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Erscheint tt-tich mit Au-nahme M Sonntags.
®eilaflcn: „Sletzenrr Zamklien-lStter" und „«reirblatt für den Kreis Sietzen".
p-ßschecttonto: Zrankfnrl am Main Nr. UM. Vankvettchr: Sewerdedank Gietzen.
Blott
X6Z. Jahrgang
General-Anzeiger für Oderhessen
Donnerstag. 19. April M?
ZrvilltngSrundoruck und Verlag:
B r ü hl'jche UnwersuälS-Luch-u.Steuldrilckeret.
N. Lange, Gießen.
Zchriftleitung. Seschäftrstelle und Druckerei:
Schulst».aye 7. Geschäf-ssleUe u. Verlag: %±4$61, Schriftleuung: 112.
Anschriftfür Druhtnachrrchten: AnzeigerGteßen.
Sassermann über innerpolltische Kragen.
In der „9dcrtl. Korrvsp." schreibt der Reichstagsabg. Bassernraun über die inrreve Politik:
T^nffchland zu dem parlamentarischen Systonr übergehen? ^as ist die eine bedeutsame Frage. Die andere ist die Resvrm des preußischen Wahlrechts. Zu der ersten Frage habe ich m«h un vollen Einverständnis mit Kollegen .Friedberg ablehnerrd geüris^rl und bleibe bei dieser Meinung. Ich ernenne dabei die glänzenden Lcn.stun.gen dieses Systems, das den Fähigsten den Weg bahnt, an, glaube aber doch, daß die deutschen Verhältnisse uns ein „Ncrn" zu rufen. Ich gehe auf die Gründe, die id> früher d argele gt habe, rrich: nockumals ein. Ich bin überzeugt, daß die uationalliberale Partei, die zu der Fratze Ivo hl demnächst Stellung nehmen wird, meiner Meinung sein nnrd. Die Ernsclxränku'ng der Krrrsermacht, zumal nach einen: sregveichen Kriege, könnte nur nach Konflikten schärfster Art der Monavchie abqerungen werden. Wer nrochte sie nach Friedensschuß, meinem Zeitpunkt, in dein wir unsere ganze Kraft «insetzen müssen, um unsere wirtschaftliche Stellung wieder zai,errlll.gen und die Schäden des Krieges zu heilen, entfesseln.
Dabei begrüße ich die Einsetzung des von Stresemann begründeten Verfassmrgsausschllsses. Eine Reihe von Verfassungs- fragen, deren Behaachlnug wir seit Bennigsen periodisch immer wieder angeregt haben, l)arren der Erledigung oder sollen nochmals geprüft werden. Es gibt zwischen solchen Einrichtungen, welche die Macht des Parlaments stärken und der Einführung des parlamentarischen Systems, welches den oder die Minister der Volksvertretung vercmwortlich macht und der letzteren das Recht gibt, jederzeit den Rücktritt des Ministeriums zu erzwingen, doch recht erhebliche Unterschiede. Wenn wir twr^m denken, daß nach dem Kriege eine Zeit kommt, von der es heißt, „nach dem Siege binde den Helm fester", dann ist mir der Gedanke einer starken Krone, die keine Schattenherrschaft ist, für unser Vaterland verttauensvoller, als eine Parlaments Herrschaft. Freilich darüber muß sich unsere leitende Buremikratie klar sein, trenn sie nach den vielen Mißerfolgen, vor allen» in unserer auswärtigen Politik, aus den furchtbaren Lehren dieses Weltkrieges nidjt 2lnlaß nimmt zu einschneidenden Reformen, dann wird es notwendig sein, über ihren Widerspruch zur Tagesordnung überzugehen, dann wird das parlamentarische System nickit aufzuhalten sein.
Ganz anders lregt die zweite Frage: die preußische Wahlreform. Für die innere Stimmung »ist es vonnöten, nach Worten, die eine Neuorientierung ankündigen, eine Tat zu sehen. Sonst geht der Glaube verlort und die Stimmung leidet Not. Dazu kommt, daß die Hinausschiebung der Reform die radikale Lösung der Frage fördert. Schon erhebt sich die .Forderung der Ueber- ttagirng des Reichstag^oahlrcchts auf die Wahlen zu den einzel- Üaarlichen Parlamenten, deren Berwirllichung in einer Reihe von Bundesstaaten soz-ialdenwkra tische Parlaments Mehrheiten schaffen würde.
Eine weise Starr t skunst gewahrt Unabweisbares schnell. Ist eine Verständigung unter den Parteien möglich dann zögere man nicht länger! Es muß betont werden, daß die Hinausschiebung dringlicher Reformen bei kurzem Krieg klug und weise, bei einem Krieg, ^er Ialne dauert, dessen Ende sich nicht absehen läßt, zum Fehler wird. Ich kann rnir nicht denken, daß sich nicht im Landtage eine genügend große Mehrheit für eine vernünftige Reform zu- sammenfindat. Eine Auflösung des Landtages, die natürlich vermieden werden muß, droht nicht. Bleibt das Herrenhaus! Hier ist die Schwierigkeit nicht größer im .Kriege als nach dem Kriege. Und die preußische Regierung hat die Machrmitlel in der Hand. 'Ta die Konservativen als kluge Leute sich darüber klar sind, daß die Reform unvermeidlich ist, Iverden sie sich auch mit einer Erledigung während des Krieges abzufinden wissen. Mo verhandle man mit den ausschlaggebenden Parteien, um festzustellen, ob sich eine Reform Ueremlxircn läßt.
Und ertragen wir MeinungsversebiÄ>enheiten? Wir Nüssen, daß Kralle am Werke sind, die auf die Spaltung der Partei hrnarbeiten Wir denken nicht daran, uns von denen, die da und dort disseirtieren, zu trennen. Die großartigen Leistungen unserer Industrie und Landwirtschaft »reisen uns mft erneuter Notwendigkeft daraufhin, die guten Beziehungen, die uns mit diesen Erwerbständen verbinden, festzuhalten und dies zumal, da die neue Zeit den Ausbau^ des Schutzes unserer nationalen Produktion bringen wird."
Aur bm Mche.
Ein Jubisäumstag der Hohenzollern.
Konstanz, 18. Avrll. WTB. Nichtamtlich.) Die Feierlichkeiten anläßlich der heutigen 5 00. Wiederkehr der Beleb- nungdesBurggrasen Friedrich, des Zollern, von Nürnberg mit der Mark Brandenburg durch Kaiser Siegismund nahmen gestern mit einer Fest Versammlung im alten Konstanzer Konzil
gebäude ihren Anfang. Unter den ersckftenenen Gästen befanden sich als Vertreter des Kaisers Generaladjutant von Plessen, als Bertteter des Großherzogs von Baden General von Dürr, als Vertreter des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen Major Geyer von Schweppenburg; fermer waren erschienen der preußische Gesandte in Karlsruhe von Eisendecl-er, der Kommandierende General des 14. Armeekorps von Jsbert, die Generäle von Wolf und vvn Liebenstein, Exzellenz von Scholz, Landeskommissar Straub, Vertreter der Geisllichkeit, das Osftzierkorps der Garnison Konstanz, Vertreter der Beamtenschaft, Mitglieder der städtischen Verwaltung, die Bürgermeister von Nachbarstädten u. a. Nachdem die Musikkapelle die Festouvertüre von Richard Wägner vorgetragen l)atte, begrüßte Oberbürgermeister Dietrich die Fest Versammlung und brachte ein Schreiben der Großherzogin Luise von Baden zur Ver- lesimg, in welchem sie darauf hinwÄst, daß jener Akt, der sich vor 500 Jalxren am 18. Aprll vollzog, für immer denllv-ürdig in der Geschichte des deutschen Vaterlauoes bleibt, er sei und bleibe ein Markstein der ersten Verbindung zwischen Süd- und Norddeutschland, die jetzt in dem gewaltigsten aller Kriege in ihrer ganzen Größe und Kraft im deutschen Reiche vor uns steht. Hierauf hielt Geheimrat Professor Dr. Brandenburg aus Leipzig den Festvorttag, indem er sich über die Geschichte des Konstanzer Konzils, den Hergang der Belehnung, die Entwicklung der Mark Brandenburg zur heutigen deutschen Vormacht Preußen und die Bedeutung der Hohenzollern für das Deutsclüum und das Deutsche Reich verbreitete. Oberbürgermeister Dietrich brachte ein begeistert aufgenommenes Hoch ans den Kaiser aus. Generaloberst von Plessen entbot der Stadt .Konstanz den Kaiserlichen Gruß und Dmrk für die festlich Veranstaltung zur Ehren des Hauses Hohenzollern und brachte ein Hurra auf das Großherzoglich badische Haus, die Großherzogin Luise und die Stadt Konstanz aus. Mit Schuberts „Sckftcksalslenker blicken nieder" und einem Festmarsch schloß die erhebende vaterländische Feier.
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Berlin, 16. April. Die Wohlfah-rtsbestrebun-gen für Hirn verletzte Krieger sind im Fortschreiten. Der Kaiser und' König hat der „Fürsorge für hirnverletzte Krieger" ein Gnadengeschenk von 10 000 Mk. bewilligt nnd dabei zum Ausdruck gebracht, daß durch die Spende die segenverspvechende vaterländische Arbeit der „Fürsorge gefördert werden solle.
Ans Stadt nnd Land.
Gieße»:. 19. Avril 1917.
** Auszei chnung. Der Landsttirmmann Wlll)elm Stein, Fahrer bei einer Fuhrparkkolonne, ist zum Gefreiten befördert und mit dem Militär Verdienstorden ausgezeickmet worden.
** Die Silberne Hochzeit feiern Donnerstag, den 19. ds. Mts. Job. Schieferstein und Frau geb. Dietz, Neustadt 57.
** Mehr Fleisch, weniger Brot— eine Ernährungs- Möglichkeit, die in Friedenszeiten für wmtere Beo öl kerrmgss cknclUen geradezu ein Ideal bedeutete, ist am 16. Aprll im Rahmen unserer engen Kriegsversorgunq zur Wirklichkeit geworden. Zwar nickxt als Folge beginnenden Ueberflusses, sondern im Gegenteil, nur -durch die große Knapphell an Bcvtgetveide ermöglicht, aber immerhin als sichtbares Zeichen dessen, daß sich die für die Volksernährnng vevanNoorllichon Stellen der Lage voll bewlrßt sind und niormehr — leider recht spät — einmal im allgenieinen Interesse und ohne die bislter noch immer beliebten Rücksichten das Nötige anordnen. GeNüß werden wir alle die Schmälerung der Brotration mit Unbehagen empfinden. Aber ist sie nicht das kleinere liebe! ? Fast drei Jahre lang erwehren wir uns des englisch-amerikanisck-en LLushungcrungsversuches niit Erfolg, sollen wir da in dem Augenblicke, wo die Nvt bei unseren Feinden selbst unheimlich wächst, uns als geschlagen bekennen? Wollen wir uns vom Unnrut übermannen lassen, selbst wenn nur vielleicht einen Tag in der Woche wirklich hungern «müßten, während die Blüte unseres Volkes draußen auf den Schlacküstldern ganz andere Entehrungen im?ner von neuem erträgt? W«rn wir letzt nicht mehr lveiter zu können glauben, wie geschäftige Miesmacher und interessierte Agenten uns das einzuprägen suck)<n, »dann nxrr unser ganzes bisheriges „Durch- l-alten" nur die Wichttgttcerei urrd Ruhmredigkeit einer Verhältnis-! mäßig noch günstiger! Zeit. Erst von jetzt ab bis zur neuen Ernte werden wir wirklich durck-zuhalten haben. Und während lvir erwarten, dass, die verantnwrtlickwn Stellen uns die neue Ernte imd damit neue Kraft, neuen Mut und neue Zuversicht wirklich energisch und rücksichtslos^ „sichern", lverderr lvir selbst uns des Vaterlandes würdig erweisen und durch ein vorübergehendes Entbehren die uns vom Feinde zugedachte dauernde Hungersnot und Unterdrückung abzuwelnen wissen.
Landkreis Gießen.
ni. 'Beltershain, 19. April. Die 16sährige Tochter des Landwirts Ehr. Ludwig schoß sich in der Nackft vom Samstag zum Sonntag irnvorsitlftigettveise derart mit einem Revolver in
die Brust, daß sie am nächsten Morgen der Gießener Klinik z»- geführt werden mußte. — Die Hessische Tapferkeitsmedallle wirrde dein seit Kriegsbeginn ununterbrochen im Felde stehenden Reservisten Heinrich Launspach verliehen.
e. Grüningen, 17. Aprll. Am vergangenen Sonntag nnn> den. in der hiesigen geschmückten Kirche 11 Knaben und 7 Mädchen konfirmiert. Die Feier verlief sehr eindrucksvoll. — An demselben Tage wurde hier die erste Schwalbe beobachtet. Mit der Einführung der Sommerzeit hatte auch sie geglaubt, sich einfinden zu miissen. Aber daß eine Scl-walbe noch lange keine Sommerzeit macht, lehrt das gegenwärtige Schneewetter bei nördlichen Winden. Wenn auch durch die naßkalte Witterung die Frühjahrsarbeiten des Landmannes wiederum verzögert lverden, so hat es doch das Gute, daß die bisher so trockenen und ausgefrorenen Wiesen ihr gelbliches Aussehen verlieren und endlich anfangen, grün zu werden.
a. Langd, 17. Aprll. Vorgestern abend sprach in unserer Kftche Herr Lehrer Jakob aus Ober-Bessingen über Vollsernäh- rung im Ktiege. Es ist zu erhoffen, daß die sachkundigen Aussüb- rungen des Redners auch in unserer Gemeinde fruchtbaren Boden gefunden haben.
Kreis Büdingen.
x. Büdingen, 18. April. Wie in anderen Kreisen soll auch in unserem Kreise für den Alicefrauenverein eine ftcheis- organisation geschaffen werden, in jeder Gemeinde soll eine Ver- trcruensdame und neue Vereins Mitglieder gewonnen werden, der Kreis wird in mehrere Bezirke und zwar in die Bezirke Büoingen^ Nidda, Ortenberg, Echzell, Altenstadt und vielleicht auch Hitz- kirchen eingeteilt, deren Aufgabe es ist, in jedenr Bezirk für dis Sache des Älicesrauenvereins weiterzuwerben urrd zu arbeiten. Auf einer vorbereitenden Versanrmlung, die unter dem Vorsitz der F ü r st i n von Büdingen nächste Woche in Stockheim stattfinden soll, sollen die nötigen vorbereitenden Schritte beraten werden.
x. Hitzkirchen, 18. Aprll. Unsere Pfarrei, die seit btrai Wegzug von Pfarrer T ö l l nach Götzenhain längere Zeit verwaist war und unter den größten Schwierigkeiten von Pfarr:>ev- walter Michel-Wenings versehen werden tonnte, hat wieder; einen eigenen Pfarrer erhalten. Pfarrvettvalter Bröckelmann- Klein-Liu-den, der bisher mllllärisch eingezogen war, wurde die Stelle übertragen.
4- Ortenberg, 18. Aprll. Als der LandNnrt August E i ß- ner gestern morgen seinen L>ühnerstall aufmachtc, bemerkte er, daß seine sämtlichen Hühner, 15 Hennen und ein Hahn, wt rvaren, ein Marder oder ein Wiesel waren nachts in den Stall ein gedrungen und hatten den ganzen Hühnerbestand gemordet Der an gerichtete Schaden ist in dieser hühnerteuren und eierarmen Zeit deshalb doppell groß.
Kreis Lauterbach.
rr. Schlitz, 19. Aprll. An Stelle des von hier nach Friedberg versetzten Professors Rodenhansen wurde Lehramts- assessor Lauckhard, Mletzt in Gießen, mll der Leitung der hiesigen Bürgerschule betrartt. 18 neue Schüler fanden in der Anstalt Aufnahme.
Kreis Schotten.
§ Aus dem oberen Aogelsb'erg, 18. Aprll. Auf d«' drei bis vier Tage Frühlingstauwetter hat nun wieder, um unsere Hoffnungen auf den bald nahenden Frühling nicht allzusehr auß- wachsen zu lassen, seft gestern nacht bei wieder gesunkener Temperatur hefttges Schneetreiben eingesetzt, so daß die ganze Geqend wieder mit einer etwa 10 Zenttmeter dicken Schneedecke überlleidet ist. In den etwas mehr tiefer gelegenen Ortschaften trug man sich schon mit dem Gedanken, bei weiterem günstigen Früh!in?.srvetter, baldmöglichst die Kühe anzuspannen.
Verrnischte».
* Eine neue Verwertnng der Sojabohne. rend die Sojabohne bei ims durch die Kriegsverhälttrisse mub für die direkte Ernäl/rnng Bedeuttmg getrann, indem sie zu dem sogen. „Agunva-zMehl" verarbeitet mürbe, war sie in den mri' cn anderen Landern, auch in Amerika, bis vor kurzein nur als Tüngemittek oder als Zusatz zu Bielifutter gebrauckü worden. Nmrurehr l)at man aber im östlicheu diordkarolina eine ganz neu<rrttge VerniertungS- metlwde der Sojabohne gefunden. Wie dem Prometheus zu ent* nehmen ist, begannen nämlich die dortigen Baumwollölsabrikanten aus den Sojabolmen ein Del zu pressen, dessen befriedigende Eigenschaften sckrnell zur Fabrikation im großen Stil führten. Im Verlaufe des letzten halben Jahres nmrden auf diese Weise bereits un- gesälu 100 000 Bushels Soiabolmen bearbeitet. Das Oel scük sich auf die verschiedenste Weise vertvenden lassen. Es dient bereits zur Herstellung von Farben, Firnis, Seife und Glyzerin imb soll auch sckion erfolgreich in gewissen Nährnrittclindustriell eingeftihrt worden sein. Zur weiteren Förderung dieser neuen Industrie lxrben sich jetzt eine Anzalst großer Ocl'äbrit'en in den Südstaaten zusammen geschlossen, imi auch dort nach dem Muster Nordkcn-olinas eure Versuck-sstation einzurichten.
Arrnft und wiksenschaft.
— Ein unbekannter zeitgenössischer Brief über Leibniz. Der neuerliche ^eibuiz-Gcdeuttag l-at neben anderen Veröffentlichungen auch die eines neuen, intercssmrten, Zeitgenössischen Zeugnisses über den Philosophen gebracht. Es ist dies ein von Hans Bielert in „Harrnoverland" mitgeteilter Brief, \yen Frau Sophia Baring, ein Mitglied der rrcalten, niedersächsisckxm Famllie Baring, am 17. Juli 1717 aus Hannover an Frau Dorvtl-ea von Emden nach Utrecht schrieb. Im Mittelpunkte des Briefes, dessen Original im Kestner-Mrrseum zu Hannover aufbewahrt wird, steht der vvn der Schreiberin wie von ilirer Freundin nnfs höchste bewunderte Leibniz. „Deinem Begehren komme ich nach," so schreibt Sophia Baring, „und. erzähle von Hannover«, wo ich bereits zehn Monate wohne, ein wenig von unserem! verehrungsnmrdigen Gottfried Wlll-elm Leibniz. Nickt versuche ich seine lervorragenden Werte, weder die matheniatischen noch die politischen, noch die .philosophischen in wenigen Worten zu erwähnen. Dir und nur sind die Gesetze, in denen er menschlichem Deuten nahe zu Lommeu bemüht war, nicht verschlossen. Allmählich eröffnet sich die Schönheit seiner Otedanken, die sich in ebtem Gleichmaß von dem Grunde bis zur Hülie aufbaucil, und immer wieder zu stülem Staunen aufmerkeu lassen. Keine Lobschrift versuche ich zu verfassen und teile Dir imr, um jegticl-er Versuchung -u entgehen, mit, daß hier in Hannover und in Göttingen do- Buch unseres Leibniz deinnächst zu erhalten fern wird, das Dir wohl gefallen ivird: es erscheint als „Theodicee", das ist: Veriuch von der Güte Gottes, Freiheit des Menschen Ulck vvnl Ursprünge des Bosen". Dann spricht die Schjreiberin von ihrer Sehnsucht, fremde Länder kennen zu lernen, „gleich unseren! Lehrer der Weisheit, dcr nicht nur zu Spinoza zog. sondern in Paris. Wien imd Rom sich für die Wissenschrsicn, dte die Völker verbinden müssen, verwandte. Aber dev! deu^'ckx'n l'teleht'tz'n be«tegnete man seiner nicht würdig. Wie aber ehrte es ilm und sein Wissen, als nach dc-r VMgnuny zu! Torgau au der Elbe von dem Zaren Pccker den: Großen nach feiium Ptene für Petersburg ellw anch noch» so lleine Statto dem Denßw im unge!.euren Lairde der ^stusstm ausgetan wurde. Welch l)!errlich,-r Sieg de: Geistes! Ob unser Laich ihin den Lorbeer des Dantes nicht vorenll-alcen wird?... Hier in dem Schlosse Herrenhäusern tute seinen holx'u Bäumen und munteren Blumen und prächtigen
Wasserspielen l)at Leibniz ebenfalls manches fornte Bild bei den Regenten betrachtet. Aber dvckn der bedeutende Forsckzer wurde er in dem Hause, das bürgerstattlich außen rrud innen sich wohl sehen lassen lmm. Bon dem iFlure ftihrt die lreiderseftig gelänoertg Treppe zu den Zimmern, in deur die Werte von der Hand des Gelehrten dem Menschen übermittelt werden. Wie wird sein Geisten die ihin gewohnte Arbeit gern geleistet haben, ihm, den: Denken eine Notwendigkeft war. wie mideren das Mimni der Limge. Lag vor ihin eine Niederschrift, kehrten sellie Blicke allmählich zum Leben wilder, tveun er durch den Erker über die Straße nach dem Markte zn der dunllen Kirche blickte, bis ihm, als die Rosen im vergangenen^ Jahre verblüht >raren, der letzte Augenblick kam In der Neustadt, in der-ginuen Kirche mit den: Dach am Markte txn den Bäumen, hat man seine Gebeine beigesetzt, immer aber wird im Tempel dcr Wissensck-ast der Lorbeer des Rum es glänzen dem Namen: Leibniz !" Die lebte Bemerkung ist besonders interessant, weil über die Begräbnisstätte ves Philosophen 'Zweifel bestanden haben.
— Eine schwedische Luther-Ausgabe zum Reformations-Jubiläum. Aus Anlaß des Reforniativus- Iubiläums, den: man in Schweden mit lebhaftem Anteile entgegcn- sieht, wird dort eine neue ^'husgabe von Luthers Schriften veranstaltet werden. Abgesehen davon, daß die Hauspostilte unter den schtvedisckien Andachtsbückern sich einen gewissen Öchrenplatz erobert hat, sind Luthers Schriften sonst im allgemeinen in Schanden nur maugelliaft bekannt. DeUl fotj» die ‘neue* ^Ausgabe abhelfeü. Sie beruht auf gründlicher. !vissei!schaftlick>er Bvrbei'eitung; eine Anzahl hervorragelrder TlMilogen, besonders solckie an den Universitäten Npsale und Lund, haben die Gru.ndla» 7 en der Ausgabe geschaffen. Im ganzen ist die Beröfsenltic!,ung auf sechs umfangreiche Bände bereckinet, die die Hauptschriftan des gtefornmtocsi mnfassen sollen. Don ersten Band hat Upsale, den zweiten Lund üliemomMlen. ihr Ersckieinen wird bereits für den Sommer dieses Ialyres in Aussick)t gestellt: ivährend die übrigen Bände möglichst in rascher Folge dmrn zur Beröfsentlichmrg gelmrgeu sollen. Es steht zu hoffen, daß dank dieser MrS^pabe auch die außerordentlick« literarische Leistung und Meistersck«ft Luthers ln Schlveden mehr Berstäudnic- als bisl^r finden wird.
= Höch ster Porzellan. Tie Versteigerung von 34 Figuren aus der ehemaligen Porzellan-Manufaktur Höchst a. M., die dieser
Tage bei Lepke in Berlin ftattfanb, brachte außerordentlich hohe Preise. So erzielten die Gegenständo „Mädchen vor einer Schlang« stiehend" nnd .Knabe von einem Hündchen anaesallen" -5 400 Mk., die beiden Stücke ^Knabe als Sultan^ und ^Älädchen als Sultanrn^ 1b ^00 Mk.. der .Kalvarienbergs 15 000 Mk <der sich auch ,m Höchster Nluseum befindet), eine Iabreszeitengrnppe 7000 Mk^ eine Kindergruppe 6350 Mk., ein ^Leierrnann mir seiner Frau* 5000 Rlark usw.
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Zprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
lieber^ührt Und übergeführt.
In denr Geschäftszimmer dc'r Eisenbahnl^ainten tvar eiu Streit darüber ausgebrvchen, ob es heißem müsse: Der Wagen wurdc- au.f das Nebengeleise ickerführt oder über'geführt. Mit :vac!ün:der Hartnäckigkeit behauptete jeder seine Meinung, und sckn-./i : .<-n>s and) der Sickere unsicher. Weibes sich um eine aimlicke Bekannt- mackntng bandelte, die dock, der Richtigkeit des Ausdruck:» '.rnrbild- lick sein mußte, so w-ar die Verle.wnh'ü: groß. Da !-.u.e den Abteilungsvorsteher euren glücklick-cn Einfall. En ries Inu d den Ferniprecher seinen Freund aus dem Sprackocweni an: .Verzeihen Sie, bitte, wie nmß cs heißen: Der Wagen nnmV auf M • Neben- geleise überführt oder übergeftrhrt?" „Darüber entscheidet dock der Sinn! lieberführen kann bedeuten hinül^riiihreu oder Beioeisgimude für etwas Vorbringen, dessen jemand beschuldigt wird oder das er leugnet." „Aber das ziberzeugt nicht jeden von ua - „Dann: hören^ Sie auf die Betömmg dcn Nennform. Heißt e:» den Wagm überführen, dann betonen nstr den ersten Bestandteil .Präsixi des Zeitworts: l-eißt es dagegen einen Beschuldigte! übcnicknru, dann! legen rmr den Don auf den zweiten Besvaudtell." „Ja, aber u»ir sind hier ans verscksiedenen Gegenden und dcieneu diese Z eit wo N er nicht gleicknnäßig." „Dann achten Sie darauf, wie wir vcr,ähren, n»enn »vir die Gcctenwart anwenden. Wir trennen die Zusammen^ setznng. wenn sie hmüberMren 1>edeutet. und sagen: der Fgbrnttm» führt das Schiff über den Fllrh: im an.dern Falle aber tremums »vir nicht Ilmd sagen d der Richter überft'ilm dcm Angel iogseu Nelnnen Sie also Sinn. Betonung und Trennung zu Hufe, dann konintt das rickftige Deutsch zum Vvrschoin." „Aha. mm bür ich sc'der meines Irrtums ül^erfühtt. Der Wagen wurde also nbera int. Danlle, wackerer Retter ün Eisenbahnunglück!" Tesch (Kölu)^


