Ausgabe 
3.3.1917 Zweites Blatt
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Hwt efcmtct notwendig, Soft orib Licht in dtefen all­deutschen Mauerschwamm zu bringen. (Beifall links.) Wenn einst die Geschichte dieser Trage geschrieben wird, dann wird sie diese Umtriebe als symptomatischen Beweis dafür an sehen, das; wir vor dem Kriege noch nicht zu den Entwicklungsstadien des öffentlrchen Lebens gekommen waren, die dieser Weltkrieg als Notwendigkeit und als ein Moment der Stärke für Deutschland erbrachte. Wir haben die .Kraft, alles zu überstehen. Wir haben vor dem Kriege keine Scharfmacher gebraucht und brauchen sie während des Krieges erst recht nicht, denn das deutsche Volk hat so selbstverständlich seine Pflicht getan, so heldenmäßig, so schön, datz alle Befürchtungen widerlegt worden sind. (Beifall links.) Die Haltung der Sozialdemokratie in diesem Kriege war geradezu glänzend. Wir stehen alle zusammen,'Stadt und Land/Bauern und Arbeiter. Alle Kreise geben ihr Bestes, auch der Adel, ivas wir gern anerkennen. (Beifall.) Politische Gegensätze bindern uns nicht, offen zu sagen, daß der Adel mit seinen Fuhrereigen schäften Ausgezeichnetes geleistet hat. (Beifall.) Nur soll er nicht so tun, als ob bürgerliche Führer nicht auch ihre Schuldigkeit getan. Das deutsche Volk hat gelernt und wird weiter lernen. Die Weltgeschichte wird dereinst das Volk als Sieger im Weltkriege bezeichnen, das am meisten aus dieser schweren Zeit gelernt hat, die wir in einer Konzentration der Stimmungen durchmachen und die es nicht nötig machen sollte, solche Auseinandersetzungen herbeizuführen. (Sehr gut!) Nur zur Vermeidung weiterer Gefahren war es einmal notwendig, Diefe Dinge öffentlich zur Sprache zu bringen. (Beifall links.)

Abg. Schiele ($onf.): Gegenülier der Mißhandlung unserer in Feindeshand geratenen Streiter muß die schärfste Vergeltung angewendet werden, für Vergnügungen in rrn seren Gefangenenlagern ist jetzt keine Zeit. So lange es noch keine Soldatencvusschusse gibt, darf es auch keine Kriegsgefan- genen-Ausschüsse geben. Für die Frage der Einführung des parlamentarischen Systems ist jetzt nicht die Zeit. Der Kaiser darf nicht zur Schattenfigur werden. Dem Abg. Bassermann, der an der Teilnahme an den Verhandlungen des Hauses verhindert ist, sprechen wir die besten Wünsche zu seiner baldigen Wiederherstellung aus. Dänisch e Zeitungs- vreldu-ngen stehen in einem gewissen Gegensatz zu den Erklärun­gen des Staatssekretärs des Auswärtigen über die deutsch- dänischen Verhandlungen. Aufklärung wäre notwendig. Der Abg. Keil täuscht sich, was unsere Soldaten mit ihrem Blute erkämpft haben, werden sie nicht herausgeben. Nicht nur die armeri Söhne Deutschlands sind treu, alle ziehen am selben Strang. Wir wollen nur eine Verständigung, die eine Folge unseres Sieges ist. Den Landräten, die zu scharfen Maß­regeln in der Ernährungsfrage griffen, fehlte es an Fühlung mit der Bevölkerung.

Es wird zu viel organisiert, wir organisieren uns fast zu Tode. Selbst die Seemuschel nrutz herhalten. Auch sie wird wohl so wegorganisiert werden. Es 'st ungerecht, daß in den Ar- beiterausschüffen des Hilfsdienstes nur Gewerkschaftler vertreten sind, die doch an Zahl nur -in Viertel der gesamten Arbeiterschaft ausmachen. D.e kleineren Betriebe dürfen nicht schematisch aus­gemerzt werden. Das beste Vertrauen wird bei unseren Kriegs- anleihezeichnern erweckt werden, wenn unsere Staats­männer Festigest bei der Forderung einer Kriegsentschä­digung zeigen. Ohne Kriegsentschädigung müßten wir nach dem Krieg von der Vermögenssubstanz im Reiche leben. Das Bleigewicht der Milliarden müssen die Urheber des Krieges tragen. .Kurland und Litauen wollen wir nicht herausgeben. In diesem Eldorado wollen wir uns neue Kraftquellen erschließen. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet wird es für uns heißen: Mensch sein, heißt Kämpfer sein. (Beifall rechts.)

Staatssekretär ^ Zimmermann; Der Abg. Schiele ist noch einmal auf die dänischen Verhandlungen zurückgekommen und hat sich dabei auf einen Artikel der Nationaltidende bezogen, der in der Vossischen Zeitung wiedergegeben ist, wonach die Verhand­lungen mit Dänemark über die Ausfuhr von Lebensmitteln nach England angeblich zum Abschluß gelangt sind und nunmehr die ^hiffe von Dänemark nach Norwegen und von Norwegen nach Aberdeen abgefertigt werden. Woher die Nationaltidende ihre NachricA herbezogen hat, ist mir unbekannt; aus amtlichen Quellen dürste sie nicht geschöpft haben. Amtliche Nachrichten zur Sacke, die etwa diefe Mitteilungen bestätigten, liegen mir nicht vor.

Wenn ich ans den Inhalt dieser unbestätigten Nachricht ein- gehen darf, so muß ich sagen, daß eine Dampferverbin­dung zwischen Dänemark und Norwegen mir an sich unbedenklich erscheinen wurde. Wir haben eine Handelssperre gegen unsere Feinoe ausgesprochen, wir haben aber nicht erklärt, daß wir den Verkehr zwischen den neutralen Staaten unterbinden würden. Wenn nun derartige Schiffe mit Lebensmitteln von Dänemark nach Norwegen abgehen und dann etwa dort diese Lebensmittel auf englische Dampfer überyeladen werden sollten, und wenn dann von Norwegen versucht werden sollte, diese Waren oder Lebensmittel nach England ernzu führen, dann würden diese Schiffe in unsere Handelssperre hineinkommen, und ich hoffe zu­versichtlich daß es unseren Unterseebooten gelingen wird, diese Schiffe in den Grund zu bohren und sie dem Verderben zuzuführen. Die Verbindung von Dänemark nach Aberdeen, die hier auck erwähnt worden ist, wird selbstver­ständlich von den betreffenden Unterseefahrzeugen ganz genau beobachtet, und ich kann das Gleiche für die Schiffsverbindung von Norwegen nach England» sagen. Ich hoffe, daß auch diese Schiffe von den Unterseebooten in den Grund gebohrt werden.

Ueber die dänischen Verhandlungen habe ich mich vorgestern ausgelassen. Ich habe alles gesagt, was ich sagen konnte. Diejenigen Herren, denen meine Mitteilungen nicht genügend find, bitte ich, auf meine Ausführungen in der Kom­mission verweisen zu dürfen, die ich auch heute noch vollkommen auftecht erhalte. Ich glaube übrigens sicher zu sein, daß ich

rn ganz kurzer Zeit schon auch der O essen tlichkeit

Erklärungen abgeben kann, die alle Herren, auch die­jenigen, die heute noch Zweifel hegen, die Ueberzeugung verschaffen werden, daß es uns mit der Handelssperre gegen England bitter ernst ist und daß wir keineswegs die Neigung haben, diese Handelssperre durch Zugeständnisse zu beseitigen. (Lebhafter Beifall.)

v. Gamp-Massauen (dtsch. Fr.): Dänenmrk hat augen­scheinlich das Bestreben, mit England nicht vollständig zu brechen, m 5.\- E?® n ßk rri & den zukünftigen Abnehmer seiner Produkte erblickt. Durch Verhandlungen während des .Krieges können wir es aber dahin bringen, daß Dänemark die Gewißheit echätt, daß auch Dänemark nach dem .Kriege nicht mehr auf England zu rechnen braucht. Amerika hat sich gefallen lasten die Ab- schl'.eßung von der Nordsee, will sich aber die Abschließnng von England nicht gefallen lasten, obwohl unsere Handelssperre viel rmmaner und rücksichtsvoller gegen die Neutralen ist als die Englands. Amerika hätte also alle Ursache, sich uns fround- ächer gegenüberzustellen. Es ist uns gelungen und wird uns weiter gelingen, die .Kriegskosten im eigenen Lande aufzu- bringen. Aber die Lasten werden nach dem Kriege sich doch sehr geltend machen, zumal dann neue Ausgaben für Invalide und öeanitenvermehriing hinzukommen werden. Die Invaliden soll man in erster Linie bei Besetzung von Beamterrstellen berück­sichtigen, ohne an sie besondere Anforderungen zu stellen.

In den Ausschuß zur Vereinfachung der Verwaltung sollten auch ReichstagSmitglieder berufen werden, um den Ressort- fanatismvS dämpfen zu helfen. Wenn das Reich die Bahnen bekommt, dann entsteht das Loch in Preußen, wäre das eine Finanzreform? Im großen und ganzen sind wir mit den neuen Steuern auf dem richtigen Wege. Dem Kriegs minister gebührt besonderer Dank für feine Erklärungen über unsere armen Kriegsgefangenen Das klang ganz anders als das, was das Auswärtige Amt sagen ließ; wir dürfen uns nicht: an Wehrlosen rächen. Dann erreicht man nichts. Auf einen Schelmen anderthalb! Unsere Gefangenen müsten menschlich behandelt werden. Sentimentalität und Humanität

fhtb^ nicht mehr angebracht, sie kommen hier einem Mangel an

Einsicht gleich. Der Abg. Haußmann hat dem Grafen Hoensbroech den Gefallen getan, seine Anregungen dem Reichstag Mitzuteilen imi ihm einige heitere Minuten zu verschaffen. Was hatte das für einen Zweck? Warum macht er soviel Aufhebens von diesem Blindgänger, der schon krepiert war"? Hoensbroech, der manche Wandlungen durchgemacht hat, war ia auch einmal Kandidat der Fortschrittlichen Volkspartei) sollte das ein Liebesdienst sein? (Zuruf links: Es war dock ganz interessant!) Ja, für solche Leute, die an schlechten Witzen Freude haben. (Heiterkeit.)

In der U-Boot-Frage hatten wir doch nicht so recht unrecht. Wir hatten schon vor drei Monaten genug Unterseeboote iind Mannschaften. Wäre damals -der Unterseekrieg verschärft worden, so hatten wir schon drei Monate verdoppelte Ergebnisse gehabt. Der Präsident des Reichstags hat die schöne Initiative gehabt, eine U-Boot-Spende ins Leben zu rufen. Möge es den U-Booten gelingen, uns bald den Frieden zu verschaffen.

Abg. Fürst Radziwill (Pole) wird mit Beifall begrüßt und dankt dem Präsidenten für die ihm bei seiner Rückkehr ausge­sprochenen Glückwünsche und allen Bekannten und Freunden für das ihm entgegengebrachte Entgegenkommen. Der Kanzler hat eine bedeutsame Rede gehalten und dabei in seiner markanten Weise den SatzToujours en vedette" zitiert. Auch die Polen mußten danach handeln. Der Kampf war uns durch die Geschichte der Jahrhunderte aufgedrungen. Niemals hat uns jedoch Haß gegen die deutsche Nation oder das Verkennen von Deutschlands Weltstellung und seiner jahrtausendelangen Kulturarbeitet geleitet, sondern nur die Liebe zur eigenen Na­tionalität und das Pflichtbewußtsein vor der Geschichte/unsere tausendjährige Kultur und Ueberlieferung aufrechtzuerhalten. Polen ist jetzt mit Ruinen und Leichen bedeckt. Da ist es schwer von der Neugestaltung zu reden. Die Geschichte wird diese Fragen von selbst lösen. Bei allen Maßnahmen muß man aber Füh­lung mit dem polnischen Volke behalten. Wir hoffen, daß die Arbeiten dieses Hauses den Frieden fördern werden.

Abg. Henke (Sog.-Arb.) Die französischen Grausamkeiten sind eine Schande. Die Schuld der Urheber des Krieges wird da­durch unermeßlich vermehrt. Den Gegen maßregeln stimmen wir nicht zu. Wir protestieren auf das ent­schiedenste dagegen! Proletarier haben in erster Linie darunter zu leiden. Alles fällt auf das Konto der herrschenden Klassen. Das Verbot der Gefangenen-Arbeiterausschüsse ist das Gegen­teil von sozialpolitischem Verständnis. Wir protestieren gegen die Wegführu^g von belgischen Arbeitern. Mit seinen plumpen, geist­losen Angriffen ist der Abg. Keil den fein pointierten Aus­führungen Ledebours nicht gerecht geworden^ (Heiterkeit.) Wir bekennen uns gerade jetzt zur republikanischen Staats- forrn. Bon der materialistischen Geschichtsauffassung, von Marx und Engels verstehen der Abg. Keil und alle Sozial­patrioten nichts. (Lachen.) Die Verantwortung für den Bruch mit Amerika werden derVorwärts" und die Parteimehrheit nicht los, denn sie haben zum verschärften U-Boot-Krieg mit auf­gemuntert. Man muß schonverkeilt" sein, um das zu über­sehen. (Heiterkeit.)

Wir widersprechen der Forderung auf E n t - laffung des preußischen La nd w i r t sch a f t tz- mini st e r s , denn es würde dadurch keine Aenderung in der Ernährung erreicht werden. (Sehr richtig! rechts; Heiterkeit links.) Was wäre die Folge der Entlassung des Herrn v. Schorlemer? Ein anderer würde an seine Stelle treten. (All­seitige Zustimmung. Heiterkeit.) Macht er eine Politik gegen die Agrarier, so werden ihn diese stürzen. Die preußische Re­gierung bringt immer noch keine Wahlreform. Ganz anders wissen sich die Regierungen der Massen gu erinnern, wenn es sich um die Verteidigung des sogenannten Vater­landes handelt! (Stürmische Pfuirufe, allgemeine Erregung. Präsident Dr. Kaempf ruft den Redner zur Ordnung. Zuruf des Abg. Graf Westarp.) Was haben Sie gesagt? (Ab­geordneter Gras Westarp (kons.): Lesen Sie nur weiter ab!) Wollen Sie mein Manuskript haben? (Lsbg. Graf Westarp: Ich habe von einem vaterlandslosen Gesellen nichts entgegenzunehmen! Beifall rechts.) Und ich nichts von einem Grafen!. (Lachen.) Wenn Ihre Vaterlandsliebe so groß ist, dann geben Sic von Ihrem Besitze her, damit der Arme verschont wird.

Schatzsekretär Graf Rödern: Ich darf zu meiner Freude fest­stellen, daß von allen Parteien dem Grundgedanken zugestimmt worden ist, daß man nicht mit einem Etatsdefizit, ob verschleiert oder nicht, ins nächste EtatSjcchr hineingehen darf. Alle Par­teien wollen sachlich Mitarbeiten. Der Schatzsekretär wmrdet sich gegen den Abg. KeÄ, der für die VerkchrSsteuern Be­sitzsteuern forderte. Wir haben nicht wie in einem Ein­heitsstaate nur £pei Träger der 'S teuer gemalt: Kommunen und Staat, sondern wir haben vier Träger: .Kommunen, .Kommunal- verbände, Bundesstaaten, Reich. Da müssen wir Rücksicht nehmen. Die Leistungen der Kommunen und Kommunalvevbände dürfen wir nicht unterschätzen.

Ihre Aufgaben kann das Reich nicht übernehmen. Das wäre eine unglückliche Politik. Denken sie an die Schullasten. Wenn Sie aber diese Lasten haben, müssen Sie auch ein gewisses Steuer­gebiet haben. Bei dem 200 Prozent-Durchschnitt werden die Kommunen nach dem Kriege nicht bleiben. Ich rechne mit 250 Pro­zent. (Hört, hört!) Die Kommunen, die Bundesstaaten haben während des Krieges neue Aufgaben übernommen, für die sie nach dem Kriege werden geradestehen müssen. Die allzu- scharfe Anspannung der Ein kommen st euer würde weder volkswirtschaftlich noch technisch dauernd durchfi'chrbar sein. Wahrscheinlich wird nach dem Kriege eine Verschiebung innerhalb der Einkommensteuer selbst ftattfinden; d. h. eine schär­fere Heranziehung der höheren Sätze. Auf dem Gebiete der Real­steuern und Umsatzsteuern gab es in den Letzten Jahren eine Unmenge von Erfindungen, die sich aber immer an den Besitz cmlehnten. Der Schatzsekretär wendet sich gegen den Vorschlag der nochmaligen Erhebung des Wehrbeitrags. Es ist voll­kommen ausgeschlossen, jetzt im Kriege einen Ausbau der Erbschafts st e^u er durchzu führen. ES müßte ein ganz neuer Apparat geschaffen werden.

Den Vorschlag einer Erhöhung der Matrikularbei träge hätte ich wirklich nicht erwartet. Die Bundesstaaten haben viele Eigen- wünsche zurückgestellt, um dem Reiche in schwerer Zeit zu helfen. Dafür sind wir chnen dankbar. (Beifall.) Ich lege das größte Gewicht auf ein verständnisvolles Zusammen­arbeiten des Reichsschatzamtes mit den Bundesstaaten, wie es in den letzten Wochen geschehen ist. Wir werden uns im Aus- schusie Mänderungswünschen nicht entziehen. Die Verhandlungen dort werden hoffentlich getragen fein von dem Geist der Sorge um das gemeinsame Wohl. (Beifall.)

Ministerialdirektor Lewald erwidert auf eine Anfrage, daß nach einer Verfügung des Reichskanzlers Kriegsrenten von den Löhnen nicht abgezogen werden dürfen.

2lbg. Dr. Spahn (Ztr.): Das ganze Volk dankt dem .Kriegs­minister für seine gestrigen Ausführungen. Möge er fortfahren, das Los der Ge fang euren zu verbessern. (Beifall.) Der Vlamenfrage bringen wir das größte Interesse entgegen. Die Einführung dev E r v s ch a f t s st e u e r während des .Krieges würden auch wir für einen Fehler halten. Der Staatssekretär hat auf die zahlreichen Fragen bisher nicht geantwortet. Darf ich daraus folgern: qui tacet, consentire videtur?

Staatssekretär Dr. Helfferick: Dr. Spabn hat vor zwei Tagen über die Z u r ü ck s e tz u n g der K a t h o I i f e n Beschwerde 'ge- führtz Tatsächlich sind die Katholiken in der Beamtenschaft nicht in dem Maße vertreten, wie es der Zahl nach vielleicht wünschens­wert wäre, aber das hat geschichtliche Ursachen. Es hat niemals eine bewußte oder absichtliche Zurücksetzung von Katholiken statt- gcsunden. (Widerspruch im Ztr.) Jedenfalls soll es in Zukunft nicht mehr geschehen. WA sollten aus dem Kriege lernen, daß wir V$ eC f H )^' niC Rutsche sind, dann erst Parteien und Konfessionen.

Abg. Graf Westarp (Kons.): Der Abg. Haußmann hat fick

eingehend mit Entwürfen und schriftstellerischen Lei­stungen seines Parteifreundes Graf Hoens­broech beschäftigt. (Widerspruch bei den Fortsckrittlern.) Er war doch fortschrittlicher .Kandidat bei den letzten Wahlen. (Zu- rufe bei den Fortschrittlern: Er hat sich selbst ausgestellt! Heiter­keit.) Man fühlte es dem Abg. Haußmann wirklich an, welchen Schmerz es ihm bereitete, /» er uns die Sache nicht an die Rockschöße hängen konnte, (<sehr richtig! rechts.) Versucht hat er es, aber es war nur ein Versuch am untauglichen Objekt. Er l>at dann besonders hervorge-hoben, daß ich ei ne Besprechung mit dem Grafen Hoensbroech gehabt habe. Ich bin lieber tot als unhöflich, und wenn ein Parteifreund des Herrn Haußmann zu mir kommt, so lasse ich mich auf eine Besprechung ein. (Heiterkeit.) Den Schlußsatz meines Briefes hat Herr Hauß­mann falsch zitiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Er bezog sich auf einen Vorschlag des Grafen Hoensbroech, der Reichs­tag möge einberufen werden und entweder dem Kanzler ein scharfes Mißtrauensvotum erteilen oder seine Entlassung fordern. (Hört! hört! links.)

Ist denn Herr Haußmann der Meinung, daß eine Aktion des Reichstages gegen den Reichskanzler für alle Zeiten ver­mieden werden muß? Ich wiederhole aber, daß ich mich auf alle diese Besprechurigen nur aus Höflichkeit gegen einen Parteifreund des Herrn Haußmann eingelassen habe. (Lachen links.) Herr Haußmann meinte dann weiter, wir müßten dafür danken, daß am 12. Dezember hier keine Debatte stattgefunden hat. Das verstehe ich nicht. Wir haben am 12. Dezember eine Fraktionserklävung veröffentlicht, aus der klar hervorging, was wir beabsichtigten, und selbst die Auslegungskunst des Herrn Haußmann wird es nicht perligbringen, herans- zufinden, wie unser Verhalten danrals das Friedensangebot hätte schädigen können. Wir sind vielmehr beute noch der Meinung, daß eine Debatte des Reichstages am 12. Dezember das Frie­densangebot nicht geschädigt, sondern vermutlich gefördert haben würde. (Beifall rechts.)

Abg. Legten (Soz.) lehnt die Zusammenarbeit der Gewerk­schaften mit den gelben Gewerkvereinen ab. Diese seien von den Unternehmern gekauft.

Abg. Haußmann (Fortschr. Vp.): Herr Gamp hat die Herren von der Adlonkonferenz abgeschüttelt, ebenso Graf Westarp. Es ist erfreulich, daß sich niemand in diesem Hause zu diesem Treiben bekennt. Darum haben ja die Herren im Adlon auch behauptet, der Reichstag sei vertrottelt. (Heiterkeit.) Graf Hoensbroech ist allerdings in einen fortschrittlichen Verein eingetreten und ver­langte, als Kandidat ausgestellt zu werden. Man ftagte bei der Zentrale an, dort wurde aber entschieden abgeraten. Wir haben mit ihm keine Gemeinschaft. Herr von Graefe ist vom Grafen Westarp in Güstrow als eine der wertvollsten Stützen der kon­servativen Fraktion im Reichstag bezeichnet worden. (Zuruf: Aus Höflichkeit! Heiterkeit.) Herr von Graefe stellt die per­sönlichen Verbindungen zwischen diesen Kreisen und den Konser­vativen her.

Abg. Dr. Arendt (Deutsche Fraktion): Herr Legien hat die wirtschaftsfriedlicke Bewegung in den Schmutz gezogen. (Vize­präsident Dove rügt den Ausdrucks Ich muß dagegen Wider­spruch erheben, daß man einen io erheblichen Teil der deutschen Arbeiterschaft im Deutschen Reichstage beschimpft. In meinem Mansfclder Wahlkreise ist diese reichstreue Bewegung zuerst cirt= standen, und zwar gegen die Unternehmer. Es ist Terrorismus, wenn die Sozialdemotraten verlangen, daß sich jeder nur io organisieren soll, wie sie -es wünschen. (Zuruf des Abg. Keil: Ihr Fraktionsgenosse Behrends ist ja auch gegen die Gelben!) Leider, und meine Worte richten sich daher auch an ihn. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. Stresemann (Natl.): Kein n-attonalliberales Mit­glied einer parlamentarischen Körperschaft hat an der Adlonkon- ferenz teilgenommen. Sine große Anzahl ist allerdings eingeladen worden. Man dark aber nicht zu der Behauptung kommen, das die Eingeladenen sich mit den Bestrebungen identifizieren. Wir haben keinen Zweifel darüber ^.lassen, daß wir diese Treibereien zurückweisen. In der Konferenz sollte ja auch die Tätigkeit un­seres Führers Bassermann und des Grafen Westarp scharf kri­tisiert werden, weil sie versagt hätten. Ich stelle dann fest, daß ich vor drei bis vier Wochen mit dem Grafen Westarp über die Ein­ladung sprach. Schon damals erklärte er. daß er die ganze Ver­anstaltung und ihre Tendenz auf das schärfste verurteile. (Leb­haftes hört, hört! rechts.) Graf Hoensbroech hat als fortschritb licher Kandidat gegen meinen Kollegen Stove kandidiert. (Hört hört! rechts.) Der Redner wendet sich dagegen, als ob er als Syndikus eines industriellen Verbandes nun die Interessen dieser bestimmten Gruppe vertrete. Er sei durchaus unabhängig und ftei in seiner parlamentarischen Tätigkeit.

Von einem Terrorismus der Arbeitgeber, der die Arbeiter in bestimmte Organisationen hineinzwingt, farm heute dock nicht mehr die Rede sein. Heute ist vielfach die Arbeiterorganisation viel mächtiger als der einzelne Arbeitgeber.

Abg. Graf Westarp (kons.): Mich hat in diesem .Krieg nichts so empört, als der Vorwurf der Käuflichkeit, der einer so großen Arbeitergruppe gemacht wird. Gewiß stellen Arbeit- geber diesen Arbeiterorganisationen Gelder zur Verfügung, aber nur zu Wohlfaihrtszwecken und ohne daß dadurch eine Abhängigkeit hergestellt wird. (Lachen links.) Bei vielen geheirnen Mahlen haben die Mrtfchaftöfriedlichen gesiegt. Wo ist denn da der Zlvang? Das Schlimmste ist, daß die Gewerkschaften ihre Mit­arbeit am Hilfsdienstgesetz einstellen wollen, wenn die Wirtschafts- friedlichen als gleichberechtigt zugelassen werden. Dagegen pro­testieren wir.

Abg. Prinz zu Schönaich-Carolath (natl.): Dank dem Papst für seine Versuche, das Los der Gefangenen zu bessern. Dank auch dem König von Schweden, der mehr getan hat, als mancher weiß. (Beifall.) Dem verstorbenen schwedischen Gesandten Grafen Ta-sibe sind wir zu besonderem Dank verpflichtet. (Beifall.) Die d l ä mische Frage werden wir tbeim Reichsamt des Innern ausftlhrlich behandeln. Für selbstverständlich halten wir die Wahrung voller Parität bei der Besetzung der Beamtenstellen.

Abg. Behrens (Deutsche Fraktion): So einfach liegen die Dinge nicht, wie die Verteidiger der Gelben tun. Wenn der Eisenbahnerverband des Abg. Ickler beim Hilfsdienstgesetz keinen Anschluß gefunden hat, so deshalb, weil er keinem Zentralverband angehört. Das Kriegsamt kann doch nicht jeder einzelnen Organisation seine Vorschläge unterbreiten, sondern das Kriegs­amt muß schnell^ arbeiten. Es stehen nur wenige Arbeiterfitze in den Ausschüssen nach dem Hilfsdienstgesetz zur Verfügung. Dre Mitgliederzahl der Wirtschaftsfriedlichen ist höchst fragwürdig. Auch wenn gewählt wäre, hätten sie nicht einen Sitz erhalten. Es sind ihrer eben zu wenig. Wenn die Gewerkschaften aller Richtungen die Gelben nicht als Arbeiter- Vertretungen anerkennen, so ist das koin Terrorismus. Wer der Wahrheit die Ehre geben will, muß zugeftehen, daß viele gelben Organisation an - nicht alte vor ben Unternehmern gegründet und aufrechterhaften worden sind. (Sehr richtig! links und im Zentrum.)

Die Mitglieder der Gelben sind keine käuflichen Subjekte. Tausende ehrenhafter Arbeiter aber müssen sich des lieben Brotes wegen unter dieses kaudinifche Joch beugen. (Lebhafte Zustim­mung ftnks und im Zentrum.) In meiner eigenen Familie befinden sich solche Leute. (Hört, hört!) Meie Mitglieder der Gelben gehören auch den Gewerkschaften an. (Hört, hört') Ueber- lassen Sie die Beurteilung der Standesehre l der Arbeiterschaft niir den Arbeitern selbst. (Sefc richtig!) Sie lasten sich ja auch mch!s drernreden. wenn cs nck um Angelegenheiten Jl)rer Standes­ehre handelt. Man kann dre deutsche Arbeiterschaft nicht zwingen, einer vom Unternehmertum abhäiigigen Richtung wegen ihre «taiidesehre zu andern. Tun Sie das doch, so niüssen wir die

w»s A (Beifall