Nr. 69 Sweltes Blatt
Erscheint tl-Nch mit Ausnahme des TanntagS
chr. Jahrgang
vetlagen: „Giehener FamlllenblLtler" und „Xrelsdlatt für den «reis Stehen".
Postscheckkonto: Zranksurt am Main Nr. U686. Vankverkehr: Gewerdebank Stehen.
Giehene . Zeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Donnerstag. 22. März 1917
ZwtlltngSrundoruck und Verlag:
B r ü hl'fche Unwersuät»-Buch-u.8telndruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriftleltung. Seschästrstelle und VruSeret:
Schulstrane 7. Geschäfts,teste u. Vertag:
Schrifttettung: fe* 112,
Anschrift für Trahtnachrlchten: AnzttgerGtetzen.
Frankreichs neue Männer.
Es icb höttsit bezeichnend für die verzweifelte Unruh?, Cnc derzeit tu Frankreich angesichts der russischen Revo- lutron herrscht, daß man gerade den alben Alexander Ri b o t zunr ?tachsi>lger Briands, znrn Ministerpräsidenten und Außemntnister ansgerufen hat. Dieser 75jährige, überlebte Grers kann im Stnrnr des dritten Kriegsjahres unmöglich das ^taatsruder halten, das dein geschickteren und zäheren Briand entglitten ist. Llber Ribo-t ist ein Name, ein flammendes Sclsild gen Rußland hin. Ribot war der Sclwpfer des russisch-französischen Bündnisvertrages. Ribots Federzug rst auf dem Pergament zu sehen, ans dem sich einst Jswolski dem Revanck-eteufel Frankreichs verschrieben hat. Ribvt soll das von Fieberschauern geschüttelte Rußland an seine „ewt>ge" Pflicht gemahnen. Ärs diesem Grunde ließ man ihn nicht lätrger im sttllen Finanzministerium schlafen, fondern rückte ihn an die erste, an die sichtbarste Stelle. Einen andern Sinn und Zweck kann diese Beförderung nicht haben, denn innerpolittsch bedeutet er nichts weniger als einen Ausgleich, viel eher einen Sprengstoff. In der langen Zeit seiner Zugehörigkett zum Senate entfremdete er sich der Deputiertenkanrmer, und daran hat auch sein Eintagsmini- sterimn kurz vor Kriegsausbruch nichts geändert. Mit der jungen Generatton der Politiker und ihren Zielen hat er keine Fühlung, auch nicht mit den Südfranzvsen, die" man letzl zugezvgen hat, um die mit dem Ktteg immer unzufriedener werdende „Provinz" zu versöhnen. Bor allem dürste das Mißtrauen gegen Rrbots klerikale Vergangenheit nicht ^schwunden sein. Während des Ministeriums Cvmbes bekämpfte Ribot unermüdlich die anttklerikale, soziale und finanzreformisttsche Polittk wird war überzeugter und erklärter Führer der ultranrontanen und rückschrittlichen Minderheit. Gewiß hat dieser Republikaner, der 1890/92 zum ersten Male Minister des Aeußern und dann dreimal Mi- tttsterpräsident war, eine Art politischer Verjüngung durchgemacht und sich in einigen Refvrmfragen wenn nicht dem radikalen, so doch dem demokratischen Standpunkte genähert. Aber die Gruppen, die ihn jetzt an die erste Stelle herans- geftellt haben, glauben wohl kaum, daß es ihm ernst mit seiner Wandlung war, und wünschen sicherlich, daß er in nmerpvlitischen Fragen überhaupt keine Meinung habe. Denn das wäre gefährlich in dieser Kriegszett, die eine Wiederannäherung des französischen Volkes an die Kirche, eine über das Land gehende Welle des Konservattsmns und Royalismus gebracht hat. Um solche Schwankungen im Kabinett zu verhindern, war man, wie es scheint, bemüht, die Linksradikalen und Radikalsozialisten als Schutzwall tun den alten Ribot herumzubauen. Viviani blieb. Ebenso Malvy und Clementel. David war schon einmal Ackerbauminister. Nun ist nur Thierry an Stelle Ribots im Finanzministe- rinm, der halbblinde Pacifist Leon Bourgeois aus dem im kriege belanglosen Posten der sozialen Fürsorge und P a i n- leve als Kttegstninister. Painlevs ist ein kluger Kopf. Er war mit 35 Jahren bereits Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Er gilt als ein Mann der Tat. Das sagte man aber amh dein tüchtigen Herriot nach, der so auffallend rasch über die Lebensmittelkrise gestolpert ist und im neuen Kabinett fehlt. Auf den General Liautch folgt wieder einmal ein Zivilist. Allerdings ein „mathematiftl)er Kops". Ob man aber lediglich damit die aroßen Geheimnisse der Hinden- burgscheu Strategie, vor denen den Franzosen nachgerade bang und bänger wird, durck)fchauen und parieren kann, das rst doch sehr die Frage.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer.
Darm stadt, den 20. März 1 (Schluß.)
Zu Kapitel 36 Landesuniversität beantragt /
Abg. Brauer nachträglich eine redaktionelle Aenderung des Ausschußbeschlusses, die ohne Debatte genehmigt wird.
Es folgt die Fortsetzung der allgemeinen Debatte über die
landwirtschaftlichen Kapitel.
Abg. Grünewald sfr. Bpt.) erörtert die Frage der Rationierung, die er für richtig halte. Man könne sich aber in den zahllosen Bestimmungen gar nicht zurecktfinden. Er halte auch eine Äuskunftsstelle für Landwirte und einen besseren Ausgleich zwischen Stadt mrd Land für notwendig. Es sollten direkte Beziehungen mit den Lmtdwirten zwecks Lieferung ihrer Produkte, besonders Gemüse angeknüpft werden. Notwendig sei auch eine einheitlichere Regelung der Fischereiverhältnisse im Interesse der Volksernährung: besonders müßte die Fischlieferung besser ge- handhabt werden. Ter Redner polemisiert dann n. a. auch gegen die beiden Redner des Bauernbundes wegen ihrer Darstellung über das Leben in den Städten.
l?kbg. Senßfelder lBbd.) wacht noch in vorgerückter Stunde ausführliche Bemerkungen über die Lebensmittelversorgung und die Behandlung der Landwirte. Gr tadelst ns. a. die hohen» Preisforderungen für Speck, wobei Ministerialrat Sclfliephake ein- toirst: „Das ist ja gar nicht unser Speck?" Der Redner hegt dis Befürchttmg. daß die zwangsweise Speckabgabe die Hindeu burgspende beeinträchtigen werde. An dem gegerrwärtigen großen Kar- toffetmaugel feiert besonders die vielen Verordnungen schuld. Infolge der unzweckmäßigen Kartoffelmlfbewalwung sei sehr viel erfroren oder verdorben worden. Zum Schluß erörtett der Rednerz noch emgel-end die Frage der LebensncittelverbeiluTtg und anderes mehr.
Nachdem der Redner tnn l 1 / 2 Uhr seine AusLihrungen beendet, wird die Weiterberatung aus nrorgert vertagt. "
Nächste Sitzung: Mittwock» ftt'lh 9 Uhr.
8. Sitzung der neunten ordentlichen evangelischen Landeösynode.
Kirchenvat Dingeldey eröfsnete die Sitzung heute vormittag 10y 2 Uhr mit einer Rede, die wir im Auszug wiedergeben.
Meine Herren/ unser erstes Wott gelte heute, kurz nach dem 13. bezw. 14. März, unserem erlauchten Landesberrn, mit dem wtt an diesen Tageir die 25 jährige Wiederkehr seines Regierungsantrittes feierten.
^s gab eine Zeit in den vergangenen Monaten, da viele den Frieden näher glaubten. Aber heute stehen wir doch noch ..mitten im Krieg". ^ Ist unser Volk dieser Lage, dieser großen Ausgabe auch innerlich getvachseu V Ich denke, die Art, wie die deutsche Volksseele eine so große, sie fortwährend bewegende und erregte Umwälzung auch des beruflichen Lebens in sich verarbeitet, die fort nicht nur Verttauen bisher gerechtfertigt, sorrdern uns zu der guten Zuversicht verpflichtet, daß auch in den kommenden.
vielleicht rwch schweren Monaten cmser Volk die größte und wüls Gott letzte Prüfung gut bestellen wird.
Dem Jal/re 1917 wird die Resormationsjahrhundettfeier seine besondere Weihe geben. Wir wollerr es als eine Gottesfügnng hin- nchmen, daß wir die Feier im Kriege oder bestenfalls unter seinen unmittelbaren Nachtoirkungen begehen werden. Das kann und sott zu ihrer Klärung und Vertiefung beitragen. Tenn so viel an uns ist, soll diese Feier nicht eine Verschärfung dev Gegensätze bttngen, tvohl aber eure immer klarere und ckllge- mttnere Erfassung und Schatzung des in der Reformation unserem gesamten deutschen Volke gegebenen Gutes. Was wir von dieser Feier erhoffen, das ist nickst eine rasch verrauchende Begeisterung, ein Hurra-Patriotismus, oberflächlich und kraftlos, vielmehr eine Erweckung eines tieferen Verständnisses evangelischer Lebensauffassung dott, wo eine mehr ästhetische oder lediglich wirtschaftlich-soziale Geisbesrichtung das Auge für andere Welten geblendet 'hat. Gebe nrrs Gott der Herr das allgemeine Priestertum eines dankbar feiernden Volkes. Dann ivird dieses Jahr zwar ein Jahr ernstester Pttifung, aber auch reichsten Segens werderr.
Es folgt eine Reihe geschäftlicher Mitteilungen, worauf die neu ttntretenden Mitglieder Major Rogalla von Bieberstein, Synod. Fuchs. Synvd. Krapp der Siwode vorgestellt werden, woran sich die Verleftmg von Wahlprüfungsbettchten schloß. Den Gutachten des Wahlausschusses wird zugestimmt.
, Es folgt die Beratung der Vorlage des Großh. Oberkonsisto- rtums. den Voranschlag des Zenttalkirchenfonds für 1917—19 betteffend.
Wirft. Geh. Rat D. Nebel erläutert kurz die Vorlage, die zur Getvinnung des wäl>rend der dreijühttgen Voranschlagsperiode nöttgen Steuerbedarss ttnen Kirchensteuerzuschlag von 12 v. H. nicht von 12Vs v. H., für den Verhältnissen entsprechend hält
Ter Haiwtvoransclflag an Kirchensteuer ist mit 1548 950,5/: Mark vorgesehen, und das Gesamtsteueraufkommen unter Zuschlag der mögliä>en Nachträge mit 1570 000 Mark.
Ausgaben und Einna-hrnen sind mit 3 313 402,05 Mark gegen 3 043 297,55 Mark in 1916 vorgesehen.
In der Einzelberattutg wc-roen die Ausgaben ohne größere Debatte betvilligt. ebenso die Einnahmen.
Weiter kommt zur Bert-andlung der Anttag des Großh. Ober konpstottums auf Errichtung einer Pfarrstelle in Gustavs bürg. Der Ausschuß beanttagte Zustimmung.
Ter Antrag gett an len FinanzausMu , des Lb.rkonfistottums zurück.
Schluß der Sitzung 123/4 Ulw- — Nächste Sitzung: Mittwoch, vormittags 9 Uhr.
Ans Stadt «nd Land.
Dießen, 22. März 1917.
Unsere Gießener höhere Mädchenschule.
Zu ihrem 75jührigen Bestehen.
Bon Pros. Tr. M a r k e r 1.
Ueber die Errtstehungsgefchid':e unserer Gießener.Höheren Mäd- chenscknle war man bis vor kurzem völlig im unklaren, da sick üt beit Akten keinerlei Aufzeichnungen darüber erkalten haben. Eftt deit mülxsamen und höchst dankensie-erten Nachsvrschlmgen des Herrn Roallelaers Tr. Berger verdaitten wir^ es. daß uns wenigstens die wichtigsten Ereignisse aus den ersteit Jahren unserer Schule btckamtt geworden sirtd.
Nack>dem die Nealsäntte im Jahre 1837 eröffnet worden war entstand der Wunsch mtch für unsere Mädchen eine Schule zu grün^ den, die über das Ziel der VolÜsscliule hinausging. Einige angesehene Bi'irger Gießens itahmen sich der Saclie an und schon am 7. Juni 1811. bei der Neuordnung des städ.t'chen Schulwesens, wurde die neue Schicke eröftnct. Aus ibr l-at sich unsere heuliaä Höbere Mädck/vtsclmle entn-ickelt. d/e daher in dem nun zu Ende geheuixm Sckxuljahr ilw 75jühriges Bestehen feiern konnte.
Zlveck und Ziel der neuen Sch.ll.' tatte der dauialige Leiter des städtischen Schulwesens, Kirchen rat Dr. Engel, kurz in die Bemerkung zusantmeugefaßt, „sie könnte eine solcl>e Einrichtung er halten, daß sie das für die Mädchen w.nbe. was die Realschule silr die Knaben sey." Diesein Ziel ist die Schule erft in den letzten Jahrzehnten wesentlich näl^er gekommen. Zunächst war sie unter einem gemeinsamen Sckmlinspeklor mit den Volksschulen vereinigt und erst im Jahre 1880. als sie ihr damals neues Gebäude in der Schitterstrvße bezog, tvurde sie mtter einem eigenen Direktor selbständig. Nur die „Ettveitette Bolksschmle für Mädcheit" blieb, unter der Gesamtbezeichnmtg „Höl-ere und Erweiterte Mädä>en- schule", mit ihr vereftrigt. Die Enveiterte Mädäienschule ist bis heute auf ihrem alten Standpunkt stehen geblieben und mußte ebenfalls einmal gründlich mngestaltet werden, damit sie dem dringenden Bedürfnis weiter Kreise nach) einer zeitgemäßen Mädchenmittelschule ablielfen könnte.
Die Höhere V/ädchenschmle erhielt nach ihrer Tren-mmg von der Volksschule, die im gmtzen Reiche übliche Lehrversasfung. In zehn Klassen wukdett ihre SchKlettnnen vmn 6. bis zum 16. Lebensjahr mtterttchtet. Ta der staatliche Schulzwang nur für dis acht ersten Schuljahre bestand, wareit ihre beideit obersten Klassen meist wesentlich schwäch>er besttcht; 1888 gina die erste Masse mis Mangel <rrt Schülerürnen sogar ein, jalwelang ganz ein. Weni es nicht mehr in der Schule gefiel trat einfach aus, u.nd für viele gehötte es zum gatten Ton. die Sci)«u1e nicht gwrz durch zu machen, sondern sich aus midere Weiie. wenn möglich in einem ausländischen Peitswnat, tveiter auszubtlden. Sie war wie damals alle Höheren Mädchenschrlen inr wesentlichen eine Staudesschule, die nur eine sog. höhere Bildung vermitteln wollte, ohne Rücksicht cucs echte spätere zweckdienlich^ Verwendung. Dem eittspoachien aicch die Auswalil und die Behandlung^ des Unterrichtsstoffes. Neben Religion standen Deutsch und deittsche Literatur nett weitaus dew meisten Sttnrden an erster Stellt: ihnen schlossen sich die fremden! Sprachen, Französisch und Englisch, an. Mit weseittlich geringerer Stundenzahl folgten Geschichte und Erdkunde sowie Schreiben. Zeichnen, Singen und Turnen. Ittchnen und Nattrrkunde standen gegenüber den Sprachien stark zurück. Ter Naturgesächhtsunter'- richt hörte schon nach der dtttten Masse auf und in den beideit obersten Massen folgte nur raxb ettvas Physik die Chemie fehlte ganz. Das Rechnen ging zwar dutxlZ alle Klassen hirü>urck^. !-atte aber auf der Oberstufe mir ivöckKvttlich zwei Stundert, die für das Einüben und das Erwerben einer guten Rechenfertigkeit nicht aUsreulsten. Die SckMerinncn der obersten Klasse erreichten zudem im Rechneit erst mit 16 Jalnen dasselbe Ziel, das die Volks- schülerinnen schon nnt 14 Jahren und wegeit der grösseren Zahl von Wocheirständeit weil besser mtd sicherer erreichten. Die Schü- lettnnen, die vorher die Höhere Mädcl^enschtte verließen, blieben dattn, obwolst sie älter waren, weseittltch lstitter den Volksschüle- ttnnen zurück. Manä)es barte Urteil über den Mangel haften Nschemmterriätt an der Hölieren Ddädck>cnschule nmr dte Folge dieser Verhältnisse mtd traf mtgereclst dem bettefseitden Lelner. Tie vielfach noch heute herrschende Ansicht von der mangelnden Bmabung der Mädck)en fttr das Neelpteit ist wohl ztcm Teil ebeit- falls darauf zurück-uftihren. In deit ihr gesteekteit eitgen Grenzen hat unsere Höhere Mädchenschtte geteistet, was sie letsten konnte. Tie treue Anl-änglichkeit und Verehrung, die il)r viele Sckstlle- rinnen aus jener Zeit bis auf den l^utpfsn Dag bttvälirt btben. beweisen, daß man die Tätigkeit ihrer Lehrer irnt> Lehrerinnen dankbar ancrfcmitte.
Allmählich ändetten sich die Anschammgen über die höhere VLädchenfchulbttdung. Andere, ernstere Ausfassungen von der so
zialen Stellung der Frau im häuslichen und öffentlichen Leben, das verme'htte Bedürfnis nach Beruf und Erwerb, dre eme bessere Bor- und Verstandsbildung voraussetzten, dte erhöhte Bedeutung der Naturwissenschaften usw. verlangten dttngend nach einer zeitgemäßen Umgestaltung. Zunächst vereinzelt, dann immer häufiger und ttndttnglicher beschäftigen sich in Wort imb ^chrrft Berufene und vielfache auch Unberufene mit dieser Frage, und so entstand jene Flut von Schriften über die Madchenschulretottn, die den Beteiligten noch so lebhaft in Ettnnerung ist.
Da erschienen im Jahre 1908 die Bestimmungen über dte Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens in Preußen und brachten den Stein ins Rollen, denn auch die übttgen Bundesstaaten mußten nun ihr Mädchenschntwesen^ neu ordnen. Hessen folgte im Jahre 1913 und damit erhielt unsere Gießener Höhere Mädchenschule ihre jetzige Gestalt.*) ,
Jit der neuen Stundenverteilung behielten Religion. Geschichte und die ftemden Sprachen ihre frühere Stundenzahl bei. Deutsch gab eine Stnrtde an die neu eingesührte Kmistgeschichte ab. Erdkunde, Singen und Turnen wurden, Letzteres um drei Stunden, etwas in ihrer Stundenzahl erhöht. Sehr wesentlich,^ um 12 Stunden in der Woche, vermehrt wurde der früher so stark vernachlässigte Unterttcht in Rechneit und Mathematik. In den Naturwissenschaften behielt die Physik ihre alte Stuttdenzahß die Chemie. Eant mit vier Stunden neu hinzu. Tie Naturgeschichte oder, wie sie jetzt zum Unterschied von den übrigen Zweigen der Naturwissenschaft genannt wird, die Biologie, d. h. Lehre von den Lebewesen, ^Pflanzen, Tieren und Menschen, wurde bis in die ^oberste Klasse durchgefühtt. Um die Gesamtstundenzahl nicht zu stark zu erhöhen, wurde der Schreibunterricht um fünf ^tuTr- den gekürzt, wobei man annimmt, daß mtch durch die schriftlichen Arbttten in den Mttgen Fächern eine gute Handschrift zu erreichen ist, und in dear vier obersten Klassen wurde der Hand- arbeitsunterttcht wie in Preußen wahlfrei. Trotzdem ließ es sich nicht vermeiden, daß in den drei obersten Klassen die Wochenstundenzahl 30 überschatten wurde und der wissenschaftliche Nach- mittagsunterttcht wieder eingefuhrt werden mußte.
Auch die Lehrswfsverteilung und die Lelwvläne wurden von Grund aus umgearbeitet und den neuzeitlichen Anforderungen angepaßt. Sie schließen sich im wesentlichen denen der Realschule an, deren sechsjähriger Lehrstoff aus sieben Jahre verteilt wurde. Dadurch ist unsere Höhere Mädchenschule den Knabenschulen gleich- wettig geworden. Ihr Abgangszeugnis der obersten Klasse steht jetzt in seinen Berechtigungen sinngemäß dem Einfähttgenzeugnts! einer K'nabenrealschnle gleich.
Ter neue Lehrplan hat sich, soweit man das bis setzt beurteilen kann, gut betvähtt. ^Auch der Uebergang vom alten zum neuen verlief ohne größere Störungen. Schülettnnen und Unterrichtende haben sich rasch in die neuen, höheren Ansorderimgew gefunden, und bald wird man sich kaum noch vorstellen können, wie bescheiden ftüher die Ansprüche an eine höhere Frauenbildung gewesen sind.
Tie Zahl der Schülettnnen ist inzwischen gewaltig gewachsen, io daß leider das schöne neue Schulhaus in der Nordanlage für die beiden Schulen schon zu klttn geworden ist. Die Höhere Mädchen- sämle allein l)atte btt ihrer Gründung im Jahre 1841 80 Schülettnnen, 1866: 196. 1891: 294 und Ostern 1916: 471. Seit der Jahrhundertwende stieg chre Zahl um rund 50 Prozent, während die Einwohnerzahl Gießens nur um etwa 30 Prozent zunahm. Dattn drückt sich auch ttne zahlenmäßig zunehmende Bedeutung unserer Schule für die Bevölkerung aus.
Mit der Neuordnung von 1913 ist unsere Gießener Höhere Mädchenschule ttn vollgültiges Glied des hessischen höheren Schul- n>eiens geworden. Sie hat damit auch das Ziel erreicht, das ihr weitblickende Männer bei ihrer Grürtdung gesteckt hatten: sie ist im besten Sinne die Realschule für unsere Mädchen geworden.
Möge sich unsere Höhere Mädchenschule lociter günstig entwickeln zum Segen ihrer Schülerinnen und zur Ehre unserer Vaterstadt Gießen, damit sie bei ihrer Hundertjahtteier mit derselben Befriedigung auf ihre Tätigkttt zuttickblicken kann wie heute bei ihrent 75jähttgen Bestehen!
*) Näheres tn dem Lehrplan sür die höheren Mädchenschulen des Großherzogtums Hessen. Tarmstadt 1913, Staatsverlag, Preis 60 Pfg.
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Gießener Säuglingsheim.
Aus dem Jahresbericht des Gießener Säuglingsheimes für das Jahr 1916 stt folgendes auszugsweise wiedergegeben:
Gebuttenrückgang und Säuglittgssberblichkttt gaben schon vor dem .Kriege Anlaß zu ernsten Bedenken. Verhältnismäßig früh schon ging man in Gießen daran, diese für unsere Zukunft btt>rohlidtf Gefahr zu bekämpfen, und erttchtete im Jahre 1907 08 das erste hessische Säuglingsheim, die Milchküche und ttne Beratungsstelle. Im Jahre 1916 nahm das Gießener Säuglingshttm 119 (Säuglinge aus. Aics Raum- und Bettenmangel konnten nicht alle Au- meldtmgen berücksiclstigt iverden. In den meisten Fällen bandelte es sich unt Kinder von Kttegstttlnehmerit. 21 Säuglinge waren elielickier, 98 unehelickzer (Murrt, 67 männlichen und 52 weiblichen Geschlechts. Die verhältnismäßig große Zahl der unche'.iawu Kruder nn K r i e g s j a h r e 1916 ertlärt sich aus der Ausgabe der Anstalt, Men Säuglingen, deren Leben durch wangelnd« mütterliche Pflege gefährdet ist, ttn geeignetes Httm .zu bieten und dadurch die Säuglingssterblichkett herabzudrücken. ' Die meisten Kinder kämm in ihrer ziveiten Lebenswvckie zur Auniabme Der Gesundhcätszustand in der Anstalt war tm " Versioneneu ^abrr \m afigementen liefriedigend. Schwerere Erkrankungen kamen nur vereinzelt vor, Todesfälle an Mdagen- mtd Tarntkranklir-it- u —' une auch im Jahre 1915 — überlwupt nicht. Andere Krankheiten Masern, Waiserbtatten, Nasendiphtheriefälltt verliefen harmlos Tom mußte dte Anstalt wegen Infektionsgefahr für Neu- ausnahme zetttvetse geschlossm bleiben. Die Lttstungssähig- kett des Gtesrcmer Säuglingshttnrs beweist, daß im verflossenen Jahre uberl>auvt kein Todesfall zu verzeichnen war. Ein bereits bet der .lufnalmte, sonne 2 im Säuglingslieim erkrankte Kinder starben^ m der Klinik an Lungenentzündung bezw. allgemttner Körper,chwäche. Rechnet man diese drtt Fälle als Todesfälle der Anstalt, so ergäbt stch die außerordentlich geringe Sterblichktttszirser von 2,5 o/o, dte wohl nur sehr wenige Säuglingsheime auftnwttsen haben. Zur Ausbildung von Scl>ülettnnen in der Säuglings- i f l e g e und im M i l ch k ü che nb e 1 r t e b wurde ttn cm- zahnger prakttscher und theorrtisckier Kirttus abgehalten. In der M l l chk üchc kämm 19011 Liter Milch .gegenüber 12112 Liter im Jalwe 1915 zur Bevarbeittcng. Allster den gewöhnlichen Milci» mtsckmngen wurden auf ältliche Anordnung auch alle sousngen Tiatsormen für Säuglinge in der Stadt aligegebew Eine Erweiterung erfulw die Erstlingsstation. Ern neu lnuzukommendes •owj'mer wurde als Quarantänestatiou ttngettchter. samt« ftche Ämtglingszimmer erhielten Linoleumsußbodeubelaa. Die Wasckckück>e erftihr Verbesserungen. Die Vorsuamde. des Verein- Frau Bichl er. stiftete einen Windelschacht, der die Infektion^ gesahr lwim Transport d^w Windeln beseitigt. Frau Kom wer neural Deyligenstaedt eine Warmlvasst-reiurichtung. ferner Kinder» betten, ttnen Linoleumsußbodenbelaa mtd einen reichen (MMvtnni Ein wertvolles EKKclxnik bttxutteten die von Herrn Ewlxnmerat G g i l gestiftete großw Liege- und Schellialle nach Eitttvürfeu wm Aräntckt Metier, sowfl die praktisck-eil Ztüvendtmgen vcm Frau (Miennerat Gatl. Wettere beträchtliche spenden sind den Herren 'Prof


