Ausgabe 
12.5.1917 Zweites Blatt
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M. m Mettes Matt \hl. Jahrgang

Erschein! lLg!)ch mit Ausnahme deS Sonntags.

Beilagen:Sleßener §mnll!e.rblLtter" und .Ztteisblatt für dev Lrrir Sietzen".

poflfcheilwwo: Lrankstttt m 3tstn Kr. 11686. Nahverkehr: Ser)erheb<mk Sichen.

LamsLüg, 12. Mai \9\Z

Zwillmgsrunddruck und Verlag: Brühl'scheUniversitäts-Blrch-u.Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Fchrifklettr.ng, SeschäftssteÄe und vrnckerei:

Schulstrage?. Geschäftsstelle u.Verlag:

Schrift! citung: 112 .

AnschriftfürTrahtnachrrchtenrAnzeigerGie^en.

Mb. Deutscher Reichstag.

106. Sitzung vom 11. Mai.

Am Bundesvatstisch: Zimmermamr, Wahn schaffe u. a.

Präsid^tt .Tr. Kämpf eröffnet die Sitzung um 11.17 Uhr vormittags.

Auf der Tag-esordlrung fasert zunächst Aufragen.

Abg. Tr Heckscher «Vpt.) fragt: Im englischen Unterhaus bat du Mitglied des Kabinetts, Lord Cedi, die Nachricht, die Deutschen ziehen

F e r t (t u s SoldaPanleichen, als nicht unglaubwürdig hingestellt. Was gedenkt der frerr Rdchs- 5ojt ?il er ;,u tun, um dieser erbärmlichsten (Bravo!) crller englischen Veclündungr-ik wirksam eutgegeirzntveten?

Stmts.e.rttär 3 i m ftre r m <i it n: Tie Behauptung ist zuerst in der srMvösis-ft-en Presse aufgetreten. Tie Erfinder dieser Nach- stt-ernen sich den Umstand zunictzc gemacht zu haben. Lad es beutle Lwldaver-Benverttrngsanstatten gibt. Daß es sich um Tierleich-en handelt, darüber ist selbstverständlich auch bei denr F-eind? lein Bern mutiger ini Unklaren. Der Umstand, daß das französisch'. Wortl.stadgver" sowohl Tier- jtne Menschenleichen bedeutet, ist dahin (nißbrarrchjt (oorden, diese' infame Lüge in die Welt ftu seinen und bei der urloilslosen Pderrge gegen mrS zu Hetzen. Im neutralen Ausland sind wir strasrechttich eingeschritten. 'Bravo! Ties? Bemühungen haben insofern Erfolg .gehabt, als eine Ndh? von Zeitungen des neutralen als .auch des feindlichen 'i'Lusl-attdes die Unrichtigkett dieser Bchanptung zugegeben haben, llntfo nnerl>örter ist es, daß kürzlich im englisthen Ünterlxrus Lord Ge eil die düachriost als immerhin nicht m (.glaubwürdig .httrgestellt !<rt. (Hört, hört und Pfui!) Daß ec das niederträchtige Gerücht gegliaubt hat, s: :dnt völlig atrsgesULossen. Er wollte Mscheu gegen ums erwecken, namentlich im Orient, besonders bei den Indern, deren religiöse G-cfühle Verletzt würden.. Der Inhalt der Erklärung do? Vertteters der englischen Regierung, der vor dieser Chrabschmeidn.ng nicht zurückschreckt, richtet sich von selbst. (Bravo.)

Abg. M a l k e w i tz (kons.) fragte (rach der

Vorsorge gegen die Papier not. die demnächst die Berliner Zeitungen am Erscheinen hindern werde.

Ministerialdirektor Müller: Die Frage und die Antwort in dieser Angelegenheit, die zu einem Telegrammwechsel zvnscheu den grcßstadtiichen Verlegern und dem Reichskanzler führten, sind durch die Presse bereits verönerttlicht worden. Tie SckMnerigkeiten sind in dem Kohlenmangel begttindet. nicht in der Ausfuhr ins Aus­land, die auf das Mindestmaß beschränkt ist. Es wird alles ge­schehen, tun den Fabriken., die Zdtungspapier Herstellen, die uöti- gen Kohlen zu liefern und die Schwierigkeiten zu beseitigen. Wir lwffen, daß die Zeitungen diesen Umständen Rechnung tragen und ihren Papi er verbrauch vorübergehend einschränken werden.

Darauf wird dtt Beratung der

ErnährungSsragen

fortgesetzt.

Bayerischer MttristerialdirektorDr. Hüber gibt Auskunft über die Maßnahmen gegen die MaisschLeberei. Die Maisschieber hätten Uwe Berühinngen dngesehen und als Sühne hohe Geldbeträge ent« r.thtei, die sie natürlich nicht vor Strafverfolgung schützen. Ob angesichts des Umfanges und der Mißdeutungen in dieser Angele­genheit die Annahme der Geldbeträge als Sühne zweckmäßig sei, erscheine zweifelhaft.

Abg. Hofs (Fortschr. Vptst: Mit dxier erfreulichen Ossenhd-t bat Präsident von Batocki zugegeben, daß schwere Feßler gemacht worden sind. Dieses ZugestäiÄms wriÄ Mrf Verständnis stoßen. Wir verlangen, daß in Zukunft daraus gelernt wird und daß die Fehler beseitigt werden. Die verkehrten Maßnahmen haben uns! die Kartoffel- und die Brotkrise gebracht. Bei einer richtigen Ver­teilung der Ernte auf Mensch und Tier kann Deutschland überhaupt nicht ausgehungert werden. Die ungeheuerlichsten Schäden sind auf dem Gebiete !>er Hausschlachtmrgen entstanden. Durch allzrr- grvße Weitherzigkeit ist es da zu den unglaublichsten Zuständen ge- konrm-m. Wenn ein Schwein geschlachtet wurde, scütz-te ein zweites aus Mitleid mit. Das meiste fvleisch ist in den Schleichhandel über- gegangcn. Die Fleischration könrtte erhöht werden, da dadurch der Anreiz zu Unredlichkeiten beseitigt wird. Auch auf dem Gebiete der Verteilung von Magennilch kann vorgegangen werden. lBeifall links.)

Abg. 5? c ck (natl.>: Daß PräsÄlent von Batocki sich in seinem Amte nicht sehr wohl fühlt, kann man ihm nachfühlen. Es kommt ein neuer Luftzug auf, und dieser mag auch Herrn von Batocki neNen Mut und neue Lust bringen. Die Schwierigkeiten sind ent­standen durch das Defizit z-roischen

Ernteschätznng und ErnteanÄfalk.

Die Tierhaltung ist nicht daran schuld. Hinzu kommt die anvr- male Witterung im vorigen Jahre, durch die der Kornettrag außerordentlich ungünstig beeintrachttgt wurde. Hinzu konrmt fer­ner die Tätigkeit der BrvAartenfabriken und der Malzschieber. Für die Gemüsebeschafsnug sollte man den Städten besondere.

rr'Fzvncata

Bezirke zuweisen, damit sie dort ihren Bedarf ohne Konkurrenz decken können.

Mg. Dr. Rösicke lkons.): Die Kattosselivot war nicht auf die Landwirtschaft zurückznfnhrcn, sondern aus die verkehrten Maßnahmen der Behörden.^ Die Bauern, lieferteir, aber Trans- portinittel (vurden nicht gestellt. Die Verordnungen jagten ein­ander. Wäre man mit den Arbeitern so umgesprungen (Zurufe rechts: So etwas riskiert inan nicht), dann kämen wir aus den Streiks nicht mehr heraus.

Mg. Fester (Fortschr. Volksp.) ruft: Hetzrede!

Präsident Dr. Kämpf ruft den Mg. Fegter zur Ordnung.

Mg. Rösicke fährt fort: Sind im Lande keine Re­serven mehr, dann ist die übrige Bevölkerimg verloren. (Sehr richtig!) Die Schuld an den jetzigen Zuständen trägst nicht die Landwirtschaft, sondern das ganze System und letzten Endes der Reichskanzler.

Mg. Ru pp (Deutsche Fr.): Hut ab vor unserer Bevölke­rung, die namentlich in den Großstädten während deS letzten Winters Unendliches geduldet und ausgehalten hat. (Bravo!) In der Würdigung der Großstadtleiden sind wir uns alle einig, ohne jede Ausnahme. Sünder gibt es auf allen Seiten. Man vergesse dabei nicht die Mühlen. Mit dein Organisieren muß endlich aufgehört werden. Wo bleiben die Gewinne der Kriegs­gesellschaften? An dem Sacharin werden ungeheure Gewinne gemacht. Frische Fische und Muscheln dürfen nicht in die Kon­servenbüchsen wandern.

Mg. Pvspioch (Pole): Besondere Erbitterung besteht bei den Landwirten gegen den Vieh Handels verband. Die Spanum:g zwischen Getreide- und Viehpreisen nruß herabgesetzt werden. Vor allen Dingen, wird viel zlu scharf in das Selbstversorgu,ngs- recht der ländlichen Bevölkerimg dnge griffen.

Darauf wird 'die Weiterberatung auf Samstag .11 Uhr vertagt. (Außerdem Ergänzungsetat, Mwälzuug des Wett- unrsatzstempels, Kaligesetz.)

Schluß 7 Uhr.

Ares Sicvdt rrnd £an&.

Gießeir, 12. Vtai 1617.

Der Bitt?ontttag.

(Zum Sonntag Rogate, 13. Mai.)

Mit den WortenRogate et Vobis dabitur", die den lateini­schen Vulgata-Text des bekannten BibelwvrtesBittet, so wird auch gegeben" darsteltt, beginnt in der katholischen ^Kirche der Iu- tvoittls (Eingang) der Messe des heutigen fünften Sonntages nach Ostern. Obwohl die protestantische Kirche sowohl die Messe als auch den Gebrauch der lateinischen Sprache im Gottesdienst abgeschafft bat, hält doch auch sie an den lateinischen Bezeichnungen der Sonn­tage uad) Ostern fest und hat die Bedeutung des Sonntags Rogate als Dittsonrttag wie irr der katholischen Kirche beibehalten. Die kirchliche Fürbitte gilt wie an den beiden vormrgegaugeneu Ro- gate-Sonntagen, die (vir bisher in diesem Kriege erlebt haben, der diesjährigen Ernte. Von dem (öedÄherr der Ernte hängt ja gerade in diesem dritten Kriegsjahre, von dein wir die siegrdchc Enffcheidung in dem gttvaltigen Völkerrnrgen erhoffen, nn ge bene r viel für uns abl stänr eine gute Ernte ermöglicht uns,' das Durchhatten in dem großen Verteidigungskämpfe. Es (werden sich daher viele unserer Volksgenossen in dern iubrünstigsn Gebete vereinigen, daß die diesjährige Ernte uns mit all dem versorgt, dessen wir und unsere ta.vferen Streiter zum Lebensunterhalt bedürfen. In der katholischen Kirche hat die mit dem Rogate- Somvt-ag beginnende Woche noch eine besondere Bedeutimg; sie l/eißt die Bet-, Gang- oder Krenzwoche, und in ihr finden an drd bestimmten Tagen, den Bet- oder Mttagen, noch vielfach auf dem Lande fderliclx: Umzüge mit Kreuz (md Fahnen sowie unter M- singung von Libanden durch die Aecker statt, um den Segen des Himmels für das Gedeihen dev Feldftächte herabzuftehen. In vielen katholischen Gemeinden Schwabens wird an dem Himmel- sahrtstage, der in die Rogate-Wock/e fällt, die sog. Eschprozcsswn, der Esch- oder Flurgang, abgehalten, bei dem man die ganze Ge­markung init ein ein Kruzefix durchzieht. An vier f Stellen wird Halt gemacht und vom Priester ein Stück aus allen vier Evangelien verlesen; der Priester spricht dann den Wettersegen und besprengt Menschen, Tiere und Häuser mit Weihwasser. Dieser Umgang ist dann zumeist auf den Pfingstmontag verlegt worden. Als nach Einführung der Reformation die althergebrachten Flurumzüge beibehalten wurden, erhob sich von den protestantischen Geistlichen heftiger Widerspruch dagegen: so eiferten 1527 die Prediger in Eellc gegen diehilligen trachte" (Umherttagungen) und nannten sienicht geringe teken des ungelovens" (Zeichen des Unglaubens). Trotzdenr hat sich die alte Sitte auch in protestanttschen Gegenden noch mehrere Jahrhunderte erhalten. So zogen im Mägdeburgi- schen. Braunschweigischen und Brandenbürgischeu die Prediger und Lehrer mit den Sckmlkindern singend und betend um die Felder, wofür die Bauern besttmmtr Abgaben entrichteten, so z. V. im

rrraranr-

Magdeburgischen dasSegenkorn". Man nannte die Umzüge auch Hagclfeicrn; in Verbindung mit diesen wurden .Hagelsener derart- stattet. Im Trierschen wurden die Hagelseuer 1787 durch eine krrv- fürstliche Verordnung untersa, 7 t. Durch die Forschung ist gezeigt worden, daß die kirchlichen Bittgänge an die Grelle der allgerma­nischen Flurumgänge getreten sind, die einen Teil der Frühlings­feier rmserer heidnischen Vorfahren gebildet had^r und bei denen die Gemeinde mit deur Priester, einem Götterbild und Opfertieren um die Saatfelder zog.

Aus Hessens Lerderrszert.

Einst und jetzt.

Wenn (vir seit Kriegsansang immer wieder lesen und von Miseren in die Hdmat beurla-nbttn Feldgrauen erzählt bvrommen, daß an allen Teilen der Front jede Bodentulttrr und damit jeder Bodenertrag auf Jahrzehnte hinaus vernichtet ist, dann sollten wir, zumal (vir auf dein Lande, damit den Z".stand unserer Fluren vergleickien, die dank der todesmutigen 'Aufopferung unserer Krieger nach wie vor grünen und blühm wie im tiefsten Frieden.. Und doch' vergessen (vir das so leicht ün^Getriebe der Zdt, erftillt von lldnen und oft kleinlichen Sorgert des Alltags.

Da ist es nützlich zurückzublicken in Zdten, in denen es int deutschen Vaterland ähnlich aussah ;me setzt in den Ländern der Feinde, und m denen besonders Lmser Hessen schwer daniederlag. Tenn nicht nur während des 30jährigen Krieges, auch noch lange Zeit nachher sah es schlimm in Oberhessen ans. So melden z. B. zwei oberhessische Vürgcrmdsterberichte, daß in V e s s inge n bei Lich im Jahre 1675,, also noch 30 Jahre nach dem ivestfälischen Frieden, von .33 vor den: Kriege vorhandenen Ho fielt en erst 16 notdürftig wieder ausgebaut (oaren, 10 nur zur .Hälfte smb 7 Wohnplätze noch g^inz verödet, dalagen. In deur benachbarten Münster (naren vou 24 Hofreiten erst 8 (nieder ausgebaut, aclst nur teilweise und 8 Hofstellen lagen wüst. In beiden Gemeinden waren 325 Morgen Land unbebaut, die Almcndgrundstücke (naren hoch verpfändet oder aus ganz verkauft. Die Waldungen lieferten keinen Ertrag, (veil die jungen Bestände in den Kriegs- zeitcu niedergebrarrnt worden waren. Dazu kamen schier uner­schwingliche Kriegskosten. IN Lich mußte die von 700 Köpfen auf 193 zurückgegangene Bevölkerung noch> 1668 für 25 000 Gulden Kriegs schulden auffommeu.

Begnügen wir ims mit diesen wenigen Bdspielen. Sah es doch in keinem vom .Kriege berührten Orte besser aus. Wie die Zustände heute oder 30 -Jahre später sein (würden, wenn englische oder ftanzöfische Armeen in Deutschland ständen, davon können wir ims schwer einen Begriff machen, weit auch die packendsten Schilderungen nicht annähernd an die grausige Wirklichkeit heran- reiften, wie sie jetzt auf französischem Boden herrscht. Zersplitterte Bäun'.o.deuten an, daß hier einst hochragende .Wälder nn Winds rauschten, wo grünende Wiesen und trwgende Felder das Augs erfreuten, gälmen heute wÄte Granattrichter und ein Gevftrr tief ein geschnittener Gräben. Auf Jahrzehnte hinaus kein .Holz aus dnn Walde, kein Ertrag von Aeckern und Wiesen, nirgends mehr Besitz und Eigentumsgrenzeu. Das wäre die Lage auch bei uns,- wenn seiudliche Heere auf denkfthein Boden ständen. Okichb viel besser auch dann, wenn, der Krieg ans Erschölchmgjm Ende ginge.

Roch, wird das deutsche Schwert mft Kraft und Schneid >:?'ü''tt. Sorgen wir daftbr, daß es so bleibe bis^zum siegreichen bnsgang des schtoersten Kampfes, der uns je anfgezwungcn wurde. Denn^ was würden alle Heldentaten unserer Truppen nützen, wenn wir im Innern zufamnrenbrcichen, wenn wir derrch Hunger che-, zwangen würden, uns dem Willen der Feinde zu beugen! Das schwerste Los würde jeden Deittschen treffen, wir müßten bei kärg­lichstem Lohne Sklavenarbeit für den Fremdling ldsten. Und die Gefahr ist dringend! In dan großen Städten, in den Industrie­zentren, wo Tag und Rächt die Rdmitwn erzeugt wird, muß unter Entbehrung schwer gearbeitet (verden, um das zu schaffen, was das Heer braucht. Da ist es billig, daß auch die Landbewohner sich alle die Beschränkungen auferlegen, (velche die Not des Vaterlandes von jcdem ford-ert. Was irgend entbehrlich ist an Lebensmitteln, nnrß unbedingt abgeliesert werden, es wird ja gut bezahlt. Aber mehr als Geld soll Uns gelten das Bcwußtscin,- mit zu arbeiten an der Erhaltung des deirtsck^m Volkes, unsere Pflicht zu ttm in der schwersten Prüfimg, die wir je durchzu­machen hatten. I. C.

Das r?ene Flandern.

Gestlern abend fand in der Neuen LLula ein flämischer M-nrd urtter Leitung von Professor Dr. Hermann Wirch und unter Mit- wrrkrmg eines Vokalgnartetts statt.

Es ist nicht leicht Liebe und Verständnis und dazu den Simr für den Wert eines Volkes in einem einzigen Vorträge zu ernvcken. Tie Kultur dieses Volkes, seine Sprache und seine Kunst, ncüssen dnürrnglich zu ürns reden können, wenn Liebe sich mit Verständtüs verbinden soll, und von. diesenc Estdankeu ausgehend, ist wohl der .Leiter der flämischen Vorträge dazu gekommen, zu der Macht des 'Wortes, die Versinnlichung dürft) das Lichtbild und die zimr

Gderheifischer llunstoerem.

Gießen, 12. Mar 1917.

Hier du Wort über Kunstbctrachttrng.^ Tie bittende Kunst schafft vornehmlift? für das Arrge. Der Künstler.stellt dar, was er sieht oder wie er cs sieht. Ta das, was man sicht, auf einer Ebene dargesteftt werden kann, kann man sich jederzdt durch Zeichnen iwer Malen Recherrschaft darüber geben, inwieweit man fähig ist, (stesel-enes als Geschnr sestzuhttten. Es mag befrerndlichi erscheinen, zu hören, daß nur durch Zeichnen und Malen festgestellt (rerden kann, was inrd wie (nan sieht. Wer bchcruptet, er wisse wie jene Lmrdsftiaft aussieht, nrnß sie unbedingt au.ch so zeichnen können. Tas Verdienst, die sichtbare Nattur für uns entdeckt zu haben, gebührt also dnn Maler, denr Zeichner, dem bildenden Künstler. Der Laie lnldet s-eimuc Gesickütssrnn <m der Durst. Der Künstler lehrt ihn sehen. Das ist eine wichtige Erkenntnis.

Zu verschiedenen Zdten hat man verschieden ^ gesehen. Die Leute, die im 14. Jahrhundert lebten, haben so gesehen, wie die Künsller sie belehrten, d. h. ohne richtige perspekttvische Ver­kürzung. Man enipsand das durchaus nicht als Mangel. Im 16. Jahrhundert gelangte die Kunst zu einer richtigen perspek- tivischen.Darstellung, und duuentspreckneud sahen auch die Laien riftstrg persp.'ltivisft). Ter Künstler ist es also, der die .Kennttnsst vermtttett. Zur Zeit Turners (ein englischer Maler) sahen die Leirke die Svniwmnttergängle so, wie er sie matte und wie sie vordenc niemand gemalt lwtte. llnr die Wende des letzten Jahr­hunderts sah man die Natur mit inrpresftvnistische:( Augen an, («nbdem dir imvressiorristischm Bdaler so geseb-en hatten. Wer bat srüber farbige Schatten gesehen? Niemand. Erst als d-se Maler sie darstellten, sah sie der Laie aivh. Es wird kein Mansch sagen wolle-n, sie haben früher nickst existiert. Sie sind gewiß dagdresen, nur hat man sie nicht gesehen.

Dar^ Künstler hat da dem Laiarc etwas voraus. Daraus sieht man, wie verkehrt es ist, wenn Laren dem Künsller vorschreibcn (vollen. Der Künstler kann (rns aber noch mrdere Dinge Ver­mitteln. Außer Siftu und Farbe noch den seelischen Ausdruck. Oeht euch die Menschen der Renmrissance an. Sie sind anders als etwa die Meirschen, die die Romantiker matten. Auch die Natur, die sie urngibt, steht mrders aus als die gernatte (wumirtisft' ?cattlr. Zur Bezeichnung dieses Unterschieds sagen, wir ja auch: das ist Rennaissance, das ist Ronrantik. Und.außerdem red'en wir noch von Barock, Rokoko, 5klasftzismuS und vielen anderen Stilen.

Ein ganz neuer Sttl ist der E x v r e s s i v n i s m u s. Die Ex- Vressi-onisten sind Künstler, die besonderen Wert auf /eelifchM Ausdruck legen. Sie steigern fTjrt über das Mvöhnliche Mgß hiiraus. Auch leblosen Dingen Verldhen sie Seele. Man kann sagen, sie stellen gestdgertc Wirklichkeit dar. Damit gehen sie allerdings der meßbaren Natur gewaltsam zu Leibe. Eine ausdrucksvolle Hand wird langer gemacht, als sie in Wirklichkeit ist. Die Finger werden fdner und svitzer. Die Gelenke werden so gedreht, daß diese Drehung dem prüfenden Mediziner uTnratürttch erscheint. Aber dnes wird dadurch erreicht: der seelische Llusdruck wird ins Ungeheure ge­steigert: er wird ein gewattiges Erlebnis für ims.

Von diesem Standpunkt aus betrachte man einmal die im Kunstverein ausgestellte kleine Sammlung von A. W a ch l m vier. Es sind religiöse Bilder und stellen Szenen ans dem Leben ElTristi dar. Hat mau je solche Farben gesehe:.', solche Gesten? Das fragt sich gleich der Laie. Ich antworte ihni: Hat der Laie jemals den Künstler belehrt, oder der Künstller den Laien? Stets hat der Laie vom Künstler gelernt, soll cs im 20. Jahrhundert anders werden? Mo versuftwn Nrir lieber zu lernen und zu verstehen. Man sehe sich die Farben cm, die Linien! lleberäll Msdruck. Jede Biegurrg der Hand, des Armes Verrät Llusdruck. Der Körper in seiner ganzen Linie sagt Ausdruck. Und dieser ülwrall gesteigerte Ausdruck gibt ims eincm großen Eindruck des erhabenen religiösen Gefühls, das diesen Maler dnrchddngt, und das allein fähig ist, ihm solche ,merhätten Ausdrucksmittel zur Verfügung zn^ stellen. Tie technische Behandlung, die geradezu virttcos ist, tritt doch zurück rreben deni Inhalt. Hier haben wir einen Künstler vor uns, der seine c,rosten technischen Mttcl ganz in den Dienst der Darstellung seelischen Geschehens stellt. Er ist eben Expressionist, wie der gute dentsche Ausdruck heißt. Wer versteht ihn, wer kann ihm folgen? 89.

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Berliner N rcru fführungen mit d emViertel- to n ha r m o n i n m". Aus B e r l' n wird uns geschrieben: Tie neueste Ernungenschaft anr musikalichjein Gebiete wird durch das SchlagwattBrchrvrnatik" bezeichnet. Willy v. M ö l l e n d o r f 's hat nach, jahrelangen Studien und Versuchen das Vietteltcmhar-mvrrium konstruiert und jetzt zum erckten Male in Berlin vvrgefühtt. Dides Harmonium vermäg sämtliche Zwischenstufen Frischen h'all>en Tönen (mederzUgeven und ermöglicht uns überhaupt, über die Natur der Vieneltöne zu jurtcLon. Der Eiudwcck ist zunächst ein ziemlich

sonderbarer. Bald aber gewöhnt sich das Ohr 'und vernwg die nruev Intervalle (die p hysiralisch schon längst fest-gestellt w.iren^ deutlich zu lunterschd-den. xOb aus der neuen Erfindung aber viel für die Musikalische Entwicklung gewonnen (werden wird, muß zu­nächst stark betzlveifelt werden. Das ersehnte .Herl für die Zukunft Unserer Musik wird nach wie vor von der begnadeten PersönlichkdL des Musikers Au erwarten sein, nicht aber öxm der Bichr unattk, die die Ausdruckssähigkeft der Musik nur in beschränttdu Maße wird bereichern können. Sehr eigentümlich berührte es, daß der Erftudeü des MertettonsystLmA -als Kornponist eher primitiv als modernj aarnijutet. Herr vcvr .Möll-endorsf dirigierte in einem Konzert des Weimarer Hoffapcftlurdsters Dr. Peter Rabe seine C - d u r Sin­fonie sellst erstmalig, vonFottschrfttt' aber war nwnig zu verspüren. Vmr Vietteltönen Und Mchromtttrk keine Spur. Dagegen! hat der Münchner .Komponist Karl Bleyle das Vietteltow-, k-armvnium (wirkliche angdvandt, und zwar üc seiner Tondichtung Ter Tauch-ett' (nach Schiller). Zweimal erllrngt die ,.Neittönerei", der Eindruck ist nicht gerade überwältigend, aber irmncrbin von Uugewvbntem Reiz». Doch hat Bleple auch ohne das neue Instrument genug zu sagen. Srine Touchermusik ist sehr plastisch in den Themen, von seiner Klangdifserenzi'mung in der Einzelschilderung^ Mlährend eine',,Ballade" Btevles etrvas gezwimgen anmutete ^und derGnomLntenz^' ziernlich uillndeutend erschien, ist dig Quvertt'irc zu GoethesReineke Fuchs'" ein famos?' und humor­volles Stt'ick, has wohl bleiben wird. Frisch, treiveud nett unge­zwungen, von Volkstümlichkeit bester Att ist diese Musil. 'Mmer- am effektvolliwn und rauschgudsten ist der ,.T -gellanten-.ng" ge­macht. Der Koinpouist hätte sich keinen besseren Jnlervreteu scinev Werke denken können als Herrn Dr. Maöe, der cbeu.P technisch überlogeu. wie mUffkalffch scklnaidig das Phil Gr monis M Orchester zu führen (rußte. G

W'edekindsErdgei st" in Leipzig. Aus Leipzig wird uns geschricheu: Das S ch a u sp i el ha u ln achte nach dem anhaltenden Erfolge vonFrühlings Erwachen" ucuncnr auch WedekindsErdgeist". Cläre Reichenau b.'kuudete als Luln du stark gespanntes, wenn auch künstlerisch noch nicht aus­reichend beherrschtes Jnstinkttalent. Paul Meder o (u gab' dem Doktor Schön interessante und persönliche Momente. Die tbcatta- lische, Kraft der Szene:r, dvien man fteilich mir mit einem rein! artistischen Interesse folgen kanrr, kam in der von Hans^ Sturm geleittten Aufft'chrnng mit den nötigen Effekten zur Geltung.