Nr. 26
Zweites Blatt
\bZ. Iahrgarig
Erschein! täglich mit Aufnahme des Sonntag«.
Beilagen: „»ietzener HamilienblLtter" »nt» „Kreisblatt für den Kreis Sichen".
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nzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Mittwoch. 31 . Januar 191 ?
ZwillingSrunddruck und Verlag:
B r ü hl'sche Unwerfitäls-Bnch-u.Stttndruckereu R. Lang e, Gießen.
5chriftleitung. GeschSftsstele und vrnckerei:
Schulstraßc?. Geschäfcsslclle u.Verlag: bl,
Schriftleitung: 112.
Anschrift für TruhtnachrlchtenrAnzeigerGießen.
„Man eröffne das Feuer.'_"
Ein Berliner Mitarbeiter schreibt uni-:
Wieder einmal jiflj die heuchlerische Dcheinheiligkeit und die niederträchtige Tücke unserer Giegner in scss^r wirksamer Weise entlarvt worden, und z-war in Sachen der bctoaffneten Handelsschiffe, welche die Alliierten als harmlose Kaullährteischiffe auszugebett suchen, während man doch höchstenis zwe ep^haft sein könnte, ob es sich hier um Piratenschiffe oder um verkost/pte Kriegsschiffe handelt. Die deutsche Regierung hat in ihrer an J5tc neutralen Mächte gerichteten Note vom 11. Februar 1916 mitt aller Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht, daß „ein Kauffahrteis/hiff durch die Armierung mit Geschützen kriegsmäßigen Charaktt r erhält und zwar ohne Unterschied, ob die Geschütze nur der Vertck idigung oder auch dem Angriff dienen sollen". In jener Denkschrift mürben auch die auf dem Dampfer „Woodfield" gefundenen Gehek mbefehle der britischen Admiralität veröffentlicht, die bereits teiJtfen Zweifel mehr darüber ließen, daß die Bewaffnung der Handlslf,schiffe einen offensiven Charakter trägt. Hieß es doch darin:
„Wenn bei Tage ein Unterseeboot ein Schiff offensichtlich verfolgt, und wenn dem Kapitän augenu peinlich ist, daß es feindliche Absichten hat, so soU das verfollgte Schiff zu seinjer Verteidigung» das Feuer eröffnen, auch mternt das, Unterseeboot noch keine cnt^ schieden feindliche Handlung, wie z, B. Abfeuern eines Geschützes oder Torpedos, begangen hat."
Schon diese Anweisung an dia Kapitäne der Handelsmarine sprack) deutlich genug. Seitdem habien wir nicht nur aus der englischen Presse erfahren, daß die brit ische Admiralität Belohnungen und Auszeichnungen für den Fall, erfolgreicher Angriffe auf deutsche Ib-Boote versprochen hat, sonlmn wir ivtifsen auch aus zahlreichen Fällen, daß die Handelskas ntäne nach Kräften bemüht waren, den Wünschen der Admiralit/N nachzukommen. Wir erinnern inrr an den Fall des englischen Kapitäns Fryatt mrd an die ebenso niederträchtige und verbrecherisch^ Art, mit der die Briten im Fall Crampton gehandelt haben.
Unterdessen ist die Bewaffuhrng der Handelsschiffe nicht nur iwWngland, sondern auch bei box Alliierten!, vor allem bei den französischen Schiffen, immer plangemäßer dnrchgeführt worden, und zwar nach der Losung, welckie t Reeder Turner in der „Times" ausgegeben hatte: „Neutrale 'hin, Neutrale her. das vorderste Geschütz muß kommen." Das -vorderste Geschütz, d. ft. das Bug- geschutz als ausgesprochene L'-ngriffswiache. Und: „La Victoire" verrät nur ein offenes Geheimnis, wenn sie schreibt: „Man fertigt sowohl in Frankreich wie in E ngland an, dieselben (Frachtdanrpfer) mit einem geeigneten Geschütz, zu bewaffnen, welches nicht nur nach achtern schießen kann, sondern auch als Bugarmierung Verwendung finden soll."
Was „La Victoire" rarf sehr verschämt andeutet, nämlich die Armierung der Handslsschjssfe zu Angriffszweäen, dafür habe:: wirr wtzt durch die auf etnrni französischen Handelsschiff gefundene Geheiminftruktion ries französischeir Marineministeriums schlüssige und hochbedeutsarne Beweise erhalten. Wird doch darin ausdrücklich der Angriff mff die U-Boote befohlen, auch bevor diese Angriffsobsichten zeigcu, Venn es heißt darin: „Man eröffne das Feuer, sobald sich das Vl-Bovt in guter Schußweite befindet." Weiter: „zögeve man nickK, bevor es nahe gekommen ist. umzu- drehen und das U-Bootz zu überrennen." Ärdlich soll man sich sogar bemühen, das gete.iühte U-Bvot zu überrennen. Deutli^r kann man sich nicht aus/-rücken, und es steht außer Zweifel daß es sich hier um die neu.tzt- Instruktionen nicht nur für die französischen Handelsschiffe, sg.'Lern für die der Alliierten überhaupt, also auch für die mglii/htzn, handelt.
Wir dürfen wob/ annehmm, daß diese deutliche Sprache von den Neutralen, tim allem auch von der Nvrdamerikanischen Nation verstanden vI.rd. Diese hat die Zulassung beivafsneter Handelsschiffe in ihre/Häfen von der Bedingung abhängig gemacht, daß die Bewaffnung' nur zu Bertttdignngszwecken angebracht sei, und der englische Boff.chafter in' Washington hat dort am 25. August 1914 die feierliche -Versicherung abgegeben, daß englische Kauffahrteischiffe niemovi zu Angriffstzweckcn, sondern nur zur Verteidigung« bewaffn« seien, ünb daß sie infolgedessen niemals feuerten, es sei denrc, daß zuerst auf sie gefeuert würde. Die Nord- amerikanische Unior i wäre nach der jetzt erfolgten Veröffentlichung der Gcheimanweisck ng für die bewaffneten Hairdels schiffe und nach alledem, was vorder über das Verhalten dieser Franktireurs, öe- besonders der englischen, bekannt geworden ist, verpflichtet, ihre Haltung in Bezug auf die sogenannten Handelsschiffe der Alliierten einer Revision zu unterziehen, da nran andernfalls gezwungen!
wäre, Wilsons gesammelte Reden und Botschaften über Völkerrecht, Neutralität usw. als leeres Phrasengedresch anzusehen. Die deutsche Negierung aber wird, Wie sich auch die Union zu dieser Frage st ellt, rn ihrer Taktik gegenüber den bewaffneten Handels schliffen, drejen Piraten des Meeres, sich von keiner Seite beirren lassen. D:e Anweisung, welche das französische Marineministerium für die bewaffneten Handelsschiffe gegenüber den U-Booten ausgibt, gilt erst recht für das Verhalten unserer U-Boote gegenüber diesen Franktireurs zur See: Mrn eröffne das Feuer. . . .
Aus Stadt und Land.
Gießen, 31. Januar 1917.
** Ter P o st k r e d i 1 b r i e f. Eine neuere Einrichtung der Rerchs-Postverwallung, auf die wir schon wiederholt aufmerksam gemacht haben, die aber leider noch nicht genügend bekannt zu sein [dytint, ist der Postkreditbrief. Er bietet ein bequemes, praktisches und dabei billiges Mittel für alle Reisenden, unterwegs ihren Zahlungsmittelbedarf zu decken, ohne große Geldbestände bei sich zn führen, und wirkt so im 'Interesse der gerade in der jetzigen Zeit so wichttgen Beschränkung des Bargeldumlaufs. Jeder Reisende sollte daher, anstatt einen größeren Barbetrag längere Zeit mit sich zu führen, von dieser Einrichtung Gebrauch machen. Ter Postkreditbrief besteht in einem leicht aufzubewahrenden Heftcheir in der Grüße von i 2*/2 : 8 V 2 Zentimeter, das 10 abtrennbare Vordrucke zu Abhebungen enthält. Er kann über jeden durch 50 teilbaren Betrag bis 3000 TO. ausgestellt tverden. Wer die Ausstellung eines Kreditbriefs wünscht, braucht mir den Betrag, über dm er aus gefertigt werden soll, mit Zählkarte bei einer Postanstält des Deutschen Reichs an das für den Einzahlungsort zuständige Postscheckamt einzuzahlen oder von seiner Postscheckrechnuna auf das bei demselbm Postscheckamt anzulegende Postkveditbrief-Konto zu überweisen. Auf dem Abschnitte der Zählkarte oder der Ueberweisung ist die Person, für die der Kreditbrief bestimntt ist, genau nach Namm, Wohnort und Wohnung zu bezeichnen. DaI Postscheckamt sendet dm Kreditbrief der. als Inhaber bezeichneten Person unverzögert portofrei zu. Abhebungen — bis zu 1000 Mark an einem Tage — sind bei allen Postanstaltm des Deutschen Reick>s zulässig. Der Abheber weist seine Berechtigung zum Empfang durch eine auf ihn lautende, bei der Pvstanstalt seines Wohnorts erhältliche Postausweiskarte nach; daneben sind bis auf weiteres auch die für die Abholung postlagernder Sendungen vorgeschriebenen; Ausweispapiere, d. s. die von dm Polizeibehörden während des Kriegszustandes ausgestellten Ausweise zur Empfangnahme post- lagernder Sendmrgm, die im Inland ausgestelltm deutschen Pässe und die Ausweise zum Aufenthalt in Seebädern, soweit sie die Personalbeschreibung, die Photographie und die beglaubigte eigenhändige Unterschrift des Abhebers enthalten, zngelassen. Die Gültig-i ktttsdauer eines Postkreditbriefs bettagt 4 Monate. Die Kosten sind nur gering; außer der Zählkarten- oder Ueberwttsungs- gebühr (10 Psg. oder 3 Pfg.) werden erhoben: 50 Pfg. für die Ausfertigung und 10 Pfg. für jede Rückzahlung bis 100 M'k. Ansferttgnng und 10 Psg. für jede Rückzahlung bis 100 Mk., kunft erteilen die Postanstalten.
» Kreis Schotten.
n. Schotten, 28. Jan. Unter den über Weihnachten und Neujahr im Lehrerheim bwi Schotten kostenlos untergebrachten heimatlosen Usrlaubern befanden sich auch vier Mann von dem Reserve-Jnfanterie-Regiment 116, derm Leutnant und Kompagnieführer nach Rückkehr feiner Leute an den Vorstand des Vereins „Lehrerheim Vogelsberg" schreibt: „Gestatten Sie, daß ich Jhnm meinm innigsten Dank aus- spreche dafür, daß Sie zu Weihnachten meinm vier heimatlosen Urlaubern so überaus freundliche Aufnahme entgegenbrachten. Ganz besonders scheint sich das Waisenkind meiner Kompagnie, „Stephan" foohlgesühlt zu haben. Ich wünsche Jhnm von Herzen, daß Ihre Bestrebungen sich in ganz Deutschland ausbreitm möchten, zum Segen der heimatlosen Krieger unseres Vaterlandes. Jhnm nochmals herzlich dankend, bin ich mit deutschem Gruß"-. Für die nächste Zeit sind wieder 14 heimat
lose Urlauber zur Unterkunft und Verpflegung im Lehrerheim von ihrem Truppenteil angemeldet.
Kreis Frledberg.
Q. Bad-Nauheim, 30. Jan. Eme interessante literarische Veranstaltung bot gestern der Bildungsverein. der durch eine Anzahl begabter junger Lmte in der Turnhalle der Ernst
Ludwig-Schule dm derbm Schwank „Petev SqnMz" (Pyrckmus Und Thisbe) von Andreas Gryphius, zur Aufführung bringm lies. Die unter Leitung von Herrn Pros. Dr. Strecker stehende Vorstellung, erzielte durch ihre ungekünstelte Natürlichkeit einen durchschlagenden Erfolg für den Dichter, dessen 300jähriger Ge- ubrtstag vor einigen Monaten auch in Bad-Nauheim, durch eure bescheidene Gedenkfeier begangen wurde.
S'tarkenburg und Rheinhessen.
---- Rüdesheim, 29. Jan. Einm sehr beachtenswerten Beschluß »faßte der Kreisausschuß für dm Rheingauhreis. Er erteilte einem Gastwitt die Führung des Wtttschaftsbettiebes nur unter der Bedingung, daß jedes Schild, alle Bekanntmachungm, die Speisekartm usw. nur in deutsche Sprache verfaßt bezw. geschrieben werdm und jedes Fremdwort zu vermeiden ist.
---Kelsterbach, 29. Jan. Als Tttlnehmer bei der Wi l d e - reraffäreimS chw anheimerWald ermittelte die Polizei den Kammacher Schmuck und den Schreiner E n g i s ch von hier. Heber die Vorgänge bei der Erschießung des Wilderers Cchttsttan gibt die zuständige Oberförsterei Cronberg folgende Darstellung: Der Förster Steinmüller und der Jagdaufseher Engbert überraschten am Sonntag abend im Schwanheimer Wald drei Männer, die ein angeschossmes Damwildkalb ans einem Versteck Holm wolltm. Ein Mann trug ein gespamites Gewehr im Arm; als er es nach wiederholtem Arßvus nicht niederlegte, sondern damit in Anschlag fuhr, kam ihn: Steinmüller züvor und streckte ihn durch einen Schuß von vorn nieder. E§ war der Heinrich Christian aus Kelsterbach, der schon vorher mehrere Schüsse aus einem Militärdienstgewehr abgegebm und noch vier scharfe Patronen darin hatte. Neben dem Dam-wildkaW fand sich noch ein gewildertes Stück Rehwild. !
Kreis Wetzlar.
1_! Niederkleen, 30. Jan. Ein Diebstahl wurde bei dem ledigen Johannes H a u b Landwirt verübt. Der Dieb stahl Schinken und Wuxst.^ Als Haub nach Hause kam, sah er eine männliche Person in seine Scheune springm und durch die Hintertür ver- schwindm. Tie gestohlmm Sachen und einm Rock des Diebes fand ^man /ruf dem Hmbodm vor. Tie Polizei war dm Tag auf der Suche, der Verdacht soll sich auf einm fremden Arbeiter lenken, der voriges Jahr bei der Dreschmaschine arbeitete.
Hessen-Nassau.
ra. Ans Nassau, 28. Jan. Tie Holzversteigerungen haben ihrm Anfang genommm und es wird mit Recht über hohe Hölzpreise geklagt. Die Knappheit an Kohlen, verbunden mit gesteigetten Preisen, haben auf die Brmnholzpreise einen erheblichen Einfluß ausgeübt. Bei dm ersten Holzvettteigerungm in ftskalischen wie kommUmrlm Waldungen wurden folgende Durchschnittspreise gezahlt: Buchmscheitholz, je nach Güte, 45 bis 60 Mk., Buchenprügelholz 30 bis 36 TO., Eichenscheitholz 40 bis 45 Mk., Eichenprügelholz 30 bis 36 Mk., Kiefernscheit- und -Prügelholz 24 bis 36 Mk., alles vier Raummtter. Nutzscheitholz war entsprechend teurer. Das Hundett gemischte, wie Erchm- und Buchm- wellen, erzielte Preise von 20, 28 und 36 Mk. Stammholz wurde sehr hoch bezahtt.
-- Wiesbaden, 29. Jan. Die Lcrndesshnode des Konst- stottalbezirks Wiesbaden ttchtete am 27. Januar ein Telegramm an dm Käiser, in dem sie- dm Monatthm znm Geburtstage beglückwünschte und ein warmempfnndenes^ Gelöbnis der Trme ablegte. Daraus ist aus dem Großm HauptquattiLr folgende Antwort an dm Bezirkssynodalpväses Dekan Schmitt in Höchst a. M. eingegangen: „Seine Majestät der Kaiser lassm der Landessynode des Kon- sistottalbezirks Wiesbaden für die Segmswüjnsche zn Allerhöchst Ihrem Geburtstage imb das Gelöbnis der Trme herzlich danken.
von Balentiner."
Wohnungsbeleuchtung. Die neue reizvolle und dabei billige elektrische Beleuchtung der Wohnung mir den kleinen gasgefüllten Wvtan-Lamven der Siemens-Schuckertwerke findet allgemeinen Anklang. Wo immer man diese Lampen sieht, überall fällt das schöne weiße Licht der sich schnell einbürgernden Neuerung angenehm aus. Durch Füllung der Glasglocken mit Edelgas ist es gelungen, einen so wirksamen Schutz des für die Lichtverteilung besonders günstig angebrachten Leuchtdrahtes herzustellen, daß durch besten Ausnutzung des elektttschen Stromes eine erhöhte Lichtwirkung und gleichzettig ein Minimum im Stromverbrauch erzielt wird. Bei Bezug durch den Installateur verlange man ausdrücklich das durch die charakteristische Marke Wotan „ 6 " l0--gasgefüllt> auf d>er Glasglocke geschützte Fabrikat und laste stch nicht andere etwa akS „gleichwertig" bezeichnete Fabrikate ausreden. Nur die Schutzmarke bürgt für die bekannte Wotan-Lampe der Siemens L Halske A.-G.
Kunft Mttfc Wissenschaft.
. — Grillparzer bei seiner ersten Premiere. Bor einem Jahrftnvoett, am 31. Jan!uLr1817. wurde Gttllparzers „Ahnfrau", sein erstes Drama, zum ersten Male im Theater an der Wim aufsefü)irt. Die berühmte Sophie Schroeder hatte es zum Benefiz gewählt: „Das Theater war schwach besucht," so erzählt der Dichter, es gab ein schlechte Einnahme, was mir aber Madame Schroeder, d/e Geld wahrlich brauchte, nie nachgettagm, sonderw sich so gegen; mich benvnrmm hat, als hätte ich ihr Donnm Goldes eingebracht. Mir warm von der Bmeftzianttn drtt Sperrsitze in der erstm Palette zugekvutmm, die ich mit meiner Mutter und meinem jü/tgsten, damals elf- oder zwölfjähttgm Bruder einnahm. Di« Vorstellung, obgleich vortrefflich, machte auf mich den widerFcchsten Eindruck: es wa rmir, als ob ich einen bösm Traum verkörpett vor mir 'hatte. Ich faßte damals dm Vorsatz, dm ich bjl.s 'heute gehalten habe, der Vorstellung keines mttnev Stücke Ehr beizuwvhnm. Die Haltung unserer Familie war höchst wunderlich. Ich selbst rezitiette, ohne es zu wissm, das ganze Sjiid leise mit. Meine Mutter, vom .Theater ab- und mir zugewem^t, sagte in einem sott: „Um Gottes Willm, Franz, tnäßige Inch, du wirst krank;" indes zu ihrer anderm Seite mein kleiner Bruder unausgesetzt bttete, daß das Stück gut aussallm möge. ^Das Widerliche wurde dadurch vermehrt, daß aus der spärlich besetztm Bank hinter Uns ein ganz gut aussehender alter Herr )aß, der mich natürlich nicht kannte und, obschon ihn das Stücll zu inleressieven schim, sich doch nicht enthalten konnte, ein oft Mederholtes: „Gvdll. grell!" an meinm Ohrm vorbtttönen zu lasse.ü-" Grillparzer erhielt als Honorar von der Theaterdirektion 500/ Gulden Papiergeld, was dazu diente, dem recht armseligm Ha'vswesm der Familie auszuhelsm. „Wir bezahlten," so erzählt er., „die fällige Wohnunigsmiete, und ich behielt für mich nur 5<V Gulden Papiergelt, um die ich mir die Braunschweiger Aus- gcAie von Shakespeare in englischer Sprache und die H!eynesche JFiade anschasfte."
— Die Uraufführung einer „Literatur- Wiomödie." Aus Weimar wird uns geschriebm: Das drei- w^tige satittschc Lustspiel „Der Pinsel Pings" von Hanns Jpn Gumppenberg, das im Weimarer Hoftheater soeben weine Uraufführung erlebte, verlegt die „Handlung", nämlich dm liberattschen Jahrmarkt („die poetische Kirncse"), nach China, an einen „ästhetisch angehauchten Hof". Das alte, fast schon Genrein- schätz gewordeirc „Faktum", daß aus Mittelmäßigkeiten Modö- götzeir werden, nachdmi sie einen Schlager herausbrachtm, daß sie dann sich gehen lassen 'und schreibm dürsm, was sie wollene „es wird alles gelobt und gepttesen über den grünen Klee" —> bildet den mit geistvollem Rankenwerk umziertm Kern der Komödie. Drei Dichter des ,Meichs der Mitte" streben nach der Erlangung des oberstm literattschen Grades, nach der Würde des „Kwan-
ghüm", des Poetmkönigs. Einer von ihnm ettangt sie mit Hilfe eines ZMberpinsels des „Zufallsdämons" Ymg und gewinnt dalM die erst erbende Ehrscircht der Bewunderer „höheren" Blödsinns durch ein „Allgedicht", das Mit den fotgendm schönen Versm schließt: „Der Bettler hinkt — die Kinder freut das Stroh — Die Schönheit kommt erst später — Dank, Da -- 0 "! Dieser Erguß des „gottbegnadetm" Dichters wird von dem Literaturkanzler, der die Entstehung der Verse nicht kennt, in gebührender Weise gefeiert Und der Dichter verspricht, sein Volk auch in künftiges Ta gm mit solchen Liedern zu beglücken.... Dar gestellt nmrdm die Hauptrollen^ durch Rudolf Rieth (Tschu-TM und Günther Ha dank (Tshing-Pang), beide gabm ihr Bestes. Der echte Dichter Tstzing-Pang ist eine ttagische, doch nicht düstere Gestalt, deren Tiefe uns packm kann. Leider läßt die ganze Ausmachmig, bei allem Reichtum und feiner, beziehmrgsvoller Rede, doch eine wärmere Anteilnahme schwer aufkommm. Das gut besetzte Haus (das so gerne anerkmnt), setzte zu schwachem Beifall einige Male an, der jedoch gegm das Ende eicharb: auch der Dichter blieb ungernfnl. Bei mancherlei allzuzattm Feinheitm der Gedankm, kttn Bühnenstück — eine „Beisetzung erster Klasse." —
— Eine neue Oberon-Bearbeitung. Aus Barmen wird uns geschriebm: Der Spielleiter der Barmer Oper, Franz Man'nstaedt, ein Sohn des Kapellmeisters der Wies- badmer Königl. Oper, Professor Mannstaedt, hat eine Neufassung des Oberon versucht, in der Hauptsache wvhl aus dem Grunde, jmr die Oper in die Absichtm moderner Spielsührung zu sttmmen, in der Mannstaedt ein bemerkmswettes Dalmt eMfaltet. Völlig in Gegensatz stellt er sich damit etwa Kur Wiesbadener Bearbeitung, die im wesentlichen ein prunkvolles Schaustück sein will. Mannstaedt hat im Oberon das Ernste, Tragische wenn man wlll. stark in dm Vordergrund gerückt und insolgedessm die Figur des Knapvm Schevasmin, die zu einer „echt germanischmc Natutt" emporwächft, von allem lustigm Beiwerk befreit. Auch sonst hat Marmstaedt Webers Werk ganz wesmtlich um gedichtet, in die im Grurrde doch so einfach-harmlose Handlung allerhand G-rüblettsches, ja Philosophisches hineingeheimnift Und nammtlich auch den Personm des Stückes, dre doch eigentlich imr aus einem naiven Kindergemüt hevcmsgegriffen sein wollen, eine „tieseve Bedeutung" gegebm. Dabei kom/mt aber das Musikalffche im Oberon zu kurz, die bisher üblrchm Rezitative, für deren Notwendigkeit sich doch unter anderen keine Gettngevm nne Ludwig Wiüllner und Gustav Mahler ttnsetzen, fallen fort, ja selbst die Musrk hat an nranchm Stellen, z. B. am Schluß, einige Veränderungen über sich ergehm lassen müssm. Es ist begreiftich, daß das Publikum mit dieser „Neufassung" seiner guten alten „Zauberopett" so recht nichts anzusangen wußte. Immerhin fesselte die Bearbeitung, insofern sie aus die Wesensart Mannstaedts als Spielleiter eingestellt war. Die Büh
von allem Nebensächlichm befreit. Ws Kapellmeister bestätigte sich der erst 22 jährige Erich Orth mann mit sehr verheißungsvollem Erfolge. Der junge Künstler hatte bei einem Sturm in dm Vogesen als KttegsfteiwÜliger einen schwerm Nervenschok erkitten und die Sprache völlig verllrren. Nach längerer Zeit — er beftrnd sich im Lazarett des Schwarzwaldottes Freudenstadt — bekam er ganz plötzlich Und überraschend die Sprache wieder, imb zwar geschah dies inmitten einer Probe zu einem von ihm dort geleiteten Wohltätigkeitskonzett, als er in starker ErregUng^dmr Chor durch Gesten seine Absichtm übermitteln wollte.
— Die Entdeckung.Deutschlands. Gn sZilm im Darmstädter Hvftheater. Um dem Lügenseldzug der Fmwc im neutralm Ausland zu begegnm, wurde von der Kommandantur Berlin der „Marsftlm-Gesellschaftt' ein Film „Die Entdeckung Deutschlands" abgekauft, der nach einer Idee des Rechtanwatts Rich O. Frankfurter von dem Filmregisseur Georg Jüavby aus- geführt wurde. Im Rahmen einer naiv phantastischen Mär dreier Marsbewohner, die Deutschlmrd besuchm, um sich von seinem Hungertod M überzmgm, werdm die wirtschaftlichen und kriegswirtschaftlichen Einrichtungen, wie die Kruppschen und Zttß'schm Werke, die Flotte und die U-Boote, sogar U-Deutschland in ihrem Betrieb und vieles Llndere noch, vorgeführt. Die technisch trefflichett Filmbilder hielten das vollständig ausverkaufte Haus fast drei Dtundm in ihrem Baun. Der Erlös fällt der Kttegsfürsorge der Großherzogin von Hessm zu. Ob der Auslandsiersolg freilich der aufgewandtm großen Müde der Bearbeiter entspttckst, bleibt ab- zuwartm. Tie Kindlichkett der „Rahmmhandlnng^' mocUe doch nur ttnem sehr nnbefangenm Publikum genügen, das im übrige« nach bald drtt Jahrm Krieg auch an uNsevm Zusammenbruch nicht mehr glaubt. C. H.
- Frankfurt a. M., 31. Jan. Eine Bücherei tech- mi scher Werke. Als erstes Institut seiner Art in Deutschland wurde vom Frankfurter Bezirksverein deutscher Ingenieure in den Raumen der Rotschild-Bibliothek eine Bücherei technischer Werke und deutscher Patentschriften eröffnet. Die Bücherei erhielt dazu als Grundstock die fast 7000 Bände um- fassende Bibliothek des Jngenieurvereins, ferner stellte jetzt die deutsche Landwirtschaftsgesellschast dem Institut ihre sämtlichen Werke über die Technik der Landwirtschaft zur Verfügung. Auch andere deutsche Bibliotheken wendeten der Sammlung bedeutende Unterstützungen zu. Für Neuanschaffungen stellten hiesige Industrielle der Bücherei vorerst 7000 Mk. zur Verfügung. Die Benutzung der Bibliothek ist für jedermann frei.
— Frankenthal, 31. Jan. Ein teurer Teller. Dern Erkenbert-Museum wurde von einer hiesigen Firma ein Teller aus Frankenthaler Porzellan, der erst dieser Tage in Privat- besitz entdeckt wurde, zum Geschenk gemacht. Für den aus-
nenbitder waren stilgerecht in Linie und malettsche Farbenwirkmrg I gezeichnet erhaltenen Teller, der 1785 von einem unbekannten gebracht, das Gegenständliche darin mit unerbittlicher S-trmge^Künstler angefertigt wurde, bezahlte die Firma 1100 Mk.


