Nr. 114
scheint täglich nft Ausnahme des VsnnhrqS.
Beilagen: ..Sictzeser FEMenVlüttr^' und ^5rei?dlatt für dr« Kreis Cietze»".
Postscheckkonto: $raitffurl am Mein Nr. U& 8 *. vanwerkehk: Gerverdedan? Vietzes.
167. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhejjen
Mittwoch, 16. Mai 1917
ZwillingSrtmddrnck und Verlag:
B r ü hl'jche UmversitätS-Buch-u.Stsindruckerei. R. Lange, Gießen.
rchriftreitung. Geschäftsstelle und Druckerei:
Schulstraßc7. Geschäftsstelleu.Verlag:fc-3öjj*6!, Schristteitung: 112.
Anschrift für DrechtagchrichteruAnzeigerGieben.
Aih. Deutscher Reichstag.
10 9. Sitzung, Dienstag, den 15. Mai 1917.
Das Haus ist stark besetzt, die Tribünen sind überfüllt.
Am Tische de? BundeöratS: Dr. H e 'I f f e r i ch , Graf Roe - decn, v Stein, Kraetke, Dr. Solf, Lisco, von Loebell, Wackerzapp.
Präsident Dr. Kaemvf eröffnet die Sitzung um 10 Uhr 15 Minuten. 1
AnfrrWn.
STIig. Iogtherr ;n. Soj.) führt Beschwerde über dar Verbot d°n, i.raucnvcü.'-.inmlung-n in Stettin, Berlin, Magdeburg und Dassel. ü °
Si „ 5ä- er ;f W"Sl.etg: PS ist nicht zutreffend, datz in Stettin ' , tung r *° r n grauenberfammlungen überhaupt verboten worden ist. Os sind nur Frauenversammlungen verboten wor- den dm in der Zeit vom 5. bis 12. Mai auf Grund eines Flug- blattee emoerusen wurden, das in gehässiger und den
T -VL ^ ° c n . 28 e \ f e SU den Versammlungen mnlud. Es wurde erklärt, daß es sich jetzt um die Zukunft *4t S r r^a t: onaIen Sozialismus handle. (Heiter-
Ulr . Frauendersanimlungen, die unter einem solchen
Schlagwvrt enlberusen werden, bedeuten' eine Gefahr für das . (Beifall.) Der Herr Reichskanzler ist daher der An- sm)r. da^. die Be r b o t e der Versammlungen zurecht er. folgt sind. (Beifall. — Lachen der Soz.)
. , ^bg- BMtherr (Soz.): Ist dem Reichskanzler bekannt, daß da? st-lugbiatt die Zensur postiert hat? (Der Präsident erklärt, dan aas eine neue Anfrage sei, die nicht zulässig sei.)
- ??^ c r .0? irb ^Soz.) beklagt - sich über die Verbaftungcn
polnischer Sozialisten, vesonders in Warschau.
Ministerialdirektor Lewuld: Anläßlich von Lohndifferenzen
?? War,cycm am 1. März 36 Personen festgenommen und nach Deutschland geschickt worden, die zum Streik aufaereizt batten .^.ie Bevölkerung ist nicht beunruhigt und 'der Streik war nach me.ugen Tagen beigelcgt. Es handelt sich keinesioegs um ein Verbot der Betätigung als internationale Sozialisten. ES mußte nur verhindert tverden, daß die militärischen Interessen imOkkupationsl gebiet gefährdet wurden. ^
. , ^'3 . «. Ezarlinski (Pole) weist in einer Anfrage darauf hin, daß Hunderte von Personen aller Stände, u. a. der Rechtsanwalt Konic aus Polen nach Deutschland verschickt war- den sind.
Ministerialdirektor Lewalb: Dem Reichskanzler ist mir der Fall Konic bekannt. Konic ist in planmäßiger Weise darauf aus- gegangen, die Maßnahmen der deutschen VehöiÄen zu durch, kreuzen und ihre Absichten bei der Bevölkerung in falsches Licht zu setzen. Er ist in eine deutsche Universitätsstadt gebracht worden, wo er seinen Studien obliegen kann-
Aög. Göhre (Soz.) weist darauf hin, daß nach Beendigung des Krieges große Masse» v o n B a u st o f f e n frei werden. Er fNvg-t, ob sie «rem Wohnung ao*> Siedlnng?vau zwgefLhrt wer- de« sollen.
Oberst v. DrkHberg: *$3 derr Destimncungen rst vorgesehen, ollcö für die Heeresverwaltung entbehrliche Material in evster Linie der LandwirtschaSt, der Industrie und den sonst in Betracht kommenden Steuen, zu denen auch das Baugewerbe zu rechnen ist, urtter möglichster Ausschaltung von Jntcressenten- gruppen, Zwischenhandel und Spekulation zur Verfügung zu stellen.
Mg. Baubert (Soz.) führt Beschwerde, daß LandtagS- abgeordnetc während der Tagung des Parlaments zum Heeresdienst eingezogen sind.
Oberst v. WriSberg: Die Beurlaubung der Landtagsabgeordneten zur Ausübung ihrer parlamentarischen Tätigkeit erfolgt so weit, als die Abgeordneten unter Berücksichtigung der militärischen Lage und der Dienstverhältnisse abkömmlich sind. Die Beurteilung dieser Verhältnisse im einzelnen muß den zuständigen militärischen Tnenstvorgesetzten überlassen bleiben, die, soweit mir bekannt, Len Urlaub in weitgehendster Weise erteilt haben. Auf Grund einer Anregung der fürstlich ceußifchen Behörden ist An- wersmig gegeben worden, daß den in der Anfrage erwähnten Abgeordneten der Urlaub zu erteilen ist. (Zuruf des Abg. Bändert: Ist bis heute nicht geschehen!)
Abg. Sivkovich (Fortschr. Dp.) fordert eine größere Deroin. tachurrg bei der Einfuhr von Textilwaren.
Ministerialdirektor Müller erklärt, daß die Frage geprüft wird.
Der Ergänzungsetat in Höhe von 1,2 Millionen Mark zu Vorarbeiten für den Ausbau des deutschen Was ferst raßerrnetzeS wird in allen drei Lesungen angenommen.
$!e krieggKl-WeMWßgrren.
$>if ?o_nferbatibe Interpellation lautet: Der Beschluß des sozialdemokratischen Parteiausschusses vom 20. April o -I-, 'der die Forderung aufstellt, einen gemeinsamen Frieden ohne Annexionen Und Kriegsentschädigungen abzuschließen hat mangels einer klaren Stellungnahme des Herrn Reichskanzlers dazu m weiten Kreisen des deutschen Volkes schwere Beunruhigung bervorgerufen, weil ein solcher Friedensschluß ztlxrr internationalen «vraMatzen, nicht aber den LebenSnokwendigkeiten des deutschen Volkes entsprechen würde. Ist der Herr Reichskanzler bereit, über seine Stellung zu diesem Beschlüsse Stellung zu nehmen?
, , D^ e s 2 z i a l d e m 0 k r a t i s ch e Interpellation bat - 'senden Wortlaut: Ist dem Reichskanzler bekannt, daß die prrai- imn^che Regierung Rußlands und die uns verbündete österreichifch- ungarische Regierung in gleicher Weise erklärt haben, zum Abfluß eines Friedens ohne Annexionen bereit zu sein? Was ge- £. er .^ crr Reichskanzler zu tun. um eine Uebereinstimmimg aller Regierungen darüber hevbeizuführen, daß der kommende ?^riecen crnf Grund gegenseitigen Einverständnisses ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen geschlossen werden kann.
(Der Reichskanzler erscheint im Saale.)
Ab-i. Dr. Roesicke skons.) begründet die konservative Interpellation: Während draußen an der Westfront Känrpfe im Gange sind, Ivie sie die Weltgeschichte noch nicht erlebt hat, während dort ieder Fuß breit Boden mit Strömen Blutes verteidigt und fest- gehalten wird, hat Parteiausschuß der Sozialdemokrati'cken Partei m Berlin eine Entschließung gefaßt, die dem Reichskanzler rät, sofort ohne jede Kriegsentschädigung und ohne jede Annexion Frieden zu schließen. Es ist nur ein Parteibeschluß und man konnte es daher für ungewöhnlich ballen, daß wir wegen eines Parteibeschlusses uns an den Reichskanzler wenden.
Dieser Parteibeschluß aber verdient eine Beachtung, die weit über das gewöhnliche Maß hinausgeht, denn er hat in weiten Kreisen des Volkes Beunruhigung hervorgerufen. (Sehr richtig! rechts.) Wünsche und Forderungen der Sozialdemokratischen Partei sind seit Kriegsbeginn von der Reiä-sleitung in so weitgehendem Maße berücksichtigt worden Eoehr richtig! rechts, Lachen b. d. Soz.), daß wir sagen müssen, daß die Sozialdemokratische Partei eine Be- vorzutzung vor allen anderen Parteieii genießt. (Sehr wahr! rechts, Lachen b. d. Soz.) Wir müssen wgar sagen, daß das hochherzige Kaiserwort: „Ich kenne keine Parteien mehr" vom Reichskanzler in der Praxis außer Kurs gesetzt worden ist. (Sehr wahr! rechts, Lachen b. d. Soz.)
Dazu kommt, daß die „Noodd. Allg. Ztg." im April eine Erklärung veröffentlichte, die eine weitgehende Anlehnung an die bekannten Aeußerungen dcs Abg. Scheidemann bedeutete. Die Regierung entschuldigte sich förmlich dafür, daß wir am Stochod gesiegt hatten, (Sehr richtig! rechts), sie erklärte, daß wir die Schwäche Rußlands nickt wahrnehmcn wollten, und sie erkannte an^die Vertragstreue Rußlands gegenüber seinen Alliierten. (Hort, hört! rechts.) In dem Beschluß des Parteiausschusses wird ern Friede gefordert, der kein Volk demütigt, ein Friede ohne iede Kriegsentschädigung und ohne alle Annexionen. (Hört, hört! rechts. — Zuruf b. d. Soz.: Verlesen Sie den Beschluß doch vollständig! — Sehr richtig b. d. Soz.) Es heißt dann noch in dem Beschluß, daß die deutsche Sozialdemokratie ivie die Sozialisten aller anderen Länder, die Machtträume eines ehrgeizigeii Chauvinismus bekämpfen wolle. (Sehr richtig b. d. Soz.)
Auch d i e ö st e r r e i ch i s ch e N e g i e r u n g hat Aeußerungen in die Presse gehen lassen, die der Vermutung Ausdruck geben müssen, daß ihre Friedensziele zu den sozialdemokratischen :>uf- fassuWen binneigen. In dem Telegrammwechsel zwischen dem Reichskanzler und dem österreichisch-ungarischen Minister des Aeußern wird ausdrücklich von einer Uebereinstimmung der beiden Regierungen gesprock)en, so daß die Annahme naheliegt, daß die Negierung den Auffassungen zur Sozialdemokratischen Partei nahestcht. Diese Auffassung wird auch inn-Auslände geteilt. (Hort! hört! rechts.) Dafür sprechen noch eine Reihe von Vorkonimnisien, die im Verlause der Kriej^szielerörterungen bekannt geworden sind. Gewiß, der Reichskanzler hat hier im Reichstag sich für reale Garantien ausgesprochen, hat gesagt, daß diese Garantien mit der längeren Dauer des Krieges wachsen müssen, und daß nach diesen icngeheuren Geschehnissen die Geschichte einen sUüis quo ante nicht kenne.
Gleichzeitig aber hat der Abg. Scheidemann in VreSlau erklärt. er müsse auf Grund von Besprechungen mit dem .Kanzler an- nehnren, daß der Kanzler in der Friedenssrage den Auffassungen der Sozialdenrokratie durchaus zustimme. (Hört! hört! rechts u. b. d. Sozialdemokraten.) Der Abg. Scheidemann hat später diese Behauptungen mehrfach wiederholt. Es kam dann ein sehr vorsichtiges Dementi in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, trotzdem aber hat der sozialdemokratische Führer den Reichskanzler auch weiterhin noch für feint Ansichten in Anspruch genommen. (Hört! hört! rechts u. b. d. Sozialdenwlkraten.) Wir stehen also vor omer vollkommenen Unklarheit und wissen nicht, was der Reichskanzler tatsächlich will. (Sehr richtig!) Ein Kv7U- meutar ist notwendig.
Urvserenr Friedensangebot vom Dezember lagen bescheidene Bedingungen zugrunde, das ergibt sich ja aus den Gelsenkirchener Ausführungen Scheidenranns, der ja unterrichtet sein uulß. Nachdem es schiiöde abaelehnt worden ist. mußte man der Meinung sein, daß diese Bedingungen nicht mehr gelten können. Diese Auffassung hat auch der Abgeordnete Spahn im Februar ausgesprochen. (Hört, hört!) Und am 27. Febmurr har der Reichs- kairzler gesagt, das Isiriegsende dürfe nur durch einen dauerbaften Frieden kommen, der uns Entschädigung für die erlittene Unbill gewähre. Der Abgeordnete David meinte dann, die Bedingungen vom Dezember hätten immer noch Geltung. Ans den dagegen voin Abgeordneten Grosse erhobenen Widerspruch hat die ReichHleitung noch nicht geantwortet. Die Aeußerungen der offiziösen Presse lauteten^ dagegen durchweg abschwächend. Der Ton macht die Musik. Nach wie vor bleibt Unklarheit. Der Abgeordnete Sck^eidemann hat einmal davon gesprochen, daß nach einem so gewaltigen Kriege die Grenzsteine nicht unberrückt bleiben können. Wir hielten das für ein positives Zugeständms im Interesse Deutschlands.
Neuedings hat die Haltung der sozialdemokra- tischen Partei eine. bedenkliche Nuance angenommen. Der dänische Sozialist Bjorgbjcrg soll in Petersburg mitgeteilt haben, die deutschen Sozialisten würden wegen freundschaftlicher Grenz- berichtigunigen Elsaß-Lothringens mit sich verhande'ln lassen. Der Parteivovftand hat das nicht bestritten, sondern irur erklärt, daß man allerdings freundschaftliche Grenzberichtigungen treffen müsse, sei es wo e§ sei, sei es auch in Elsaß-Lothringen. Da sieht man, wohin man mit Verächt kommt. Der frühere Schatzsekretär Helfferich hat von den Milliardenketten gesprochen, die die Feinde schleppen sollten. Als Scheidemannsche Aeußerung ging durch die Presse: „Jeder trage seine Lasten." Das ist erst dementiert worden, al? der verschärfte U-Boot-Kriea begann. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitting" hat alles gelassen, wie es ist. Klarheit ist nicht eingetreten. lZustimmung rechts.) Diese Unklarheit halten wir für unhaltbar. sLebhafte Zustimmung rechts.) In weiten Kreisen des deutschen VöAes, die eigentlich die Mehrheit darstellen, (Widerspruch links), ist -man in Sorge über d i e Ziele der Reichsleitung. Nach den bisherigen sind sie überaus verbännnisvoll. wird ein Friede nach dem Wunsche der Sozialisten durchgefiibrt, so dient er nicht nationalen Interessen, sondern um nicht zu sagen antinationalen, internationalen Interessen. «Lebhafte Zustimmung rechts — erregter Widerspruch der Soz.)^ Wer von uns wünscht nicht den baldigen Frieden. (Zurufe der «^oz.: Sie? Auf dem Wege, den Sie beschreiten, kommt der baldige Frieden nicht. (Zustimmung rechts.) Im Gegenteil, der Krieg wird verlängert. Wir wollen ihn nicht verlängern. Aus Ihre bisherigen Friedensangebote haben Sie nichts bekommen als Zurückweisung, Hohn und Spott und immer höhere Forderungen des Feindes. (Sehr richtig rechts.
Jetzt ist nickst der Zeitpunkt gekommen, hier Verzichte au?- zusprerhen, jetzt beißt es. die Tr ü mp f e a u s z n s p i e I e nb sLebh. Zustimmung rechts.) Das ganze amerikanische Volk ist überzeugt, daß die Hobeuzollern untergeben müssen. Das ist eine Zumutung an di^ deutsche Volk, die über alles Maß hinaus-- geht. (Sehr richtig!) Das deutsche Volk soll seine beste Tugend, die Treue gegenüber seinem Kaiser gegenüber den Hohenzollern, ausgek>en. sLebh. Zustimmung rechts.) Im Deutschen Herzen wurzelt die Monarchie zu tief, als daß die Niederträchtigkeit der Entente sie herausreißen kann. (Abg. David. Soz.: Sie. sind die gefährlichsten Feinde der Monarchie! — Lebb. Zustimmung links.) Die monarchische Entwicklung bet in Dentichl.ind Gott sei Dank noch ihre Stätte. sLebh. Beifall.) Der Abg. Scheidemann hat
gesagt: „Sin Narr, der noch glaubt, daß ein Volk siegen kann!^ Ich bin ein solcher Narr, ich glaube daran. sStürmisch-cr Beifall rechts.)
Es hat allerdings den Anschein, als ob die Negierung nicht den Siegeswillen der Obersten Heeresleitung hat. (Lebh. Rufe: Aha! — Große Unruhe b. d. Mittelparteien. — Rufe: Unerhört!) Für uns kommt nur das deutsche Interesse in Betracht. Wie sich die Feinde damit abfinden, ist ihre Sache. Der Friede, den die Sozialdemokraten wollen, ist ein internationaler Friede. (Zuruf: Dauerfriede!) Selbst Sozialdemokraten haben es ausgesprochen, daß sie Deutschlands Unab-. hängigkeit und wirtschaftliche Selbständigkeit erhalten wollen. Wie wollen Sie das erreichen ohne Machterweiterung? (Zurufe b. d. Soz.) Wer will einen EroberungSsrieden? Keiner von uns! ,Wir wollen einen Verteidigungsfrieden! Wie können Sie aber die Verteidigung sichern ohne Machterweiterung- - (Lebhafte Zustimmung rechts.) Wir brauchen die Macht - und Gebietserweiterung zur Stärkung unserer Volkskraft, um die Basis für die selbständige Ernährung Deutschlands zu erweisen und die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu sichern. Wir brauchen sie für die Verteidigungsrüstun- gen, damit wir nicht einem solchen Kriege wehrlos gegenüberstehen.
Dann erklären die Sozialdemokraten den Verzicht auf die Kriegsentschädigung. TaS bedeutet, daß wir die Sften bei Milliarden auf Jahrzehnte tragen sollen, daß wir gedrückt und.gekrümmten Rückens die wirtschaftlichen Verhältnisse erdulden müssen, lind wer leidet darunter am meisten? Die Arbeiter! (Widerspruch b. d. Soz.) Die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit und Entwicklungsfreiheit können mir nicht-zbekomm.en, wenn wir so von den Lasten eingeschnürt sind. Wer will uns vernichten, wer will uns die Konkurrenzmöglichkeit nehmen? Das intcrnatio» n a I e englisch-amerikanische Großkapital, der Kapitalismus. Wir kmnpfen für die Arbeit und Arbeitsfreudig-> keit (Zuruf b. d. Soz.: Und für die Junker!) Man erklärt, wix könnten für die Kriegsentschädigung einen Ersatz erhalten durch Rohstofszufuhr und Handelsverträge. Nun, diese Ersähe sind alles Schwindel. (Heiterteit rechts.) Ein Feind, der nicht so am Boden liegt, daß wir jede Entschädigung von ihm haben können, wird uns auch Leine günstigen Handelsverträge zugestehen. lLeb- hafte.Zusttmmung rechts. Andauernde Unterbrechungen links; der Präsident mahnt zur Ruhe, da es nickt angehe, daß immer nur ein Teil des Hauses den Redner hören könne. — Abg. Dr. David, Soz.: Annexionsphrasen!)
Wir würden dann nur Verträge erhalten, die unS dauernde Nachteile, den Gegnern dauernde Vorteile sichern, die eine Ouelle neuer' Verwicklungen sein würden, und wenn wir dann nicht stark genug sind, würden wir neuen Angriffen unterliegen. Die Frage steht so: Sollen die gebrachteil Opfer umsonst gebracht, soll all das Blut umsonst geflossen sein, ohne daß oas deutsche^ Volk und Reich für die Zukunft politisch und wirtschaftlich gesichert ist? Ein solcher Ausgang iväre unerträglich. (Zustimmung rechts.) Der Wunsch des Verzicktfriedens gibt den Feinden einen Freibrief, den 5irieg hinzuziehen, so lange sie wollen, ohne dabei etwas aufs Spiel zu fetzen, denn sie wissen ja> wir wollen ihnen nichts nehmen.
ES gibt keil« größere Illusion, daß dann von selbst unsere Sicherung eintreten würde. Nnsere Feinde würden dann viel mehr von uns herausschlagen, w>a§ sie können, statt daß wir in Frieden daS erreichen, was wir brauchen. Für uns aber wären Einschränkungen viel schwerer zu ertragen als für sie. Die Sozialdemokra.en verlangen für die Zukunft eine überstaatliche Organisation; diese würde sich in der Ha^tptsache aus unseren Feinden zusammensetzen, uüd deren Wohlwollen zeigt sich ja darin, daß sie zuerst uns vernichten wollen. Die Bor. spiele zue Stockholmer Konferenz beweisen gleichfalls diese Absichten der Entente. Ich würde den Reichskanzler bedauern, der mit einer Proklamation des Verzichts in die Verhandlungen hineingehen müßte — mit diesem leeren Beutel, toährcnd unsere Gegner mit der aufgehäuften Menge ihrer Forderungen kommen. Do würde es nicht beim Verzicht bleiben, es würde zur Zlufgabe kommen. (Sehr wahr! rechts.)
Der Mann, auf den wir unbedingtes Vertrauen setzen, Generalfeldmarschall v. Hindenburg, hat erklärt, daß unsere militärische Stellung "absolut stark ist, und daß der U-Boot-Krieg vollkommen erfüllt, was wir wollen und uns zur Hoffnung auf den endlichen Sieg berechtigt. Aus allen Nachrichten sehen wir, daß unsere Feinde wirtschaftlich dauernd schlechter stehen. Da gibt es doch unserer Auffassung nach nur eine Pflicht: Ablehnung des internationalen Friedens, Einstimmigkeit im Wunsche eines nationalen Friedens Wenn der Reichskanzler diese Ablehnung nicht ausspricht, tritt die Gefahr ein, daß unsere Feinde glauben, die Stärke, von der wir sprechen, sei nur singiert; bei uns aber würde man dann an der Ucberzeugung irre werden, daß wir tatsächlich diese Stärkt haben. (Sehr richtig! rechts.)
Nock) nie hat ein Krieg so die ganze Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen. DaS verlangt Hebung der Stimmung und nicht Lähmung. Nickt durch Verzicht, sondern nur durch Deckung der Kraft wird die Stimmung gehoben, unsere Zukunft gegen solche ruchlose Angriffe zu sichern. Die Voraussetzungen dieses Ziels sind Macht- und E)«bietöerweiterung Deutschlands und die Erlangung einer Entschädigung nickt nur für die Unbill und das Elend, die Uns der Krieg gebracht hat, sondern auch ftir die Aufwendungen, die er von uns verlangt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Unser Volk verlangt nach einer klaren Antwort. Wir verlangen keine Enthüllungen von Einzelheiten, aber die Abkehr von einem internationalen Verzichtsrieden und entschiedene Hinwendung zu einem nationale!: Frieden. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Das deutsche Volk hat ein Recht, in dieser schweren Zeit seinen Kanzler zu ftagen: Qtiovadi3? Wohin gehst du? (Stürmischer Beifall auf der Rechten, lautes Zischen bei den Soz.)
Präsident Dr. Kacmpf: Herr Abgeordneter Roesicke, ich muß auf zwei Aeußerungen Ihrer Rede zurückkommen. Einmal haben Sie gesagt, es scheine bisweilen, als wenn der Reichskanzler die Kaiserworte: „Ich kenne keine Parteien mehr" außer Kurs gesetzt habe. Ein ander Mal, daß bei der Obersten Heeresleitung zwar der Siegeswille vocliandcn sei, daß es aber scheine, als wenn die Reickslcitnng diesen Siegeswillen nicht habe. Co vorsichtig Sic diese Belmuptungen eingerleidet haben, so streifen sie doch so nahe an eine Beleidigung d e 8 R»e i ch s k a n z - I er§ (Lebhafter LLiderspruch rechts, Zustimmung links) und verstoßen deshalb gegen die Ordnung des Hauses, weshalb ich sie auch von dieser Stelle aus zurückrveisc.
Abg. Scheidemaon lSoz.) begrüßt die sozialdemokratische Interpellation. Die Rede des Abg. Roesicke zeigt, wie schwer die Kunst des Lesens ist. Er behauptet, in dem Beschluß des Parteiausschusses werde die Regierunak aufoefordert, sofort Frieden zu schließen. Wir verlangen nicht, daß die deutsche Regierung


