Nr. 77
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Beilage«: ^«ietze»er KamMenblStter" und ^Lretrblatt für des «reis Sietze»".
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167. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Samstag, 31. März INI?
Zwillingsrimddruck und Verlag: Brühl'jcheUniversiläts-Buch-u.Steindruckerei. N. Lange, Gießen.
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Schriftleilung: 112.
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Mb. Deutscher Reichstag.
90 . Sitzung, Freitag, den 30. März 1917.
Am BundeSvatstifche: Kriegsminifter v. Stein, Staat- ^ f reie r e Dr. Helfferich.
Die Herabsetzung der Mndestslrasen beim MiiikSr.
Der Ausschuß, Wer dessen Verhandlungen Abgeordneter Dr. van Calker (nall.) Bericht erstattet, empfiehlt die Vorlage »»verändert anzunehmen und legt folgende Entschließung vor:
Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, dahin zu wirken, daß den bis zum Inkrafttreten dieses Gesetzes abgenrteilten Militärpersonen die Vergünstigungen dieses Gesetzes durch Gnadenerlasse der KontingentSherren gewährt werden.
Sin sozialdemokratischer Antrag will einfügen, daß ein Untergebener, der eine von einem Vorgesetzten zngefügte Körperverletzung durch eine Beleidigung oder Körperverletzung auf der Stelle erwidert, für straffrei erklärt werden Harm.
Anträge der Sozialdemokratischen Arbeits-- a e m e i u , ch a f t verlangen weitergehende Minderung der Mindeststrcvfen. gleichfalls Strasfveiheit bei sofortiger Erwiderung einer Körperverletzung; für den Fall der Ablehnung dieses Antrages soll die Strcffsreiheit dann eintreten, falls dem Untergebenen nicht nachgewiesen wird, daß er durch seine Tat nicht seine Ehre oder die Unverletzlichkeit seines Körpers verteidigen wollte. Endlich sofll das Gesetz rückwirkende Kraft für alle seit dem 31. ’J^mi 1914 abgeurteilten, noch nicht völlig verbüßten Strasfälle erhalten.
Bon beiden sozialdemokratischen Fraktionen ist weiter die Aufhebung des § 152 Absatz 2 beantragt, tvonach derjenige mit Arrest bestraft wird, der wiederholt und leichtfertig aus unwahre Behauptungen gestützte Beschwerden oder eine Beschwerde B»ter Abweichung von dem vorgefchrieckenen Dienstweg einbringt.
Abg. Landsberg (Soz.) begründet die Anträge seiner Frak- üon. Es ist ein unwürdiger Zustand, daß ein Untergebener, der eine Körperverletzung durch eifte Beleidigung oder Körperverletzung auf der Stelle erwidert, unter allen Umständen bestraft worden muß. Gesetzesbestimmungen, welche das Beschwerderecht hemmen, müssen beseitigt werden.
Abg. Stadthagen (Soz. Arft.-Gem.) begründet die Anträge der sogialdemokraitischen Arbeitsgirmeinschaft.
General v. Langermann wandet sich gegen die Anträge. Den Soldaten kann kein Widervergeltungsrccht eingeräumt werden. das würde die Disziplin untergraben. Alle Urteile ohne Ausnahme, die unter die Paragraphen dieses Gesetzes fallen, werden rn wohlwollender Weise rmchgeprüft werden. (Beifall.) Die Entschließung des Ausschusses wird angenommen. Die Anträge beider sozialdemokratischer Fraktioneit werden äbgelckhnt. Dos Gesetz wird irr der Fassung des Ausschusses einstimmig end- ^l^angenommen; es tritt mit bem Tage der Verkündigung
Der Haushaltsplan für den Reichskanzler und das Auswäriige Aml.
Die Aussprache wird fortgesetzt. Mit zur Verhandlung Sehen ein« Reihe von Entschließungen Eine Entschließung Dassermanu (natl.) fordert die Bildung eines besonderen Ausschusses von 28 Mitgliedern (Verfassungscmsschuß) für die Prüfung verfassungsrechtlicher Fragen, insbesondere der Zusammensetzung der Volksvertretung und chres Verhältnisses zur Regierung. Ein Antrag Dr. Ablaß (Fortschr. Vp.) ersucht den Reichskanzler, unverzüglich dahin zu wirken, .daß in allen Bundesstaaten eine konstitutionelle Verfassung geschaffen werde mit einer' Volksvertretung, die auf allgemeinem, direktem, gleichem »nd geheimem Wahlrecht beruht. Die Sozialdemokraten fordern einen Ausschuß zur Vorberatung von Reformen, die auf die poetische Neuordnung im Reiche abzielen. Diesem Ausschuß sollen die anderen Anträge überwiesen werden. Die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft hat ihr Arbeitsprogramm als Entschließung eingebracht.
Abg. Haase (Soz. A.-G.): „Du sprichst vergebens viel, um zu versagen, der andere hört von allem nur das Nein!" Der Kanzler hat gestern ausgesprochen, daß an dem preußischen Dreiklassen- wrchlrecht nichts geändert werden solle, und das in einer Zeit, wo die Flammenzeichen der russischen Revolution durch die ganze Welt leuchten. Die Arbeitsgemeinschaft hat den russischen Sozialisten einen brüderlichen Gruß gesandt. (Beifall auf der äußersten Linken.) So wie der Kanzler gestern war, war er immer. Er braucht nur einige schillernde Seifenblasen in die Luft zu stoßen, und das Entzücken weiter .Kreffe rst groß. Es genügt schon, daß er nur etwas Schaum schlägt. Gilt es aber, an die Stelle unbestimmter Phrasen die bestimmte Tat treten zu lassen, dann vertagt er. Wer geglaubt hat, daß der Reichskanzler als kühner Ritter den konservativen Drachen erlegen würde, der hat sich getäuscht. Die Konservativen haben in der inneren Politik über den Reichskanzler gesiegt, wie Tirpitz in der äußeren. Der Geist Schorlemers. Loebells und Tirpitz' herrscht.
Die gestrige Absage des Kanzlers war ein Peitschenhieb in das Gesicht der breiten Massen. (Präsident Dr. Kaempft erklärt diese Angrrfse gegen den Kanzler für unzulässig.) Der Kanzler hat einen Zukunstswechsel ausgestellt. Keiner seiner Nachfolger wird sich an seine allgemeinen Redensarten gebunden halten. Ich denke nicht daran, mit einer Revolution zu drohen. ES fft aber bezeichnend, daß auch Personen aus höheren Sphären, aus konservativen Kreisen ein sehr merkwürdiges Interesse für eine Revolution bekunden. Denken sie an Rußland, Frankreich, Italien, Irland, Aegypten, Jsdien. Auch die alldeutschen Kreise spielen mit diesem Gedanken. Der Münchener Freiherr von Gebsattel hat erklärt, wenn wir auf Annexionen verzichten würden, dann wäre die Folge eine Revolution. (Hört, hört! ünks.) Dann würde das Volk sich erhoben, die Monarchie würde gefährdet, ja gestürzt werden. ^Hört, hört! 'links.)
Wir lehnen es ab, dem Chauvinismus auch nur die kleinste Konzession zu machen, wir fühlen, die Leiden unseres Volkes, aber wir kennen auch die der anderen Völker. (Lebhafte Zustimmung b. d. Soz. Arb.-G.) Niemand verlangt einen Wahlkampf tm Errege, aber es gibt keinen Soldaten, der nickt froh wäre, wenn lnzwi,chen das Wahlgesetz so geändert würde, daß der Preuße mcht langer ein Paria neben dem Süddeutschen sei. Wir verlangen mcht mehr als die Gleichbeit der Bedingungen. Gegen die § “JL? P e i * l" ck u n g des FidfikoMißgesetzes tat der Reu^ranzler nichts, er apellierte sogar au das Entgegenkommen ver Linken; man hat die Warenumsatz- und Kohlensteucr gemacht und mutet v"s eine Verschlechterung der Rechtspflege zu. mau bai
l-'l ^ ° " 6 / s «tz e angekündigt und da sollte I zum heutigen Tage nicht von diesem Angebot gehört haben, wenn
\tin . l In Rußland Volkssouverä- die Vereinigten Staaten es nicht für richtig gehalten hätten, diese J-Ia «rHü® über die Staatsform durch eine konstituante — auf nicht einwandfreiem Wege in ihre Lände gelangte Instruktion Uno welche Rechte haben dre als aufgeklärt gepriesenen Massen zu veröffentlichen. Das Verhalten der amerikani- ber uns? Van diefem Schlag wird sich das Gottesgnaden tum ' ' nirgendwo mehr erholen.
Die Geschichte zeigt, daß die sozialdemokratische Forderun« an f Einführung der Republik — die uns der Kanzler . in ? lc Rumpelkammer zu legen riet — noch sehr lebens- krastlg ist, in der Zeit, da die rote Fahne auf dem W i n t e r p a l a st wehrt. (Lebh. Sehr richtig! b. d. S. A.-G.)
Wenn Rußland mitten im Kriege die gewaltigsten Verfassungs- anderungerl macht, ja muß sich dann den Massen nicht der Gedanke aufdrangen, daß bei einigem guten Willen Reformen in Deutschland möglich sein müßten?! Die Einführung des gleichen Wahlrechts in Preußen wäre kein Staatsstreich, wäre nur Gutmachung alten Unrechts, und Reichstag und Bundesrat könnten dies ohne weiteres tun. Der Reichskanzler liebt es zwar, von Zeit zu Zeit eine Verbeugung vor dem Geist der neuen Zeit zu machen, aber er regiert nach wie vor im alten Geist!
Früher hieß es, die Frau gehört ins Haus. Heute bedroht mau Frauen, die nicht in Arbeit gehen wollen, mit Entziehung der Kriegsunterstützung; sie hatten den ganzen Produktionsprozeß aufrecht — sie müssen auch das Wahlrecht haben. Der Anachronismus des Herrenhauses muß beseitigt, die Ausnahmegesetze aufgehoben werden. Den Polen muß man entgegenkommen, das Jesuitengeseh wird aufgehoben — nur die Arbeiter gehen leer aus, man denkt nicht daran, die gegen sie gerichteten Gesetze und ihre Ausführung zu beseitigen. Wir fordern eine Amnestie für alle Mitischen Delikte, die Enthaftung aller Schutzhäftlinge, die man für das Reich gefährlich nennt, das doch zum Siege schreitet. Unser früherer Kollege Liebknecht wird im Zuchthaus wie ein gemeiner Verbrecher behandelt (Hört! Hört!) b. d. S. A.), Rosa Luxemburg ist seit drei Vierteljahren in Schutzhaft, zahlreiche Meirichen sitzen nn Gefängnis, weil sie für den Frieden eingetreten sind. Die Regierung glaubt, Konzessionen an die Arbeiter nicht nötig zu haben, iveil auch Arbeitcrvertreter ihre Kriegs^
Politik unterstützen. (Sehr wahr! b. d. S. A.)
Die russische Revolution legt uns die Verpflichtung auf, ohne einen Augenblick zu versäumen, Friede nsverhandlarn- g e n e i n z u l e i t e n und zu raschem Abschluß zu bringen..
Der Reichskanzler muß -die preußische Geschickte nicht kennen, toenu er es als Legende hinstellt, daß die preußische Regierung den Zarismus nie unterstützt hacke. Lat sie nicht russische Spionagebureaus gegen russische Freiheitskämpfer, die hier ruhig studierten (Ackg. Ledebour: »Schiiorrer und Ver
schwörer!"), auf deutschem Boden geduldet, hat sie sie nickt über die russische Grenze ausgewiesen, hat sie nicht schwarze Kabinette zur Aufdeckung des Schriftenschmuggels nach Rußland unterhalten, hat sie nicht noch 1904 in Königsberg deutsche Bürger wegen Beleidigung des Zaren des Hochverrats angcklagt? (Stürmische Zustrimnung b. d. S. A.) Die russischen Arbeiter wollen, daß der Massen'schlächterei ein Ende gemacht wird. Tscheidse. und Kerenski haben cs erklärt, freilich hat rnau auch L^erenskh wie üblich, Vertreter feindlicher Interessen vorgeworfen, ivie allen, die tm höchsten Interesse des eigenen Volkes den Frieden fordern.
Das Friedensangebot vom Dezember war von Siegergeckerden be- ßkiiet — ich erinnere an den Arrneebefebl und die Rede eines jungen Herrn in DdühlHausen! — und dadurch) zum Scheitern verurteilt. Alle müssen erklären, daß sie keine Annexionen und keine Kriegsentschädigung fordern!
Der verschärfte U-Boot-Krieg hat allerdings die Möglichkeit, zum Frieden zu kommen, crschioert, hat selbst China unseren Gegnern zngejellt und die Stimmung überall gegen uns beeinflußt. Wie will Dr. Znnmcrinann Riexiko Arizona und Neu-Mexiko verschaffen? Der japanisch-amerikanische Krieg ist auch nur so e^n Dogma, wie es so lange der russisch-englische loar. Wohl aber ist die Kriegsstnnmung in Nordamerika gewaltig gesteigert. Das Neujahrs-Losungswort des Herrn v. Tirpitz „für 1917 sei Flandern die Losung!" ist zur Parole des Kanz-- lcrs geworden. . Brauchen wir die unbedrückten Flamen"
befreien? Sie hatten doch die Mehrheit im belgischen Parlament und eine eigene Universität wollte ihre eigene Bourgeoisie nicht. Geben Sie doch erst mal das, was die Vlamen schon hatten, den Polen, Dänen und Elsaß-Lothringern! Der vor den Alldeutschen immer mehr zurückweichen de Kanzler ist im Banne des Generalgouverneurs v. Kissing, der jenen gebeimnisvollen Hocnsbroechantrag im Herrenhause miteingebracht'hat.
Sämtliä)e Regierungen haben bewiesen, daß sie den Krieg weder verhindern konnten, noch ihn beendigen können. Der Militarismus muß beseitigt werden, nur durch internationale Vereinbarungen kann die so lange bestandene Freiheit der Meere wieder- hergcstellt werden. Die wirtschaftlichen Scheidewände müssen fallen. Statt Militarismus Selbstverteidigung, Brot, Frieden,
Freiheit! Sofortigen Waffenstillstand und Einleitung der Fric densverhandlungen unter Verzicht aus Annexionen und Kriegsentschädigungen. Wen aber die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit! (Lebh. Beifall b. d. S. A.)
Staats)ekrctar des Auswärtigen Amtes Dr. Zimnlcrmaun: Nachdem bereits gestern Abg. Noske meine Instruktion nach Mexiko als kein Meisterstück bezeichnet hatte, hat soeben der Vorredner eine scharfe Kritik daran geübt. Daß ich durch meine vertraulichen Aussi'lhrungen in der Kommission den Abg. .Haase nicht überzeugen ivürde, war inir selbstverständlich klar, eine stille Hoffnung hatte ich immerhin, daß Abg. Noske die Sache etwas milder beurteilen würde. (Heiterkeit.) Im Gegen )atz zu der hartnäckig austretenden Behauptung, ich hätte einen Brief.an Herrn Carranza geschrieben, stelle ich fest, daß davon^ lelckstverständllch keine Rede ist. Diese Naivität habe ich natürlich nicht besessen, sondern eine ganz geheime Instruktion in geheimer Sprache an unseren Vertreter iit Mexiko gerichtet anib dazu einen Weg benutzt, von deni ich annahm, daß er absolut sicher wäre. Darüber, wie die Jiistriiktion in die Hände der Amerikaner gefallen ist, sind die Ermittcliingcn noch nicht ab- geMossen.
Wie allgemein bekannt ist, habe ich den Kaiserlichen Gesandten von Llntze beaus!i.agt, m i t d e m Präsidenten Carranza Vir 1111 Ö 6 " nehme n, ihm ein Bündnis mit Deutschland vor zuschlagen und gleichzeitig Vermittlniig für den Anschluß Iapalis an die)es Bündiiis nahe zu legen. Ich lzabe aber zugleicki - was abfl. .^aase mit dem Flmdum der Weisheit, das er bei mir ver 'Nlbt, offenbar vergessen hat — erklärt, ich hoffe, daß trotz des U-Boot-Krieges die Neutralität der Vereinigten Staaten aufrecht erhalteic würde, und daß die Instruktion nur für den Fall aus- gpftlhrt werden soll, daß und nachdem die Vereinigten Staaten uns den Krieg erklärt haben, n a ch d c m also der Kriegs a u s b r u ch in den Vereinigten Staaten s c st st e h t. Ich glaube, diese Instruktion ist gegenüber den Vereinigten Staa ten absolut loyal. Daran kann niemand etwas aussetzen, und Herr Präsident Carranza, Japan und die übrige Welt würden bis!
schen Regierung konstatiert doch ganz erheblich mit dem loyalen Verhalten der deutschen Regierung. Auf unsere Note, die in durchaus ruhiger Weise und unter Vermeidung jedes aggressiven Tons unseren Standpunkt feststellte, hat der Präsident der Vereinigten Staaten es für angezeigt gehalten, in außerordentlich schroffer Weise sofort die Beziehungen mit uns abzubrechen. Unserem Botschafter ist nicht mehr Gelegenheit gegeben worden, unser Verhalten zu begründen und nähere Ausführungen für unfern Standpunkt zu machen. (Hört, hört!)
Die Regierung der Vereinigten Staaten hat es also abge- lehnt, mit uns zu verhandeln, sich dagegen unverzüglich an sämtlichen Neutralen gewandt und sie zum Anschluß an die Vereinig- ten Staaten und zum Bruch mit Deutschland zu veranlassen gesucht. Jeder Vorurteilsfreie wird darin wohl ein feindliches Verhalten der amerikanischen Negierung finden: in dem Moment, wo sie noch nicht im Kriege mit uns war, hat sie es als ihr gutes Recht betrachtet, die ganze Welt gegen uns aufzubringen. Dian wird uns nicht das -Recht be st reiten können, uns nach Bundesgenossen für den Fall umzusehen, daß sie uns den Krieg erklärt.
Nun hat der Vorredner auf die große Entrüstung in den Vereinigten Staaten hingewiesen. Gewiß, die Sache ist zunächst ausgLnutzt worden zur Hetze gegen uns. In- zwischen hat sich der Sturm längst gelegt. Ruhige vernünftige Politiker und die große Masse des amerikanischen Volkes haben emgefehen, daß gegen diese Instruktion nichts einzuwenden ist, ich verweise besonders auf die Rede des Senators Underwood.
Mexiko ist Nordameri^ka Nachbarstaat, und wenn wir Bundesgenossen gegen Nordamerika gewinnen wollen, so würde zunächst einmal Mexiko in Frage kommen. Unsere Beziehungen zu ihm sind seit Porsirio Diaz sreundschalftliche und vertrauensvolle. Das trifft aber nicht zu für die cvmerikanisch--mexckr»nischen Beziehungen. Die Abneigung der Mexikaner gegen die Ameri- kaner ist alten Dalums und wohöbegründet, und auch zwischen Amerika»«- Japan bestehen alte weltbekannte Gegensätze. Ich stehe^ iiicht an, hier zu behaupten, daß diese Gegensätze allerdings stärker sind als^ der deutsch-japanische Gegensatz trotz des Krieges zwischen Deutschland und Japan. Die Beziehungen zwischen Japan und Mexiko sind auch altbekannt. Es wird ja die Annahme, vertreten, daß beide Völker gleichen Stammes sind, und es bestehen zwischen ihnen alte vertraute Beziehungen. Wenn es aber sogar als „schamlos" bezeichnet wird, daß wir überhaupt daran denken, einen Bundesgenossen von der Entente abzuziehen, so muß ein derartiger Vorwurf eigenartig berühren (sehr richtig!), nachdem unsere Feinde sich kein Gewisseii daraus gemacht hal>en, zwei Völker, mit denen wir durch mehr als dreißigjährige Ver- träge verbunden waren, von uns abzuziehen und ein altes euro. päischeS Kulturvolk durch unerhörte Zwangsmitdel ihnen Würaschen geffigig zu machen, versucht haben. Es war meine Pflicht, an» luciterc Feinde möglichst fern zu halten. Daß die Frage IRcxiko- Japan dazu geeignet war, kann nicht in Abrede gestellt NeÄev. Es war nicht nur mein Recht, sondern meine patniotffche Pflicht, so zu handeln» wie ich es getan habe. (Beifall.)
Vizepräsident Dr. Paasche teilt mit, daß über den sozialdemo» kratischen und über den nationalliberalen Antrag namentlich abgcstimmt werden wird.
Abg. Dr. David (Soz.) wendet sich gegen den Abg. Haase.
Haase behauptete, Deutschland könne den Frieden haben, wenn es aus Annexionen verzichte. Das stimmt nicht. Meine Partei hat an die ausländischen Sozialisten einen Aufruf zu einem annexionslosen Frieden gerichtet. Man hat das ackge- lehnt. (Hört, Höft!) Die Franzosen wollen durchaus Elsaß- Lothringen annektieren. Wir begrüßen es außerordentlich, daß der Reichskanzler gestern an die Adresse der neuen Herren in Rußland die Erklärung gerichtet hat. daß wir uns in die russischen Verhältnisse nicht einmischen. (Beifall.) Das waren vortreffliche Worte. Die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes stimmt ihnen zu. Freilich hat sich der Reichskanzler damit gegen die Militärzensur vergangen. Denn die Magdeburger Militärbehörde hat der Presse erklärt, es dürfe nichts erscheinen, was wie eine Zustimmung zur rusfisischen Revolution aussiehl. (Lebh. Hört, hört!)
Wir sehen voraus, daß die Friedensbereitschaft der deutschen Regierung sich nicht nur auf Rußland bezieht. Ein Separatfrieden ist nicht so leicht. Herr v. Graese hat sich ja gefreut, daß unser Friedensangebot scheiterte. (Hört, hört! links.) Und in Hamburg sagte ein Alldeutscher: „Wir können Gott auf den
Knien danken, daß unser Friedensangebot abgolehnt wurde!" (Pfuirufe links.) Das geht gegen den Kaiser, der sich mit seiner ganzen Persönlichkeit dafür eingesetzt hatte. (Sehr richtig! links.) Die „Deutsche Tageszeitung" und Graf Reventlow waren ebenfalls gegen das Friedensangebot. In dem Hirn dieses M<mneS stellte sich die Möglichkeit einer Verständigung mit England als die größte Gefahr dar. Diese Herren haben Angst vor dem Frieden! Es ist ein Wahn, Deutschland könne eine Weltver- schlinguugspvlitik treiben! Wenn Bethmann ftch von den Alldeutschen sangen ließe, dann gäbe es einen Konflikt mit Oester- reich-Ungarn, wo man von diesen alldeutschen Plänen nichts wissen will. (Sehr wahr!) Die Herren von der Rechten wollei' aus ihre Vorrechte nicht verzichten. Darum sin>d sie gegen die Neuorientierung. Nachdem nun das Wahlrecht zur russischen Duma gefallen ist, steht die preußische Duma ganz isoliert.
Bei der Z w i t t e r st e l l n n g der R e i chs r e g i e r u n g müssen alle Vorlagen im Reich eine preußische Vorzensur durchlaufen. Der Gegensatz zwischen Reich und Preußen, der sich jetzt im Kriege entlädt, muß beseitigt werden. Ein Glück, daß der Reichstag als Kontrolliustanz dem spezifisch preußischen Geist die Klauen beschneidet! . Ohne den Reichstag wäre nicht am 4. August 1914 die erste große Schlackt gewonnen worden. Ohne ihn wäre das russische Vorbild vielleicht nur ein Abbild getvesen. Dcis heutige Dreiklassenwahlrecht und die jetzige Zusammensetzung deö Herrenhauses sind im Schatten des russischen Zarismus und von ihm gefördert, entstanden. Deshalb mag angesichts der Vorgänge in Rußland im Herrenhaus eine Art Erdbeben stattsinden. Das Fideikommißgesetz hält auch einem Idioten die Bahn frei im wirtschaftlichen Kampf.
Herr von Oldenburg-Januschäu will nur für 9bis 10 Ma r f der Stadt Berlin Kartoffeln liefern. (Pfui!) Wo bleiben die besonderen Leistungen der bevorrecht:g- tcii Herren? Ihre einzige Leistung i st ihre G c - b ii r t. (Heiterkeit.) Mau sträubt sich gegen ein modernes Wahl- recht, weil mau dem Parlament nickt „das P o r t c m o u n a i c der Besitzenden " auc-liefern will. Deshalb der Kampf gcge,i Meuorwutiermig iu,.d Kanzler. Wenn der Kanzler nicht den Kampf mit den preußischen Jnstauzeu siegreich durc^issühren ver. mag, hat ex nch nrit seiner Rede vom 14. :Rärz im Abgeordneten-


