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13.1.1917 Zweites Blatt
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Zweiter

Erschein! täglich nrit Ausnahme des Sonntags.

Beilagen:Glehener ZmnllkenblLtter" und JtzmbUä Mr den Kreis Sietzen".

poftfche«»mo: Zrankfurl om Main Nr. u*$6. Btttteerfe^r: Hewerbebaai Kietzen.

Blatt

Samstag, 13. Januar M

Atorüntgsrundüruck und Verlag: Brühllfthe Universitäts-Buch-«.St^inbrrnkerei.

N. Lange, Gießern

Schriftleitnng, GeschaftsstcSe und Druckerei:

Schulstecuze?. Geschäf^irelleu.Verlag: <^GObi, Schriftleilung: 112.

Anschrift für Tn.htaachrichten:AnzeigerGie6en.

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Die Antwort der Entente an Wilson.

Basel, 12. Jan. Aus Paris meldet Havas: Die Antwort der alliierten Regierungen auf die Note des Präsidenten Wilson vom 19. Dezember 1916

lerntet:

Die alliierten Regierungen haben die Note erhalten, die ihnen onl 19. Dezember 1916 im Namen der Regierung der Bereinig­ten Staaten überreicht wurde. Sir haben sie mit der Sorgfalt geprüft, die gleichzeitig das bestimmte Gefühl, das sie von dem Ernste der Stunde besitzen, und die aufrichtige Freundschaft, die sie mit denn amen Haiti jdjeu Volke verbindet, erheischen.

Im allgemeinen legen sie Wlert darauf, zu erklären, daß sie bat hohen Gefühlen, von denen die amerikanische ?kote erfüllt ist, Anerkennung zollen, und dgß sie sich uck allen ihren Wück- scheu dem Projekte der Schaffmtg einer Liga der Nationen, die den Frieden und die Gerechtigkeit in der ganzen Welt sichert, anschließen. Sie anerkennen alle Vorteile, die sich für die Sache der Menschlichkeit und der Zivilisation aus der Einfüliirung natio­naler Reglements zur Vermeidung gewalttätiger Konflikte zwischen den Nationen ergeben, vmr Reglements, welche die notwendigen Sanktionen nrchallen müßten, um die Ausftihruug zu siätecn und so zu verhindern, daß eine scheinbare Sicherheit zur Erleichterimg neuer Ueberfälle dient.

Aber die Diskussion über die Vereinbarungen zur Sicherung eines dauerhaften Friedens hat zunächst nur zur Voraussetzung eine befriedigende Beilegmtg des gegenwärtigen Konfliktes. _ Dis Alliierten empfätdeu ebenso tief wie die Regierung der Vereinig­ten Staaten den Wunsch, daß dieser .Krieg, für den die. Zentral- machte verantwortlich sind und der der Menschheit so schreckliche Leiden zugefügt hat, sobald wie möglich zU Ende gehe. Aber sie halten dafür, daß es unmöglich sei, schon heute einen Frieden zu verwirklichen, der ihnen die Entschädigungen, Wiederherstellungen und Bürgschaften sichert, auf die ihnen der lieber fall ein Recht gibt, für den die Verantwortlichkeit auf die Zentral machte fällt und der vrinzipiell darauf zielte, die Sicherheit Eirrvpas zu zer^ stören. Die alliierten Nationen sind sich bewußt, dag sie nicht für ein egoistisches Interesse kämpfen, sondern für die Wahrung der Unabhängigkeit der Völker, für das Recht und für die Mensch­lichkeit.

Die Alliierten gebar sich vollkommen Rechenschaft von den Verlusten und Leiden, die der .Krieg den Neutralen wie deU .Kriegführenden zugesügt, und sie bemühen sich,, diese Schäden ernznsch.ränken, soweit dies mit den unerbittlichen Forderungen chrer Verteidigung gegen die 6Kwalt und die Fallstricke des Feindes vereinbar ist. Mit Befriedigung nehmen sie Kenntnis von den Erklärungen, daß die amerikanischen Mitteilungen in ihrem Ursprung in keiner Wjeise auf diejenigen der Zentral­mächte znrückgchen, die am 18. Dezember von der amerikani­schen Regierung überreicht wurdeü. Sie b^üveifeln nicht, das. diese Regierung entschlossen ist, auch mrr, dem Scheine nach eine moralische Unterstützung des verantwortlichen Urhebers des Krieges zu vermeiden.

Die alliierten Regierungen glauben in der freundschaftlich­sten, aber entschiiedensten Weise gegen eine Gleichstellung sich verwahren zu sollen, die sich, auf die Erklärungen der Zentral- mächte gründet und in direktem Widerspruch zu den klauen Tat­sachen steht, sowohl was' die Verantwortlichkeiten für die Vergangen­heit, ccks auch die Garantien für die Zukunfft anlangt. Wenn VrAiderrt Wilson sie erwähnte, so beabsichtigte er sicher nicht, sich ihr anznschließen. '

Eine historische Tatsache steht zur Stunde fest: der An- grfffswille Deutschlands und Oesterreich-Ungarns zur Sicherung ihrer Vorherrschaft in Europa und ihrer wirtschaftlichen Be­herrschung der Welt. Deutschland hat durch seine Kriegführung und seine sofortige Verletzung der Neutralität Belgiens und Lurenr- burgs und durch die Art und Maisch in der es detr Kampf führte, seine systematische Mißachtung aller Grundsätze der Menschlichkeit «und aller Achtung für die kleinert Staaten bewiesen. In dm breiteren Enrwi'llmw d"s ^

'Aerrtralmäckte und ihrer Verbündeten eine beständige Verletzung der Menschlichkeit und der Zivilisation. Muß man an die Greuel «erinnern, die den Einmarsch, Belgien uu > roten e..,

.ait die harte Behandlnng der eroberten Länder, an die Niever- -metzelung von Hunderttausenden friedlicher Armenier, die Barbarei gegenüber der Bevölkerung Syriens, die Zeppelin flöge über offene .Städte, die Zerstörung von Paketbooten und Handelsdampfern

mrt neutraler Flagge durch Unterseeboote, die grausame Belurnd- lungen der Kriegsgefangenen, die Justizmorde (tu Miß Cavell und Kapttan Fr patt, die Tepordationen und die Mführung zivilisierter Bevölkerungen in die Sklaverei usw. ? Die Hinrichtung von Parvule (?) und die Reihe von Verbrechen, die ohne Rücksicht SU 1 ' k ie allgemeine Empörung begangen wurden, erklären dem Präsidenten hinreichend den Protest der .Alliierten.

Sie sind der Ansicht, daß die den Vereinigten Staaten als Antwort auf die deutsche Note überreichte Note auf die von. der amerikanischen Regierung gestellte Frage.antwortet und nach dem etgenen Ausdrucke dieser letztereneine öffentlich,e Erklärung bezügltck, der Bedingungen, unter denen der Krieg beendet werden konnte," darstellt.

Präsident Wilson wünscht mehr, er tnöchte, daß die krieg- führenden Mächte die Zielte, die sie bei Fortsetzung des Krieges verfolgen, in voller Offenheit darlegen.

Tie Alliierten erblicken keine Schwierigkeit darin, darauf zu antworten. Ihre Kriegsziele sind wohlbekannt, sie laben ste wiederholt durch den Mund der Chefs ihrer Regierungen formuliert. Tie Ziele werden int einzelnen mit allen Kompen- bat.r onen und billigen Entschädigungen für die erlittenen Schäden erst zur Zeit der Unterhandlungen dargelegt werden, aber dte zivilisierte Welt weiß, daß sie notwendigerweise und in erster Lmte in sich schließen: Wiederaufrichtung Belgiens, Herbsens und Montenegros und die ihnen gesch.nl- ldete jEntschädigung, die Räumung der besetzten Gebiete Frankreichs und Rußlands mit gerechten Entschädigungen, eine Reorganisation Europas, garantiert durch ein stabiles Regime, das gegründet ist auf die Respektierung der Nationalitäten und Rechte auf volle Sicherheit und aus Freiheit der wirtschaftlichen Entwickelung, die allen Völ­kern. kleinen und großen, zustehen, sowie auch aus territorialen' Konventionen und^ internationalen Reglements, die geeignet sind, die Land- und Segrenzen g?gen ungerechtfertigte Angriffe zu sichern, die Rückgabe der früher durch Gewalt gegen' den Wunsch ihrer Bevölkerung den Alliierten/ entrissenen Provinzen, die Befreiung der Ita­liener, S l a ü e it, Rumänen, Tsche ch e n und Slowe­ne n unter fremder Herrschaft, die Befreiung der unter der blutigen türkischen Tyrannei schmachtenden Bevölkerung, die Verwei­sung des der westlichen Zivilisation entschieden fretnd gegenüber- stehenden osma nischen Reiches aus Europa zu garan­tieren Die Absichten des Zaren gegenüber Polen wurden durch seine Proklamation an seine Armeen ausgesprochen.

Wenn die Alliierten Europa dem brutalen Ehrgeiz des preu­ßischen Militarismus entziehen wollen, war cs selbstverständlich niemals ihr Ziel, wie dies behauptet wurde, die Ausrottung der de ut scheu Völker und ihr politisches Verschwinden an­zustreben. Was sie vor allen Dingen wollen, das ist die Sicherung des Friedens aus den Grundlagen der Freiheit und Menschlichkeit und der unverletzlichen Treue, von denen sich leiten zu lassen die Vereinigten Staaten niemals aufgehört laben.

Tie Verbündeten, einig in der Verfolgung dieses höheren Zieles, sind entschlossen jeder für sich und alle solidarisch, mit aller ihrer Kraft zu handeln und alle Opfer zu bringen, um den Kon- ftikt zu einem siegreichen Ende zu führen, von dem nach ihrer Ueberzeugung nicht nur ihr eigenes Heil, und ihr eigenes Wohl­ergehen, sondern auch die Zukunft der Zivilisation abhängt.

Gleichzeitig mit der vorstehenden Note überreichte Herr Aristide Briand, französischer Minister des Aeußern, dem Botschafter der Bereinrgten Staaten noch

eine besondere belgische Note.

Es heißt darin nach einer Pariser Meldung der schweize­rischen Zeitungen:

Die königlich belgische Regierung, die sich der Antwort der Ententemächte an die Vereinigten Staaten anschloß, hält darauf, den Gefühlen der Menschlichkeit, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten veranlaßt haben, seine Note an die Kriegführenden abzu­senden, ihre besondere Hochachtung zu bezeugen

Präsident Wilson wünscht, daß der Krieg raschesteits beendigt iverde, aber er scheint zu glauben, daß die Staatsmänner in deit beiden gegnerischen Ländern die gleichen Ziele verfolgen. Das Bei­spiel Belgiens zeigt, daß dem leider nicht so ist, BÄgicm hat nie, wie die Zentralmächte, Eroberungen im Auge gehabt. Die barba­rische Art und Wleise, mtit der die deutsche Regierung die belgische Nation behandelte und behandelt, gestattet nicht, anzunehmen, daß sich Deutschland mit dem Gedanken trägt, in Zukunft die Rechte der schwachen Völker zu garantieren. Es hat, seitdem es den Krieg ent­

fesselte, nicht aufgehört, diese Rechte mit Füßen zu treten. Anderer­seits verzeichnet die königlich belgische Regierung mit Freude und Vertrauen die Versicherung, daß die Vereinigten Staaten Anhänger jener Maßnahmen sind, die nach dem Friedensschluß die kleinen Nationen gegen Gewalt und Unterdrückung schützen sollen. _

Die Note der belgischen Regierung legt dann klar, daß Belgien vor dem Ultimatum Deutschlands alle seine Neu­tralitätspflichten getreulich erfüllte; ohne stichhaltigen Grund sei es von einem Ta-g ans den anderen in seiner Neu­tralität verletzt worden. Auch nach der Besetzung des belgi­schen Gebietes habe Deutschland die Vorschriften des Völker­rechtes nicht besser beobachtet. Die Note zählt die schweren und willkürlichen Steuern, die Ruinierung der Industrien, die Zerstörung v>on ganzen Städten, die Tötung einer großen Zahl von Einwohnern, die Verschickung von Tausenden bel­gischer Arbeiter auf und fährt dann fort: Wenn es ein Land gebe, das das Recht habe, zu sagen, es habe die Waffen er­griffen, um seine Existenz zu verteidigen, so sei es Belgien, oas entweder kämpfen oder sich der Schande unterwerfen mußte. Belgien wünsche leidenschaftlich, daß den unerhörten Leiden seiner Bevölkerung ein Ende bereitet werde; aber es könne keinen Frieden annehmen, der ihm nicht die völlige politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit wieder gibt, ihm die Unantastbarkeit seines Gebietes und seiner afrika­nischen Kolonie garantiert und ihm gleichzeitig alle Ent­schädigungen und'sichere Garantien für die Zukunft znspricht. Dann spricht die belgische Note für die von den Vereinigten Staaten gewährte Unterstützung der belgischen Bevölkerung ihren Dank ans und gibt zum Schluß der Hoffnung Aus­druck, daß sich die Stimme der Vereinigten Staaten mit Kraft erheben werde, um der belgischen Nation, die ein un­schuldiges Opfer deutscher Beutesucht sei, den Rang wieder zu geben, den sie durch ihre unantastbare Vergangenheit, durch die Tapferkeit ihrer Soldaten, durch ihr Festhalten an der Ehre und durch ihre hervorragende Befähigung zur Arbeit verdient.

Aus Lloyd Georges neuer Rede.

Haag, 12. Jan. Reuter ineldet aus London: In feiner Rede in deriGuildhäll sagte Lloyd George u. a.:

Ich bin gerade von dem Kriegsrat der vier großen En­tente-Staaten, aus deren Schultern dieser schreckliche Krieg ruht, zurückgekeyrt. Ich kann Ihnen nicht mitteilen, ui welchen Be­schlüssen wir dort gekommen sind, wohl aber,, daß wir uns die Größe unserer Aufgaben nicht verhehlen, an dein Endergebnis je­doch nicht zweifeln. Wir haben alle Schwierigkeiten ins Auge ge­faßt und untersucht und Maßregeln getroffeir, sie zu überwinden. Wir sind auseinandergegangen mit der Einsicht, daß der Sieg schwierig, eine Niederlage jedoch unnwglich sei. Es war kern Zau­dern, kein Schwanken keine Unentschiedenheit oder Schwachheit über das Ziel und in der Entschlossenheit, um jeden Preis die hohen Ziele, um die wir die Herausforderung der preußischen Militär - käste angenommen hatten, zu erreichen und die Welt ein für allemal von dieser Drohung zu befreien. Was mich ans dieser Konferenz stark berührt hat, ist das wachsende Vertrauet der Verbündeten in die starke Kraft uttd die großen Hilssmrttel Englands. England wird mehr und mehr die Hosftrung der Unterdnückten tmd die Verzweif­lung der Unterdrücker. Tie Heere Englands sind in ihrer Ausbil- durg, in ihrer 'Kraft, in ihrer Ausrüsijung gefürchteter als je zuvor. Das Volk kann daraus rechnen, daß sie sich schließlich, wenn ihnen die nötige Unterstützung zu Teil wird, durch die Gefahren und Schwierigkeiten der nächsten wenigen Monate den Weg nach dem Ziel bahnen werden. Wir müssen die Heere unterstützen, sir sind es wert. Ich nruß Eure Schecks durch die Lust nach den feind­lichen Laufgräben schwirren sehetr Jeder gut gerichtete uttd gut geladene Scheck ist eine furchtbarere Vernichtungswaffe als eine Zwölfzollgranate. Er bahnt sich einen Weg durch die Truhtver- sperrungen. Je ntehr wir von diesen Schecks bekommen, desto ge- geringer werdeit tmsere Opfer an Gitt Und Blut sein, bis wir durch­brechen. Je mehr wir davon bekoimnen, desto sicherer wird der Sieg seitt und desto kleiner die Opfer an dem größten Gute, ivas wir haben, nämlich dem Blute unserer Helden. In diesem .Krieg kommt alles auf die Ausrüstung an. Darum drängen die Rutschen unsere tapferen Verbündeten in Rumänien zurück. Nicht weil sie besser

Der Schauspieler-Lrsatz.

Uns Wird geschrieben: Tie Zeilen des Ersatzes, m denen wir jjrarn schon seit zwei Jahren leben, sind durchaus nicht durchloeg prosaisch und ..ersatzmäßig", wie viele Zeitgenossen vermeinen. l<Schon im Begriff des Ersatzes ist etwas enthalten, das zum min- fdesten das Interesse jedes auf das Neue gerichteten Geistes reizeit mnd in Anspruch nehmen muß. Und tatsächlich ist die Welt dep «*utcn und schlechten, der beiläuftg^n uüd verblüffenden, der selbst­verständlichen Und erstaunlichen, der rem praktisch-sachlichen nnd künstlerisch-ideellen Ersätze so bunt wie eilt bewegt flimmernder Filmroman. Denn in unseren Tagen werden nicht nur Milch, !Gier. Pudding, Käse, Seife usw. ersetzt, sondern auch tu der Welt der Begriffe, der Zerstreuungen und schließlich selbst der Mnfte gibt es eine Ersatzwelt, die ftch teüteswegs als bloß vorübergehend ,a!btun läßt. Man glaube anch nicht, da»ß jeder Ersatz nur ein -Ersatz ist; manches, was unter dieser Flagge zu Ehren kam, wird sicht auch nach dem Kriege sehr wohl behaupten Umb zwar nicht öls Ersatz, sondern als wertvolle, aller Anerkennung würdige Ergänzung. Bei Betrachtung des Berliner Kunstlebens int all­gemeinen uttd des Theaterlebens ftw besonderen drängt sich eine Einrichvmg der Beachtimg auf, die in früheren Zeitetr auf Jahr- märkteti der Billigkeit und ebenso leichten wie einfachen Betriebs­art halber detr lebendigen Schauspieler, das Menschentheater mit Mitgliedern von Fleisch und Blut ersetzte. Es ist die Theaterpuppe die Marionette, die zur Kriegszeit nach langer, langer M- Wesenheit in Berlin wieder entzog, um es nicht mel-r zu verlassett.

Gelehrte Chronisten, Kunsthistoriker, literaturbeflissene Essayi­sten usw. haben in ihren Berichten über die Marioitettentheater der guten altett Zeit mehr oder weitiger übereinstimmend ausge- ft'ihrt, daß der Ebarakter der Volksseele, bestintmte Kunstgattungen nnd ähitliches die Marionetten das Rampeitltcht erbltcken^ ließeit! Sie haben aber vergessen, darzulegen, daß die Marionetten vor allem als ein höchst praktischer Ersatz entstanden. Die Theater zogen dainals von Ort zu Ort, und das Reisen war für etnen Tt- rektor mit einer großen Trnppe nicht billig, gmtz besottders ntcht tn Anbetracht der oft verhältnisntäßig kärglichen Einnahnten. Und doch bedurfte jeder TheatertmlernelMer einer ansehnlichen Truppe, da ja die damals so beliebten Ritter- und Schauerdramen und die romantischen Opern sich vor allem durch ein langes Personen^oer- zeichnis anszeichneten. Und wie hätte dies auck) anders sein können, da der Schluß dieser Werke meist durch den Tod von einem runden Dutzend Helden ttnd Heldinnen gekrönt wurde?

Da »vor dertn die Idee der Theaterchrppe äußerst gelegen. Etn Marionettettpersonal läßt sich mit Sack und Pack in einer mäßig großen, leicht zu beförderndett Kiste nnterbringen, die sich ins lleinste, abgelegenste Dorf bringen läßt, oline daß das Risiko ein Vielfaches des möglichen Erfolges darstellt. Die Marionette bean­

sprucht kein Essen nnd keine Gage, kein Bettefiz und keinen Urlaub; sie streitet nicht um Rollen, sie kommt nicht zu spät, sie hat nach keinem Schoppen Gelüste, sie kann nicht zur Konkurrenz übergehen; die Primadonna der Operettettbülme hat keine beänstigend nervösen Launen, ihr Tenor ist weder stolz noch anspruchsvoll. Die Mario­nette ist mit einem Wort das Ideal des Ersatzes, der idealste Ersatz-Schauspieler.

Ist es nicht merkwürdig und zllnrindest näherer Beachtung wert, daß die Marionetten nach langer Panse gerade in unserer modernen Ersatzzeit wieder in Mode kommen?

Und dabei sind wir aatf diesem Gebiet nicht einmal auf Ersatz angewiesen. Nein, wahrhaftig keiireswegs. Ein einziger Blick frtuf den ungewöhnlich reichhaltigen und künstlerisch wertvollen Kriegsspielplan der Berliner Bühnen genügt vollkommen, um diese Feststellung machen zu laifen- Was Mo die Marionetten in der Reichshauptstadt zu neuem Leben erweckte, ist nicht etwa ent materi­elles, sondent ein höchst sympathisches ideelles Bedürfnis, das dem Zug der Zeit ein vortreffliches Zeugnis ausstellt. Der Publikums- geschmack hat sich geläutert und gleichzeitig was ja tveingstens zum Teil auch dasselbe ist vereinfacht. Man ist naiver, auf­nahmefähiger, also geschmackvoller geworden.

Bereits im ersten Kriegsjalwe, als das Vdrrionettentheater des Malers Ivo Puhomty seine Pforten öffnete, war der Erfolg des alten Puppenspiels im modenten Berlin entschieden. Im zweiten Kriegsjahr tarten sich verschiedene Marionettenbühnen in Groß- Berlin auf, und im dritten Jahre hielt das Münchener ?Nario- nettentheater des Professors Paul Braun im Berliner Westen fernen Einzug. Diese Piippenbuhne, die sich airf ganz entzückende Weise in den Ausstellungshallen am Zoo ihr Heim schuf, ist nun­mehr eine Einrichtung geworden, die selbst der anspntchsvolle Ber­liner Theaterbesucher nicht mehr missen möchte. So bandelt es sich denn!mcht nrehr um ein schnell Vvrüberhuschendes kleines Gast­spiel. sondertt um eine Bereicherung von dauerndem Wert für unser Kunstlebetu

Ter jüngste Premiorenabettd dieser Pupvenbühne aber ist für die Entwicklung der Marionettenkunst von ernschneidender Bedeu tung gewesert, da er die Möglichkeitett ungeahnter Modernisierung des Marionettenspielplanes aufderkte. Modern von AZ, urmoderu für die Welt der Pttppenthcater ist das nette Marionetten spiel Prinz Violon und Prinzeß KlatTrnette", das Atumst Matzllt zum Verfasser hat. Zum erfteit Male tvird die wilde Schauerrom antik Marionettenliterattir aus der Marionettenbülme selbst verullt und höchst unterhaltsam ad absurdum geführt. Götterdämmeramg zwi scheu den Marionettenkulissen!

Und allent dlnsüietn nach> ist dies kein gleichgültiger Einzel fall, sondern ein ?lnzeichen dafür, daß ente ganz neue, ganz nw- derne Marionettenkunst im Etttstehen ist. Was beweist, daß der Gegenwart der Marionette eine noch größere 3u£ntft winkt. Und

an ^ Marionette, die früher ein Ersatz war, au

dem Wege, etne tm besten Sinne erfreuliche und wertvolle Ergän zung, em Gegengewicht in lbezug <ruf den Kientopp zu loerbcn

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Phonogravhische Schrift. Die Erftnder eim' ApsXkrotes Kur?lufzetchnmtg des gesprochenen Wortes in sichibarer Lerchen tst nach emer Mitteilung der Nature einem amerikäuischn ^ngenteur namens Flower gelungen. Zweck de§ System^ ist es das gesprochene Wort auf direktem Wege auft-uzeichncn, also and auf große Entfernungen das Gehör durch das Gesicht zu er'etzetr mc dem Bencht der Nature zu entnehmen ist, müssen bi: WaA urcht laut rn den Llpparat gesprochen, sondern vielmehr geflüstcri werden. Dre. geflüsterten Worte sind ftei von den Um uien O n öt3 £cme§ bet ver,chredenen Stimmen, uird es ergibt nch mm bU verichiedene JUtensttät der Mundhöhle, trofat V> möglich ist wp den Laut jedes geflüsterten Buchstaben ein bestimmce- allg.- mein gültiges Zeichen zu erhalten. Der Apmrat, der diäee ferchen empffnden Und wiedergeben soll, besteht in der Hauptscn^ aus ernem sehr etnpfindlichen Mikrophon und einem Stronstreis ^.er letztere setzt such aus einer einfachen dlkkumulatorenbattnie. entem Widerstand, cittcm sog. Empfänger und der Primärmicklunc etnes duktwnsapparotes zatsamwen. Der durch das in dac

l.'ctlrophon geflüsterte Wort hervorgerufette Sttom durchläuft det! et wähnten Krets, während der Strom der Sekundanviclltrug seinen WKg durch den Faden eines Galvanometers ninrmt, und dic L,ch!wmgungen tverden, den Schallwellen entsvrecltend. aus einem mtt einer Geschwrndtgkett von 840 Meter in der M.'nitte sieb d' ebei: den Film festgehalten. Auf diese Weise ergab sich, daß die Wvrt- kurven ftch rn ganz bestimmte Formen gliedern lassen, die ei-et ,^ethe von Tonbtldcrn der Stimme entsprechen und das hei dem Lymm gebrauchte sog. phonographische Alphabet ergeben Auf galt es, dte Zeichen dieses Alphabets auch sichtbar zu regintieren. ivobet man sich der Selenzelle bediente. Eine tut Hal'.u e- : -> .rn- geordnete Rpihe von kleinen Spiegeln »vird durch vor diesen an­gebrachte Linsen von einer elektrischen Lanrpe beleuchtet. Die Spiegel stehen mit Elektromagneten in Verbindung, die den Zuvö eines^ Resonators erfllllen. Werden diese Elektromagneten durch een rn seiner wechselnden Stärke der Einwirkung der Stinntrc ctttsprechenden Strom in Tätigkeit gesetzt, so geraten sie in Suunn- gungen, die durch Vernrittluug der Spiegel die Selenzelle ern leuchtet. In entsprechender Weise nimmt der elektrische Wider- stand der in den Stromkreis feiltet Batterie cingeschlossenen Selen zelte ab, und die Batterie zeichnet entss-wechend durch einen Stift die Stromstärkeveränderungen in einer Kurve ans. Diese .Kurve kann dann mit Hilfe desphoiwgraphischen Mplxrbets'' cinfncH abgrlesen werden