (Lachen links) bier aufgetreten ist, wird die Antwort für das unverfälschte Fortbestehen des Kaiserworres in der Oste rüpt schaff des Koi'ers sin. den können.

Ich vertraue darauf, daß meine Zurückhaltung, die ich üben mutz es wäre gewissenlos von mir, wenn ich sie nicht übte, bei der Mehrheit des Reichstages und ebenso auch draußen im Volk Verständnis finden wird. Seit über einem Monat tobt die unerhörteste Schlacht an unserer Westfront. Das ganze Volk lebt mit allen seinen Sinnen und Sorgen, mit seinem Denken und Danken allein bei seinen Söhnen draußen. (Sehr tvahrl), die igkcit und Todesverachtung den täg ich er- Engländer und Franzosen trotzen auch heute sehe ich

bei England und bei Frankreich noch nichts von Friedens bercitschgft,

noch nichts von Preisgabe ihrer auLschv.-cisenden ErÄ'erungs- ünd tvirtscknffiühen Bernichtungszieie. (Lebr richtig!) Wer sind denn die Staaten, wer die Regierungen gewesen, die im vorigen Winter frei vor dir Welt getreten sind, um diesem Wahn­sinn des Blutmorbens ein Ende zu machen? Haben die in London und Paris gesessen? Die letzten Stimmen, die ich aus London gehört habe, lauten dahin: die Kriegszielc, die wir vor zwei Jahren verkündet haben, leben unverändert fort. (Hört, hört!) Der Abg. Scheidemann wird nicht glauben, daß ich dieser Stimmung mit einer schönen Eieste entgegentreten könnte. (Sehr richtig! bei den Mittelparteien.) Glaubt denn bei dieser Verfassung unserer westlichen Feinde jemand, durch ein Programm des Verzichts und der Entsagung diese Feinde zum Frieden bringen zu können? Und darauf kommt es doch an. (Sehr richtig!) Soll ich diesen unseren westlichen Feinden die Versicherung geben, die ihnen gestattet, ohne jede eigene Ge­fahr den Krie^ ins Ungemeffene zu verlängern? (Sehr gut!) j Soll ich diesen Feinden sagen: Mag es kommen, wie eS ! will, wir werden die Verzichtenden sein, wir wcr^ ! den euch kein Haar krümmenk Aber ihr, die ihr uns ans Leben > wollt, ihr mögt ohne jedes Risiko euer Gluck weiter versuchen! j (Sehr richtig!) Oder soll ich das Deutsche Reich nach allen Rich­tungen hin einseitig ans eine Formel fest legen, die doch nur einen Teil der Friedensbedingungen ausmacht, die einseitige Preisgabe, was unsere Söhne und Brüder mit ihrem I Mut errungen haben und die alle übüoen Rechnungen in der i Schwebe läßt? Eine solche P o l i t ir lehne ich ab. (Leb- I Hafter Beifall.) Ich werde sie nicht führen. Eine solche Politik wäre

i' der schnödeste Undank gegen unsere Kampfer an der Aisne und vor Arras.

(Lebh. Bravo!) Sie würde unser Volk bis zum geringsten Arbeiter in seinen Lebensbedingungen Herabdrücken, sie wäre gleichbedeu­tend mit einer Preisgabe unseres Vaterlandes. (Lebhafter wieder- Holter Beifall.) Oder soll ich etwa umgekehrt ein Eroberungs­programm aufstellen? Auch das lehne ich ab. (Zurufe rechts: Warum sagen Sie das uns? Lachen links.) Nicht um Erobe­rungen zu machen, sind wir in diesen Krieg gezogen. Und wenn wir jetzt im Kamps fast gegen die ganze Welt stehen, so auö schließlich, um unser Dasein zu sichern und die Zu. kunft der Nation f c ft g u gründen. (Lehbh. Beifall d. d Mittelparteien.) Ebensowenig wie ein Verzichtsprogramm hilft ein Eroberungsprogramm den Sieg gewinnen und den Krieg gewiimen. (Lebh. Zustimmung b. d. Mitlelparlcien und links.) Ich würde damit lediglich das Spiel der feindlichen Macksthaber spielen, ich würde es ihnen erleichtern, ihre, kriegsmüden Völker weiter zu betören und den Krieg ins Ungemeffene zu verlän- gern. (Sehr wahr! links u. i. d. Mitte.) Auch das wäre ein schnöder Undank gegen unsere Söhne. (Sehr wahr! links n. i. d. Mitte.) Was unseren östlichen Nachbar. Rußland, anlangt, so Babe ich neulich darüber gesprochen. ES scheint, als ob das neue Ruß­land gewaltsame Eroberungspläne von sich ablehnt. Ob Rußland in gleichem Sinne auf seine Vevbüntdeten w'rten will und Wirker kann, vermag ich nicht zu ichersehen. Zweifellos ist England unte: dem Beisiarkd aller seiner Verbündeten mit allen Mitteln bemüht. Rußland weiter vor den englischen Kriegswagen zu spannen un> russische Wünsche auf

baldigste Herbeiführung des Weltfriedens zn durchkreuzen. (Lebh. Hört! hört!) Meine Herren, wenn Rußland weiteres Blutvergießen von seinen Söhnen fernhalten will, wenn es EroberungSpläne für sichausgibt, wenn es ein 'dauerndes, ehrliches, friedliches Nebeneinanderleben zu uns Herstellen will, ja, meine Herren, dann ist es doch eine Selbstverständlichkeit, daß wir, die. wir diesen Wunsch teilen, die Möglichkeit eines solchen Zustandes dcr Dauer, der Entwicklung dieses Zuftandck nicht durch Forderungen unmöglich machen werden (Stürm. Beifall t.'nd Händeklatschen), die sich nnt der Freiheit und mit dem Willen der Völker selbst in Widerspruch setzen unb die nur den Keim zu neuer Feindschaft mit Rußland in sich tragen würden. (Wiederholte Beifallskundgebungen.) Ich zweifle nicht daran, daß sich eine aus gegenseitige ehrliche Verständigung g e r i ch t e t e ' E i n i g u n g erzielen ließe, die jede V e r g c w a l t i g 7, n g a b w e i ft und die keinen Stachel, leine V c r st i m m u n g z u r ü ck l ä ß t. (Erneute BcisallSlundgebungen und Händeklatschen.) Unsere mili­tärische Lage i st so out, w i e sie wohl niemals im K r i e g e g e w e f c it i st. Die Feinde im Westen kommen trotz un­geheuerlichster Verluste nicht durch. Unsere U- Boote arbeiten mit steigettdem Erfolg. Ich will darüber keine starken Worte